Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Geschichte der CDU

Deutschlandpolitik

Die Deutschlandpolitik der Bundesrepublik ist in erheblichem Maß von der CDU und CSU gestaltet worden. Während der Teilung Deutschlands lag die letzte Verantwortung für den deutschlandpolitischen Kurs insgesamt 28 Jahre lang bei Bundeskanzlern der CDU, die zumeist zugleich Parteivorsitzende waren. Seitdem sich Konrad Adenauer, erst als Vorsitzender der CDU in der britischen Besatzungszone, dann als Bundeskanzler innerparteilich voll durchgesetzt hatte, wies die CDU in den Grundfragen der Deutschlandpolitik ein hohes Maß an Geschlossenheit auf. Nur in den Jahren der Oppositionszeit 1969–1982 wurden die Unionsparteien durch innerparteiliche Auseinandersetzungen über die „neue Ostpolitik“ erschüttert. Wichtige Weichenstellungen für die Deutschlandpolitik der CDU erfolgten bereits in den Jahren der Besatzungsherrschaft 1945–1949. Die von Berlin aus operierende Führungsgruppe um Jakob Kaiser, der zeitweilig einen gesamtdeutschen Führungsanspruch erhob, proklamierte damals das vage Ziel, Deutschland solle sich als „Brücke zwischen Ost und West“ verstehen. Dem lag vor allem die Sorge vor einer Sowjetisierung der SBZ zugrunde, falls es nicht gelingen würde, auf den Deutschlandkonferenzen des Jahres 1947 zwischen den westlichen Besatzungsmächten und der Sowjetunion Kompromisse über die innere Ordnung und den internationalen Status Gesamtdeutschlands zu erzielen.

Ära Adenauer

Allem Anschein nach hielt Adenauer schon relativ früh eine Einigung zwischen den USA und Großbritannien mit der Sowjetunion und deren Zurückdrängung aus der SBZ für schwer vorstellbar. Seine Priorität lag bei der Konsolidierung des westlichen Deutschland (Westintegration). So begrüßte er die westliche Ermächtigung, einen „Weststaat“, die Bundesrepublik Deutschland, zu errichten, der immerhin drei Viertel der Bevölkerung Deutschlands umfassen würde. Dieser Kernstaat im Westen mit seiner Wirtschaftskraft könnte als Magnet auf die schwächere, durch hohe Reparationen und ineffektive Sowjetisierung zusätzlich verarmte „Ostzone“ wirken, wie die DDR westlicherseits noch weit bis in die 1960er Jahre hinein bezeichnet wurde. Die 1948 von der Sowjetunion über West-Berlin verhängte Blockade führte zu einer ersten Phase heftiger Ost-West-Konfrontation (Ost-West-Konflikt). Vermittelnde Lösungen der deutschen Frage, wie sie von Kaiser und seinen politischen Freunden, teilweise auch noch von Unionspolitikern im Westen, angestrebt worden waren, kamen nicht mehr zum Zuge. Kaiser selbst wurde von der Sowjetischen Militäradministration als Vorsitzender der CDU abgesetzt und steuerte von nun an einen ziemlich vorbehaltlosen Westkurs. 1949 holte ihn Adenauer als Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen ins Kabinett, wo er bis 1957 als eine Art „gesamtdeutsches Gewissen“ wirkte. Die CDU in der DDR spielte deutschlandpolitisch keine eigenständige Rolle mehr. Unmittelbar nach Bildung der ersten Bundesregierung legte die Regierung Adenauer die im Wesentlichen bis Ende der 1960er Jahre durchgehaltene deutschlandpolitische Doktrin fest. Danach verstand sich die Bundesrepublik Deutschland als demokratisch allein legitimierter deutscher Kernstaat in der Rechtsnachfolge des Deutschen Reiches. Entsprechend der Präambel des Grundgesetzes sah sie ihre Aufgabe darin, als eine Art Treuhänder des zerbrochenen deutschen Nationalstaats und des Freiheitsgedankens darauf hinzuwirken, „in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden“. Nachdem die Bundesrepublik diplomatische Vertretungen errichten konnte, war sie lange Zeit erfolgreich bemüht, eine diplomatische Anerkennung der DDR in der Staatenwelt außerhalb des Ostblocks zu verhindern. Auch als sich Adenauer 1955 zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit der Sowjetunion bereit fand, obschon diese die DDR völkerrechtlich anerkannt hatte, wurde die Grundlinie internationaler Isolierung der SBZ fortgesetzt.

