Sozialistische Gesellschaft und Erziehung
Die von Anton Ackermann 1946 im Auftrag der KPD-Führung formulierte These vom „besonderen deutschen Weg zum Sozialismus“ wurde Ende 1948 zugunsten der allgemeinen „Verschärfung des Klassenkampfes“ verworfen; die SED wurde in eine Partei „neuen Typs“ transformiert. Noch vor Gründung der DDR setzten systematische Verfolgungen von „revisionistischen“, „reformistischen“ und sozialdemokratischen „Abweichlern“ ein. Offiziell wurde jedoch erst auf der 2. Parteikonferenz der SED im Juli 1952 von Generalsekretär Walter Ulbricht der „planmäßige Aufbau des Sozialismus“ verkündet. Von nun an blieb die Verwirklichung des Sozialismus im von Moskau vorgegebenen marxistisch-leninistischen Sinne das offizielle Ziel der Partei. Weder der „Neue Kurs“ nach Stalins Tod 1953 noch das „Tauwetter“ und die vorsichtige Entstalinisierung im Jahre 1956 änderten etwas an dieser Losung, sondern milderten nur den auf Stalin und Ulbricht konzentrierten Personenkult. Begrenzte Reformbemühungen nach dem Mauerbau bezogen sich ausschließlich auf den Wirtschaftsbereich.
Seit dem VII. Parteitag der SED 1967 versuchte Ulbricht, mit seiner Formel von der „sozialistischen Menschengemeinschaft“, die mittlerweile in der DDR entstanden sei und in der es keine Klassengegensätze mehr gebe, einen ideologischen Vorsprung gegenüber der Sowjetunion zu gewinnen und die DDR zum „Musterland“ des Sozialismus zu stilisieren. Der Sozialismus, so behauptete er, sei nicht nur ein kurzes Durchgangsstadium auf dem Weg zum Kommunismus, sondern eine „relativ selbständige sozialökonomische Formation in der historischen Epoche des Übergangs vom Kapitalismus zum Kommunismus“ und daher eine „qualitativ neue Gesellschaftsformation“. Auf Druck von Moskau wandte sich aber Honecker von Ulbrichts ideologischen Alleingängen wieder ab. Der VIII. Parteitag der SED 1971 markierte den Wendepunkt. Nunmehr wurde von der „entwickelten sozialistischen Gesellschaft“ gesprochen. Versuche in der CSSR, im Zuge des Prager Frühlings von 1967/68 die Tradition des demokratischen Sozialismus aufzugreifen und nach einem „Dritten Weg“ zwischen Kapitalismus und dogmatischem Marxismus zu suchen, wurden von der Sowjetunion auch mit Unterstützung der NVA unterdrückt und verschärften eher den ideologischen Kurs der SED. Damit war deutlich geworden, dass eine Erneuerung des Kommunismus innerhalb der bestehenden Machtstrukturen nicht möglich sein würde. Die polnische Demokratiebewegung Solidarno´s´c versuchte daher nicht mehr eine Reform des Sozialismus sowjetischer Prägung, sondern orientierte sich bereits an anderen Gesellschaftsmodellen wie der „civil society“. In der Sowjetunion unter Michael Gorbatschow wurden ab 1985 mit den Schlagworten Glasnost und Perestroika in sehr vorsichtiger Form Elemente eines demokratischen Sozialismus wiederbelebt. Der rasante Liberalisierungsprozess, der dadurch ausgelöst wurde, entwickelte jedoch eine Eigendynamik, die mit dem Marxismus-Leninismus das gesamte sozialistische System zum Einsturz brachte.
Sozialismus als offizielle Ideologie der SED
In der Ideologie der KPdSU und der SED wurde der Sozialismus immer mehr als selbständige und länger andauernde Entwicklungsphase interpretiert. Die SED-Ideologen bezeichneten mit dem Begriff nicht nur einen Gesellschaftszustand, sondern subsumierten darunter die „wissenschaftliche Theorie von den Gesetzmäßigkeiten der Verwirklichung der historischen Mission des Proletariats“ und erklärten ihn zum „Inbegriff der revolutionären, marxistisch-leninistischen Arbeiterbewegung“. Das vom ZK der SED herausgegebene Parteiorgan „Einheit“ erhob demzufolge auch den Anspruch, eine Zeitschrift für „Theorie und Praxis des wissenschaftlichen Sozialismus“ zu sein.
