Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Geschichte der CDU

Gemeinwohl

Der Begriff Gemeinwohl (lat.: bonum commune; engl.: common good), ist normativer Bezugspunkt jeder praktischen Politik, Grundbegriff jeder Sozialtheorie; eine besondere Ausformung hat das Gemeinwohl in der katholischen Soziallehre erfahren. Gemäß klassischer Definition wird Gemeinwohl verstanden als Inbegriff der Mittel und Chancen, die in sozialer Kooperation und Organisation bereitzustellen sind, damit der einzelne, die Familien und die Gruppierungen im Gemeinwesen ihre eigenen Werte und Ziele angemessen verwirklichen können. Das Gemeinwohl beinhaltet demnach die Summe all jener Werte, die Voraussetzung dafür sind, dass alle ihre Werte verwirklichen können (Gemeinwohl als Dienstwert bzw. instrumenteller Gemeinwohlbegriff).

Im Unterschied hierzu kann das Gemeinwohl auch als Ziel der Gesellschaft aufgefasst werden, die als eigenständige Größe angesehen wird; Gemeinwohl meint dann „den durch Zusammenwirken aller Glieder zu verwirklichenden Wert oder Inbegriff von Werten oder, was sachlich dasselbe ist, das ihnen allen gemeinsame Wohl“ (Oswald von Nell-Breuning). Gemeinwohl intendiert demnach „das personale Wohl aller Gesellschaftsglieder, sofern es nur in sozialer Kooperation erstrebt werden kann“ (Arno Anzenbacher); es hat Selbstwertcharakter, schließt jedoch die Selbstzweckhaftigkeit der Personen ein und ist somit im strengen Sinn ein „personhaftes, nicht ein irgendwie freischwebendes Gut“ (Walter Kerber). Gemeinwohl in diesem Sinne wird auch als Gemeingut bezeichnet. Dessen Vorrang vor dem Einzelwohl gilt allerdings nur, „insofern und insoweit der Mensch als Glied einem bestimmten Sozialgebilde verpflichtet ist“ (Joseph Höffner).

Für das Gemeinwohl als personhaftem Gut stellen die Menschenrechte unverzichtbare Normen der politisch-gesellschaftlichen Ordnung dar. Neben Freiheitsrechten sind dies insbesondere politische und gesellschaftliche Teilhaberechte. Das Gemeinwohl intendiert demnach die Rahmenbedingungen für die Realisierung sozialer Gerechtigkeit (u. a. Absicherung der materiellen Lebensgrundlage, Förderung von Einkommens- und Wirtschaftswachstum sowie von Wohlstand), aber auch ideelle Aspekte. Im Unterschied zu kollektivistischen und sozialistischen Theorien mit ihrem etatistischen Gemeinwohlverständnis bemisst sich im christlich-demokratischen Gesellschafts- und Politikverständnis die Zuständigkeit des Staates bezüglich des Gemeinwohls am Subsidiaritätsprinzip: Der Staat ist wohl Garant des Gemeinwohls, er setzt die Rechtsordnung und besorgt die innere und äußere Sicherheit, doch leistet er in wirtschaftlicher, kultureller und sozialpolitischer Hinsicht Dienste nur soweit, als die einzelnen und die Gliedgemeinschaften hierzu nicht in der Lage sind.

Gegenüber betont individualistischen Theorien rücken die vor allem im angelsächsischen Denken beheimateten Kommunitaristen die sozialen Werthaltungen und Tugenden wieder verstärkt ins Blickfeld. Sie verweisen auf den Bürger- und Gemeinsinn als notwendige Grundlage pluralistischer Gesellschaften, auf die Bedeutung von Gemeinschaften für die Identitätsstiftung und für das Wertbewusstsein des einzelnen; und sie appellieren an die Verantwortung der Bürger für die Gesellschaft und das Gemeinwohl.

Literatur
J. Messner: Das Gemeinwohl (1962); D. Wendland: Person und Gesellschaft in evangelischer Sicht (1965); O. von Nell-Breuning: Gerechtigkeit und Freiheit (1980); A. Anzenbacher: Christliche Sozialethik (1997); U. Nothelle-Wildfeuer: Soziale Gerechtigkeit und Zivilgesellschaft (1999); Dies.: Die Sozialprinzipien der katholischen Soziallehre, in: A. Rauscher (Hg.): Handbuch der Katholischen Soziallehre, S. 143-163 (2008).

Ursula Nothelle-Wildfeuer