Die „Hallstein-Doktrin“ stellte allen Staaten, die mit der Bundesrepublik diplomatische Beziehungen unterhielten und gleichzeitig die DDR anerkennen würden (wie Jugoslawien 1957), den Abbruch der diplomatischen Beziehungen in Aussicht. Auch mit den Ostblockstaaten, die ebenfalls die DDR von Anfang an anerkannt hatten, wurden deshalb keine diplomatischen Beziehungen aufgenommen. Nichtanerkennung, Vermeidung aller politischen Kontakte und internationale Isolierung der DDR entsprachen der defensiven Grundlinie Adenauerscher Deutschlandpolitik. Für das Ziel einer Wiedervereinigung „in Frieden und Freiheit“ verfolgte Adenauer einen indirekten Ansatz. Vorrangig erschien ihm die Konsolidierung der Bundesrepublik als Bestandteil des westlichen Lagers. Zugleich suchte er die Westmächte auf die Verpflichtung festzulegen, an der Wiedervereinigung Deutschlands „in Frieden und Freiheit“ mitzuwirken, also ohne Risiko für die demokratische Entwicklung. Dabei hätten alle diesbezüglichen Verhandlungen und Lösungsansätze der deutschen Frage nicht gegen den Willen der Bundesrepublik zu erfolgen. Solange keine konkreten Schritte zu einer Wiedervereinigung machbar erschienen, musste es wenigstens gelingen, die deutsche Frage mit Unterstützung der Westmächte offen zu halten. Da die Bundesrepublik bis 1955 nicht souverän war und solange die unterschiedlichsten Verträge mit dem Ziel fester Westbindung (Montan-Union, Europäische Verteidigungsgemeinschaft, danach die Mitgliedschaft in der NATO und der WEU) nicht unter Dach und Fach waren, beurteilte Adenauer Viermächteverhandlungen über Deutschland skeptisch. Da er bestrebt blieb, die Westmächte von übereilten und potentiell riskanten Verhandlungen abzuhalten, war er auch der Meinung, die Bundesregierung selbst dürfe keinerlei eigene, nicht abgestimmte Vorstöße unternehmen, um keine westlichen „Rapallo-Ängste“ zu schüren.

Sofern er sich überhaupt darauf einließ, die Frage des internationalen Status eines wiedervereinigten Deutschland näher zu umschreiben, schien ihm nur eine Lösung akzeptabel, die sicherstellte, dass auch das wiedervereinigte Deutschland den westlichen Gemeinschaften – EGKS, EVG bzw. NATO – angehören müsse oder doch wenigstens dürfe, so es dies wünsche. Von Bedeutung war in diesem Zusammenhang seine Befürchtung, die Nationale Volksarmee mit dem Rückhalt der Roten Armee könne, nach Analogie des Korea-Krieges und angesichts der 1950 und 1951 sehr schwachen westlichen Truppenstärke in der Bundesrepublik, durch Besetzung großer Teile des Landes vollendete Tatsachen schaffen. Der Aufbau westdeutscher Streitkräfte, die allerdings voll in die westliche Verteidigungsgemeinschaft integriert sein sollten, erschien deshalb als vorrangiges Ziel. Verhandlungen mit der Sowjetunion über die deutsche Frage mit dem möglichen Ziel eines blockfreien Deutschland und mit der Konsequenz eines Rückzugs der amerikanischen Streitkräfte aus der Bundesrepublik hätten diesen zentralen sicherheitspolitischen Aspekt der Westbindung verhindert.

