Geschichte der CDU

Stingl, Josef

Sozialpolitiker, Honorarprofessor, Dr. h. c., * 19.03.1919 Maria-Kulm/Egerland, † 19.03.2004 Leutesdorf/Rhein, römisch-katholisch

Josef Stingl, Portrait. (Quelle: Paul Bouserath/KAS-ACDP)
Josef Stingl, Portrait. (Quelle: Paul Bouserath/KAS-ACDP)

Vor 1938 katholische Jugendbewegung, 1939–1945 Kriegsdienst, Dezember 1945 Vertreibung aus der Tschechoslowakei; 1947 CDU; 1949–1951 Studium an der Deutschen Hochschule für Politik Berlin, 1951 Diplom, 1955–1971 Lehrbeauftragter am Otto-Suhr-Institut; 1953–1968 MdB (1965–1968 stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Sozialpolitik), 1964–1973 Mitglied im CDU-Bundesvorstand und Vorstandsmitglied der CDA, 1964–1969 Vorsitzender des Landesverbands Oder-Neiße; 1968–1984 Präsident der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg; 1970–1984 Lehrauftrag an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer; 1970–1991 Bundesvorsitzender der Ackermann-Gemeinde; 1983–1990 Honorarprofessor für „Berufliche Weiterbildung“ in Bamberg; 1997-2003 Vorsitzender des Arbeitskreises für Geschichte und Wirksamkeit christlich-demokratischer Politik.

Jugend im Egerland

Josef Stingl wurde am 19. März 1919 im egerländischen Maria-Kulm geboren. Der Sohn eines Bäckermeisters gehörte als Sudetendeutscher in der neugegründeten Tschechoslowakei zu einer diskriminierten Minderheit, der die bei den Friedensregelungen 1919 für alle europäischen Völker geforderte Selbstbestimmung verwehrt blieb. In ihrer kulturellen Identität fühlten sich die Sudetendeutschen an das Reich gebunden; innerhalb ihrer Gemeinschaft gab es jedoch dieselben milieutypischen Spaltungen zwischen Sozialisten und Katholiken wie in Deutschland und Österreich. Stingl wurde katholisch erzogen und engagierte sich in der bündischen Jugend, die in den überwiegend katholischen sudetendeutschen Regionen als „Bund Staffelstein“ die bei weitem größte Jugendorganisation war. Aufgrund der Diskriminierung durch den tschechischen Staat fand die 1933 gegründete Henlein-Bewegung, die sich an die NSDAP anlehnte, nicht die scharfe Ablehnung, die dem Nationalsozialismus in Deutschland seitens der Katholiken entgegenschlug. Trotzdem war die politische und religiöse Freiheit im Sudetenland in den 1930er Jahren weit größer als im „Dritten Reich“ oder dem „christlichen Ständestaat“ Österreich nach 1934. Mit der Angliederung der sudetendeutschen Gebiete nach dem Münchener Abkommen 1938 wurde der „Bund Staffelstein“ aufgelöst; jegliche Illusionen über einen möglichen Modus Vivendi mit der NS-Bewegung zerschlugen sich.

Im Zweiten Weltkrieg

Stingl legte im selben Jahr ein Abitur mit hervorragenden Noten ab und wurde anschließend als Fahnenjunker eingezogen; beides Anzeichen für einen nicht selbstverständlichen sozialen Aufstieg. Im Zweiten Weltkrieg absolvierte Stingl als Kampfflieger über 200 Feindflüge und wurde bis zum Oberleutnant befördert. Der Dienst an der Waffe für das Vaterland war auch für dem Regime kritisch gegenüberstehende Katholiken eine Ehrenpflicht. Vorstellungen von einer „Pflicht zur Desertion“ entsprachen nicht dem Denken der damaligen Zeit und sind Forderungen, die sich erst nach Kenntnis der NS-Massenmorde entwickeln konnten. Gerade innerhalb der bündischen Jugend ging man bei aller Distanz zum Nationalsozialismus anfangs mit großer Opferbereitschaft in den Krieg. 1943 heiratete Stingl seine Frau Dorothea; aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor. Bei Kriegsende geriet Stingl in englische Gefangenschaft, wurde jedoch schon nach kurzer Zeit entlassen. Die Vertreibung der sudetendeutschen Bevölkerung aus der wiedererrichteten Tschechoslowakei zwang ihn jedoch schon Ende 1945, mit seiner Familie nach Berlin zu gehen.

Neuanfang in Berlin

In der zerstörten Reichshauptstadt arbeitete er kurzzeitig als Bauarbeiter, bevor er sich als Angestellter einer Wohnungsbaugesellschaft eine neue Existenz aufbaute. Seine Arbeitskraft muss immens gewesen sein, denn er studierte neben seiner Berufstätigkeit von 1949 an bis zum Diplom 1951 an der Deutschen Hochschule für Politik, dem späteren Otto-Suhr-Institut. Parallel zu Beruf und Studium engagierte er sich in der geteilten und umkämpften Stadt in der CDU, in die er 1947 eintrat. Prägend war für ihn auch die Aufbruchstimmung im Berliner Diasporakatholizismus jener Jahre, die mit Konrad Kardinal von Preysing einen Oberhirten hatte, der – auch als persönlicher Freund von Papst Pius XII. – durch seine mutige Haltung gegenüber dem NS-Regime legitimiert, ähnlich wie Erzbischof Frings in Köln ein Sprecher der Deutschen gegenüber den Alliierten wurde. Preysing verband die unzweideutige Stellungnahme für die parlamentarische Demokratie mit klarer Sprache gegenüber der kommunistischen Bedrohung. Stingl engagierte sich Zeit seines Lebens im deutschen Katholizismus; sowohl als Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken als auch auf zahlreichen Katholikentagen.

