Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)

Das Phänomen der „Sippenhaft“ im nationalsozialistischen Deutschland

„Dann werden wir eine absolute Sippenhaftung einführen. Wir sind danach schon vorgegangen und haben danach schon gehandelt. Die Familie Graf Stauffenberg wird ausgelöscht werden bis ins letzte Glied.“
(Heinrich Himmler am 3. August 1944)



Die Gruppe der „Sonder- und Sippenhäftlinge“ auf der Terrasse des Hotels „Pragser Wildsee“ nach der Befreiung durch die Amerikaner Anfang Mai 1945 (© ZeitgeschichtsArchiv Pragser Wildsee)
Die Gruppe der „Sonder- und Sippenhäftlinge“ auf der Terrasse des Hotels „Pragser Wildsee“ nach der Befreiung durch die Amerikaner Anfang Mai 1945 (© ZeitgeschichtsArchiv Pragser Wildsee)


Kurz nach der „Machtübernahme“ der Nationalsozialisten wurde die Sippenhaft als eine Repressionsmaßnahme gegen die Angehörigen von Regimegegnern eingeführt und vor allem im Umfeld des 20. Juli 1944 als eines von vielen Sanktionsinstrumenten zur Verfolgung, Unterdrückung und Beseitigung der oppositionellen Bewegung eingesetzt. Die im Nationalsozialismus angewandte Sippenhaft ist aus verschiedenen Gründen nicht repräsentativ für das Phänomen der Sippenhaftung. „Sippenhaftung“ im ursprünglichen Sinne bedeutete die Pflicht der engeren oder auch weiteren Verwandtschaft, für die Schuld eines oder mehrerer Angehöriger einzustehen, insbesondere dann, wenn der Schuldige nicht zur Verantwortung gezogen werden kann. Im „Dritten Reich“ war die Sippenhaft eine mit Gewalt erzwungene Sippenhaftung, die als Druckmittel gegen die weitere Verwandtschaft eines Schuldigen eingesetzt wurde und Angehörige mit Freiheit, Vermögen oder Leben haftbar machte: „Der nationalsozialistische Staat greift nicht nur auf die Bezeichnung Sippe wieder zurück , sondern mißt der Zugehörigkeit zu einem durch die Natur zusammengefügten Personenkreis besondere Bedeutung bei. Auf solcher, künftig durch einen Sippenpaß nachzuweisenden Zusammengehörigkeit beruht die strafrechtliche Verantwortung eines zu dem Täter gehörigen engeren Personenkreises für dessen strafbares Verhalten sowie Unterlassung der sittlichen Pflicht zum Handeln (Sippenhaftung). Diese Einstellung entspricht der germanischen Rechtsauffassung." (Der Großer Herder. Nachschlagewerk für Wissen und Leben. Vierte, völlig neubearbeitete Auflage von Herders Konversationslexikon. Elfter Band: Sippe bis Unterfranken. Freiburg im Breisgau 1935. Sp. 1. Vgl. dazu auch: Schmitz-Berning, Cornelia: Vokabular des Nationalsozialismus. Berlin, New York 2000. S. 581.) Analog zu dieser Definition aus dem Konversationslexikon „Der Große Herder“ wurden im „Dritten Reich“ Personen, die den Namen unliebsamer Gegner trugen oder ein verwandtschaftliches Verhältnis zu Verdächtigen oder Verurteilten hatten, auf vielfältige Weise in den Bestrafungsprozess mit einbezogen. Die gesetzeswidrige Sippenhaft war eine Repressionsmaßnahme, die in der Bevölkerung geschickt Angst schürte und tatsächlich nur sporadisch und willkürlich zum Einsatz kam.

