Geschichte der CDU

Strauß, Franz Josef

Landrat, Bundesminister, Ministerpräsident, CSU-Vorsitzender, * 06.09.1915 München, † 03.10.1988 Regensburg, römisch-katholisch

Franz Josef Strauß, Portrait. (Quelle: Paul Bouserath/KAS-ACDP)
Franz Josef Strauß, Portrait. (Quelle: Paul Bouserath/KAS-ACDP)

05.04.1935 Abitur; anschließend Arbeitsdienst; 1936–1939 Studium der Geschichte, Germanistik, Latein, Griechisch, Archäologie und Volkswirtschaft in München; 1941 2. Staatsexamen für das höhere Lehramt; 1939–1945 Kriegsdienst; 1945 stellvertretender Landrat in Schongau; 1946–1949 Landrat und Jugendreferent im bayerischen Kultusministerium; 1948–1949 Mitglied des Wirtschaftsrates; 1949–1978 MdB (CSU); 1953–1955 Bundesminister für besondere Aufgaben, 1955-1956 für Atomfragen, 1956–1962 der Verteidigung, 1966–1969 der Finanzen; 1948–1952 Generalsekretär der CSU; 1961–1988 Vorsitzender der CSU; 1978–1988 bayerischer Ministerpräsident.

Strauß, der aus kleinen bürgerlichen Verhältnissen stammte, strebte zunächst eine Lehrtätigkeit und Universitätslaufbahn an. Bei seinem Kriegsdienst, den er im Rang eines Oberleutnants abschloss, war Strauß zunächst an der Westfront, später in Russland und zuletzt aufgrund von Kriegsverletzungen in der oberbayerischen Heimat eingesetzt. Unmittelbar nach Kriegsende wurde er von der amerikanischen Militärregierung als stellvertretender Landrat in Schongau eingesetzt; im November 1945 zählte Strauß zu den Mitgründern des CSU-Kreisverbands in Schongau. Bereits im Winter 1945-46 erhielt Strauß Zugang zu Josef Müller und einem Kreis politisch Gleichgesinnter, der gegen erhebliche Widerstände dafür eintrat, die CSU in Bayern als eine christlich orientierte, aber gleichwohl überkonfessionelle und kirchenunabhängige, dem Wohle des gesamten Deutschlands verpflichtete und der CDU partnerschaftlich verbundene politische Kraft auszurichten. Trotz seines politischen Engagements – seit Dezember 1946 gehörte er auch dem Landesvorstand der CSU an – hielt sich Strauß zunächst noch die Tür für die ursprünglich angestrebte Beamtenlaufbahn offen. So bekleidete er in den ersten Nachkriegsjahren neben dem Schongauer Landratsamt verschiedene Positionen im bayerischen Kultus- und Innenministerium, zuletzt im Range eines Oberregierungsrates. Geprägt durch die Erfahrungen im Frankfurter Wirtschaftsrat, dem Strauß seit Februar 1948 angehörte, entschied er sich aber für die Politik und kandidierte im Wahlkreis Weilheim erfolgreich für den 1. Deutschen Bundestag. Im Parlament wurde Strauß zwar sofort zum stellvertretenden Vorsitzenden der CSU-Landesgruppe gewählt, sein eigentlicher Durchbruch in die erste Reihe gelang aber erst zweieinhalb Jahre später, als er in der Debatte um den EVG-Vertrag (7./8. Februar 1952) glänzte. Im Sommer des gleichen Jahres wurde er Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Fragen der Europäischen Sicherheit. Bei der Kabinettsbildung nach der Bundestagswahl 1953 konnte und wollte Bundeskanzler Konrad Adenauer an Strauß nicht vorbeigehen. Nach zwei wenig befriedigenden Jahren als Bundesminister ohne Geschäftsbereich wurde Strauß 1955 Bundesminister für Atomfragen. Erst ein Jahr später, als die Bundesrepublik Deutschland mit ihren gegenüber den NATO-Verbündeten eingegangenen Verpflichtungen beim Aufbau der Bundeswehr in ein gefährliches Hintertreffen geraten war, sperrte sich Adenauer nicht mehr länger gegen die Berufung von Strauß zum Verteidigungsminister. In der sechsjährigen Zeit als Verteidigungsminister, der durch die Spiegel-Affäre Ende 1962 ein jähes Ende gesetzt wurde, korrigierte Strauß die Bundeswehrplanung auf realistische Ziele und setzte sie energisch um. Er machte den Anspruch auf Mitbestimmung Deutschlands bei der Formulierung der NATO-Bündnisstrategie erfolgreich geltend und erreichte die Teilhabe der Bundeswehr an nuklearen Trägerwaffen. Im dritten Anlauf gelang es Strauß im März 1961, auch Vorsitzender der CSU zu werden. Neben Respekt und Anerkennung für seine brillante administrative Leistung mehrten sich aber auch Kritik und Ablehnung: Während seine nuklearen Ambitionen für Deutschland insbesondere dem politischen Gegner missfielen, machte sich Strauß innerhalb der Unionsparteien vor allem wegen seines Machtanspruchs und harschen Verhaltensstils