Sozialstruktur und Ungleichheiten
Die Gesellschaftsstruktur in Italien war nach den Zweiten Weltkrieg bis zu den 1960er Jahren durch eine positive Entwicklung im Sinne der Gleichberechtigung und der sozialen Einbeziehung gekennzeichnet. Dieser Prozess verlangsamte sich in der Folgezeit und kam in den 1980er Jahren zum Stillstand. Später kam es diesbezüglich sogar zu einem Rückschritt, so dass die Stabilität des Systems heute auf dem Spiel steht. Diese Entwicklung wurde von einem radikalen Übergang von einer ländlichen zu einer industriellen Gesellschaft und von einer landwirtschaftlichen zu einen urbanen Bodenkultur mit einer immer intensiveren Verstädterung begleitet. Auch das viel gepriesene Stadt-Land-Gleichgewicht der Industriebezirke in Venetien, in der Toskana und der Emilia Romagna erweist sich nunmehr als ein Mythos, aufgelöst durch die chaotische Verstädterung und eine „spontan“ irrationale Entwicklung.
Das Nord-Süd-Gefälle
In diesem Prozess kann man als strukturelles Element einen hartnäckigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Dualismus beobachten, der in Italien seit der Einigung von 1861 vorherrscht. Die konservative Stabilität in der industriellen Entwicklung des Dreiecks Turin – Mailand – Genua trug zur Verschlechterung der ohnehin schon stark rückständigen, landwirtschaftlich geprägten und wirtschaftlich stagnierenden Regionen Unteritaliens bei. Der Süden suchte die endemische Not durch den Mechanismus der Auswanderung von Millionen Menschen meist nach Übersee zu steuern.
Nur während der 1950er Jahre war Süditalien (damals 33% der Bevölkerung) ein Hauptakteur der Entwicklung als Folge einer Politik, die den „historischen Block“ durchbrach. Es waren die Jahre der landwirtschaftlichen Reform, des außerordentlichen infrastrukturellen Eingriffs zum Aufbau „des“ nationalen Markts und der Grundstoffindustrialisierung. Der Überschuss an Arbeitskräften, die eine veränderte und zunehmend leistungsfähige Landwirtschaft befreite, schlug sich in der Entstehung einer neuen Arbeiterklasse nieder, die in der Grundstoffindustrie in Ober- und Unteritalien Beschäftigung fand, die durch den Staatseingriff in der Form von Unternehmen mit staatlicher Beteiligung entstand. Im Namen der Regionalpolitik verfolgten die neuen Unternehmen eine Strategie der infant industry in Sektoren (Eisenhütten, Energie, Chemie), die nach der Beseitigung der Zollschranken für die internationale Konkurrenzfähigkeit der Verarbeitungsindustrie Oberitaliens wichtig waren.
Das Wirtschaftswunder und die Folgen
Die Integration Italiens im europäischen Kontext (der Vertrag von Rom wurde 1957 unterzeichnet) führte zum „Wirtschaftswunder“ der 1960er Jahre und zu einem ungeahnten Wachstum. Es kam zu einer Steigerung der sozialen Mobilität, zu einer Besserung der Verteilung des Einkommens, zu einer Verringerung der Ungleichheiten in ganz Ober- und Unteritalien. Diese Entwicklung nahm Anfang der 1970er Jahre durch die Erdölkrise ein Ende. In der Folge wurde auch das Nord-Süd-Verhältnis wieder problematisch. Die süditalienische Frage wurde durch eine neue „norditalienische Frage“ abgelöst, wobei Oberitalien für Ausgleichs- und Entwicklungszwecke auf die Transfers nach Unteritalien Anspruch erhob. Unter dem Deckmantel des Föderalismus wurden Sezessionsbestrebungen eines Lombardo–Venetien laut.
Man begann über einen möglichen allgemeinen „Niedergang“ Italiens zu diskutieren. Die gesellschaftlichen Gräben, die das Land spalteten, wuchsen: der Anteil der aktiven Bevölkerung betrug 68% im Norden und 50% im Süden; der Beschäftigtenanteil 65% im Norden und 45% im Süden; der Arbeitslosenanteil war im Süden (12%) dreimal höher als im Norden. Soziale Probleme häuften sich im Süden, doch auch der Norden blieb vom „Niedergang“ nicht verschont. Zwischen 2001 und 2007 wies die Gesamtentwicklung der Produktion der Verarbeitungsindustrie insgesamt ein negatives Wachstum auf, und zwar -1,5% im Norden und -2,6% im Süden, im Vergleich zu +17,5% in Deutschland und +12.3% in der Union der 27 Mitgliedstaaten.
