1971-1973: In der Opposition - Rainer Barzel
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Rainer Barzel und Kurt Georg Kiesinger auf dem Bundesparteitag 1969 in Mainz. |
Von der Kanzler- zur Fraktionspartei
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Rainer Barzel, Ludwig Erhard und Helmut Kohl auf dem Bundesparteitag 1971 in Saarbrücken. |
Die Oppositionsjahre der Union waren auch eine große Zeit der CSU und ihrer „konkurrierenden Kooperation“ (H. Oberreuter) in der Bundespolitik. Mit Franz Josef Strauß als Parteivorsitzendem und prominentem Bundestagsabgeordneten steigerte die CSU bis 1974 ihren Anteil in den Landtagswahlen auf 62,1% Stimmen und bei der Bundestagswahl 1972 auf 55,1% der Stimmen in Bayern. Mit mehr als einem Fünftel der Abgeordneten von CDU/CSU im Bundestag konnte sie auch bundespolitisch einen größeren Einfluss ausüben, zumal sie bei strittigen außen- und gesellschaftspolitischen Fragen als Block innerhalb der Fraktion agierte. Die Einheit der Union, wie sie in der Fraktionsgemeinschaft seit 1947 zum Ausdruck kam, hatte sich immer wieder am Problem Strauß zu beweisen. Person und Stil des bayerischen Parteiführers zogen einerseits das konservative, nationalliberale-bürgerliche Lager an. Das ergab für die Wahlerstammsituation von CDU und CSU einen positiven Effekt. Andererseits aber wurde Strauß als Wortführer eines antisozialistischen, staatlichen Ordnungsdenkens zur Schreckgestalt für linke Meinungsmacher, zur negativen Identifikationsfigur in Wahlkämpfen, wie insbesondere im Anti-Strauß-Wahlkampf 1980, als der bayerische Ministerpräsident Kanzlerkandidat der Union war.
Als „Regierungsformation von morgen“ konnte sich die Union mit Aussicht auf Erfolg nur präsentieren, wenn sie die Oppositionsaufgabe auch als „Chance zur personellen, organisatorischen und sachlichen Erneuerung“ wahrnahm. Das Bemühen um Regeneration der Christlichen Demokratie wurde so zu einem Teil ihres politischen Kampfes mit den regierenden Sozial-Liberalen. Opposition bedeutete für die Union nicht nur Konzentration auf das parlamentarische Ringen mit der SPD/FDP-Regierung, sondern auch ständige innere Auseinandersetzung. Wie eine Grundmelodie durchzog der Streit über den richtigen Oppositionskurs die Unionspolitik bis 1982, stets in enger Verknüpfung mit Kontroversen über die aktuellen politischen Fragen und – jeweils vor den Bundestagswahlen – über den gemeinsamen Kanzlerkandidaten. Der Strategie der konstruktiven Opposition, die Barzel und die Fraktionsmehrheit verfolgten, stellten Strauß und seine CSU, aber auch namhafte CDU-Politiker eine Strategie der harten Konfrontation gegenüber. Die Hardliner gingen nach der Wahlniederlage von 1972 sogar so weit, ein Sammelbecken rechts von der CDU in einer vierten Partei organisieren zu wollen, um dem SPD/FDP-Bündnis eine Zweierformation der breitesten politischen Mitte entgegensetzen zu können.
