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Uwe Tellkamp erhält den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung 2009

Der Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung, Ministerpräsident a.D. Prof. Dr. Bernhard Vogel, hat Uwe Tellkamp als Träger des Literaturpreises der Konrad-Adenauer-Stiftung 2009 bekanntgegeben. Der Preis wird am 6. Dezember 2009 – zeitnah zum 20jährigen Gedenken von friedlicher Revolution und Mauerfall – im Weimarer Musikgymnasium Schloss Belvedere verliehen.

Der 1968 in Dresden geborene, heute mit seiner Familie in Freiburg i.B. lebende Autor Uwe Tellkamp hat bislang drei Romane vorgelegt und zählt zu den größten Hoffnungen der jüngeren deutschen Gegenwartsliteratur.

Biographie und Werke

Mit seinem Geburtsjahr gehört der aus einer Arztfamilie stammende Uwe Tellkamp zu jener Generation, die in die DDR „hineingeboren“ (Uwe Kolbe) wurde, ohne in seinen Jugend- und ersten Ausbildungsjahren eine Alternative zum herrschenden sozialistischen System erfahren zu haben. Die Ereignisse von Mauerfall und deutscher Einheit 1989/90 prägten ihn in einer entscheidenden Lebensphase. Er hatte die DDR von ihrer finstersten Seite kennengelernt, als er während seines Wehrdienstes als Panzerkommandant in der NVA wegen „politischer Diversantentätigkeit“ – er hatte Anfang Oktober 1989 den Befehl verweigert, gegen Demonstranten vorzugehen, unter denen er seinen Bruder wußte – in Haft gesetzt und ihm der Medizin-Studienplatz entzogen wurde. Nach der friedlichen Revolution holte er das Medizinstudium in Leipzig, New York, Dresden nach und arbeitete als Unfallchirurg in einer Münchner Klinik. Im Jahr 2000 veröffentlichte der Leipziger Verlag Faber&Faber Tellkamps Debütroman Der Hecht, die Träume und das Portugiesische Café. Das Buch, ein Roman über die Region (der „Hecht“ heißt ein Dresdner Stadtviertel), blieb in der Kritik weitgehend unbeachtet. Inzwischen ist es vergriffen, und Tellkamp behauptet, es seien gerade einmal so viele Exemplare des Romans verkauft worden wie er Seiten hat: 163.

Das Manuskript für seinen zweiten Roman Der Eisvogel bot Tellkamp zwei Jahre lang vergeblich an. Erst der Herausgeber einer Leipziger Literaturzeitschrift vermittelte den Text dem Rowohlt-Verlag, wo der Roman 2005 erschien. Er behandelt den Prozess um eine rechtskonservative Terrorgruppe, den Generationenkonflikt, die Spannung zwischen Geld und Geist in einer globalisierten Gesellschaft und die Irrwege einer radikalisierten Jugendszene. Einer größeren Öffentlichkeit wurde Tellkamp beim 28. Klagenfurter Wettbewerb 2004 bekannt, als er den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann. Die Jury überzeugte er in seltener Einhelligkeit mit einer Lesung aus seinem Romanprojekt „Der Schlaf in den Uhren“, einer Vorstufe des Romans Der Turm: Die vorgelesene Episode schildert eine rhapsodische Tramfahrt durch Dresden und zugleich durch die Vergangenheit der DDR. – Nach dem Klagenfurter Erfolg gab Tellkamp den Arztberuf auf, um sich fortan nur mehr dem Schreiben zu widmen.

Deutsche Geschichte im Gedicht

Als Lyriker war er Kennern schon länger ein Begriff. In der Dumont-Anthologie Lyrik von jetzt (2003) finden sich Teile eines großen epischen Weltgedichts (Arbeitstitel „Der Nautilus“), an dem Uwe Tellkamp seit geraumer Zeit arbeitet. In diesem homerischen Poem reist der Autor zu den „versunkenen städten und der versunkenen zeit“ der deutschen Geschichte. Im Zentrum des – zuletzt in der F.A.Z. vom 18.12.2008 (Reiseteil) teilveröffentlichten – Projekts steht ein großes Argonauten- und Raumschiff, das seine Passagiere an den Klippen der deutschen Geschichte vorbeisteuert. Als mythische Fracht werden auf dieser unendlichen Fahrt Stoffe wie die Kyffhäuser-Saga, romantische „wunderhorn-töne“ und historische Urszenen zwischen Alexanderschlacht und Stalingrad mitgeführt. Das Nautische in Tellkamps Werk ist keineswegs nur eine poetische Imagination: In seinem selbst produzierten Filmporträt für den Klagenfurter Wettbewerb präsentierte er sich als Schiffsarzt. Das ist gelebte Familienhistorie: Die Tellkamps kamen ursprünglich aus Hamburg, waren Seeleute, Flusslotsen, Goldsucher und Kaufleute.