Im Bundestag

Innerhalb der Union gehörte Stingl dem Arbeitnehmerflügel an, was für den Sohn eines Handwerkers, der zudem auf dem zweiten Bildungsweg studiert hatte, nicht verwundert. Allerdings war er zeitlebens ein Mann des sozialen Ausgleichs. Schon 1953 zog Stingl als einer von 22 Berliner Abgeordneten in den Deutschen Bundestag ein, in dem er sich schnell als Experte für Arbeits- und Sozialfragen profilierte. So spielte er schon 1956/57 eine wesentliche Rolle bei der innerfraktionellen Beratung der Rentenreform. Sie mündete in dem bekannten Kompromiss, eine an der Lohnentwicklung orientierte Rentensteigerung festzulegen, die aber von der jeweiligen Regierung auch ausgesetzt werden konnte. Auch an den damals letztlich gescheiterten Bemühungen zu einer Reform der Krankenversicherung war er beteiligt. Sein zentrales Betätigungsfeld blieb jedoch die Arbeitsmarktpolitik. Mit Hans Katzer gab es dafür einen weiteren Spezialisten in der Fraktion, der sich – als Vorsitzender der CDA mit einer größeren Hausmacht ausgestattet als Stingl – bei der Auswahl für das Amt des Arbeitsministers 1965 durchsetzte. Stingl konnte aber dem erst 1969 verabschiedeten Arbeitsförderungsgesetz noch seinen Stempel aufdrücken.

Präsident der Bundesanstalt für Arbeit

Schon im Mai 1968 war Stingl aus dem Bundestag ausgeschieden, um als Präsident die Leitung der Bundesanstalt für Arbeit zu übernehmen. Er war maßgeblich dafür verantwortlich, die Behörde in eine moderne Dienstleistungseinrichtung umzuwandeln. Ein wesentlicher Schritt dazu war etwa die Einführung elektronischer Datenverarbeitung und die bargeldlose Auszahlung des Arbeitslosengeldes, um das soziale Stigma zu mindern. Unter seiner Leitung wurde insbesondere versucht, mit arbeitsmarktpolitischen Instrumenten die Entstehung von Arbeitslosigkeit zu verhindern. Seine allmonatlichen Fernsehauftritte trugen dazu bei, das Problembewusstsein in der Öffentlichkeit wachzuhalten. Dass ihm seine Stellungnahmen – in den krisengeschüttelten 1970er Jahren nur selten optimistisch – den Spitznahmen „Bundesunke“ einbrachten, hat ihn eher amüsiert. Stingl hatte als Präsident der Bundesanstalt bis 1984 ein gutes Verhältnis zu dem jeweiligen Arbeitsminister gleich welcher Couleur, aber er war auch kein unpolitischer Präsident. Ein verärgerter Bundeskanzler Schmidt, der in ihm den Überbringer schlechter Nachrichten zurückpfeiffen wollte, musste jedenfalls feststellen, dass ihm dazu die dienstrechtliche Handhabe fehlte.

Verbindung zur alten Heimat

Stingl engagierte sich als gebürtiger Egerländer stets auch vertriebenenpolitisch – 1964 bis 1969 war er Vorsitzender des Landesverbandes Oder-Neiße der Union –; dabei war ihm aber immer die Aussöhnung mit den Tschechen ein Anliegen. Schon 1946 in die Ackermann-Gemeinde eingetreten, fungierte er von 1970 bis 1991 als ihr Vorsitzender und gehörte 1991 zu den Unterzeichnern der „Erklärung sudetendeutscher und tschechischer Christen“.

Neben seiner dienstlichen Tätigkeit engagierte sich Stingl zeitlebens in der akademischen Lehre. Seit Abschluss seines Studiums unterrichtete er: Zuerst an der FU Berlin, später an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer und dann an der Universität Bamberg. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete er im Jahre 1988 die Leiterin des Arbeitsamts von Neuwied, Elvira Lougear, und zog zu ihr nach Leutesdorf am Rhein. Seine Tätigkeit für Staat und Gesellschaft wurde mit einer imponierenden Anzahl von Ehrungen gewürdigt. Neben dem Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband erhielt er den Bayerischen Verdienstorden und das Großkreuz des päpstlichen Gregoriusorden. An seinem 85. Geburtstag verstarb Josef Stingl in Leutesdorf.

Stefan Marx / Wolfgang Tischner


Zu Stingl vgl. Günter Buchstab: Josef Stingl (1919-2004). In: HPM 15 (2008), S. 217-232. Der Nachlass wurde von Denise Lindsay M.A. verzeichnet und befindet sich im ACDP (Bestand 01-168).

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