Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Politische Kultur in Deutschland und Italien

Sozialstruktur und Ungleichheiten

Der folgende Abriss konzentriert sich auf drei Bereiche der Sozialstruktur: auf die Bevölkerungsentwicklung, auf ausgewählte Probleme der sozialen Ungleichheit und die Frage, ob sich Klassen und Schichten auflösen sowie auf die Bildungsungleichheit, die die Lebenschancen der Menschen in einer modernen Wissensgesellschaft entscheidend mitbestimmt.

Sozialstruktur und Bevölkerung: Geburtentief – Alterung - Einwanderung

Deutschland ist seit der Vereinigung im Jahr 1990 die mit Abstand bevölkerungsreichste Gesellschaft der Europäischen Union. Rund 82 Millionen Menschen wohnen 2009 auf deutschem Gebiet, ein knappes Fünftel davon auf dem Territorium der früheren DDR.

Zwei problematische Trends charakterisieren die demographische Entwicklung, die manche als „demographische Krise“ bezeichnen: niedrige Geburtenraten und die Alterung der Gesellschaft. Deutschland befindet sich seit Jahrzehnten in einem Geburtentief. Die Zahl der Geburten liegt seit 1975 mit leichten Schwankungen bei 1,3 Kindern pro Frau. Die Kindergenerationen sind also seit 35 Jahren um jeweils ein Drittel kleiner als die Elterngenerationen.

Diese niedrigen Geburtenzahlen sind die Hauptursache für den zweiten Trend: Der Anteil junger Menschen geht zurück, gleichzeitig nimmt der Anteil älterer Menschen zu. Vor zwei Jahrzehnten entfielen auf einen Menschen über 60 Jahre noch drei Personen im Erwerbsalter. Derzeit beträgt dieses Verhältnis nur noch 1 zu 2,2 und innerhalb des nächsten Jahrzehnts dürfte die Proportion von 1 zu 2 unterschritten werden. Diese Alterung der Gesellschaft ist eine der größten Herausforderungen an die Sozial- und Familienpolitik.

Ohne Zuwanderungen wären die gesellschaftlichen Nachteile des Geburtentiefs noch erheblich drastischer ausgefallen. Dabei verlief die Entwicklung in West und Ost sehr unterschiedlich. Nach dem 2. Weltkrieg hat die Einwohnerzahl im früheren Bundesgebiet (einschl. Westberlin) erheblich zugenommen. Sie wuchs um fast die Hälfte von gut 46 Millionen im Jahr 1946 auf knapp 68 Millionen heute. Die DDR war dagegen die einzige Gesellschaft der Welt, deren Bevölkerung nach 1946 stetig abgenommen hat. Die ostdeutsche Einwohnerzahl ging zwischen 1946 und 1989 von 18.4 Millionen auf 16.4 Millionen zurück und schrumpfte dann weiter auf 14.3 Millionen im Jahr 2009.

Die völlig gegensätzlichen Entwicklungen in den beiden Teilen Deutschlands sind eine Folge der Wanderungsbewegungen: Die Bundesrepublik war und ist ein Einwanderungsland, die DDR war ein Auswanderungsland. Ihre Defizite an Wohlstand, Freiheit und Demokratie verursachten einen kontinuierlichen Abwanderungsdruck, der bis heute abgeschwächt anhält.

Die guten Lebensbedingungen in Westdeutschland waren und sind nicht nur für Ostdeutsche attraktiv. In den 1950er und 1960er Jahren warb die Bundesrepublik Arbeitsmigranten aus den Mittelmeerländern an, u. a. auch aus Italien, mit dem 1955 das erste Anwerbeabkommen geschlossen wurde. Ein Teil dieser „Gastarbeiter“ wurde zu Einwanderern und blieb in Deutschland. Eine weitere große Einwanderergruppe stellen die „volksdeutschen“ Aussiedler mit deutschen Vorfahren aus der Ex-Sowjetunion, Polen und Rumänien.

Westdeutschland hat sich nach und nach zu einem modernen Einwanderungsland mit einer zunehmend multi-ethnischen Sozialstruktur entwickelt. 2007 leben 15,4 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland, 95% von ihnen in den alten Ländern und Berlin. Ca. 4 Millionen sind Aussiedler, 2,5 Millionen stammen aus der Türkei und 1,5 Millionen aus den Staaten des früheren Jugoslawien. Mit 760.000 stellen ehemalige „Gastarbeiter“ aus Italien die viertgrößte Gruppe mit einer interessanten Besonderheit: sie sind häufiger mit einheimischen Deutschen verheiratet als andere. Von den Kindern bis 5 Jahre stammt jedes dritte aus einer Zuwandererfamilie. Die Bevölkerungsprognosen zeigen, dass Deutschland aus demographischen und ökonomischen Gründen auch in absehbarer Zeit auf weitere Einwanderer angewiesen sein wird.