Damit wurde Sozialismus zugleich ein Synonym für das gesamte ideologische Dogmengebäude des Marxismus-Leninismus, das je nach Bedarf als praktische Handlungsanweisung oder als Doktrin zur Legitimation der SED-Politik herangezogen wurde. Jede politische Kursänderung verlangte eine neue Festlegung, was unter Sozialismus zu verstehen war, zumal der utopische Gehalt der sozialistischen Ideengeschichte immer wieder zur Quelle von „revisionistischen Abweichungen“ innerhalb der Partei wurde, die der „Gegner“ zur „Schwächung“ dessen, was die SED als Sozialismus bezeichnete, ausnutzen konnte. Die Geschichte der DDR kennt viele Beispiele für SED-Mitglieder, die unter Berufung auf den ideellen Kern des Begriffs Sozialismus ihre Opposition gegen die Parteiführung begründeten. Auch in Kunst und Literatur sowie teilweise in den Kirchen wurde Kritik an den Zuständen in der DDR im Namen eines „verbesserlichen Sozialismus“ (Propst Heino Falcke) vorgetragen.
In seiner Hauptbedeutung umschrieb der Begriff aber in der Propaganda den in der DDR und den Staaten des sowjetischen Machtbereichs herrschenden Gesellschaftszustand. SED-Chefideologe Kurt Hager sprach in diesem Sinne vom „real existierenden Sozialismus“ (9. ZK-Tagung 1973). Nach dem „Philosophischen Wörterbuch“ stellte der Sozialismus die dem Kapitalismus unmittelbar folgende „historisch erste Phase“ auf dem Wege zum Kommunismus dar, deren Aufgabe es sei, „die materiellen und ideologischen Voraussetzungen des Kommunismus zu schaffen“. Der Aufbau der sozialistischen Gesellschaft sei „nur mittels der politischen Macht der Arbeiterklasse in Gestalt der Diktatur des Proletariats unter Führung der marxistisch-leninistischen Partei“ zu erreichen. Dazu müsse die „Brechung und Niederhaltung des Widerstandes der gestürzten Ausbeuterklassen“ sowie die sozialistische Umgestaltung der Wirtschaft und des gesamten gesellschaftlichen Lebens erfolgen. Dabei sei der sozialistische Staat das entscheidende Machtinstrument.
Für diese Entwicklung werden sodann verbindliche Etappen festgelegt: 1. die „Schaffung der Grundlagen des Sozialismus“, 2. der „umfassende sozialistische Aufbau“, die „Schaffung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft“ sowie 3. die „Etappe der voll funktionierenden entwickelten sozialistischen Gesellschaft“ und „des allmählichen Übergangs des Sozialismus in den Kommunismus“. Nach offizieller Geschichtsbetrachtung hatte die DDR in den 50er Jahren mit der ersten Etappe begonnen, die Anfang der 60er Jahre abgeschlossen gewesen sei und sich in den 70er Jahren bereits auf dem Weg zur dritten Stufe befunden habe (vgl. Programm der SED von 1976).
Wiederholt wird der Begriff Sozialismus, der mit einer breiten eigenen Charakteristik ausgeschmückt wird, von den Ideologen in die Nähe des verheißungsvollen kommunistischen Endzustandes gerückt. Im Sozialismus, der seine historische Überlegenheit über den Kapitalismus durch die Existenz des sozialistischen Weltsystems schon praktisch bewiesen habe, seien nach Sicht der SED-Ideologen demnach schon wesentliche Merkmale des Kommunismus vorhanden. In beiden Formationen bestehe bereits „das gesellschaftliche Eigentum an Produktionsmitteln, ist die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beseitigt und der Klassenantagonismus aufgehoben.“ In beiden Phasen diene die Produktion „der immer besseren Befriedigung der materiellen und kulturellen Bedürfnisse der Werktätigen, der allseitigen Entfaltung ihrer Talente und Fähigkeiten, der Durchsetzung ihrer Persönlichkeit“. Daher präge sich bereits im Sozialismus das neue Menschenbild des Kommunismus heraus. Beide Geschichtsepochen seien weiterhin durch die planmäßige Leitung der gesellschaftlichen Prozesse charakterisiert, und auch der Frieden sei bei beiden ein grundlegender Wesenszug.
