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Warum hat im Vorfeld der Krise niemand die potenzielle Gefahr erkannt?

Die Finanz- und Wirtschaftskrise ist Ergebnis der Aneinanderreihung einer Vielzahl von Fehlentwicklungen. In der Riege der Ökonomen herrscht Uneinigkeit darüber, ob die Krise vorhersehbar war (und somit die wirtschaftswissenschaftliche Zunft versagt hat), oder ob das komplexe Geflecht im Vorfeld schlichtweg nicht zu durchblicken war.

Grundsätzlich ist es schwierig, vorab zu erkennen, ob starke und anhaltende Preissteigerungen von Vermögensgegenständen, wie z. B. Aktien oder Immobilien, tatsächlich gerechtfertigt sind – etwa durch steigende Knappheit bzw. einen Produktivitätsgewinn dank technischen Fortschritts – oder ob es sich um Spekulationsblasen handelt, die früher oder später platzen werden.

Auf den Finanzmärkten herrschte lange Zeit die Meinung vor, die innovativen Finanzinstrumente wie verbriefte und strukturierte Wertpapiere würden durch eine breite Streuung insgesamt Risiken reduzieren. Zudem bestand blindes Vertrauen in neue Risikomodelle oder Versicherungsinstrumente, denen zugetraut wurde, die Risiken im Griff zu behalten.

Doch gab es durchaus Warnungen, etwa durch zwei internationale Wirtschaftsorganisationen, den Internationalen Währungsfonds (IWF) und vor allem die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Sie verwiesen – wenngleich mit zumeist nicht sehr dramatischen Tönen – etwa auf die Gefahr durch die großen globalen Ungleichgewichte (Leistungsbilanzdefizit bzw. -überschuss) vor allem zwischen den USA und China (→ Frage: Wo liegt der Ursprung der Finanzkrise?), die zu einer Krise führen könnten. Auch gab es Warnungen vor einer Überbewertung der Immobilienmärkte (auch in einigen europäischen Ländern) und einem daher möglicherweise drohenden Preisverfall.

Recht deutlich haben einige US-amerikanische Ökonomen wie Nouriel Roubini und Robert J. Shiller die Fehlentwicklungen am US-Amerikanischen Immobilienmarkt diagnostiziert. Sie wiesen auf das bevorstehende Platzen der Immobilienblase hin und warnten vor großen Verwerfungen.

Da es aber weitaus mehr optimistische Einschätzungen gab, setzten die wenigen warnenden Stimmen der Euphorie der Hauskäufer, Investmentbanken, Hedge-Fonds und Zweckgesellschaften kein Ende, zumal die Medien wenig Interesse an der Verbreitung dieser unliebsamen Vorstellung zeigten. Die Erfahrung zeigt, dass sich Menschen leicht durch die Verlockung scheinbar nicht enden wollender Boomphasen blenden lassen und Warnungen vorschnell in den Wind geschlagen werden.

Auch vor der diffusen Struktur und dem unbekannten Risiko der komplexen Kreditverbriefung wurde vereinzelt gewarnt, so durch den Vorstand der Deutschen Bundesbank und sogar durch die US-Amerikanische Börsenaufsicht SEC oder durch interne Risikomanager von Finanzunternehmen. Angesichts der positiven Stimmung konnten sich diese Warner mit ihren lange Zeit nicht eintreffenden Prophezeiungen kaum durchsetzen.

Letztlich hat die Krise erneut gezeigt, dass die ökonomische Theorie auf rationalen Verhaltensmustern basiert und in Erklärungsnotstand gerät, wenn menschliches Verhalten davon abweicht.