Die Einführung der Sippenhaft im nationalsozialistischen Deutschland war durch einen schleichenden Prozess gekennzeichnet, der zu der Entstehung einer Art Mythos um die Repressionsmaßnahme beigetragen haben dürfte. Vielfach gibt es lediglich Anhaltspunkte, die darauf schließen lassen, dass es sich bei einer Strafmaßnahme um eine Form der Sippenhaft handelt. Zahlreiche Beispiele zeigen, dass in den unterschiedlichsten Fällen die Verwandtschaft für das Vergehen eines Angehörigen haftbar gemacht und mit verschiedensten Sanktionen belegt worden ist. Die konkrete Umsetzung dieser Form von Sonderhaft offenbarte sich zum ersten Mal besonders deutlich, als die Gestapo am 13. Juli 1933 vier Verwandte Philipp Scheidemanns verhaftete, nachdem der ehemalige Reichskanzler in der „New York Times“ einen „Schmähartikel“ gegen Deutschland veröffentlicht hatte. Im November 1939 verhaftete die Gestapo nach dem gescheiterten Anschlag auf Adolf Hitler im Bürgerbräukeller auch die Familie des geständigen Attentäters Johann Georg Elser und internierte sie in einem Luxushotel im Berliner Regierungsviertel. Der Begriff „Sippenhaft“ wird in der Forschungsliteratur auch im Zusammenhang mit den Verhaftungen der Mitglieder der „Weißen Rose“ im Februar 1943 explizit genannt, weil ihre Familien von der Gestapo in den Bestrafungsprozess einbezogen wurden und sich umgehend einige charakteristische Züge der Sippenhaft herausbildeten, die auch im Zuge des vergleichsweise umfassenden Einsatzes dieser Repressionsmaßnahme im Umfeld des 20. Juli 1944 wieder hervorstechen sollten. Auch in der Wehrmacht wurde schon vor dem Staatsstreichversuch mit der Sippenhaft als Sanktionsinstrument operiert. In den ersten Kriegsjahren hat der „Reichsführer-SS“ Heinrich Himmler persönlich dafür Sorge getragen, dass die Repressalie gegen die Familien von Deserteuren eingesetzt wurde. Dabei richtete er seinen Fokus zunächst besonders auf „Angehörige der Ostvölker“, im weiteren Verlauf des Krieges aber auch auf die in der Heimat verbliebenen Angehörigen von Deserteuren oder Überläufern.

Schon kurze Zeit nach dem 20. Juli 1944 wurde deutlich, dass auch die Angehörigen der Verschwörer in das Visier der politischen Führung gerieten. Besonders betroffen war die Familie des Attentäters Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Ihr Besitz wurde beschlagnahmt, die Kinder der Brüder Stauffenberg von Gestapo-Beamten abgeholt. Wie alle Kinder der Verschwörer, die von Sippenhaft betroffen und zum Zeitpunkt der Verhaftung nicht älter als 16 Jahre waren, kamen sie nicht in ein Gefängnis oder Konzentrationslager, sondern in ein Kinderheim der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt nach Bad Sachsa im Harz. Dort wurden sie unter einem neuen Namen von dem Personal der NSV betreut. Für die Kinder belastend wirkten in erster Linie die Isolation von der Außenwelt und die Trennung von der Familie. Ende September und Anfang Oktober 1944 wurden die ersten Kinder, deren Mütter aus der Sippenhaft entlassen worden waren, wieder nach Hause gebracht, weshalb bis zum Ende des Jahres 1944 von insgesamt 46 Kindern immerhin 32 das Heim verlassen und in ihr vertrautes Umfeld zurückkehren konnten. Für diejenigen Kinder, die in Bad Sachsa bleiben mussten, eröffnete sich durch den Einmarsch der Amerikaner Mitte April 1945 die Aussicht auf Heimkehr.

