Bürgerschaftliches Engagement
„Bürgerschaftliches Engagement“ (BE) – dieser Terminus steht für eine Hoffnung im politischen Diskurs in Deutschland. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nichts über das freiwillige und unentgeltliche Engagement jenseits der Erwerbsarbeit, des im engeren Sinne staatlichen Verwaltungshandelns und außerhalb des sozialen Nahraums der Privatsphäre zu lesen ist.
Dieses Engagement wird nach den einschlägigen Umfragen in Deutschland von rund einem Drittel der über 14-Jährigen (ca. 23 Mio. Bürgerinnen und Bürger) in einer Vielzahl von Handlungsfeldern erbracht: Ganz vorne steht mit deutlichem Abstand der Bereich Sport und Bewegung (11% der Bevölkerung im Alter von mehr als 14 Jahren); ihm folgen die größeren Felder Schule und Kindergarten (7%), Kirche und Religion (5,5%), Freizeit und Geselligkeit (5%), Kultur und Musik (5,5%) sowie Soziales (5,5%). Die übrigen Handlungsbereiche wie z.B. Feuerwehr und Rettungsdienste, berufliche und politische Interessenvertretung, Umwelt und Tierschutz oder Jugendarbeit weisen hingegen eine Engagementquote von weniger als 3% der Bevölkerung auf.
Während dieses vielfältige Engagement lange Zeit eher stiefmütterlich behandelt und unter dem Begriff des Ehrenamts als überholt abgetan wurde, sind die Ansprüche an das BE in Deutschland derzeit kaum noch zu steigern: Der engagierte Bürger soll einen substanziellen Beitrag zur Bewältigung der Herausforderungen des Sozialstaats, der Arbeitsgesellschaft und der Demokratie und somit zur Integration der Gesellschaft leisten. Die folgenden Kommentierungen skizzieren die laufenden Diskussionszusammenhänge.
Die Herausforderungen des Sozialstaats
In der aktuellen Debatte über die Herausforderungen des Sozialstaats ist BE in politische Auseinandersetzungen eingebunden, die hierzulande seit den siebziger Jahren geführt werden. Damals wurden nicht nur die „Grenzen des Wachstums“ thematisiert, sondern auch das sozialdemokratische Modell vom Staat als Hüter und Wächter des Gemeinwohls in Frage gestellt. In diesem Modell hatte die „aktive Bürgerschaft“ eine Statistenrolle: Nicht hohe Beteiligungsquoten und die Inputs der Bürger, sondern das staatliche Leistungsniveau und die Outputs des politischen Systems galten als Maßstab für die Funktionstüchtigkeit des Gemeinwesens.
Seitdem haben vor allem marktliberale Vorschläge zur Umgestaltung des Sozialstaats an Bedeutung gewonnen. Deren Befürworter und Gegner sind sich zwar uneinig, doch in einem Punkt ist ihre Argumentationsbasis ähnlich: Markt, Staat und der einzelne Bürger werden zumeist isoliert betrachtet, während gesellschaftliche Assoziationsformen (mit Ausnahme der Familie) nebensächlich sind. Genau in diese Lücke stoßen die Kritiker: Sie setzen bei der Herstellung wohlfahrtsrelevanter Güter und Dienste auf eine neue Verantwortungsteilung zwischen Staat und Gesellschaft. Während der Staat bisher die Gewährleistungs-, Finanzierungs- und Vollzugsverantwortung bei der Herstellung öffentlicher Güter und Dienste innehatte, soll er sich zunehmend auf die Gewährleistungsfunktion beschränken, die Vollzugs- und Finanzierungsverantwortung an die Bürgergesellschaft abtreten und damit zugleich bessere Rahmenbedingungen für BE schaffen.
Die Herausforderungen der Arbeitsgesellschaft
Eines der offensichtlichsten Probleme des deutschen Sozialstaats besteht darin, dass seit Mitte der 1970er Jahre die Zahl von Personen zunimmt, die erwerbstätig sein möchten, die aber kein (ihnen zusagendes) „Normalarbeitsverhältnis“ finden. Vor diesem Hintergrund rekurriert die Diskussion über BE im Kontext der Herausforderungen der Arbeitsgesellschaft an eine seit Ende der siebziger Jahre geführte Diskussion, die in der Frage mündete, ob der Arbeitsgesellschaft die Erwerbsarbeit ausgehe. „Bürgerarbeit“, „Tätigkeitsgesellschaft“ oder „Mehrschichtenmodell produktiver Arbeit“ lauten aktuelle Ansätze, die von einem entsprechenden Strukturwandel der Arbeitsgesellschaft ausgehen. Gefordert werden deshalb ein kultureller Wandel im Verständnis von Arbeit und eine flexiblere, den Lebenssituationen angepasste Gestaltung des Erwerbssystems, das BE oder Aufgaben in der Familie einbezieht. In diesen Kontext sind aktuelle Reformentwürfe einzuordnen, die einen kulturellen Wandel im Verständnis von Arbeit thematisieren (z.B. das „Mehrschichtenmodell produktiver Arbeit“ im Bericht an den „Club of Rome“ oder die in Deutschland viel diskutierten Modelle der „Bürgerarbeit“ oder der „Tätigkeitsgesellschaft“). Auf diese Weise sollen einerseits sinnstiftende Tätigkeiten jenseits der Erwerbsarbeit aufgewertet,; andererseits sollen Gelegenheitsstrukturen zu lebenslangem Lernen im Rahmen eines BE jenseits formalisierter Bildungskontexte wie Schule, Ausbildung und Universität eröffnet werden.