In diesem Punkt stieß Adenauer allerdings nicht nur auf Bedenken der Opposition, sondern auch innerhalb der CDU. Jakob Kaiser und andere neigten angesichts der sowjetischen Notenoffensive vom Frühjahr 1952, in der mit der Wiedervereinigung eines blockfreien Deutschland und eventuell mit freien Wahlen gelockt wurde, dazu, die Verhandlungsbereitschaft Stalins zu testen. Adenauer befürchtete indes den Beginn langgezogener Verhandlungen, in deren Verlauf die westliche Bereitschaft zum Abschluss der Westverträge dahinschwinden könnte, und lehnte dies deshalb ab. In der Öffentlichkeit war es noch Jahrzehnte später umstritten, ob Adenauer (und mit ihm die CDU) 1952 nicht eine einmalige Gelegenheit für eine Wiedervereinigung verpasst habe. Inzwischen bekannt gewordene sowjetische Dokumente bestätigen jedoch die schon damals geäußerte Vermutung, dass Stalin vorrangig eine Propaganda-Offensive mit Blick auf die Bundestags-Wahlen 1953 in Gang zu setzen wünschte. Adenauer war schon früh der Auffassung, eine Lösung der deutschen Frage „in Frieden und Freiheit“ werde nur nach Abflauen der weltweiten Ost-West-Spannungen (Entspannungspolitik) möglich sein, bei einem Gesamt-Arrangement über alle in Europa strittigen Fragen und in einer Schwächeperiode der Sowjetunion. Dies waren die Grundgedanken der „Politik der Stärke“. Es war dies vor allem eine Politik des geduldigen Abwartens. Die Kritik, seine indirekte Strategie bemäntele nur seine fehlende Bereitschaft zu ernsthafter Wiedervereinigungspolitik, ließ er nicht gelten. Realpolitische Überlegungen, so argumentierte er, müssten den Vorrang vor gesamtdeutschen Wünschbarkeiten haben.

Mitte der 1950er Jahre waren die Westverträge abgeschlossen, es begann auch der Aufbau der Bundeswehr. 1957 konnten die Römischen Verträge auf den Weg gebracht werden. Die Verankerung der Bundesrepublik im Westen, zugleich auch ein erstaunliches Comeback der westdeutschen Wirtschaft war erreicht. Selbst die Magnettheorie erwies insofern ihre Wirksamkeit, als vor dem Mauerbau 1961 eine große Zahl Deutscher aus der DDR in die Bundesrepublik flohen (1949–1961: 2.691.270). Zugleich aber zeigte sich, dass die sowjetische Regierung entschlossen war, die DDR nicht mehr aus ihrem Machtbereich zu entlassen und deren völkerrechtliche Anerkennung durchzusetzen. Da die Sowjetunion inzwischen über Atom- und Wasserstoffbomben verfügte, Langstreckenraketen entwickelte, im Weltraum spektakuläre Erfolge erzielte und in Mitteleuropa die stärksten konventionellen Armeen stationiert hatte, erschien jede Hoffnung, sie durch Druck oder durch wirtschaftliche Angebote aus der DDR zu entfernen, illusionär. Die defensiven Elemente der Adenauerschen Deutschlandpolitik traten nun deutlicher zu Tage. Vertrauliche, vielleicht nur taktisch formulierte Fragen des Bundeskanzlers, ob es nicht denkbar sei, „der sowjetische Zone den Status Österreichs zu geben“, ignorierte die sowjetische Führung. Während der langen, von 1958 bis 1962 andauernden Berlin-Krise war Adenauer voll damit beschäftigt, den Zusammenbruch aller deutschlandpolitischen Positionen zu verhindern. Das ist ihm gelungen, doch nur um den Preis des Immobilismus. Immerhin war es schon ein großer Erfolg, in ziemlich aussichtsloser Lage und angesichts deutlicher Nachgiebigkeit der USA und Großbritanniens den Status West-Berlins, damit die Freiheit der West-Berliner, zu verteidigen. Die deutsche Öffentlichkeit hat dieses Verdienst bis heute nicht gebührend gewürdigt.