Wenngleich Himmler als zweitmächtigster Mann im Reich keinerlei Auftrag benötigte, um an den Familien der Verschwörer Rache zu nehmen, thematisierte der „Reichsführer-SS“ bei einem Treffen mit Keitel und Hitler am 30. Juli 1944 im „Führerhauptquartier Wolfschanze“ dennoch die weitere Vorgehensweise gegenüber den Angehörigen der Widerstandskämpfer. Neben der Aburteilung der Verschwörer durch den „Volksgerichtshof“ und der Errichtung des „Ehrenhofes“ wurden erste Maßnahmen gegen die Familien der Beschuldigten und Verdächtigen festgelegt. Auf Himmlers Vortragszettel zu diesem Termin finden sich folgende Notizen: „1. Gerichtsverfahren, 2. Familie Stauffenberg, 3. Angehörige Seydlitzfamilie“. Das Ergebnis dürfte ihn zunächst zufrieden gestellt haben: Der Befehl zur Sippenhaft gegen die gesamte Familie Stauffenberg wurde ebenso beschlossen bzw. bestätigt wie die Verhaftung der Angehörigen des Generals der Artillerie Walther von Seydlitz-Kurzbach. Seydlitz war die zugkräftige Symbolfigur an der Spitze des „Bundes Deutscher Offiziere“ und am 26. April 1944 wegen Kriegsverrat in Abwesenheit zum Tode verurteilt und sein Vermögen eingezogen worden. Während einige Mitglieder der Stauffenberg-Familie Ende Juli 1944 bereits interniert waren, erfolgte die Verhaftung von Ingeborg von Seydlitz-Kurzbach, der Ehefrau von Walther von Seydlitz-Kurzbach, am 3. August 1944; ihre beiden ältesten Töchter wurden zwei Tage später festgenommen und mit der Mutter in einer Zelle im Gestapo-Gefängnis in Bremen inhaftiert. Himmlers Prioritätensetzung verdeutlicht, dass das Regime die Ereignisse des 20. Juli 1944 zwar in erster Linie für den Einsatz umfassender Repressionsmaßnahmen gegen die Angehörigen der unmittelbar Beteiligten und Mitwisser des Umsturzversuches zu nutzen gedachte, dabei aber auch gleichzeitig die Abrechnung mit den Familien derjenigen Personen forcieren wollte, die sich schon in den Jahren zuvor bei dem Regime unbeliebt gemacht hatten. Im Anschluss an das Treffen im „Führerhauptquartier“ bei Rastenburg setzte nunmehr eine Massenverhaftung von Angehörigen derjenigen Widerstandskämpfer ein, die an dem Umsturzversuch des 20. Juli 1944 beteiligt gewesen waren oder in sowjetischer Kriegsgefangenschaft das Gründungsmanifest des „Nationalkomitees Freies Deutschland“ vom 13. Juli 1943 unterzeichnet hatten. Für den Vollzug der Sippenhaft war seit Anfang August 1944 die Gruppe XI der Sonderkommission unter SS-Sturmbannführer Karl Neuhaus zuständig. Allein in den Monaten Juli und August des Jahres 1944 wurden mehr als 140 Personen als Sippenhäftlinge interniert.

Am 21. November 1944 erfolgte die Institutionalisierung der Sippenhaft im Reichssicherheitshauptamt. Zu diesem Zeitpunkt war die Repressionsmaßnahme gegen die Angehörigen der Verschwörer allerdings schon in den Hintergrund des Interesses des Regimes gerückt. Um die letzten Kräfte mobilisieren zu können, verlagerte sich der Einsatz der Sippenhaft als Druckmittel auf die Soldaten der Wehrmacht, die durch die Androhung des Sanktionsinstruments von der Desertion abgehalten werden sollten.

Die wenigen Sippenhäftlinge, die im Umfeld des 20. Juli 1944 ihre Freiheit verloren hatten und auch in den letzten Kriegsmonaten noch immer in verschiedenen Gefängnissen und Konzentrationslagern interniert waren, wurden mit anderen Sonderhäftlingen zusammengelegt und als Himmlers persönliche Geiseln festgehalten. Die Gruppe dieser SS-Geiseln umfasste Ende April 1945 insgesamt 139 Menschen aus 17 Ländern Europas. Am 28. April 1945 endete ihre Odyssee in Niederdorf, einem kleinen Ort bei Toblach, wo der Kommandant des Hauptquartiers des Oberbefehlshabers Südwest, Hauptmann Wichard von Alvensleben, die Übernahme der weiteren Bewachung sowie den Schutz der SS-Geiseln durch die Wehrmacht organisierte und damit die Befreiung der Gefangenen einleitete.

Johannes Salzig