Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Geschichte der CDU

Bürger

Im Bürger als Citoyen verbinden sich aus unterschiedlichen Quellen gespeiste, z. T. sich überlagernde normative Vorstellungen. Da ist zunächst das antike, vor allem aristotelisch geprägte klassisch-republikanische Bürgerideal. Ausgehend von einer engen Symbiose von Bürger und Gemeinwesen hält es Bürgertugenden wie Gemeinsinn und Verantwortung hoch. In dieser Tradition stehen u. a. der Florentiner Bürgerhumanismus des 15. Jahrhunderts, sowie Charles de Montesquieu, Jean-Jacques Rousseau, Alexis de Tocqueville und Thomas Jefferson. Das Gegenbild hierzu stellt der von der Vertragstheorie John Lockes unterstellte individualistische Bürger dar. Es ist u. a. weiterentwickelt worden durch den von John Stewart Mill vertretenen und von Anthony Downs ausgebauten Utilitarismus. Nach diesem funktioniert das interessenbestimmte politische System gerade deshalb, weil jedes seiner Glieder seine Interessen ohne Rücksicht auf den anderen verfolgt. Im Deutschland des frühen 20. Jahrhunderts, in der Weimarer Republik, konkurrierten noch die sozialen Leitfiguren des soldatischen Helden, klassenbewussten Arbeiters, nationalistischen Volksgenossen und pflichtbewussten Staatsbürgers miteinander. Im Gegensatz hierzu hat sich in der Bundesrepublik Deutschland ein unterschiedliche Interpretationen ermöglichendes Bürgerleitbild durchgesetzt. Obwohl hier das republikanische Bürgerideal beschworen wird, herrscht in der Praxis eher der interessengeleitete Bürger vor. Deshalb kam es zu einer Diskussion über die Belebung des Bürgersinnes, die seit Anfang der 1990er Jahre vor allem von der Rezeption des Kommunitarismus bestimmt ist. Dessen Forderungen wie soziale Selbstorganisation und Gemeinsinn haben auch bei CDU und CSU Zustimmung gefunden, die aber nicht von der Selbstverwirklichungsthese ausgehen, sondern entsprechend der christlichen Soziallehre die Sinnerfüllung des Menschen in der Zuwendung zum anderen sehen. Demnach bewährt sich Bürgersinn nicht nur in der politischen Beteiligung, sondern auch im sozialen Miteinander.

Literatur
K. Michalski (Hg.): Europa und die Civil Society (1991); A. Glück: Der Weg zu einer neuen Sozial- und Bürgerkultur (1997); R. Koch (Hg.): Aktive Bürgergesellschaft (1998).

Herbert Schneider