Erinnerungskultur

Die Idee, dass die „Italiener immer die Anderen sind“, das heißt diejenigen, die jeweils die Übel der nationalen Eigenart darstellen, erklärt und spiegelt eine Neigung der italienischen Kultur wider, die Geschichte der Vergangenheit in eine Politik der Gegenwart umzuwandeln. Das italienische Paradox ist dabei, dass das größte Laster des italienischen Charakters – das Antiitalienertum – als Moment der nationalen Identität wirkt. Egal ob Risorgimento, Widerstand, Brigantentum, Erster Weltkrieg, Nationalhymne, Nationalflagge, Piave-Front, Befreiung, Bürgerkrieg, Abrechnung, Faschismus, Christlich-demokratisches Regime, Erste oder Zweite Republik, Aufkommen der Lega oder Berlusconis politische Verwurzelung: Kein Kapitel der Landesgeschichte entgeht der weltanschaulichen Dekonstruktion.

Im Laufe von 150 Jahren nach der Vereinigung des Staates hat sich ein fortwährendes „Unbehagen an der Nationalität“ eingestellt und verfestigt. Dies hat letztlich nicht nur die Vaterlandsidee, sondern auch die Legitimität des Nationalstaats zerrüttet. Der Nationalstaat entstand 1861, behaftet mit einer – nicht nur metaphorischen - Erbsünde, d.h. mit einer regelrechten Exkommunikation durch Papst Pius IX, dessen Folgen heute noch an die ständigen Auseinandersetzungen zwischen Welfen und Gibellinen erinnern. Die bei Porta Pia in die Aurelianische Mauer geschlagene Bresche, die dem italienischen Staat seine volle Legitimation mit Rom als Hauptstadt verlieh, war, wie die damaligen Aufnahmen zeigen, ein kaum mehr als 15 Meter breites Loch in der Stadtmauer, also ein Nichts im Vergleich zu dem politischen Bruch, den es heute noch darzustellen vermag. Erst 1966, nach Abschluss der Arbeiten des II. Vatikankonzils, stattete Paulus VI. als erster Papst dem Kapitol einen Besuch ab, um den Verzicht des Heiligen Stuhls auf seine weltliche Hoheit zu bestätigen. Cavours Theorem „libera Chiesa in libero Stato“ (= freie Kirche im freien Staat) ist jedoch bis auf den heutigen Tag noch nicht verwirklicht worden.

Die Kultur des Transformismus

In Italien endet die Geschichte nie und man ist geneigt, dies dem Transformismus zuzuschreiben, einer typisch italienischen politischen Praxis, die in der Annullierung der traditionellen politischen Dialektik besteht, indem sie die ideologischen Differenzen der parlamentarischen Gruppierungen nivelliert und homogenisiert. Ob seit Cavour von „goldenem Mittelweg“ oder „Doppelstrategie“, von Giolitti oder De Gasperi, von Mussolini oder Gramsci, von Berlusconi oder Prodi die Rede ist, stets sollte man den Transformismus nicht so sehr als Laster ansehen, sondern eher als politische Tugend, die als einzige vermag, extreme Positionen auszuschließen und historische Abläufe von der Mitte aus zu steuern.

Das für Italiens Erinnerungskultur kennzeichnende Ausbleiben einer Schlichtung ideeller und weltanschaulicher, wirtschaftlicher und anthropologischer Konflikte ist ein Anzeichen für einen angeborenen konstitutiven Mangel der politischen Kultur Italiens. Bei kritischen Übergangsphasen neigt das Land dazu, sich in einander gegenüberstehende Lager zu spalten, die sich gegenseitig nicht anerkennen und einander im Namen der Vergangenheit delegitimieren. Je nach den jeweiligen geschichtlichen Spannungen und in Zeiten des Übergangs hat sich die Geschichtsschreibung als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln durchgesetzt. Im gegenteiligen Fall, das heißt wenn die Politik sich als Fortsetzung der Geschichte entpuppte, nahm diese Umkehr die Form und Weise eines weltanschaulichen Krieges an. So kam der Geschichte die Aufgabe zu, die Vergangenheit zu legitimieren und später zu delegitimieren, und zwar je nach den politischen Erfordernissen des Augenblicks und nicht aufgrund der Ergebnisse der Forschung und der Untersuchung der Geschehnisse.

Die Theorie der zwei Nationen

So kam es zur Theorie der „zwei Nationen“: Nicht einmal dem Risorgimento war es gelungen, sich auf politischer Grundlage und in der geschichtlichen Perspektive als einheitliches Faktum einzubürgern, geeignet, ontologisch die gesamte Nation zu begründen. Auch zu Giolittis Zeiten fand das nationale Gefühl für Geschichte kein Gleichgewicht im Kreuzfeuer der politischen Polemik, die sich gerade anlässlich der Fünfzigjahresfeier der Einheit, des ersten unvollendeten Festtags von Großitalien, mit unerhörter Heftigkeit entfachte. Bald darauf, im Jahre 1914, nahmen Interventionismus und Neutralismus jene beiden Auffassungen von Nation vorweg, die unter dem Faschismus mit einer ganz auf das totalitäre Regime zugeschnittenen Vaterlandsidee Gestalt annahmen, wobei Italien und Faschismus gleichgestellt und alle Antifaschisten als Nichtitaliener hingestellt wurden.

