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Warum konnte sich die Krise global ausbreiten?

Die in den USA gewährten ausfallgefährdeten Hypothekenkredite des Subprime-Segments verblieben in der Regel nicht in den Bilanzen der Hypothekenbanken, aus denen sie ursprünglich stammten. Sie wurden verbrieft (handelbar gemacht) und vor allem von den US-amerikanischen Investmentbanken in strukturierte Wertpapiere umgewandelt. Ratingagenturen bescheinigten diesen neu geschaffenen Wertpapieren ein geringes Ausfallrisiko, so dass sie zu attraktiven Anlageformen wurden, die eine moderate, aber im Vergleich zu anderen sicheren Anlagen relativ hohe Verzinsung boten. Durch den Verkauf der Kredite als Wertpapiere konnten die Hypothekenbanken die Belastung ihrer Eigenkapitalbasis (→ Frage: Welche Rolle spielt Eigenkapital für Banken?) vermindern und immer mehr Kredite vergeben.

Vor allem aber waren die Banken mit solchen Transaktionen aus der Haftung entlassen, da sie mögliche Verluste aus den sehr risikoreichen Subprime-Ausleihungen nicht selbst tragen mussten, sondern auf die Käufer der strukturierten Wertpapiere abwälzen konnten. Die Käufer dieser Wertpapiere waren – oftmals nach einer langen und kaum noch durchschaubaren Kette wiederholter Verbriefungen – andere Banken oder sogenannte außerbilanzielle Zweckgesellschaften von Banken (etwa der IKB in Deutschland). Diese Abnehmer kauften strukturierte Wertpapiere mit hoher Laufzeit und finanzierten diese Aktionen wiederum mit der Ausgabe von kurzfristigen Wertpapieren, was von vornherein ein gewisses Risiko mit sich brachte. Die längerfristig laufenden Wertpapiere sowie die Hilfszusagen der Mutterbanken (etwa der IKB) dienten den Zweckgesellschaften als Sicherheit.

Als am US-amerikanischen Hypothekenmarkt eine bedrohlich wachsende Zahl von Subprime-Schuldnern ihre Zahlungsverpflichtungen nicht mehr erfüllen konnte, löste das einen Dominoeffekt aus: Die verbrieften Kredite, die als strukturierte Wertpapiere gehandelt wurden, verloren rapide an Wert, weil sie von den Zahlungsausfällen der Subprime-Schuldner betroffen waren, und wurden damit zu sogenannten toxischen Wertpapieren. Vor allem die großen US-Investmentbanken, die diese Wertpapiere teilweise in ihren Büchern behalten hatten, mussten hohe Abschreibungen vornehmen und am Ende ihr Geschäftsmodell völlig aufgeben.

Besonders schwer wurden die weltweit existierenden Zweckgesellschaften getroffen. Sie konnten sich nicht mehr durch die Ausgabe von kurzfristigen Wertpapieren refinanzieren, weil das Vertrauen in das undurchschaubare Verbriefungssystem stark sank. In dieser Notsituation mussten Hilfszusagen eingelöst werden, die etwa die deutsche IKB und andere Banken rund um die Welt ihren Zweckgesellschaften gegeben hatten. Vor allem durch solche Hilfs- und Stützungsmaßnahmen wurde die globale Bankenlandschaft tief in die Krise gezogen. Hinzu kam, dass die Banken sich auch untereinander kaum noch Kredite gaben, weil sie nicht wussten, wie groß die Probleme der jeweils anderen Institute tatsächlich waren. Mit dieser Verweigerungshaltung geriet der Blutkreislauf des Finanzsystems ins Stocken – und das weltweit.

Auch die Finanzmärkte der Schwellenländer wurden von der Krise heimgesucht, denn die Industrieländer zogen dort ihr Kapital ab, um es in „sichere Häfen“ zu bringen. Der massive Verkauf von Aktien durch Banken, Hedge-Fonds und andere Investoren drückte weltweit die Börsenkurse. In Verbindung mit fallenden Immobilienpreisen reduzierte sich dadurch das Vermögen vieler Privathaushalte, die daraufhin den Konsum einschränkten. Diese Zurückhaltung, wie auch der massive Rückgang der Exportnachfrage, hatten negative Folgen für Investitionen, Arbeitsplätze und Preise. Die enge Verflechtung von Finanzmärkten mit der sogenannten Realwirtschaft (→ Frage: Kann man die Finanzwirtschaft tatsächlich von der Realwirtschaft trennen?) führte zu einer Wirtschaftskrise. Die Insolvenz von Finanzinstituten bzw. ihre vorsichtigen Restriktionen bei der Kreditvergabe betrafen und betreffen weiterhin Unternehmen und Verbraucher, die folglich ihre Geschäftstätigkeit und ihre Konsumausgaben reduzieren müssen. Deutschland als Exportnation leidet ganz besonders unter dem Rückgang der Nachfrage seiner Handelspartner.

Über die sinkende Nachfrage nach Konsum- und Investitionsgütern trifft die Finanzkrise auch Staaten, deren Finanzinstitute gar nicht am Handel mit toxischen Finanzprodukten beteiligt waren, wie z. B. die Entwicklungsländer (→ Frage: Wie stark sind die Entwicklungsländer von der Krise betroffen?).