Allerdings beständen im Sozialismus im Gegensatz zum Kommunismus – wenngleich abgemildert – noch „Missstände“ der alten Gesellschaftsordnung wie die „Unterschiede zwischen Stadt und Land, zwischen körperlicher und geistiger Arbeit, die mit Unterschieden im Arbeitseinkommen, in den Bedürfnissen und in der Möglichkeit ihrer Befriedigung sowie im Bildungs- und Kulturniveau verbunden sind“. Außerdem gebe es noch die Klassen der Arbeiter und Bauern und die Schicht der Intelligenz. Ursache dafür sei, dass noch kein einheitliches gesellschaftliches Eigentum an den Produktionsmitteln bestehe. Daher gelte im Sozialismus der Satz: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Leistungen“, während erst im Kommunismus die Gesellschaft „jedem nach seinen Bedürfnissen“ werde geben können. Durch die Behauptung, dass der Sozialismus die zwangsläufig noch mangelhafte Vorstufe zum Kommunismus darstelle, hatte die SED eine Handhabe, um den krassen Widerspruch zwischen dem Erwartungsdruck, den sie mit ihrer zukunftsbezogenen Ideologie erzeugte, und dem kläglichen DDR-Alltag zu rechtfertigen. In Zweifelsfällen wurden Unzufriedene auf die ungünstige Lage der DDR an der Frontlinie der Systeme und auf die ständige Bedrohung durch den Imperialismus verwiesen.
Der Entwicklung zum Sozialismus und zum Kommunismus, die sich nach den allmächtigen Gesetzen der Geschichte vollziehe, kann sich nach marxistischer Überzeugung niemand auf Dauer entgegenstellen. Diese Vorstellung offenbart ein mechanistisches Modell der historischen Entwicklung, das einen mehr oder weniger linearen Fortschritt in Richtung auf ein klar benennbares feststehendes Ziel beinhaltet. In einer schon bei Marx angelegten geschichtsteleologischen Überhöhung wird nicht nur behauptet, „dass nur der Sozialismus imstande ist, die grundlegenden Probleme der Menschheit zu lösen, sondern auch geschlussfolgert: „Mit dem Sozialismus endet die Vorgeschichte der Menschheit und beginnt ihre eigentliche Geschichte.“ (Hauptdokument der Internationalen Beratung der kommunistischen und Arbeiterparteien 1969 in Moskau).
Sozialismus als Ersatzreligion
In inflationärer Verwendung verlor das Adjektiv „sozialistisch“ in der ideologisch überhöhten Sprache der SED immer mehr seine ursprüngliche gesellschaftsreformerische oder visionäre Bedeutung und wurde zunehmend allen Erscheinungen und Vorgängen angeheftet, die im Einklang mit den jeweiligen politischen Zielen der SED standen. So entstand in der DDR mit ihren sozialistischen Errungenschaften angeblich eine sozialistische Persönlichkeit, die den „neuen Menschen“ in der sozialistischen Gesellschaft verkörperte. Die sozialistische Produktionsweise sollte durch einen sozialistischen Wettbewerb an Schwungkraft gewinnen, und Parteigenossen zeichneten ihre Briefe „mit sozialistischem Gruß“. Zu welch inhaltsleerer und absurder Formel die Worte Sozialismus und sozialistisch degenerierten, illustriert die populäre Redewendung „Das geht seinen sozialistischen Gang“. Dahinter verbargen sich im volkstümlichen Jargon, im krassen Gegensatz zur offiziellen Propagandasprache, der allgegenwärtige Schlendrian und die Vetternwirtschaft unter Parteigenossen. Die SED war bestrebt, die gesamte Alltagskultur mit einem weihevollen sozialistischen Anstrich zu versehen. Dies schlug sich insbesondere in den sozialistischen Feiern nieder (sozialistische Namensgebung, Eheschließung, Bestattung usw.), von denen sich aber nur die Jugendweihe in nennenswerter Weise durchsetzen konnte.