1960er Jahre

Alternativen zur erstarrten Deutschlandpolitik speiste seit der zweiten Hälfte der 1950er Jahre vor allem die SPD in die Debatte ein. Bei deren Führung setzte sich zunehmend die Auffassung durch, an einem wie auch immer gearteten Dialog mit der DDR-Regierung – etwa in gesamtdeutschen Kommissionen – werde kein Weg vorbeiführen. In der CDU blieb es in dieser Hinsicht vergleichsweise ruhig. Auch Adenauers Nachfolger im Kanzleramt sahen sich darauf beschränkt, den Status quo in der deutschen Frage zu verteidigen. Schon unter Ludwig Erhard zeichnete sich ab, dass die DDR nach dem Mauerbau mit dem in Berlin verständlicherweise sehr starken Verlangen nach einer Passierscheinregelung ein weiteres Druckmittel in der Hand hielt. Bundesaußenminister Gerhard Schröder (1961–1966) verfolgte im Ostblock-Bereich mit der Eröffnung von Handelsvertretungen und mit der „Friedensnote“ (1966), die einen Gewaltverzicht anbot, zwar eine flexiblere Politik, doch weiterhin verbunden mit dem Bemühen, die DDR zu isolieren. Im Übrigen aber begann sich nun auch in der CDU und CSU die Auffassung durchzusetzen, das Ziel der „menschlichen Erleichterungen“ rechtfertige doch manches. Zudem ließ die Einsperrung der DDR-Bevölkerung auch befürchten, ohne eine Wiederingangsetzung der menschlichen Kontakte werde früher oder später auch die emotionale Basis der deutschen Einheit der Erosion anheimfallen. Schon in der Spätzeit von Adenauers Kanzlerschaft war die Frage der „menschlichen Erleichterungen“ zusehends stärker in den Vordergrund der Überlegungen gerückt.

„Neue Ostpolitik“

In der Großen Koalition (1966–1969) mit dem SPD-Vorsitzenden Willy Brandt als Bundesaußenminister und mit Herbert Wehner als gesamtdeutscher Minister gerieten die Unionsparteien vollends in die Position des deutschlandpolitischen Bremsers. Wieweit Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger gegangen wäre, wenn er 1969 die neue Bundesregierung hätte bilden können, lässt sich nur spekulativ beantworten. Die „neue Ostpolitik“ von Bundeskanzler Brandt und Egon Bahr stürzte die CSU/CSU-Fraktion in Verwirrung. Rainer Barzel und seine Anhänger plädierten für einen vorsichtigen Kurs der Nachbesserung nach dem Motto „So nicht“. Eine Minderheit, zu der auch der spätere Bundespräsident von Richard von Weizsäcker gehörte, sprach sich für ein Ja aus, vor allem auch mit Blick auf den Warschauer Vertrag. Eine Fraktionsmehrheit tendierte längere Zeit zur Ablehnung. Befürchtet wurde von vielen, die Ostverträge seien auf Seiten der SPD nur der Anfang einer Politik der Annäherung an die Sowjetunion. Weit verbreitet in der CDU und CSU war damals auch die Besorgnis, indem man die Kommunisten in Ost-Berlin durch Anerkennung hoffähig mache, eröffne man ihnen zugleich Tür und Tor für offene und verdeckte Einflussnahme auf die Bundesrepublik. Das war ja tatsächlich dann auch der Fall, wie aus den nach 1990 zugänglichen DDR-Akten hinlänglich zu belegen ist. Zu den besonders bedingungslosen Gegnern des Warschauer Vertrags gehörten naturgemäß die Abgeordneten aus dem Vertriebenen-Lager der Unionsparteien.

Starkes Gewicht bei Ablehnung der DDR als Staat hatte auch das moralische Argument. Durfte ein freier deutscher Staat vor dem Hintergrund der jüngsten deutschen Geschichte wirklich die Bereitschaft aufbringen, den nach dem Dritten Reich zweiten totalitären Staat anzuerkennen und mit seinen Repräsentanten friedlich-schiedlichen, wenn nicht gar freundschaftlichen Umgang pflegen? Da die Regierung Brandt aufgrund der Übertritte von Abgeordneten zur Opposition im Bundestag keine Mehrheit mehr hatte, gelang es der CDU/CSU-Fraktion, auch die Regierungsfraktionen zu einer Gemeinsamen Erklärung vom 17. Mai 1972 zu veranlassen. Darin waren unter anderem aufgelistet: der Friedensvertragsvorbehalt, unter dem auch die Ostverträge stünden, die Weitergeltung des Deutschlandvertrags von 1954, das Moskauer Abkommen von 1955, womit besonders der von Adenauer damals ins Spiel gebrachte „Brief zur deutschen Einheit“ gemeint war, das Selbstbestimmungsrecht mit dem Ziel der friedlichen „Wiederherstellung der nationalen Einheit in europäischem Rahmen“, die Berlin-Bindungen sowie die Bekräftigung der Rechte und Verantwortlichkeiten der Vier Mächte in Bezug auf Deutschland als Ganzes und auf Berlin. Diese Erklärung konnte der Sowjetunion als offizielles Dokument der Bundesrepublik als zusätzliches Mittel der Vertragsauslegung gemäß § 32 der Wiener Konvention vor Abschluss der Ratifikation überreicht werden.

