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Patriotismus

Seit dem Fußballweltmeisterschaftssommer 2006, als Schwarz-Rot-Gold über Wochen hinweg die dominierende Farbkombination für Jung und Alt war, ist in Deutschland von einem neuen „Patriotismus“ bzw. von einem neuen Nationalgefühl die Rede. Was sind die Gründe dafür und wofür stehen die Begrifflichkeiten?

Patriotismus und Nationalismus

Patriotismus, (lat. patria = Vaterland) bezeichnet ein sozialpolitisches Verhalten, in dem nicht die individuellen Interessen handlungsleitend sind, sondern das bonum commune, das Wohl aller Mitglieder in einer politisch verfassten Gemeinschaft als Inbegriff der Bedingungen des Leben- und Sich-Entfalten-Könnens. Patriotismus, der neben der rationalen auch stets eine emotionale Komponente („Nationalgefühl“) enthält, ist auf die Gesamtheit eines politischen Gemeinwesens fokussiert und entstand historisch als persönlicher Einsatz für die Kommune, für die Heimat, das Land. Der neuzeitlich sich bildende Nationalstaat wird schließlich als „Vaterland“ zur Bezugsgröße eines aufklärerischen, emanzipatorischen Patriotismus. Letzterer muss deutlich von Nationalismus unterschieden werden.

Nationalismus bezeichnet ein politisches Verhalten, das gerade nicht von der Annahme einer Gleichwertigkeit aller Menschen und Nationen geleitet ist, sondern das fremde Völker herabwürdigt und als minderwertig ansieht und behandelt. Nationalistische Werteloyalitäten fordern innergesellschaftliche Homogenität, blinden Gehorsam und idealisierte Überbewertung der eigenen Nation.

Während Nationalismus zur Abwertung des „Fremden“ führt, vermag Patriotismus in seiner freiheitlichen Komponente die Toleranz gegenüber Fremdgruppen und Minderheiten zu stärken. In der deutschen Geschichte hat die nationalsozialistische Diktatur gezeigt, dass patriotisches Eintreten der Bürger für den Staat pervertiert und missbraucht werden kann. Andererseits zeigte der Patriotismus der Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944, dass Patriotismus keineswegs die vorbehaltslose Affirmation der bestehenden gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse bedeuten, sondern sich stets an übergeordneten, moralischen Prinzipien des Zusammenlebens selbstbestimmter Individuen in einer freiheitlichen Nation orientieren muss.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und im Zeichen der Teilung tat sich die bundesdeutsche Öffentlichkeit schwer mit einem angemessenen Verständnis von Patriotismus und entwickelte entlang des Begriffs „Verfassungspatriotismus“ eine postnationale Identität, in der „Europa“ an die Stelle des eigenen Vaterlandes trat. Mit der Zeitenwende 1989/90 und infolge der Wiedervereinigung reifte allmählich auch in Deutschland das Bewusstsein heran, dass Nation und Integration, Patriotismus und Europäismus keineswegs Gegensätze, ja viel mehr zwei Seiten einer Medaille darstellen.

Ein Bewusstwerdungsprozess

Wesentlich für diesen Bewusstwerdungsprozess in Politik, Gesellschaft und Kultur, der bis in die Gegenwart anhält und – siehe WM 2006 – zu einem veränderten Nationalgefühl führt, sind verschiedene Faktoren: die demographische Krise des Landes; die integrationspolitischen Herausforderungen entlang eines gemeinsamen kulturellen Leitbildes eingedenk unbezweifelbarer „Stabilitätsbedürfnisse ‚multikultureller‘ Gesellschaften“ (Udo Di Fabio); der wachsende generationelle Abstand zum Nationalsozialismus; das Herantasten der Enkel-Generation an das Schicksal der eigenen Vorfahren; die selbstverständliche Annahme des vereinten Deutschland als Heimat durch die nachwachsende Jugend. Immerhin ist die so genannte Generation ’89 inzwischen volljährig. Hinzu kommen ökonomisch-soziale Zwangslagen, europapolitische Zumutungen einer EU-27, die auf lange Sicht nicht in den „Vereinigten Staaten“ aufgehen will sowie sicherheitspolitische Erfordernisse einer Konkretisierung und Plausibilisierung des nationalen Interesses und schlussendlich, weniger existentiell aber doch geschichtspolitisch höchst bedeutsam: die Versöhnung der Intellektuellen mit jenem Staat, der in sechs Jahrzehnten das Bekenntnis zur Vergangenheit, zu Krieg und Schuld, zu Verantwortung und Aussöhnung zur Staatsräson erhoben und sich als „geglückte Demokratie“ (Edgar Wolfrum) erwiesen hat.

Spricht man heute, sechs Jahrzehnte nach Gründung der Bundesrepublik und zwanzig Jahre nach dem Mauerfall über Patriotismus bzw. fordert man ihn politisch-gesellschaftlich ein, sei es bürgergesellschaftlich kommunitär, sei es nicht zuletzt militärisch im „Dienst für das Vaterland“, so zielt man bei diesem Diskurs jenseits politischer Lagergrenzen letztendlich auf einen „Mentalitätswandel“ in Deutschland. Patriotismus zielt auf eine notwendige Sensibilisierung von Bürgerschaft und Öffentlichkeit für das republikanische Paradoxon, dass der freiheitliche säkulare Staat „auf Voraussetzungen beruht, die er selbst nicht zu garantieren vermag“ (Ernst-Wolfgang Böckenförde). Tatsache ist: Ohne Patriotismus geht es nicht. Zumal nicht in einer Republik, die ihrem Verständnis nach auf Recht und Gemeinwohl gründet.

Volker Kronenberg

Weiterführende Literatur

  • Böckenförde, Ernst-Wolfgang: Recht, Staat, Freiheit. Studien zur Rechtsphilosophie, Staatstheorie und Verfassungsgeschichte, 2. Aufl., Frankfurt am Main 1992.
  • Kronenberg, Volker: Patriotismus in Deutschland. Perspektiven für eine weltoffene Nation, 2. Aufl., Wiesbaden 2006.
  • Lammert, Norbert (Hg.): Verfassung – Patriotismus – Leitkultur. Was unsere Gesellschaft zusammenhält, Hamburg 2006.
  • Sternberger, Dolf: Schriften (hg. von Peter Haungs u. a.), Frankfurt am Main 1990.