Im WDR wurde 2003 das mit Ulrike Janssen und Norbert Wehr verfasste Hörspiel „Aschestadt, Tauchsprache“ gesendet. Im Februar 2009 erscheinen Tellkamps Poetik-Vorlesungen Die Sandwirtschaft. Anmerkungen zu Schrift und Zeit im Suhrkamp Verlag.

Würdigung des Romans „Der Turm“

Uwe Tellkamps fast tausend Seiten starker Roman Der Turm ist von der Kritik in seltener Einhelligkeit als „Werk der Superlative“ bezeichnet worden. Zum ersten Mal, heißt es in der Neuen Zürcher Zeitung, „hat sich ein deutscher Schriftsteller an einer geschichtsphilosophischen Deutung der ,friedlichen Revolution’ in der DDR versucht“ und die „historische Totalität des Epochenbruchs“ in einer „symbolischen, gleichnishaften Erzählweise“ dargestellt. In der Zeit wird der Roman als „abschließender Blick auf die DDR“, in der Stuttgarter Zeitung als „Epochenroman“, in der FAZ als Dresdenbuch, das „nicht mehr aus der Literaturgeschichte wegzudenken sein wird“, gewürdigt. Und die Süddeutsche Zeitung prophezeit, so „wie wir heute die Welt des Bürgers mit den Augen Thomas Manns sehen, werden spätere Generationen in Tellkamps Roman Erstarrung und Implosion der DDR nacherleben können.“ Welche Aspekte machen den Roman so herausragend?

Zunächst die enorme kompositorische Leistung, mit der Tellkamp in fast dreijähriger Arbeit diese ungeheure Stoffmasse bewältigt hat. Das Buch ist von großem epischen Zuschnitt und wie eine wagnereske Oper komponiert (mit Ouvertüre, Interludium und Abgesang). Die erzählte Zeit des Romans, die die letzten sieben Jahre der DDR umfasst, hat Tellkamp in zwei „Büchern“ angeordnet; das erste Buch, „Die pädagogische Provinz“, erzählt im Stil eines modernen Bildungsromans vom Entwicklungsweg eines Dresdner Bildungsbürgerkindes, das zweite Buch, „Die Schwerkraft“, von dessen Erfahrungen mit der Nationalen Volksarmee, mit der Arbeiterwelt und den Bürgerrechtsbewegungen der DDR.

DDR als literarischer Gedächtnisort

Der Turm ist, rechtzeitig zum 20. Gedenkjahr, ein politischer Roman über die östliche Vorgeschichte der deutschen Einigung. Tellkamp hat dabei Einsichten der kritischen Geschichtsschreibung vorweggenommen. In seinem Roman findet man in symbolischer Form viele der Gründe wieder, die für den Untergang der DDR namhaft gemacht wurden: ihren aufgeblähten Staats- und Staatssicherheitsapparat, die „Sozialkultur der organisierten Verantwortungslosigkeit“, einen drastischen Modernisierungsrückstand, eine selbstverschuldete Umweltkatastrophe und nicht zuletzt eine radikale Abschottung nach innen. Der Turm verwandelt den untergegangenen Staat in einen Roman, in die, so der Untertitel, „Geschichte aus einem versunkenen Land“: die DDR wird zum literarischen Gedächtnisort.