Eine Zustimmung der CDU/CSU-Fraktion zu den Verträgen von Moskau und Warschau war aber dennoch nicht möglich. Um ein Auseinanderfallen zu vermeiden, einigte sich die Fraktionsmehrheit auf Enthaltung und ließ damit das Vertragswerk passieren. Zwar war die Führung in der Deutschlandpolitik seit Bildung der sozial-liberalen Koalition eindeutig auf diese übergegangen, doch immerhin war es der Union gelungen, mit der Gemeinsamen Entschließung eine Vertragsinterpretation zustande zu bringen, „die der nationalen Interessenlage entsprach und geeignet war, die Kontinuität deutschen Ostpolitik über die Ära der sozial-liberalen Koalition hinaus zu gewährleisten“ (Werner Link). Nach Übernahme des Partei- und 1976 auch des Fraktionsvorsitzes durch Helmut Kohl setzte sich in der CDU der deutschlandpolitische Pragmatismus durch. Als Wendepunkt kann die „Nachbesserung“ des Warschauer Vertrags durch einen Milliardenkredit gegen Ausreiseerleichterungen für deutsche und deutschstämmige Bürger 1975/76 gewertet werden. Mehr und mehr waren maßgebliche CDU-Politiker nun auch bestrebt, sich im Verhältnis zur SED-Führung auf den Boden der Tatsachen zu stellen. Neben der Erkenntnis, dass innerdeutscher Dialog und Entspannungspolitik mit dem Ziel „menschlicher Erleichterungen“ populär waren, spielte dabei auch die Überlegung eine Rolle, nur so die FDP für eine erneute Koalition zu gewinnen. Ungeachtet des Endes deutschlandpolitischer Polarisierung wurden aber die Prinzipien des Offenhaltens der deutschen Frage von der CDU/CSU-Opposition nachhaltiger betont als von der SPD.

Ära Kohl

Diese Linie ist von der Regierung Kohl ab 1982 fortgesetzt worden, allerdings mit Akzentuierungen, die an die Linie der Gemeinsamen Erklärung anknüpften. So erwähnte Kohl im ersten „Bericht der Bundesregierung zur Lage der Nation im geteilten Deutschland“ die Zielsetzung „Wiederherstellung der Einheit“ und ergänzte zugleich, zur „Überwindung der deutschen Teilung“ würden die NATO und das geeinte Europa gebraucht. Da Anfang der 1980er Jahre nach der sowjetischen Afghanistan-Invasion, nach der Verhängung des Kriegsrechts in Polen und vor allem wegen der Auseinandersetzungen um die Nachrüstung mit Mittelstrecken-Raketen in den Ost-West-Beziehungen eine neue Eiszeit eingesetzt hatte, waren die Unionsparteien bestrebt, die Beziehungen zur DDR möglichst aus der Konfrontation auszusparen. Das wurde mit dem Begriff „Verantwortungsgemeinschaft“ umschrieben. In diese Politik fügte sich auch der Milliardenkredit an die DDR ein, den Franz Josef Strauß mit Billigung der Bundesregierung vermittelt hatte. Dasselbe galt von dem Honecker-Besuch 1987 in Bonn, dessen Protokoll zwar symbolisch an die Schwelle einer völkerrechtlichen Anerkennung des zweiten deutschen Staates führte, was vom Bundeskanzler aber mit einer entschiedenen Ansprache in der Godesberger Redoute konterkariert wurde. Doch war damals auch in den Reihen der Unionsparteien die Annahme vorherrschend, die hochgerüstete Sowjetunion werde sich auf unabsehbare Zeit nicht bereit finden, die DDR zu räumen. Somit sei es ein Gebot der Staatsräson, die dortigen Verhältnisse nicht zu destabilisieren. Zusehends wurde auch die europäische Einigungspolitik mit den tradierten Formeln der Deutschlandpolitik verbunden. Dass und wie dann Bundeskanzler Kohl beim unerwarteten Zusammenbruch der SED-Diktatur energisch und umsichtig zugleich zum „Kanzler der Einheit“, doch auch die CDU zur Partei der Wiedervereinigung Deutschlands wurde, ist bereits in Memoiren und Darstellungen herausgearbeitet worden.