Das Erbe des Faschismus hat die ganze zweite Hälfte des Jahrhunderts geprägt und wirkt bis auf den heutigen Tag weiter. Nach einer zwanzig Jahre währenden Diktatur und 18 Monaten Bürgerkrieg konnte das ganze Land nicht daran denken, heil und makellos davonzukommen. Die heftigen Auseinandersetzungen der Historiker, die Renzo De Felices wissenschaftlichen Werdegang begleitet haben, können im Nachhinein als moralischer Seismograph begriffen werden, der die Auswirkungen der Politik und der Weltanschauung auf die Geschichte aufzeichnet. „Der Dolchstoß des Historikers“, lautete der Titel eines im Tagesblatt Giorno erschienenen Artikels, in dem der 6. Juli 1975 als offizielles Datum des Historiker-Streits bezeichnet wurde, worin sich das faschistische Jahr 1922 und das antifaschistische Jahr 1945 gleichermaßen widerspiegeln. Darin wurde auch behauptet, dass es dem Italien der Widerstandsbewegung – obgleich es ihm gelungen war, sich eine beachtliche historische Glaubwürdigkeit zu verschaffen - nicht gelungen sei, die Einheit des Landes wiederzuerwecken, die einerseits durch die unvermeidliche rhetorische Verzerrung der Darstellung der Partisanen und andererseits durch das allmähliche Aufkommen der Geschichte aus der Sicht der Besiegten entstellt wurde.

Die italienische Anomalie

Obwohl es der Verfassung von 1948, einem Meisterwerk von Alcide De Gasperi und Palmiro Togliatti, gelang wie bei einem Oxymoron die kommunistischen und katholischen Massen zusammenzubringen, indem sie jenen ursprünglichen historischen Kompromiss in die Wege leitete, auf dessen Grundlage später das Christlich-demokratische Zeitalter mit der Legitimation der Kommunistischen Partei Italiens als Anführer der Opposition gedeihen konnte, konnte die „italienische Anomalie“ im Klima des Kalten Krieges prächtig gedeihen. Daher ist es nicht abwegig, eine Übereinstimmung zwischen dem Fall der Berliner Mauer und dem Ausklang des Christlich-demokratischen Zeitalters mit dem Ende der Ersten Republik zu erblicken.

In dem politischen Vakuum, das die durch die Aktion „Mani Pulite“ hervorgerufene Umwälzung bildete, rückte nicht so sehr der erstaunliche Erfolg von „Forza Italia“ im Jahre 1994, sondern vielmehr der Eintritt von Umberto Bossis Partei „Lega“ als Koalitionspartner von Silvio Berlusconi jenen Konflikt wieder in den Mittelpunkt der künftigen politischen Auseinandersetzung, den das Risorgimento eigentlich schon überwunden zu haben schien. Ein Jahr vor dem 150jährigen Jubiläum der italienischen Einheit konnten die politischen Erben der Kommunistischen und der Neofaschistischen Parteien – Pci und Msi - (namentlich der Staatspräsident Giorgio Napoletano und der Vorsitzende des Abgeordnetenhauses Gianfranco Fini) nicht das Aufkommen einer neuen „Nationalfrage“ verhindern, die die Italienidee seit ihrer mythischen Begründung selbst in Frage stellt. Doch ohne gemeinschaftliche politische Mythen kann es kaum jene historische Identität geben, die aus der nationalen Zugehörigkeit eine tägliche demokratische Entscheidung macht.

Pasquale Chessa

Weiterführende Literatur

  • Gentile, Emilio: La Grande Italia. Ascesa e declino del mito della nazione nel ventesimo secolo, Mondadori, Mailand 1997 (Laterza, Bari 2006).
  • Di Nucci, Loreto/Galli della Loggia, Ernesto (Hg.): Due nazioni. Legittimazione e delegittimazione nella storia dell’Italia contemporanea, Il Mulino, Bologna 2003.
  • Cossigna, Francesco/Chessa, Pasquale: Italiani sono sempre gli altri. Controstoria d’Italia da Cavour a Berlusconi, Mondadori, Mailand 2007.
  • Schiamone, Aldo: L’Italia contesa. Sfide politiche ed egemonia culturale, Laterza, Rom-Bari 2009.
  • De Felice, Renzo (a cura di Pasquale Chessa): Rosso e Nero, Baldini e Castoldi, Mailand 1995.
  • Lazar, Marc: L’Italia à la derive, Perrin, Paris 2006. (Democrazia alla prova. L’Italia dopo Berlusconi, Laterza, Rom-Bari 2007).