Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Politische Kultur in Deutschland und Italien

Toleranz und Multikulturalismus

Die Italiener waren die ersten. Sie schlugen ein neues Kapitel auf in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Gemeint sind jene Einwanderer, die vor einem halben Jahrhundert ins nass-kalte Land jenseits der Alpen kamen, nachdem die Regierungen in Bonn und Rom 1955 ein Anwerbeabkommen über den Zuzug italienischer Arbeitskräfte abgeschlossen hatten, das erste seiner Art. Für Deutschland war es der Startschuss auf dem Weg in ein Einwanderungsland.

Erkannt hat das damals jedoch kaum jemand, und erst Recht dachte niemand darüber nach, welche Folgen es für die Zukunft unseres Landes haben wird. Wieso auch? Die Integration der neuen Mitbürgerinnen und Mitbürger verlief in den meisten Fällen ohne größere Probleme. Wer im Land des "Wirtschaftswunders" ankam, hatte eine Stelle sicher. Der Arbeitsplatz wurde wie selbstverständlich zum Integrationsmotor – nicht nur für die Italiener, sondern auch für die Zuwanderer, die später kamen: aus Spanien, Portugal, Griechenland, dem früheren Jugoslawien oder der Türkei. Viele Einwanderer der ersten Generation holten deshalb auch ihre Familien nach. Aus "Gastarbeitern", so ein Euphemismus jener Tage, wurden Einwanderer von Dauer.

Zuwanderung und Integration

Heute, zwei Generationen später, haben von 82 Millionen Menschen in Deutschland 15,4 Millionen eine Zuwanderungsgeschichte, fast 19 Prozent. Sie sind Teil unserer Gesellschaft und haben erheblich zum Wohlstand unseres Landes beigetragen.

Das kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Integrationspolitik so sehr wie kaum ein anderes Politikfeld in der Vergangenheit vernachlässigt wurde. 50 Jahre nach Ankunft der ersten Einwanderer müssen wir nüchtern feststellen, dass viel versäumt, viel klein- und viel schöngeredet wurde. Wir haben die Probleme der Integration lange nicht richtig wahrgenommen oder sogar ganz verdrängt: Fehlentwicklungen wie die mangelnde Teilhabe junger Zuwanderinnen und Zuwanderer an Bildung, die hohe Arbeitslosigkeit insbesondere unter den nachfolgenden Zuwanderergenerationen oder die zunehmende soziale Segregation in den Städten. Zu lange haben wir behauptet, Deutschland sei kein Einwanderungsland. Als ebenso realitätsblind erwiesen sich die Anhänger eines Multikulti-Laisser-faire, die mit der Parole "Ausländer, lasst uns mit den Deutschen nicht allein" Stimmung machten und wirksame Integration so ebenfalls verhinderten.

Doch auf beiden Seiten hat ein Umdenken eingesetzt. So erleben wir seit einigen Jahren einen bemerkenswerten Perspektivwechsel in Deutschland. Niemand leugnet mehr die Tatsache, dass wir ein Einwanderungsland sind. Ebenso hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Integration nicht automatisch funktioniert. Es herrscht heute weitgehend Konsens darüber, dass bestimmte Normen eingehalten werden müssen, damit das Miteinander der Kulturen gelingt. Dazu gehört an vorderster Stelle das Erlernen und Beherrschen unserer gemeinsamen Sprache Deutsch.

Aufgabe des Staates ist es, hierfür die geeigneten Rahmenbedingungen zu schaffen, etwa durch den Ausbau der Sprachförderung schon im Kindergarten. Ebenso müssen wir uns darum bemühen, die Chancen junger Zuwanderer auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern, die Stärkung von Frauen mit Zuwanderungsgeschichte voranzubringen und die Selbsthilfepotenziale der Zuwanderer zu unterstützen.

Der nötige Mentalitätswandel

Ziel muss es sein, Deutschland wieder zu einer Aufsteigerrepublik zu machen. Wir brauchen wieder eine Mentalität, die jedem unabhängig von seiner Herkunft gesellschaftlichen Aufstieg ermöglicht, eine Mentalität, die nach dem 2. Weltkrieg schon einmal den Wiederaufstieg unseres Landes vorangebracht hat. Heute ist es der demografische Wandel, der die Integration von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte zu einer drängenden Zukunftsfrage macht. Integration muss von den Menschen gelebt werden. Doch der Staat muss diesen Prozess unterstützen und voranbringen.

In Nordrhein-Westfalen, dem mit 18 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichsten Bundesland, das erstmals in Deutschland ein Integrationsministerium eingerichtet hat, verfolgen wir dieses Ziel mit Nachdruck. Auf nationaler Ebene waren es der Integrationsgipfel von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) ins Leben gerufene Deutsche Islamkonferenz, die die Integrationspolitik aus ihrem Nischendasein herausgeholt und das Miteinander der Kulturen gestärkt haben. Etwas Vergleichbares hat es in Deutschland bislang nie gegeben, und es wäre gut für unser Land, wenn beide Konferenzen fortgesetzt würden.

Denn schnelle Erfolge sind in der Integration kaum zu erzielen. Man braucht langen Atem. Unsere "nachholende Integration" kann nicht in Kürze die Versäumnisse der Vergangenheit kompensieren. Doch erste Erfolge zeigen sich durchaus. Auch die Zuwanderinnen und Zuwanderer selbst erkennen immer stärker, dass Deutschland ihre (neue) Heimat ist. So hat eine bundesweite Befragung des Essener Zentrums für Türkeistudien in diesem Jahr ergeben, dass unter den türkeistämmigen Zuwanderern in Nordrhein-Westfalen die Identifikation mit Deutschland wächst – ein Beleg dafür, dass Integration von immer mehr Zuwanderern tagtäglich gelebt wird.

Und deshalb sind auch alle Sorgen vor Überfremdung in Deutschland unbegründet. Richtig ist vielmehr: Wir brauchen mehr gezielte Zuwanderung, damit wir unsere massiven demografischen Probleme – immer weniger Kinder, immer mehr ältere Menschen – besser in den Griff bekommen. Das gilt umso mehr, da Deutschland inzwischen de facto zu einem Auswanderungsland geworden ist, eine im Vergleich zu Italien genau entgegengesetzte Entwicklung. So wanderten im vergangenen Jahr erstmals mehr Menschen aus (738.000) als nach Deutschland ein (682.000). Eine gezielte Einwanderungspolitik ebenso wie ein Bleiberecht für gut integrierte Kinder und Jugendliche, auch wenn ihre Eltern illegal nach Deutschland kamen, sind deshalb erforderlich. Wir können es uns nicht mehr leisten, solche jungen Menschen zu verlieren. Integration ist und bleibt also eine der wichtigsten gesellschaftlichen Zukunftsaufgaben.

Armin Laschet

Weiterführende Literatur

  • Bade, Klaus/Lucassen, Leo/Emmer, Pieter C./Oltmer, Jochen (Hg.): Enzyklopädie Migration in Europa vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Paderborn 2007.
  • Lammert, Norbert (Hg.): Verfassung, Patriotismus, Leitkultur. Was unsere Gesellschaft zusammenhält, Hamburg 2006.
  • Laschet, Armin: Die Aufsteigerrepublik, Köln 2009.
  • Süssmuth, Rita: Migration und Integration: Testfall für unsere Gesellschaft, München 2006.