Die Herausforderungen der Demokratie
Schließlich hat BE traditionell seinen Platz in der Vorstellung von der Demokratie als Partizipationsgemeinschaft. Angesprochen ist damit eine normative Dimension von Demokratie, die vor dem Erfahrungshintergrund der deutschen Geschichte beinahe einen Allgemeinplatz darstellt: Eine Demokratie ohne den „homo democraticus“, der sich aktiv an der Suche nach politischen Lösungen für das Gemeinwesen beteiligt, ist zum Scheitern verurteilt. Auch diese Dimension von BE hatte in der Bundesrepublik Deutschland ihre Blütezeit in den späten sechziger und siebziger Jahren. Damals wurden unter dem Druck der Studentenbewegung nicht nur von staatlicher Seite („mehr Demokratie wagen“, Willy Brandt), sondern vor allem auch durch soziale Bewegungen Demokratisierungsprozesse in Gang gesetzt. Die Reformeuphorie ebbte im staatlichen Sektor allerdings schon Ende der siebziger Jahre ab und fand mit dem Regierungswechsel zur liberal-konservativen Koalition ihr vorläufiges Ende.
Erst in den letzten Jahren hat im Rahmen intensiver Diskussionen über Effektivitätsprobleme staatlichen Handelns und Legitimationsprobleme des etablierten Systems der Interessenvertretung die politische Dimension von BE wieder größere Aufmerksamkeit gefunden. Gleichwohl bildet sie das Schlusslicht in der laufenden Debatte, die ein politisches Defizit kennzeichnet. Ausgeblendet wird in der Diskussion, dass den engagierten Bürgern immer auch ein Handlungsfeld eingeräumt werden muss, auf dem sie mit einer gewissen Eigenständigkeit und praktisch folgenreich agieren können. Dabei stellt sich explizit die Frage einer neuen Machtteilung und –verlagerung, doch diese wird im politischen Diskurs bislang eher am Rande und unsystematisch gestellt.
Zusammenfassung
Die drei umrissenen Debatten erscheinen sehr disparat. Reduziert man sie auf einen gemeinsamen Kern, dann gelangt man zu einer der grundsätzlichen Fragen der Soziologie: der Frage nach dem „sozialen Kitt“, der moderne Gesellschaften zusammenhält. Als beliebtes und nur selten kritisch hinterfragtes Paradebeispiel für gelebte Solidarität gewinnt das frei gewählte Engagement der Bürger in einer Zeit an Konjunktur, in der zentrale Integrationsmodi der Gesellschaft zu erodieren drohen: die sozialstaatlichen Sicherungssysteme, der Arbeitsmarkt und die demokratischen Institutionen des politischen Systems. In allen drei Bereichen soll der engagierte Bürger durch Selbstorganisation, Partizipation und gemeinwohlorientiertes Handeln zur Problemlösung beitragen. Vor diesem Hintergrund werden in der Diskussion über die „Bürgergesellschaft“ in Deutschland mehr und mehr entsprechende politische Akzente gesetzt: Institutionell geförderte Bürgerbeteiligung und Öffnung staatlicher Einrichtungen, Stärkung der Subsidiarität, Kommunalisierung politischer Aufgaben oder auch Einbettung von Unternehmen als „Unternehmensbürger“ („Corporate Citizen“) in öffentliche Aufgaben lauten die Stichworte. Diese Stichworte verweisen auf grundlegend neue Formen der Aufgabenverteilung zwischen Staat, Bürgerinnen und Bürger, Nonprofit-Organisationen (wie Vereinen und Verbänden), aber auch Wirtschaftsunternehmen, die unter Stichworten wie „Corporate Citizenship“ als gesellschaftlich engagierte „Unternehmensbürger“ zunehmend in den Blick der Diskussion über bürgerschaftliches Engagement geraten.
Sebastian Braun
Weiterführende Literatur
- Bode, Ingo/Evers, Adalbert/Klein, Ansgar (Hg.): Bürgergesellschaft als Projekt, Wiesbaden 2009.
- Braun, Sebastian: Bürgerschaftliches Engagement – Konjunktur und Ambivalenz einer gesellschaftspolitischen Debatte. Leviathan. Zeitschrift für Sozialwissenschaft, 29 (2001), S. 83-109.
- Gensicke, Thomas/Picot, Sybille/Geiss, Sabine: Freiwilliges Engagement in Deutschland 1999-2004, Wiesbaden 2006.