Die materialistisch-atheistische Ideologie vom Sozialismus war im Gegensatz zum Christentum, das auf eine jahrhundertealte theologische und aufgeklärte Tradition zurückgreifen konnte, im Hinblick auf den „religiösen“ Aspekt ihres Wesens vollständig unreflektiert. Die ideologische Praxis der SED – und vieler anderer kommunistischer Parteien, besonders in der stalinistischen Ära – wies typische Merkmale einer voraufklärerischen Religion auf: ein starres, weltfremdes und fundamentalistisches Dogmengebäude mit verbindlicher Auslegung der „Lehre“ und zahlreichen Denkverboten, eine intolerante und gewaltsame „Missionierung“, welche die Überzeugungen des Gegenübers nicht gelten ließ, als Gegenstück dazu eine „Inquisition“, die alle Anders- bzw. Ungläubigen unerbittlich verfolgte, sowie schließlich die Ausnutzung von bewußt geschürten Erwartungen besserer Zustände in einer zukünftigen sozialistischen bzw. kommunistischen Gesellschaft, um immer wieder über die konkrete Misere hinwegzutäuschen. Damit zwang sie die ihrer Herrschaft unterworfenen Individuen in jene verantwortungsfreie selbstverschuldete Unmündigkeit, aus der zu erlösen sie gerade vorgab.
Die religiöse Komponente der Sozialismus-Ideologie ist bereits in ihren philosophischen Wurzeln angelegt. Schon der Anspruch des dogmatischen Marxismus-Leninismus auf umfassende Erklärung und Sinngebung der Realität verweist auf eine religiöse Dimension. Im Gegensatz zu seiner behaupteten Wissenschaftlichkeit gründet er sich auf eine Reihe unbewiesener Annahmen und Prämissen, die geglaubt werden müssen. Seine Ausstrahlungskraft beruht in nicht geringem Ausmaß auf einem Appell an religiöse und utopische Sehnsüchte im Menschen nach einer besseren Welt. Er gibt nicht nur vor, eine bessere Gesellschaft zu schaffen, sondern auch den dazu notwendigen „neuen Menschen“, den er aus dem Jammertal der „Entfremdung“ herauszuführen verspricht.
Wer sich ihm anheimgibt, erhält eine gewisse Lebenshilfe, während kritisches Denken schnell auf Widersprüche trifft. Zugleich gewährt er Orientierungshilfe im Politischen wie im Alltäglichen. Die Welt wird mit Hilfe eines verbindlichen Begriffsrasters gedeutet und damit die unüberschaubar bedrohliche Komplexität des Seins auf wenige handhabbare Faustregeln reduziert. In einem unerschütterlichen Überlegenheitskomplex werden alle anderen Betrachtungsweisen von ihm lediglich als Vorstufen zum eigenen Denksystem wahrgenommen, die auf einer mangelnden Erkenntnis beruhen.
Bei der marxistischen Vision einer utopisch-„paradiesischen“ kommunistischen Gesellschaft mit „Gottesstaat“-ähnlichen Zügen, deren Zeitpunkt unvorhersehbar, deren Kommen aber infolge der „gesetzmäßigen“ Entwicklung der Geschichte unausweichlich sein sollte, handelt es sich um ein typisches chiliastisches Element – eine religiöse Heilserwartung. In dieser innerweltlichen Eschatologie ist die räumliche Transzendenz eines Jenseits durch die zeitliche Transzendenz des Dereinst ersetzt. Zu seiner Verwandtschaft im Hinblick auf die transzendente Dimension tritt die Affinität des Marxismus-Leninismus zum Christentum in den proklamierten innerweltlichen Zielen wie Solidarität, Gleichheit und Gerechtigkeit. Die faktische Inhaltsleere des pseudoreligiösen Schlagwortes vom Sozialismus hatte für die SED den Vorteil, dass dieser Begriff nicht einklagbar war, sondern je nach Situation und Bedarf von der Parteiführung mit jeweils konkreten Inhalten gefüllt werden konnten.