Einkommensverteilung
Italien ist heute eines der Länder der Union, in dem die Ungleichheit der Einkommensverteilgung am stärksten ist. 20% der Familien leben unter der Armutsschwelle: der Anteil der einkommensschwachen Bevölkerung liegt bei 45% in Sizilien, 37% in Kampanien und Kalabrien, 6% im Norden. 2008 waren die von der gegenwärtigen Krise noch verschonten, „wohlhabenden“ Familien zu 82% in Mittel- und Norditalien ansässig, von den in Schwierigkeit geratenen zu 52% im Süden, während sich in Unteritalien 58% der Familien befinden, deren Einkommen nicht bis zum Monatsende reicht. Dieser ausgesprochenen Ungleichheit entspricht der gleichzeitige Abstieg der sozialen Mobilität, auch in diesem Fall intensiver in Unteritalien, wo die Auswanderung wieder zugenommen hat.
Die soziale Anfälligkeit ist für die Klassen der Minderjährigen und der Senioren besonders intensiv (und liegt bei 25%, ein Höchstwert unter den Ländern der Union): die Angaben für 2007 weisen auf eine Zergliederung des Systems hin.
Die Ursachen der sozialen Ungleichheit
Unter den Ursachen dieser Dynamik sollen hier zwei aufgezeigt werden. Eine ist ordnungspolitischer Natur und weitet wie ein unterirdischer Karststrom den Unterschied zwischen Norden und Süden noch aus. Diese ungesunde Entwicklung ist durch den unklugen allmählichen Übergang von Zuständigkeiten an die Landesregierungen verursacht, während zugleich die für die Landesregierungen verfügbaren Mittel drastisch verringert werden. Auf diese Weise will man der Misslage des Staatshaushalts entgegenwirken, lässt jedoch dadurch im Sinne des Steueraufkommens schwächere Regionen zu Schaden kommen, die stärker von der Umverteilungsfunktion der Zentralregierung abhängig sind. Dadurch wird die lokale Entwicklung erschwert und das Auseinandergehen von einkommensstarken und –schwachen Gebieten verschärft, während sich in letzteren der Druck auf die Hilfsquellen enorm verstärkt und Klientelwirtschaft, Missbräuche und unrechtmäßige Aktivitäten begünstigt.
Der zweite Ungleichgewichtsfaktor ist darauf zurückzuführen, dass der Neustart der ins Stocken geratenen wirtschaftlichen Entwicklung durch die Automatismen des Markts erfolgt, insbesondere durch eine weitgehende Deregulierung. Die entsprechende Aufgabe von Strukturpolitiken, die Finanzialisierung der Wirtschaft, die Privatisierung von bedeutenden Wirtschaftssektoren und die hypnotische Selbstgenugtuung am made in Italy und an den für Italiens Wirtschaft typischen Kleinbetrieben haben eine „Falle” gestellt, in der – infolge der Einbuße der Währungsautonomie – die Konkurrenzfähigkeit hauptsächlich der Herabsetzung der Arbeitskosten anvertraut bleibt. Dadurch werden Beschäftigung auf Zeit und Ungleichheiten noch weiter verstärkt und die Kaufkraft weiter Bevölkerungskreise beeinträchtigt. In der Absicht, den Niedergang unter dem Banner einer Darwinschen Förderung der Ungleichheiten, durch eine Blockierung der Mobilität und der sozialen Einbeziehung aufzuhalten, vollzieht sich auf diese Weise mit der Aufopferung Unteritaliens eine „sanfte Sezession“ mit der Zergliederung des Systems Italien.
Adriano Giannolo
Weiterführende Literatur
- CENSIS: Rapporto annuale sulla situazione sociale del Paese, Rom 2009.
- Pugliese, Enrico: Un sistema di Welfare mediterraneo. Rapporto Irpps-Cnr sullo stato sociale in Italia 2007-2008, Rom 2008.