Inhalte der Oppositionspolitik
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Rainer Barzel als Oppositionsführer im Deutschen Bundestag. |
In der Innenpolitik lagen die Akzente der Oppositionsarbeit auf der Gesellschaftspolitik (Vermögensbildung mit Burgbacher-Plan 1970, Mitbestimmung, Bildungsreform) und auf den Fragen der Inneren Sicherheit, die von den terroristischen Anschlägen der „Baader-Meinhof-Bande“ bedroht wurde. CDU und CSU stellten mit „quasi gouvernementalen“ Anspruch dem sozial-liberalen Konzept der Inneren Reformen eine christlich-demokratische Alternative mit vielen Einzelgesetzentwürfen entgegen. Die Opposition arbeitete einfallsreich, fleißig und angriffsfreudig. In der Bundestagswahl 1972, die, hochstilisiert zu einer Entscheidung zwischen zwei politischen Grundrichtungen; ja Wertordnungen, eine einmalige Mobilisierung des Wählervolks bewirkte, erfuhr die Christliche Demokratie jedoch eine empfindliche Niederlage. Zum ersten Mal musste sie die Rolle der stärksten politischen Kraft an die Sozialdemokratie abtreten. Sie musste sich eingestehen, dass sich Sozialdemokraten und Liberale mit ihrem Appell an neue Lebensstile, an die Individualisierung der Lebensgestaltung und die Bereitschaft zur Veränderung auf den gesellschaftlichen Wandel, der seit Mitte der 1960er Jahre in der Bundesrepublik die Nachkriegszeit zu Ende brachte, wesentlich besser eingestellt hatten. Die CDU, auf deren Konto die Stimmenverluste gegangen waren, sah sich in der Folge zunehmenden Gleichberechtigungsforderungen von Seiten der CSU ausgesetzt, die sich gut behauptet hatte. Zum ersten Mal wurde zwischen beiden Parteien ernsthaft die Trennung von der Fraktionsgemeinschaft im Deutschen Bundestag erwogen. Als der deutsch-deutsche Grundlagenvertrag und der UNO-Beitritt beider deutschen Staaten zur Debatte stand, zeigten sich die Verwerfungen innerhalb der Union in ihrer ganzen Tiefe, besonders augenfällig im bayerischen Alleingang der Verfassungsklage zur Prüfung des Grundlagenvertrags. Ein geschlossenes Votum kam nicht zustande. Daran scheiterte Barzel: Er trat zurück, als die Fraktion auch in der Frage des UNO-Beitritts seinen Empfehlungen nicht folgte (9. Mai 1973).
Hans-Otto Kleinmann
Literatur
H.-J. Veen, Opposition im Bundestag. Ihre Funktionen, institutionellen Handlungsbedingungen und das Verhalten der CDU/CSU-Fraktion in der 6. Wahlperiode 1969-1972 (1973); R. Wildenmann, CDU/CSU: Regierungspartei von morgen – oder was sonst?, in: R. Löwenthal / H.-P. Schwarz (Hg.), Die zweite Republik. 25 Jahre Bundesrepublik Deutschland. Eine Bilanz (1974); C. Hacke, Die Ost- und Deutschlandpolitik der CDU/CSU. Wege und Irrwege der Opposition seit 1969 (1975); G. Pridham, Christian Democracy in Western Germany. The CDU/CSU in Government and Opposition, 1945-1976 (1977); D. A. Seeber, Geläuterter Konservatismus. Die Union nach 12 Jahren Opposition, in: Herder-Korrespondenz 36 (1982); U. Schmidt, Die Christlich-Demokratische Union Deutschlands, in: R. Stöss (Hg.), Parteien-Handbuch. Die Parteien der Bundesrepublik Deutschland 1945-1980, 1 (1983); W. Schönbohm, Die CDU wird moderne Volkspartei. Selbstverständnis, Mitglieder, Organisation und Apparat 1950-1980 (1985); K. D. Bracher u.a., Republik im Wandel 1969-1974. Die Ära Brandt (1986); F. J. Strauß, Die Erinnerungen (1989); H.-O. Kleinmann, Geschichte der CDU (1993); P. Bender, Die „Neue Ostpolitik“ und ihre Folgen. Vom Mauerbau bis zur Vereinigung (3. Auflage, 1995); A. Baring, Die Ära Brandt-Scheel (1998); F. Bösch, Macht und Machtverlust. Die Geschichte der CDU (2002); H. Kohl, Erinnerungen 1930-1982 (2004); A. Grau, Gegen den Strom. Die Reaktion der CDU/CSU-Opposition auf die Ost- und Deutschlandpolitik der sozial-liberalen Koalition 1969-1973 (2005); Auf dem Weg in die Moderne? Die Bundesrepublik Deutschland in den siebziger und achtziger Jahren, hg. von T. Raithel, A. Rödder und A. Wirsching (2009); Die Protokolle des CDU-Bundesvorstandes (bearb. von G. Buchstab), Bd. 6: 1969-1973 (2009).