Erziehung
Nach marxistischem Verständnis ist das menschliche Wesen in seiner Wirklichkeit bestimmt als „Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“. Karl Marx geht zwar auch von der Existenz menschlicher Individuen als erster Voraussetzung der Geschichte aus. Aber, wie er in den „Grundrissen der politischen Ökonomie“ formuliert: „Die Gesellschaft besteht nicht aus Individuen, sondern drückt die Summe der Beziehungen, Verhältnisse aus, worin diese Individuen zueinander stehen.“ Alle Fähigkeiten und Eigenschaften, welche die besondere, unwiederholbare Qualität jedes einzelnen ausmachen, sind entscheidend durch die Gesellschaft geprägt. Insofern ist jedes Individuum auch eine Persönlichkeit; denn im engeren marxistischen Sinne wird unter Persönlichkeit verstanden, wer durch sein „produktives, politisches, geistig-kulturelles und sittliches Handeln auf die gesellschaftliche Entwicklung einwirkt.“ (Georg Klaus/Manfred Buhr) Allgemeines Merkmal der Persönlichkeit ist also die gesellschaftliche Tätigkeit, die den Menschen aus der übrigen Welt hervorhebt. Zur historischen Persönlichkeit werden bestimmte Menschen nur dann, wenn sie dank ihrer Fähigkeiten die historisch bedingten Interessen ihrer jeweiligen Klasse erkennen und vertreten. Solche Persönlichkeiten treten vor allem hervor in Zeiten gesellschaftlichen Umschwungs, großer sozialer Veränderungen, Konflikte und Revolution; sie setzen ihre Fähigkeiten dazu ein, den gesellschaftlichen Fortschritt voranzutreiben. Historische Persönlichkeiten gab es nach marxistischem Geschichtsverständnis in allen Epochen der Menschheitsgeschichte. Sie konnten sich im Feudalismus oder im Kapitalismus jedoch nur vereinzelt als Vertreter der herrschenden Klasse entfalten. Erst im Sozialismus bekämen mit dem Fortschreiten der Gesellschaft alle Werktätigen die Möglichkeit, sich zu Persönlichkeiten zu entwickeln. Theorie der sozialistischen Persönlichkeit im Selbstverständnis der SED: Nach marxistischer Ideologie ist die Entwicklung des Menschen als Persönlichkeit ein geschichtlicher Prozess, in dem objektive und subjektive Faktoren eine Einheit bilden. Als grundlegende Zäsur für die Persönlichkeitsbildung gilt die Errichtung der sozialistischen Gesellschaftsordnung, da jene qualitativ neue gesellschaftliche Verhältnisse geschaffen habe bzw. herstellen werde. Innerhalb der Arbeiterklasse vollziehe sich die geschichtliche Herausbildung qualitativ neuer Merkmale im Arbeitsprozess, vor allem aber im Klassenkampf für die revolutionäre Umgestaltung der Gesellschaft, denn hier erstarke das Gefühl und Bewusstsein proletarischer Solidarität. Es genüge jedoch für die Entwicklung der Persönlichkeit nicht, die Ausbeutung und Unterdrückung im Kapitalismus zu beseitigen und neue sozialistische Lebensbedingungen zu schaffen, sondern unter Führung der marxistisch-leninistischen Partei müsse zur sozialistischen Persönlichkeit erzogen werden. Die SED leitete die Legitimation, die Inhalte der Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit zu bestimmen, aus ihrem Selbstverständnis ab. Danach verfügte sie als kommunistische Partei über die wissenschaftlichen Einsichten und notwendigen Erfahrungen im Klassenkampf. Folglich wurden die Kenntnisse der „Klassenkämpfe der Arbeiterklasse“ und das historische Vorbild der „proletarischen Revolutionäre“ ebenso als notwendige Voraussetzung für die Erziehung der sozialistischen Persönlichkeit angesehen wie etwa die Kenntnisse der Geschichte der kommunistischen Parteien oder der Programmatik der SED. Es wurde zwischen der Prägung des Bewusstseins durch den wissenschaftlichen Sozialismus und der alltäglichen Aneignung des Klassenbewusstseins durch Individuen wie auch durch die Arbeiterklasse unterschieden. Während jedoch der wissenschaftliche Erkenntnisprozess des Sozialismus historisch unwiderruflich vollzogen sei, entwickele sich das Alltagsbewusstsein immer neu. Die Aufgabe der kommunistischen Partei sei es