Der Turm ist ein singulärer Gesellschaftsroman der DDR, der die große europäische Romantradition (Balzac, Th. Mann) zeitnah mit einem bekannten deutschen Thema verbindet. Zudem beleuchtet er das in der Literatur vernachlässigte Milieu des Bildungsbürgertums, das in der politischen Ideologie des SED-Regimes nicht vorgesehen war: Enklaven einer besseren Gesellschaft inmitten des deklarierten „Arbeiter-und-Bauern-Staates“, die in einem noblen Dresdner Villenviertel auf den östlichen Elbhängen residieren und ihr Verständnis von Freiheit darauf beschränken, „klug zu werden über sich selbst“ (303) und „das Hilfreiche zu tun“ (863). Diese sozialistische Bohème, die ständig zwischen äußerer Anpassung und innerem Protest laviert, Politik durch Weltfremdheit ersetzt und Bildung zur Ersatzreligion macht, stellt Tellkamps Roman in hochdifferenzierter, kritischer Weise dar.

Der Turm ist ein nachmoderner Bildungsroman, der auf der einen Seite die Selbstgefährdung sozialer Eliten (z.B. durch Ausreise, Ausgrenzung oder Selbstmord), vor allem der Mediziner, auf der anderen Seite deren Bedeutung illustriert. Das zeigt sich an der Figur Christian, dessen Wunsch, sich selbst ganz nach seinen Anlagen und seinen Fähigkeiten auszubilden, von einem System verweigert wird, das allein bestimmt, was er wissen darf und wie er dieses Wissen zu interpretieren hat. Der Roman inszeniert die Pädagogik einer „vaterstarken Gesellschaft“, der es darum geht, Anpassung zu honorieren, Kritik zu unterdrücken und Protest abzustrafen. Gemäß der klassischen Definition, dass ein Bildungsroman Bildung „zugleich darstellen und ertheilen“ soll, bildet Tellkamps Roman auch seine Leser. Sie können an Christians Entwicklungsweg symptomatisch den Untergang der DDR ablesen.

Religiöse Dimension des „Turms“

Der Turm hat eine religiöse Wertedimension, die der Kritik entgangen ist. Er erinnert an das biblische Bild vom Turmbau, das in der Literatur aus der DDR von Johannes R. Bechers Gedicht „Turm von Babel“ bis zu den Werken von Hermlin und Heym eine wichtige Rolle spielt. Auch Tellkamps „Turm“ fällt am Ende in sich zusammen. Die „Turmgesellschaft“ erweist sich als kulturelle Ersatzreligion, die sich als die bessere Politik missversteht. Auf diese Weise bewegt sich Tellkamps Roman nicht nur in der historischen Horizontalen der DDR-Geschichte. Er richtet seinen Blick auch in die religiöse Vertikale, indem er seine Figuren auf die Suche nach Sinn und Orientierung in einer untergangsgeweihten Ära schickt.

Schließlich ist Der Turm auch ein Dresden-Roman. Er erinnert an Blüte und Verfall der kulturellen Tradition der Stadt und beschreibt ihre Topographie in einer auf Schritt und Tritt nacherlebbaren Genauigkeit. Zugleich verfremdet er – durch magisch-märchenhafte Motive – das vertraute Dresden-Bild und fordert dadurch zu einer kritisch-zeitgemäßen Korrektur der Dresden- und DDR-Nostalgie auf.

Auszeichnungen

Nach dem Sächsischen Staatsstipendium für Literatur (2002) dem Meraner Lyrikpreis (2002), dem Förderpreis zum Christine-Lavant-Lyrikpreis (2003), dem Dresdner Lyrikpreis (2004) und dem Ingeborg-Bachmann-Preis ist Uwe Tellkamp für den „Turm“ im Jahr 2008 gleich zweimal ausgezeichnet worden: einmal mit dem Deutschen Buchpreis, der als öffentlicher Branchen- und Wettbewerbspreis im Unterschied zu klassischen Literaturpreisen nicht in einer Feierstunde mit Laudatio und Dankrede überreicht wird, und mit dem Uwe Johnson-Literaturpreis, zu dem KAS-Vorsitzender Prof. Dr. Bernhard Vogel die Laudatio hielt.

Politische und literarische Bedeutung

Uwe Tellkamps Der Turm hat als Gesellschafts-, Bildungs- und Zeitroman eine herausragende politische Bedeutung zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands. Es ist ein Zeugnis der literarischen Erinnerungskultur, das Geschichte und Fiktion verbindet und aufhebt, was nicht vergessen werden darf vom letzten Jahrzehnt der DDR. Zugleich ist es ein Dokument der Freiheit und Würde des Individuums gegen die Vereinnahmungsversuche einer Erziehungsdiktatur.