Ungleiche Lebenschancen: Lösen sich Klassen und Schichten auf?

Deutschland gehört zu den wohlhabenden Ländern der Welt, aber der Wohlstand ist ungleich verteilt. Das sog. Äquivalenzeinkommen – wie das durchschnittliche gewichtete Haushaltsnettoeinkommen pro Kopf genannt wird – ist beim oberen „reichen“ Fünftel der Bevölkerung um das 4-fache höher als beim unteren „armen“ Fünftel. Im EU-Vergleich ist die Einkommensungleichheit in Deutschland unterdurchschnittlich ausgeprägt – im Gegensatz zu Italien, wo das obere Fünftel etwa das 5,5-fache Einkommen des unteren Fünftels erzielt. Vergleiche in der Verteilung der Äquivalenzeinkommen zwischen 2000 und 2006 belegen, dass sich in diesem Zeitraum eine gewisse Polarisierung der Einkommen vollzogen hat. Die Volksweisheit „Die Reichen werden immer reicher und die Armen immer ärmer“ trifft die Entwicklung nicht. Richtig ist jedoch, dass sowohl die Reichen als auch die Armen immer zahlreicher geworden sind. Der Anteil derjenigen, die mehr als das Doppelte des Durchschnitts verdienen, hat von 6,4% auf 9,2% zugenommen, und auch der Anteil derjenigen, die mit weniger als der Hälfte des Durchschnitts auskommen müssen, ist von 7,3% auf 11,4% gestiegen. Die mittleren Einkommen (70%–150% des Durchschnitts) sind von 61% auf 54% zurückgegangen – eine Tendenz, die man als ein „Schrumpfen der Mittelschicht“ interpretieren kann.

Bei den Vermögen ist die Kluft zwischen Oben und Unten noch erheblich krasser ausgeprägt. Private Nettovermögen (nach Abzug aller Schulden) konnte fast ausschließlich die obere Hälfte der erwachsenen Bevölkerung ansammeln, und das reiche obere Zehntel verfügt im Jahr 2007 über 61% aller Privatvermögen. Die untere Hälfte konnte so gut wie nichts sparen, und das ärmste Zehntel ist im Durchschnitt verschuldet. Auch hier zeigen sich zwischen 2002 und 2007 weitere Polarisierungstendenzen. Neben den skizzierten materiellen Ungleichheiten existieren eine große Fülle von Lebensbedingungen und Lebenschancen, die ebenfalls ungleich zwischen Oben und Unten verteilt sind. Dazu gehören Bildungsungleichheiten (davon im folgenden Abschnitt), die Chancen auf gesellschaftliche, politische und kulturelle Teilnahme oder die Risiken, arbeitslos, krank oder kriminell bzw. kriminalisiert zu werden. Dennoch breitete sich in der deutschen Sozialstrukturforschung in den 1980er und 1990er Jahren die Vorstellung aus, der zunehmende Wohlstand, die Bildungsexpansion sowie die zunehmende Individualisierung und Pluralisierung der Lebensgestaltung löse die Klassen und Schichten auf. Die Auflösungstheoretiker sind allerdings weit entfernt von der Art und Weise, wie die Bevölkerung selbst ihr soziales Umfeld wahrnimmt. In den Köpfen der Menschen ist die Gesellschaft wie eh und je geschichtet, nur eine kleine Minderheit von etwa 6% glaubt, dass sich die Schichten auflösen. Angesichts der Debatten in den letzten Jahren um die Arbeitslosenunterstützung – im Volksmund „Hartz IV“ genannt – und um die ungleichen Bildungschancen ist es um die realitätsfremde „neue Theorie der Klassenlosigkeit“ stiller geworden.

