Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)

Cees Nooteboom erhält Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung 2010

Der am 31.7.1933 in Den Haag geborene, heute in Amsterdam und auf Menorca lebende Autor Cees Nooteboom (getauft auf den Namen Cornelis Johannes Jacobus Maria) hat bislang mehrere Romane, zahlreiche Erzählungen (zuletzt in: Nachts kommen die Füchse, 2009), eine umfangreiche Essayistik, ein die fünf Erdteile berücksichtigendes reiseliterarisches Werk sowie mehrere Gedichtbände und (mit seiner Frau, der Fotografin Simone Sassen) Bildbände vorgelegt. Zum 75. Geburtstag 2008 erschien im Suhrkamp Verlag eine neunbändige Ausgabe der Gesammelten Werke. Nootebooms Bücher sind in mehr als 15 Sprachen übersetzt und liegen seit 1958 dem deutschen Publikum in Übersetzungen vor. In den Niederlanden gilt er als einer der bekanntesten und renommiertesten Autoren, in Europa und darüber hinaus ist er ein sehr angesehener Schriftsteller.

Erstaunlicherweise hat Nooteboom bislang nicht viele – dafür aber namhafte – Preise erhalten: 2009 den Prijs der Nederlandse Letteren (wichtigster Literaturpreis des niederländischen Sprachraums), 2004 den P.C. Hooft-Preis, 2003 den Österreichischen Staatspreis für europäische Literatur und den Hansischen Goethe-Preis der Alfred-Töpfer-Stiftung, 2001 den Aachener Medienpreis „Médaille Charlemagne“, 2000 den Internationalen Compostella-Preis, 1993 den Literaturpreis zum 3. Oktober und den Europäischen Literaturpreis „Aristeion“, 1992 das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. Bereits 1957 erhielt er den Anne-Frank-Preis. Er ist Ehrendoktor der FU Berlin (2008) und der Katholischen Universität Brüssel (1998) sowie Mitglied der Berliner Akademie der Künste (seit 1993) und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste (seit 1996).

Biographie und Werke

Nooteboom wuchs als „Kriegskind“ auf. Sein Vater kam, als die Familie evakuiert war, durch Bombardements der Engländer ums Leben. Nooteboom ist geprägt von katholischer Erziehung (in den Kloster-Internaten Eindhoven und Venray) und christlichem Wertehintergrund, z.B. in dem Roman Rituale, der zuerst in einem DDR-Verlag (1984) und ein Jahr später in der Bundesrepublik erschien (1985), 1989 auch verfilmt wurde, sowie in dem Berlin-Epos Allerseelen (1999). 2009 wurde Cees Nooteboom als Mitglied einer niederländischen Delegation vom Papst empfangen.

Nach seinem Debüt 1955 mit dem Roman Philip en de anderen (deutsch 1958: Das Paradies ist nebenan) – einem „kleinen Welterfolg“ (Frankfurter Rundschau, 31.7.08), der ihn in den Niederlanden gleichsam über Nacht bekannt machte – hat Nooteboom vor allem Reiseberichte geschrieben, um seinen Unterhalt zu sichern, dann erst 1980 wieder fiktionale Prosa. Ein großer Erfolg wurde 1991 die Erzählung Die folgende Geschichte.

Im Mittelpunkt seiner Werke stehen Menschen, die Orientierung angesichts Wertepluralismus und Globalisierung suchen und dabei von alltäglichen Erfahrungen (Liebe, Reisen, kulturelle Konflikte und Begegnungen) immer wieder auf die letzten Dinge (Alter, Tod und Leben) ausgreifen. Als einer der ersten Schriftsteller seiner Generation hat sich Nooteboom mit der strukturellen Veränderung Europas, seiner Vielfalt und seiner Einheit beschäftigt. Er fordert ein Bewusstsein zur kulturellen Tradition und ein Bekenntnis zur europäischen Erinnerung: einen „klaren Blick auf die Vergangenheit“, um zu erkennen, was „verschwunden ist und noch immer verschwindet“ (Die Zeit, 21.1.2010).