Tatsächlich wurden in der einzigartig günstigen Konstellation zwischen der Überwindung der Mauer am 9. November 1989 und der Wiederherstellung der staatlichen Einheit Deutschlands wieder Überlegungen aktuell, die in den Wiedervereinigungskonzepten der Adenauer-Zeit maßgeblich gewesen waren. Der prosperierende, mit den Demokratien des Westens eng verbundene westdeutsche Kernstaat wirkte nach Wegfall des Schutzes durch die Sowjetunion wie ein Magnet auf die Deutschen in der DDR. Somit war der Beitritt nach Artikel 23 des Grundgesetzes geradezu eine Bestätigung der Kernstaatsidee. Desgleichen bewährte sich die Forderung nach freien Wahlen in der DDR als Voraussetzung für eine akzeptable Lösung der deutschen Frage. Es zeigte sich auch die Richtigkeit des von Adenauer häufig artikulierten Gedankens, dass eine Überwindung der Teilung „in Frieden und Freiheit“ nur in einer Phase ostwestlicher Entspannung, in Verbindung mit einer grundlegenden Neuordnung des europäischen Staatensystems und nur in einer Schwächeperiode der Sowjetunion möglich war.

Denkbare Lösungsmöglichkeiten, die schon in den 1950er Jahren als Alternativen zur Adenauerschen Politik diskutiert und von östlicher Seite, teilweise auch in der SPD 1989 und Anfang 1990 nochmals in der einen oder anderen Form aufgegriffen wurden, wären kontraproduktiv gewesen. Dies galt ebenso für die Vorstellung, eine Konföderation beider deutscher Staaten müsse einem längeren Annäherungs-Prozess hin zu einer möglichen Wiedervereinigung vorangehen, wie auch von der Auffassung, Gesamtdeutschland oder zumindest das Territorium der DDR müsse bei einer Wiederherstellung des deutschen Staates in einen Sicherheitsstatus außerhalb der Blöcke oder aber mit weiterer militärischer Präsenz auch der Sowjetunion überführt werden. Die Phase der Vereinigung führte letztmals zu einer Reaktivierung der Vier Mächte, die zusammen mit der Bundesregierung und der (allerdings einflusslosen) DDR-Regierung unter Lothar de Maizière in den Zwei-plus-Vier-Verhandlungen die endgültigen Lösungen festlegten. Trotz anfänglichen Zögerns Frankreichs und Großbritanniens bewährte sich schließlich dank entschiedener Führungskraft der USA das Konzept, die Einheit Deutschlands in engstem Zusammenwirken mit den westlichen Großmächten zu erreichen. Desgleichen erwies sich die schon von Adenauer proklamierte Idee als zielführend, keinen autonomen deutschen Nationalstaat mehr anzustreben, vielmehr die Sorge vor einem starken Deutschland durch engen Integrationsverbund der europäischen Demokratien und durch fortdauernde Präsenz der USA in Europa zu zerstreuen. Bemerkenswerterweise spielte die Ost-CDU im Parteienbündnis „Allianz für Deutschland" wie in den 1940er Jahren beim Versuch einer Verhinderung der Spaltung nunmehr bei Überwindung der Teilung nochmals eine geschichtliche Rolle. Nachdem sich die neue Führung schon vor den Wahlen am 18. März 1990 verpflichtet hatte, eine Wiedervereinigung über die Wirtschafts- und Währungsunion und über Artikel 23 des Grundgesetzes möglichst rasch herbeizuführen, haben Spitzenpolitiker der gewendeten CDU und des mit ihr verbundenen Demokratischen Aufbruchs, insbesondere Günther Krause als Verhandlungspartner von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, bei Erarbeitung des Einigungsvertrags sowie bei dessen Ratifikation, und Rainer Eppelmann bei Ruhigstellung und Überführung der Nationalen Volksarmee, einen maßgeblichen Beitrag geleistet.

Literatur

Hans-Peter Schwarz