daher, die sozialistische Ideologie in die Gesellschaft hineinzutragen. Diese Konzeption definierte Axiome des wissenschaftlichen Sozialismus als Widerspiegelung von objektiven Gesetzmäßigkeiten und bewertete gleichzeitig das empirisch vorfindbare Alltagsbewusstsein als bloße Erscheinungsform. Die Prägung des politischen Bewusstseins durch den wissenschaftlichen Sozialismus war im Verständnis der SED – vor allem in den Kampagnen nach dem VIII. Parteitag – ein wesentliches Merkmal der sozialistischen Persönlichkeit. Nach Gerhart Neuner bilden die sozialistische Weltanschauung, die ideologische Bewusstheit und die sozialistische Moral den Kern der Persönlichkeit. Die Prägung und Entfaltung dieser Eigenschaften standen folglich im Mittelpunkt der schulischen – und außerschulischen – Erziehung sozialistischer Persönlichkeiten. Erziehungsziel sozialistische Persönlichkeit: Das Jugendgesetz von 1974 füllte das Erziehungsziel näher aus: „Vorrangige Aufgabe bei der Gestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft ist es, alle jungen Menschen zu Staatsbürgern zu erziehen, die den Ideen des Sozialismus treu ergeben sind, als Patrioten und Internationalisten denken und handeln, den Sozialismus stärken und gegen alle Feinde zuverlässig schützen. [...] Es ist ehrenvolle Pflicht der Jugend, die revolutionären Traditionen der Arbeiterklasse und die Errungenschaften des Sozialismus zu achten und zu verteidigen, sich für Frieden und Völkerfreundschaft einzusetzen und antiimperialistische Solidarität zu üben. [...] Ihr Streben, sich den Marxismus-Leninismus, die wissenschaftliche Weltanschauung der Arbeiterklasse, anzueignen, wird allseitig gefördert.“ Der Persönlichkeit in der sozialistischen Gesellschaft werden dabei folgende Eigenschaften zugeordnet:
- gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein; d.h. fähig zu sein, Zusammenhänge von Produktion und Gesellschaft zu erkennen und an ihrer Gestaltung mitzuwirken;
- Kollektivität in den sozialen Beziehungen, vor allem im beruflichen Bereich;
- wissenschaftliche Weltanschauung als Merkmal des politischen Bewusstseins der sozialistischen Persönlichkeit.
Aneignung sozialistischer Werte: Der Erziehung im Kindes- und Jugendalter – vor allem in der Oberschule – wurde große Bedeutung für die Ausprägung der allseitig entwickelten sozialistischen Persönlichkeiten zugemessen, da sich in diesen Lebensabschnitten Charakter und Talent der Heranwachsenden formen. Die SED beobachtete deshalb kritisch die Erfüllung der von ihr festgelegten Ziele ideologischer Erziehung. Die sozialistische Persönlichkeit besaß Leitbildfunktion für das einheitliche Konzept ideologischer Erziehung in den Bildungseinrichtungen. Nur insofern die im Erziehungsprozess vermittelten Wertorientierungen und Verhaltensweisen mit den Zielen von Partei und Staat übereinstimmten, erfüllten sie ihre Funktion, zur höheren Entwicklung der Persönlichkeit im Sozialismus zu führen. Die Werte „Überlegenheit des Sozialismus“, sein „humanistischer und demokratischer Charakter“, seine „Friedensliebe“ wurden immer im Kontrast zur „untergehenden kapitalistischen Gesellschaft“ gesehen, die entsprechend mit negativen Attributen versehen wurde. Die Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit wurde damit auch zur wesentlichen Aufgabe in der Auseinandersetzung mit dem Klassenfeind erklärt. Die Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit verfehlte ihre selbst gesetzten Ziele: Sie prägte keine selbständig handelnden Persönlichkeiten. Sie zwängte vielmehr die jungen Menschen in die Normen einer sozialistischen Gesellschaft, deren erlebte Wirklichkeit im Widerspruch zur propagierten Ideologie stand.
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Losung 1987: „Alle Kraft für die Verwirklichung der Hauptaufgabe in ihrer Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik!“ (© KAS, Schorpp)

Losung 1987: „Ich gebe das Beste. Vati und Mutti auch.“ (© KAS, Schorpp)