Nootebooms Schreiben folgt einer „Methode des gesteigerten Schauens“, die hinter Alltagsbetrachtungen kulturelle Traditionen, hinter unscheinbaren Ritualen metaphysische Fragen entdeckt; er sucht wie er sagt „das Leben hinter der ersten, der sichtbaren Wirklichkeit“. Er ist ein „Meister der sparsam illustrierten und suggestiven Szene“ (Die Zeit, 26.3.2009). „Inszenierte Biographie“ (Alexander von Bormann) und Zeitgeschichte, historische Bilder und literarische Geschichten, Phantasie und Realistik gehören in seinen Werken zusammen.

Würdigung

Eine Reihe von Literaturpreisträgern der Konrad-Adenauer-Stiftung stammt aus Ost- und Ostmitteleuropa (Louis Begley, die Nobelpreisträgerin 2009 Herta Müller, Adam Zagajewski) oder aus der ehemaligen DDR (Günter de Bruyn, Wulf Kirsten, Uwe Tellkamp). Mit Cees Nooteboom ist nun erstmals ein Autor eines westeuropäischen Nachbarlandes Literaturpreisträger der Stiftung. Er gibt – nach der Innenansicht auf 20 Jahre deutsche Einheit in Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“ (2008) – die Außensicht eines westeuropäischen Nachbarn auf Deutschland wieder.

Nootebooms Nähe zu Deutschland zeigt sich in seinen literarischen Berichten von Berlin ausgehend. Dabei analysiert und reflektiert er die geteilte Stadt ebenso wie die Teilung des Landes. So war er anteilnehmender Augenzeuge der friedlichen Revolution in Deutschland und der Wiedervereinigung. Er hat die Stadt 1989, 1999 und 2008 besucht. Sein Band Berlin 1989/2009 ist persönliche Chronik und historischer Kommentar der einst geteilten, jetzt wiedervereinigten Stadt. Berlin ist nach eigenen Worten „Teil seines Lebens“ (SZ, 6.11.09).

Sein Essay Wie wird man Europäer? (1993) ist der Kern seines auf Versöhnung und Verständigung angelegten literarischen Werkes über den Prozess der europäischen Einigung. Europa, so die These Nootebooms, soll weniger gedacht als vielmehr erfahren und beschrieben werden. Darüber hinaus tritt er für den Dialog der Religionen ein (vgl. seinen Aufsatz „Auge in Auge mit dem Islam“, in: Zeit, 7.10.2004). Seine gesamte Beschäftigung mit dem Ostblock (vom Ungarn-Aufstand 1956 bis zum Mauerfall 1989) zeugt von einer dezidiert antitotalitären, antikommunistischen Grundhaltung.

Politische und literarische Bedeutung

Cees Nooteboom ist ein esprit- und ironievoller, gestalterisch vielfältiger Schriftsteller von internationalem Rang. Als Reiseerzähler „liest“ er fremde Sprach- und Kulturräume, vergleichbar einem „Pilger auf dem Weg in ein fernes Land“ (NZZ, 29.12.2007). Rüdiger Safranski, mit dem ihn eine über 40jährige Freundschaft verbindet, würdigt ihn als einen „politisch wachen Zeitgenossen“ und als „philosophierenden Poeten“. Als neugieriger Wanderer zwischen den Welten baut Nooteboom, ohne sich von Ideologien blenden zu lassen, Verständigungsbrücken zwischen den Kulturen. Er verfolgt als Augenzeuge den „Fluss der Demokratie“ und sorgt sich um das Fortwirken der reichen Tradition der europäischen Kultur. Er verteidigt das „Ideal der Freiheit gegenüber der demaskierten Lüge“ (Die Zeit, 20.11.2008).

Cees Nooteboom

Cees Nooteboom (© Simone Sassen)

Kontakt

Abbildung
Leiter des Referates Literatur
Prof. Dr. Michael Braun
Tel. +49 2241 246-2544
Fax +49 2241 246-52544
Michael.Braun(akas.de