viele Feinde. Über alle Parteigrenzen hinweg mehrte sich über die Jahre aufgrund einer Vielzahl von Skandalen bei Beschaffungsprogrammen und Disziplinarangelegenheiten der Bundeswehr Misstrauen und offene Feindschaft gegen ihn. Kurz vor der Spiegel-Affäre suchte Adenauer daher selbst nach einem Weg, sich von Strauß zu trennen. Andererseits stand Strauß als Exponent der Sicherheitspolitik der Bundesrepublik, als offensiver Verfechter des deutschen Selbstbestimmungsrechts und von Adenauers Europapolitik häufig im Zentrum der Angriffe politischer Gegner. Der Tatbeitrag von Strauß selbst bei der Hausdurchsuchung des „Spiegel" im Oktober 1962 und der einhergehenden Festnahme mehrerer leitender Redakteure des Nachrichtenmagazins war gering. Die sich als falsch erweisende Behauptung im Deutschen Bundestag, er habe mit der staatsanwaltschaftlichen Aktion gegen den „Spiegel" nichts zu tun, kostete Strauß am Ende sein Amt. In den folgenden Jahren musste Strauß auch in der CSU heftige Auseinandersetzungen bestehen. Mitte der 1960er Jahre gelang es ihm aber nicht nur, seine innerparteiliche Machtbasis wieder zu festigen, sondern auch, seinen Ruf als fachlich überragender Politiker im Deutschen Bundestag wieder herzustellen. Bei der Bildung der Großen Koalition, der Strauß als Finanzminister angehörte, war seine erneute Berufung ins Bundeskabinett kaum ernstlich umstritten. Nach der für die Union verlorenen Wahl 1969 blieb Strauß noch mehrere Jahre im Deutschen Bundestag, wo ihm, wie auch bereits in seiner heftig umstrittenen Sonthofener Rede, das rasche und entschiedene Umschalten auf die Oppositionsrolle gelang. Sein Ansehen als kraftvollster Widersacher der sozial-liberalen Bundesregierung trug ihm im Sommer 1979 die am Ende gescheiterte Spitzenkandidatur der Unionsparteien für die Bundestagswahl 1980 ein. 1978 hatte er sich für den Abschied von Bonn entschieden und als bayerischer Ministerpräsident sein letztes großes Amt übernommen, das er bis zu seinem unerwarteten Tod 1988 inne hatte. Bereits in den Bonner Oppositionsjahren hatte er mit bundespolitischem Blick großen Einfluss auf die von der CSU gestellte bayerische Landesregierung genommen. Am sichtbarsten wurde dies bei der Verfassungsklage Bayerns gegen den innerdeutschen Grundlagenvertrag, die zu dessen verfassungskonformer Interpretation führte. Damit konnte Strauß entscheidend zum rechtlichen Offenhalten der deutschen Frage beitragen. Aufmerksam registriert wurde in jenen Jahren die ausgedehnte internationale Reisetätigkeit von Strauß, die ihn neben regelmäßigen Gesprächen in den westlichen Hauptstädten und Israel auch zu vielen Diktatoren der Welt führte. Während die erste Begegnung eines deutschen Politikers mit Mao ihm Lob und Neid einbrachte, waren seine Begegnungen mit dem chilenischen Junta-Führer Augusto Pinochet, die ihm überdies eine Ehrenprofessur der Universität von Santiago de Chile eintrug, kaum von Beifall begleitet. Den Bruch der sozial-liberalen Bundesregierung im Herbst 1982 verfolgte Strauß im wesentlichen als Zuschauer in der bayerischen Staatskanzlei. Sein Drängen auf sofortige Neuwahlen, die vermutlich das Ende der Liberalen bedeutet hätten, war vergeblich; Helmut Kohl, der bei der FDP im Wort stand, schuf Fakten, die aus München nicht zu ändern waren. Zwar hatte Strauß als Vorsitzender einer der neuen Koalitionsparteien auch in seinen letzten Lebens- und Schaffensjahren noch erheblichen Einfluss auf die Politik der Bundesregierung. Die Gewährung eines Milliarden-Kredits für Ost-Berlin geht im wesentlichen auf sein Bestreben zurück. Strauß, der das Selbstverständnis eines pragmatischen Konservativen hatte und der insbesondere mit Blick auf seinen wirtschafts- und strukturpolitischen Kurs als konservativer Modernisierer charakterisiert werden kann, ist auch als konzeptioneller Politiker in Erscheinung getreten. Die scharfen Attacken, die er aus vielen Lagern erfahren hatten, ließen gegen Ende seiner Karriere nach, und bei seinem Tod überwog in der öffentlichen Meinung sogar die Anerkennung.

Literatur
Die Erinnerungen (1989). – W. Krieger: Franz Josef Strauß – der barocke Demokrat aus Bayern (1995); Ders., in: U. Kempf/H.-G. Merz (Hg.), Kanzler und Minister 1949–1998 (2001). – Bestand: ACSP.

Peter Siebenmorgen