Geschichte der CDU

Stegerwald, Adam

Christlicher Gewerkschafter, Reichs- und Staatsminister, Regierungspräsident, Dr. h. c., * 14.12.1874 Greußenheim/Würzburg, † 03.12.1945 Würzburg, römisch-katholisch

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1894 Schreiner in München; 1899–1902 Vorsitzender des Zentralverbandes christlicher Holzarbeiter; 1903–1920 Generalsekretär des Gesamtverbandes der christlichen Gewerkschaften (Köln); 1916–1918 im Vorstand des Kriegsernährungsamtes; 1917-18 Mitglied des preußischen Herrenhauses; 1919–1929 Vorsitzender des DGB und des Gesamtverbandes der christlichen Gewerkschaften (Berlin); 1919/20 Mitglied der Deutschen Nationalversammlung (Zentrum); 1919–1921 Mitglied der preußischen Landesversammlung und preußischer Volkswohlfahrtsminister; 1921 Ministerpräsident von Preußen; 1920–1933 Mitglied des Reichstages; 1929 Vorsitzender der Zentrumsfraktion; 1929-30 Reichsverkehrs-, 1930–1932 Reichsarbeitsminister; 1933 Verlust aller Ämter; 1944 Rückkehr nach Greußenheim, Inhaftierung nach dem 20.07.1944; 1945 Regierungspräsident von Mainfranken.

Die Entwicklung der christlichen Gewerkschaften ist untrennbar mit dem Wirken Stegerwalds verbunden, unter dessen Führung sie zur zweitstärksten Arbeiterorganisation im Reich aufstiegen. Seine jahrelang unangefochtene Stellung in der christlichen Arbeiterbewegung gründete nicht zuletzt in seinem Einsatz für das in den Gewerkschaften verwirklichte interkonfessionelle Prinzip während des „Gewerkschaftsstreits“ innerhalb des Katholizismus (1900–1912). Stegerwald bekannte sich noch im November 1918 zum „Volkskaisertum“, schwor aber nach der Revolution die im DGB unter seiner Führung zusammengefassten christlichen Arbeitnehmer auf die Stabilisierung der Weimarer Republik ein. Als Zentrumspolitiker übernahm er höchste Ämter in Preußen und im Reich. Dabei verfolgte er das Ideal einer sachorientierten Zusammenarbeit der politischen Kräfte von der DNVP bis zur SPD. Sein parteipolitisches Engagement und sein zeitweiliges Eintreten für die Regierungsbeteiligung der DNVP provozierten Spannungen innerhalb der Gewerkschaften, die erst 1929 mit seinem Ausscheiden aus der Gewerkschaftsspitze beigelegt wurden. 1928 unterlag er als Kandidat um den Vorsitz des Zentrums. In der Sozialpolitik betonte Stegerwald den Vorrang des Gemeinwohls vor isolierten Standesinteressen und erstrebte den Ausgleich zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Als Arbeitsminister im Kabinett Heinrich Brünings (1930–1932) galt er als Garant für den Fortbestand des Sozialstaates. Bereits während des 1. Weltkrieges war Stegerwald ein Verfechter der interkonfessionellen Öffnung des Zentrums, das er 1918 vergeblich zu einer „christlichen Mittelpartei“ umzuformen versuchte. Ebenso unverwirklicht blieb 1920 sein Aufruf zur Gründung einer interkonfessionellen Volkspartei unter der Parole „deutsch, christlich, demokratisch, sozial“ im sogenannten „Essener Programm“. An der Gründung der CSU war Stegerwald von Würzburg aus wenige Wochen vor seinem Tod maßgeblich beteiligt. Dabei stand er in Kontakt mit den Gründern der CDU in Köln, die sich ebenso wie der Gründerkreis in Berlin auf das „Essener Programm“ beriefen.

Literatur
P. Herde, Die Unionsparteien zwischen Tradition und Neubeginn: Adam Stegerwald, in: W. Becker (Hg.), Die Kapitulation von 1945 und der Neubeginn in Deutschland (1987); R. Morsey, Adam Stegerwald - Leben, Werk und Erbe, in: H. Neugebauer (Hg.), Adam Stegerwald (1995). – Bestand: ACDP.

Bernhard Forster