Wie alles anfing
1990 eröffnete die Konrad-Adenauer-Stiftung in Leipzig ihr erstes Büro in Deutschland-Ost.
Es war im Januar 1990. Die DDR befand sich, zwei Monate nach der Öffnung der Mauer, in einer Übergangsphase mit noch ungewissem Ausgang. Doch die historische Chance der Wiedervereinigung erlaubte kein Zaudern. Um den Prozess der Demokratisierung zu begleiten, stellte die Konrad-Adenauer-Stiftung ein Team von fünf Mitarbeitern zusammen – für die zukünftigen fünf Länder. Nachdem eine vorläufige Arbeitsstruktur aufgebaut war, fanden erste Veranstaltungen zur politischen Bildung statt sowie Politikberatung und Vermittlung von Politikberatung.
Als erstes Bildungswerk der Konrad-Adenauer-Stiftung in der noch existierenden, aber bereits „in Abwicklung“ befindlichen DDR nahm unser Büro in Leipzig im Juni 1990 seine Arbeit auf. Zunächst galt es - neben dem rasch anlaufenden Seminarbetrieb - eine tragfähige Infrastruktur für die Arbeit zu schaffen und die tausend Mühseligkeiten des Alltags zu meistern.
Dass die Bewältigung der Lebensumstände im (noch) „real existierenden Sozialismus“ die größte Hürde darstellte, wird jedem einleuchten, der einmal nähere Erfahrungen mit der DDR gemacht hat. Die Währungsunion im Juli 1990 brachte immerhin schon eine gewisse Erleichterung, da sich die Läden nun mit vielen Waren füllten, die vorher nicht zu bekommen waren. Analogien zur Währungsreform 1948 in den Westzonen sind sicher zulässig. Aber es musste weiterhin gewaltig improvisiert werden.
Die Bildungsarbeit in den Anfangsjahren von 1990 bis 1992 konzentrierte sich sehr stark auf die Vermittlung von Grundlagen demokratischer und rechtsstaatlicher Praxis – Zielgruppen waren u.a.: Politiker, Lehrer und Polizisten.
Viele nach dem 18. März 1990 neu gewählte oder ernannte Landes- und Kommunalpolitiker hatten vor der friedlichen Revolution keinerlei Erfahrungen in der Umsetzung praktischer Politik gemacht. Sie gehörten häufig dem Bevölkerungsteil an, der sich Nischen für sein Privatleben gesucht hatte und nun mutig ins Wasser sprang, um Schwimmen zu lernen. Daher waren Veranstaltungen, die im täglichen Berufsleben praktischen Nutzen brachten, sehr gefragt. Auch Lehrer (vornehmlich aus den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern) und Polizisten mussten ihre Tätigkeit nun an einem gegenüber früher völlig entgegen gesetztem Menschenbild und Staatsverständnis orientieren. Diese Umstellung fiel denjenigen besonders schwer, die sich im mittleren Alter befanden. Bei den Lehrern kam hinzu, dass Naturwissenschaftler oftmals den Unterricht entlassener Staatsbürgerkundelehrer übernehmen mussten. Häufig waren sie ihren Schülern nur um wenige Stunden im Stoff voraus. Ihre Kenntnisse wurden von der Konrad-Adenauer-Stiftung durch gezielte Bildungsmaßnahmen vertieft.
Ähnlich verhielt es sich mit den Bildungsmaßnahmen für die Polizei. Die Entlassungen fielen hier geringer aus als bei den Lehrern, weshalb der Erneuerungsprozess mit überwiegend „alten Kräften“ vollzogen werden musste. Schwerpunkt der Bildungsarbeit war deshalb vor allem die Vermittlung des Rechtsstaatsbegriffs sowie der Umgang mit dem Staatsbürger im Allgemeinen und in Konfliktsituationen im Speziellen. Die meisten Polizisten zeigten eine hohe Bereitschaft zum Umdenken.
Schwierigkeiten ergaben sich immer wieder durch den Begriff der „Politischen Bildung“, der in der DDR inhaltlich anders besetzt war und damals noch von vielen Bürgern als ein Versuch der Indoktrination verstanden und mit Agitation und Propaganda gleichgesetzt wurde. Die Vorbehalte ließen sich so schnell auch nicht ausräumen. Positiv stimmte aber die Ansicht der meisten Seminarteilnehmer, dass sie ihre Vorstellungen von politischer Bildung in der parlamentarischen Demokratie nach praktischem Erleben korrigieren mussten.
