Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Soziale Marktwirtschaft

Kann man die Finanzwirtschaft tatsächlich von der Realwirtschaft trennen?

Die Bezeichnung „Realwirtschaft“ impliziert, dass neben einer wirklichen – also einer realen – eine vermeintlich fiktive (Finanz-)Wirtschaft existiert. Aus volkswirtschaftlicher Perspektive dienen die Begrifflichkeiten lediglich zur Unterscheidung zwischen Güterströmen und Geldströmen, wobei das Geld quasi als „Schleier“ über der realwirtschaftlichen Sphäre liegt. Die Unterscheidung ist ein analytisches Hilfsmittel. Beide Teilwirtschaften sind für den Wirtschaftskreislauf essentiell und real. Man kann sie innerhalb einer Marktwirtschaft nicht trennen.

Wirtschaftsakteure (private Haushalte, der Staat und die Unternehmen) sind innerhalb dieses Kreislaufs anzusiedeln und auf beiden Märkten aktiv. Während Haushalte ihre Ersparnisse dem Finanzmarkt (bzw. Banken als Teil dieser Finanzwelt) übertragen, fragen Unternehmen und Konsumenten Kredite zur Finanzierung von Investitionsgütern und Käufen von Gebrauchsgütern oder Immobilien nach. Auch der Staat leiht sich an den Finanzmärkten – wenn nötig – Geld. Damit bezieht sich die „dienende Funktion der Finanzmärkte“ auf die reibungslose Abwicklung von Geldgeschäften, hinter denen letztlich der Tausch von Gütern und Dienstleistungen steht. Die Finanzwirtschaft ist in ihren Grundfunktionen also keineswegs irreal oder unwirklich. Vielmehr ist sie Voraussetzung für ein reibungsloses Funktionieren der Güterproduktion.

Im Vorfeld der Krise gab es jedoch einige Entwicklungen, die die enge Verbindung von Finanz- und Realwirtschaft auf die Probe stellten. Irreal – im Sinne von losgelöst von der realen Gütersphäre – waren z. B. manche Finanztransaktionen, die vor allem im Zuge von Spekulationsgeschäften nur noch im Finanzsystem stattfanden und Rendite für die reichlich vorhandene Liquidität suchten. Irreal im Sinne von unrealistisch waren darüber hinaus Bewertungen mancher Vermögensgegenstände (z. B. von Häusern oder Wertpapieren) und vermeintlich weitgehend risikolose Renditeansprüche. Sie waren ein Mitauslöser der Krise.

Wenn in den Medien vom „Durchschlagen der Finanzkrise auf die Realwirtschaft“ die Rede ist, bedeutet dies vereinfacht, dass die Finanzmärkte aufgrund der Finanzkrise ihre ursprüngliche Funktion innerhalb des Wirtschaftskreislaufs – d. h. Liquidität zur Verfügung zu stellen, Fristen zu transformieren und Risiken zu übernehmen und verteilen (→ Frage: Warum sind Banken so wichtig für die Wirtschaft?) – derzeit nur noch unzureichend erfüllen, weil die Banken in ihrer Möglichkeit, Kredite zu vergeben eingeschränkt sind (→ Frage: Bekommen die Unternehmen noch ausreichend Kredite oder leiden sie unter einer „Kreditklemme“?). Das kann negative Konjunkturfolgen haben. So führt eine Kreditklemme über weniger Investitionen und Konsum zu einem Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage, der wiederum zur Freisetzung von Arbeitskräften führt. Da sich mit erhöhter Arbeitslosigkeit das verfügbare Einkommen verringert, geht der private Konsum weiter zurück. Das hat nochmals negativen Einfluss auf Produktion, Investitionen und Beschäftigung. Um aus diesem „Teufelskreis“ auszubrechen, verabschiedete die Bundesregierung zwei Konjunkturpakete.