9. November - „deutscher Schicksalstag“

  
 

Am 9. November 1989 fiel die Mauer, die Deutschland 28 Jahre geteilt hatte. In ihrer Rede vor dem Kongreß in Washington hat Angela Merkel Anfang November 2009 ausgeführt, dass dieses Datum den glücklichen Endpunkt einer Epoche der deutschen Geschichte bildet, die von der Revolution 1918 über die Reichspogromnacht bis hin zum Mauerfall reicht.

Am 9. November 1918, nach dem für Deutschland verlorenen Ersten Weltkrieg, wurde in Berlin die Republik ausgerufen. Gleich zweimal, vom Sozialdemokraten Philipp Scheidemann und vom Kommunisten Karl Liebknecht, wurde das Ende des Kaiserreiches verkündet. In Erinnerung an Niederlage, Versailler Vertrag und Revolution versuchte Adolf Hitler fünf Jahre später, am 9. November 1923, sich in München mit einem "Marsch zur Feldherrenhalle" erst in Bayern und später im Reich an die Macht zu putschen. Der schlecht organisierte Aufstand brach im Feuer der bayerischen Polizei zusammen, allerdings konnte Hitler wegen milder Richter zehn Jahre später doch noch seine Diktatur errichten. Der 9. November war danach einer der wichtigsten Feiertage des NS-Regimes, so dass er auch 1938 vom Reichspropagandaminister Joseph Goebbels genutzt wurde, um Pogrome gegen die Deutschen jüdischen Glaubens zu inszenieren. In der "Reichskristallnacht" am 9. November 1938 brannte der entfesselte Mob die Synagogen nieder.

Der Weg zum Zusammenbruch der DDR

Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Ende der NS-Diktatur wurde Restdeutschland von den alliierten Siegermächten geteilt. Da bis 1961 etwa drei Millionen Ostdeutsche in der "Abstimmung mit den Füßen" die DDR verließen, geriet das SED-Regime in existentielle Schwierigkeiten. Am 13. August 1961 begannen "Nationale Volksarmee" und "Volkspolizei", mit Stacheldraht und Betonblöcken die Übergänge nach West-Berlin abzusperren. Für die DDR-Grenzer bestand ein Schießbefehl auf Flüchtlinge, der bis 1989 zu ca. 1.000 Todesopfern an der Mauer führte, davon etwa 125 in Berlin: Ihr einziges Verbrechen war, von Deutschland nach Deutschland gelangen zu wollen.

In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre begann sich die weltpolitische Lage für das Honecker-Regime zu verschlechtern. Obwohl in der Bundesrepublik die SPD Sympathien für eine Annerkennung der DDR zeigte und etwa mit dem SED-SPD-Papier die Einheitspartei in den Rang eines politischen Partners erhob, geriet die DDR unter Druck. Die Vereinigten Staaten hatten sich in Reaktion auf den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan für eine Politik der militärischen Stärke entschieden, der der Ostblock aus wirtschaftlichen Gründen nichts entgegenzusetzen hatte. Es war nicht gelungen, den Westen in der Frage der Nachrüstung zu spalten. Der US-Präsident Ronald Reagan hatte in Berlin demonstrativ gefordert: "Tear down this wall!", und die Perestroika des sowjetischen Staats- und Parteichefs Michail Gorbatschow raubte der SED-Führung den ideologischen Rückhalt.

Zwar konnte Honecker mit seinem Besuch in Bonn 1987 diplomatisch punkten - die DDR wurde fast wie ein souveräner Staat behandelt -, doch war der Preis, den Bundeskanzler Helmut Kohl dafür raushandeln konnte, hoch. Aus historischer Perspektive zu hoch für die SED: Die als Gegenleistung notwendigen Westreisen hunderttausender DDR-Bürger brachten die Teilung wieder stärker ins Bewusstsein, und der Vergleich zwischen den Lebensumständen in beiden Teilen Deutschlands dürfte zu ungunsten des Arbeiter- und Bauernstaates ausgegangen sein.

Im Frühjahr 1989 begann sich die reformkommunistische ungarische Regierung durch die Anerkennung der Genfer Flüchtlingskonvention von der gemeinsamen politischen Linie der Ostblockstaaten zu lösen, gegenseitig Flüchtlinge auszuliefern. Hintergrund war hier die vom rumänischen Diktator Ceausescu drangsalierte ungarische Minderheit. Die folgenden Stationen - Öffnung der ungarischen Grenze nach Österreich für DDR-Flüchtlinge, Flucht in die bundesdeutschen Botschaften in Warschau und Prag mit anschließender Ausreise in den Westen - führten dazu, dass die DDR-Führung Reisen der DDR-Bürger selbst in die "Bruderstaaten" des Warschauer Paktes unterband.

Der gleichzeitig ansteigende Reformdruck im Inneren war kaum mehr zu kontrollieren. Besonders in Leipzig, der "Heldenstadt der Revolution" (Heiner Müller), brachen die friedlichen Montagsdemonstrationen den Widerstandswillen der Staatsmacht. Mit der öffentliche Schelte Gorbatschows anlässlich der Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR-Gründung am 7. Oktober 1989 - "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben" - war ein tiefgreifender politischer Wandel unumgänglich geworden.