Obwohl die Vermittlung von Grundlagen in Teilen weiterhin gewünscht wurde, stiegen die Anforderungen an die politische Bildung in den neuen Bundesländern seit Ende 1992 bis heute stark. Zum einen behandelten die Bildungsveranstaltungen nun zunehmend vertiefende Sachverhalte und konzentrierten sich auf spezielle Themenstellungen. Zum anderen wich die anfängliche Euphorie der Vereinigung zusehends und die alltäglichen Probleme traten stärker hervor. Die Menschen verlangten Antworten auf die drängenden Fragen der Zeit. Die Probleme, die sie direkt betrafen wie Innere Sicherheit, Umweltschutz, Wirtschaft, Arbeitslosigkeit, Wohnraumverknappung, Privatisierung und Transformation der Wirtschaft bis hin zur Regelung offener Vermögensfragen. Diese Fragen hatten eine deutlich größere Relevanz als Entwicklungspolitik, globale Umweltbedrohung oder deutsche Außen- und Sicherheitspolitik. Besonders der Themenkreis der politischen Weiterentwicklung der Europäischen Union war (und ist es zum Teil auch heute noch) äußerst schwer vermittelbar, da die Integration Westdeutschlands in die Europäischen Gemeinschaften durch die Propaganda der SED negativ besetzt war und der persönliche Erfahrungshorizont - z. B. Leben mit offenen, durchlässigen Grenzen - in dem geschlossenen System DDR über Jahrzehnte nicht erweitert werden konnte. Trotzdem fanden diese Themen selbstverständlich ihren Niederschlag in unseren Bildungsprogrammen.
Es gab einen weiteren deutlichen Unterschied zur traditionellen Bildungsarbeit im Westen. Die Konrad-Adenauer-Stiftung war nicht nur „Brücke zum Bürger“ und Gesprächsforum, sondern musste konkrete Lösungsansätze oder fertige Lösungen zu aktuellen Problemen bieten.
Von großer Bedeutung waren die Veranstaltungen zum „Innerdeutschen Dialog“. Hier fanden sich Menschen aus Ost und West zusammen, um sich kennen zu lernen, das Gespräch zu suchen und die Sprachlosigkeit zu überwinden.
Entscheidend für die politische Bildungsarbeit damals wie auch heute bleibt, dass es gelingt, die tragenden Säulen der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Ordnung so zu vermitteln, dass sie als selbstverständlich von Menschen akzeptiert werden, deren Generation einen teilweise völlig anders gearteten persönlichen Lebens -und Erfahrungshintergrund hat. Das Ziel war und ist ein breiter Grundkonsens in der Gesellschaft über die Grundlagen und Werte dieser demokratischen, rechtsstaatlichen und freiheitlichen Ordnung.
Die Eröffnung des ersten Bildungswerks für Sachsen 1990 in Leipzig war eine Verbeugung vor der „Heldenstadt Leipzig“ und eine Anerkennung der führenden Rolle, die Leipzig während der Revolution gespielt hat. Die anderen Bildungswerke folgten: Rostock für Mecklenburg-Vorpommern, Berlin, Erfurt für Thüringen und Potsdam für Brandenburg und das Bildungszentrum Schloss Wendgräben in Sachsen-Anhalt, das weit über die Grenzen dieses Bundeslandes hinausstrahlt und ein besonderer Ausweis unseres Engagements in den neuen Bundesländern darstellt. Dinge entwickeln sich weiter; die Bildungswerke der Konrad-Adenauer-Stiftung sind inzwischen in die Landeshauptstädte umgezogen und heute fest in der politischen Landschaft der neuen Länder etabliert. Mit ihnen ist die Konrad-Adenauer-Stiftung hervorragend aufgestellt, die künftigen Herausforderungen zu meistern.
Der Autor Wolfgang Hilberer ist derzeit Koordinator für das Thema Bürgergesellschaft in der Hauptabteilung Politik und Beratung der Konrad-Adenauer-Stiftung. Er war Leiter des „DDR-Teams“ der Konrad-Adenauer-Stiftung und von 1990 bis 2001 Leiter des Bildungswerks Leipzig.
Online-Leseempfehlung
- Friedliche Revolution und Deutsche Einheit - Auftrag für die politische Bildung, Werner Blumenthal, Dr. Melanie Piepenschneider. In: Praxis Politische Bildung, 13. Jg.; Heft 4, Weinheim 2009, S. 243-250.
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Eingang zum Büro Leipzig, dem ersten Bildungswerk der Konrad-Adenauer-Stiftung in den ostdeutschen Ländern. (1990)