Bildungsungleichheit – leistungsfremde soziale und ethnische Auslese

Bereits in den 1960er Jahren wurde in Deutschland lebhaft über ungleiche Bildungschancen diskutiert. Man identifizierte Arbeiterkinder, Mädchen und Landkinder als benachteiligte Gruppen. Unter ihnen wurden sog. „Begabungsreserven“ vermutet, die vom Bildungssystem nur unzureichend gefördert und ausgeschöpft wurden. Diese Debatte schlief in den 1970er Jahren nach und nach ein. In der Politik und auch weitgehend in der Wissenschaft breitete sich die „Illusion der Chancengleichheit“ aus. Erst die international vergleichenden PISA-Studien rissen Politiker und viele Wissenschaftler schockartig aus ihrem 25-jährigen Dornröschen-Schlaf. Sie machten mit Nachdruck deutlich, dass Deutschland im internationalen Vergleich weiterhin zu den Ländern mit besonders stark ausgeprägter Bildungsungleichheit gehört.

Landkinder und Mädchen gehören heute nicht mehr zu den Problemgruppen. Letztere haben die Jungen im Bildungssystem nicht nur eingeholt, sondern inzwischen überholt. Aber die Kinder aus sozial schwachen Familien sind weiterhin stark benachteiligt. Dazugekommen ist eine weitere benachteiligte Gruppe, nämlich die Migrantenkinder.

Die PISA-Studien belegen, dass Deutschland zu denjenigen OECD-Ländern gehört, in denen die Kompetenzunterschiede zwischen den 15-jährigen aus den oberen und unteren Schichten am größten sind. Dem deutschen Bildungssystem gelingt es nicht, das Leistungspotential der Jugendlichen aus statusniedrigen Familien so zu fördern, wie es in den meisten anderen Gesellschaften geschieht. Darüber hinaus existiert im mehrgliedrigen deutschen Schulsystem ein starker leistungsunabhängiger sozialer Filter. So besuchen z.B. 15-jährige aus der sogenannten „Oberen Dienstklasse“ (im wesentlichen Akademikerfamilien) dreimal häufiger ein Gymnasium als die Jugendlichen aus Facharbeiterfamilien mit denselben kognitiven Grundfähigkeiten und derselben Lesekompetenz. Auch die Kompetenzunterschiede zwischen Jugendlichen aus einheimischen und zugewanderten Familien sind in Deutschland größer als in den meisten anderen wichtigen Einwanderungsgesellschaften der OECD. Migrantenkinder besuchen auch erheblich seltener ein Gymnasium und erheblich häufiger Haupt- und Förderschulen als Einheimische. Eine wichtige Ursache für die Benachteiligung der Migrantenkinder ist die starke Unterschichtung Deutschlands durch Migranten: die Statusunterschiede zwischen Einheimischen und Migranten sind in Deutschland größer sind als in allen wichtigen Einwanderungsländern der OECD. Viele Jugendliche aus Einwandererfamilien stoßen also auf ähnliche Bildungsprobleme wie die Jugendlichen aus sozial schwachen einheimischen Familien. Dazu kommen zusätzliche Defizite in der deutschen Unterrichtssprache, die von ihrer Migrationsbiografie herrühren.

Es muss beachtet werden, dass zwischen den verschiedenen Nationalitäten deutliche Unterschiede in der Bildungsbeteiligung bestehen. Italienische Jugendliche haben dabei - wie auch die türkischen – besonders schlechte Bildungschancen. Die Ursachen dafür sind bisher leider nur sehr unzureichend erforscht.

Rainer Geißler

Weiterführende Literatur

  • Geißler, Rainer: Die Sozialstruktur Deutschlands. Zur gesellschaftlichen Entwicklung mit einer Bilanz zur Vereinigung, 5. Auflage, Wiesbaden 2008.
  • Huinink, Johannes/Schröder, Torsten: Sozialstruktur Deutschlands. Konstanz 2008.
  • Solga, Heike/Powell, Justin/Berger, Peter A. (Hg.): Soziale Ungleichheit. Klassische Texte zur Sozialstrukturanalyse, Frankfurt a. M. 2009.
  • Statistisches Bundesamt/GESIS-ZUMA/WZB (Hg.): Datenreport 2008. Ein Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland, Bonn 2008.
  • Schäfers, Bernhard: Sozialstruktur und sozialer Wandel in Deutschland, 8. Auflage, Stuttgart 2004.
  • Geißler, Rainer/Weber-Menges, Sonja: Bildungsungleichheit – eine deutsche Altlast, in: Barz, Heiner (Hg.): Handbuch Bildungsfinanzierung, Wiesbaden 2009.
  • Geißler, Rainer/Weber-Menges, Sonja: Migrantenkinder im Bildungssystem: doppelt benachteiligt, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 49, 2008, S. 14-22.