Fall der Mauer

Als das Politbüro am 17. Oktober 1989 Honecker stürzte und Egon Krenz zum Parteichef designierte, war der Druck auf die SED übermächtig, endlich substantielle Reformen anzugehen. Der „Berufsjugendliche“ Krenz – bis 1983 FDJ-Vorsitzender – war dafür kaum prädestiniert. Was sich allerdings tatsächlich änderte, war die Berichterstattung in den DDR-Medien, die deutlich aufmüpfiger als vorher berichteten.

Während gleichzeitig die Demonstrationen quasi institutionalisiert wurden – in Leipzig gingen zu dieser Zeit jeden Montag mehr als hunderttausend Demonstranten auf die Straße, in Berlin waren es am 4. November ca. eine Million auf dem Alexanderplatz – arbeitete man im ZK fieberhaft an einem neuen Reisegesetz. Der Entwurf vom 6. November sah immer noch keine Reisefreiheit vor und stieß auf entsprechend heftige öffentliche Ablehnung. Noch im August/September hätte man die vorgesehenen Möglichkeiten als innenpolitischen Durchbruch gewertet, aber mittlerweile erwartete die Bevölkerung mehr.

In großer Eile wurde der Entwurf nochmals überarbeitet, zuletzt am Vormittag des 9. November. Von Krenz und anderen Politbüromitgliedern gutgeheißen, sollte das dem Reformflügel zugehörige Politbüromitglied Günter Schabowski auf einer Pressekonferenz darüber die Öffentlichkeit in den Grundzügen informieren. Schabowski tat dies, übersah dabei aber eine Sperrfrist, die die Verkündung der Möglichkeit, in den Westen zu reisen, erst für den nächsten Tag vorsah. Auf die Frage, ab wann die neue Regelung gelten solle, antwortete er deshalb, seines Wissens ab sofort. Diese Mitteilung wurde über die westlichen Medien verbreitet, weswegen es schon am Abend des 9. November zu Warteschlangen vor den Berliner Grenzübergängen kam.

Zuerst ließen die DDR-Grenzer nur einzelne Wartende durch, teilweise wurden auch deren Pässe gestempelt, um eine Rückkehr zu verhindern. Kurz vor Mitternacht, als den Grenztruppenoffizieren immer noch keine klaren Befehle vorlagen, wurden dann die Absperrungen geöffnet. In den folgenden Stunden und Tagen besuchten Hunderttausende DDR-Bürger zuerst den Westteil Berlins und dann auch die übrige Bundesrepublik; an eine Schließung der Grenzen war jetzt nicht mehr zu denken: Die Mauer war gefallen.

Im Ablauf der Grenzöffnung spielten sicherlich Schabowskis Missverständnis und die Verbreitung der Nachricht über die westdeutschen Medien eine entscheidende Rolle dafür, dass die Mauer schon am 9. November fiel. Die Maueröffnung als solche wäre aber, was fast immer übersehen wird, wohl vergleichbar abgelaufen, wenn die Reiseregelung erst am 10. November über DDR-Medien verkündet worden wäre: Auch dann wäre der Ansturm der DDR-Bürger so groß gewesen, dass es keine Alternative zu einer bedingungslosen Öffnung der Grenze gegeben hätte.

Legenden

Mittlerweile beginnen sich Legenden um den Fall der Mauer zu ranken. Inzwischen verifiziert ist die Darstellung des italienischen Journalisten Riccardo Ehrmann, der Schabowski die entscheidende Frage stellte. Er hatte behauptet, von SED-Seite dazu aufgefordert worden zu sein. Walter Momper, damals Regierender Bürgermeister von West-Berlin, war schon Tage vorher über die Entwicklung des Reiserechts informiert und informierte das Kanzleramt. Von einer völligen Öffnung der Mauer gingen aber weder Momper noch Bundeskanzler Kohl aus, der sonst seine Polenreise nicht angetreten hätte.

Zutreffend ist sicherlich, das Anfang November 1989 eine erweiterte Reiseregelung für die SED kaum mehr vermeidbar war, da sonst das Risiko bestanden hätte, dass es bei den mittlerweile regelmäßigen Demonstrationen zu einem gewaltsamen Mauerdurchbruch gekommen wäre. Nach dem im öffentliche Protest verworfenen Entwurf eines Reisegesetzes ist Momper aber im Vorhinein der neue Entwurf nicht bekannt gewesen, da die Genese der von Schabowski verkündeten Reiseregelung mittlerweile überzeugend rekonstruiert ist: In der letzten Fassung entstand sie erst am 9. November.

Mehrere ehemalige Grenzoffiziere der DDR nehmen für sich in Anspruch, eigenmächtig die Grenze geöffnet zu haben. Obwohl sicherlich ihr Verhalten besonnen war und Gewalt vermieden wurde, sollte man nicht vergessen, dass sie nicht als Widerstandskämpfer in diese Position kamen. Wer immer in einer Kommandofunktion durch den - freiwilligen - Dienst am "antifaschistischen Schutzwall" die SED-Diktatur stabilisiert hat und bereit war, auf Flüchtlinge zu schießen, hat Schuld auf sich geladen.

Unabhängig von allen historischen Bezügen und den Schwierigkeiten, die die Umsetzung der deutschen Einheit in den folgenden Monaten und Jahren nach sich zog, bleibt festzuhalten, dass es keinen glücklicheren Tag in der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert gegeben hat. Dies war wohl schon den Berlinern aus Ost und West bewusst, die in der Nacht des 9. November 1989 auf der Mauer am Brandenburger Tor saßen und gemeinsam sangen: "So ein Tag, so wunderschön wie heute".

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