Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Politische Kultur in Deutschland und Italien

Editorial

Europa wächst zusammen. Strukturen werden vereinheitlich, gemeinsame Institutionen – Parlament, Rechtssprechung, Verwaltung – entstehen. Dennoch nimmt der Bedarf an „sich kennen“ und „sich verstehen“ trotz weiterer Verdichtung nicht ab, sondern zu. Der Gefahr von Missverständnissen muss begegnet werden, will man nicht Gefahrenherde und Blockaden riskieren.

Die KAS in Rom hat sich vorgenommen, den Dialog der Zivilgesellschaften, der Bürger und ihrer Institutionen zu fördern. Nach allgemeiner Einschätzung sind die deutsch-italienischen Beziehungen völlig problemlos. Dies ist im Großen und Ganzen auch richtig. Dennoch, auch verstärkt nach der Wiedervereinigung Deutschlands und Europas, scheint das Missverstehen zuzunehmen. Die gegenseitige Wahrnehmung wird kritischer, schlimmer noch, es entsteht Desinteresse.

Enrico Rusconi spricht von schleichender Entfremdung. So nah und doch so fern stehen sich nach Einschätzung von Angelo Bolaffi Deutsche und Italiener gegenüber. Auch wenn diesen Entfremdungstheorien widersprochen wird (siehe Hans Woller) und es unwiderlegbare Fakten gibt (Verdreifachung der Exporte Italiens und Deutschlands zwischen 1985 und 2004; Zunahme des Studentenaustauschs durch Erasmusstipendien usw.) – etwas scheint nicht zu stimmen. Selbst wenn es sich um eine nur empfundene Entfremdung handeln sollte, es ist eine Entfremdung.

Dieses Unbehagen sollten wir uns schon deshalb nicht leisten, weil es in Europa keine weiteren Länder gibt, die sich in Kultur, Philosophie oder Musik so sehr befruchtet haben wie Deutschland und Italien. Vor allem aber mit Blick auf die Zukunft sollten wir Entfremdungstendenzen entgegenwirken, neue Kommunikationsformen und neue Partnerschaften entwickeln und aufbauen. Wir stehen beide vor ähnlichen Herausforderungen: Die Bundesrepublik Deutschland war Grenzland gegenüber dem Osten – Italien ist es mit Blick auf den Süden. Sicherheitsfragen, Fragen der Migration und Einwanderung beschäftigen uns gleichermaßen. Deutschland und Italien gehören zu den Gründerstaaten der EU. Wir sollten enger zusammenarbeiten wenn es darum geht, Europa auf die kommenden Herausforderungen vorzubereiten. Auch bei der Lösung gleicher Probleme – etwa Demografie, Umweltschutz, Transformation der Dienstleitungs- und Wissensgesellschaft – können wir voneinander lernen. Man muss nur die täglichen Medien beobachten – wobei die deutschen vorurteilsbehafteter, die italienischen dafür uninteressierter sind – und man begreift, dass das Kennenlernen, das sich verstehen lernen und die Wiederannäherung erforderlich sind.

Die KAS in Rom will mit dem elektronischen Handbuch der politischen Kulturen in Deutschland und in Italien hierzu einen Beitrag leisten. Anhand von ausgewählten Stichworten, die der politischen Kultur zuzuordnen sind, wollen wir zum Vergleich und damit zum Dialog anregen. Wir sind der Meinung, dass der Vergleich wichtiger Schlüsselbegriffe zur politischen Kultur viel über die „innere Verfassung“ eines Volkes aussagt und dass sie sich gerade deshalb zum Kennenlernen und zum besseren Verstehen besonders eignen.

Wir wollen einen Anstoß geben und möchten Sie einladen, sich am Diskurs zu beteiligen.

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Leiterin des Auslandsbüros Italien
Caroline Kanter
Tel. +39 06 6880-9281
Caroline.Kanter(akas.de