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Säkularisierung

Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch hat sich erst seit den 1960er Jahren eine definitive Unterscheidung des Begriffs Säkularisierung von der Säkularisation eingeprägt. Letzterer bezeichnet, wie etwa schon in den Verhandlungen zum Westfälischen Frieden von 1648, die Übertragung, zumal Enteignung kirchlichen Besitzes und kirchlicher Rechte, welche zu den Grundlagen kirchlichen Wirkens in der Welt gehört haben, zugunsten weltlicher, politischer Gewalten und sozialer Kräfte. Der früher weithin synonym gebrauchte Begriff Säkularisierung wird nunmehr auf geschichtliche Prozesse langer Dauer bezogen, in welchen sich zunehmende Bedeutungsverluste traditionaler Religiosität im Kontext menschlicher Existenz und Sinnstiftung in den politisch-sozialen Beziehungsgeflechten vollzogen haben bzw. vollziehen; diese Entwicklung geht einher mit der Übertragung religiöser Orientierungen, Bindungen und Bedürfnisse auf innerweltliche Kräfte und Gegebenheiten. Als Endpunkt dieses Prozesses erscheint ein fundamentaler Säkularismus: Der Mensch als Schöpfer seiner selbst findet sich zu absoluter, lediglich seiner Vernunft folgenden Weltgestaltung verpflichtet und ermächtigt. Säkularisierung wird zumeist als integrierender Umstand durchgreifender Modernisierung aller Lebensverhältnisse in der neuesten Geschichte verstanden, wobei allerdings die Verallgemeinerungsfähigkeit europäischer historischer Erfahrungen zweifelhaft bleibt.

In Europa ist der Vorgang mit seinen Begleiterscheinungen (z. B.die Entkirchlichung) seit der Aufklärung kontrovers debattiert worden; daher rührende, höchst gegensätzliche Konnotationen des Begriffs Säkularisierung erschweren weiterhin seinen historisch-politischen und theologisch-philosophischen Gebrauch. Säkularisierung kann positiv als Übergang in eine neue Epoche der Christentumsgeschichte aufgefasst werden, in der die Verchristlichung der Menschen soweit fortgeschritten ist, dass Gesellschaft und Staat im Wesentlichen ohne kirchliche Institute und Vermittlungen auskommen. Oder Säkularisierung wird als Entchristlichung gedeutet, näherhin als Ursprung letztlich aller modernen Katastrophen der abendländischen Menschheit und der von ihr beeinflussten Welt. Neuerdings ist der Begriff zurückgewiesen worden (u.a. Hans Blumenberg), weil er die Moderne in ein Kontinuum einbinde oder einem Vorwurf aussetze; beides bedeute unzulässigerweise eine Negierung der Autonomie als Wesensbestandteil der Moderne.

Empirisch trägt diese Zurückweisung nicht, sind doch in der neuesten Geschichte und in der Gegenwart sowohl Anzeichen der Kontinuität wie auch des Verdikts der Moderne handlungsanleitend geworden. Dies zeigt sich am Beispiel divergierender Modernisierungserfahrungen und der unterschiedlichsten Einstellungen und Verhaltensweisen, die sich entlang den Linien eines „Säkularisierungsgefälles“ zwischen Land und Stadt, agrarischen und industrialisierten Regionen, und – insbesondere in Deutschland – zwischen katholischen und evangelischen Gebieten beobachten lassen. Dass die Säkularisierung keineswegs nur negativ und im Sinne der Kritiker der Säkularisierungsthese zu verstehen ist, zeigen die Genese moderner Grundrechtsideen, ferner auch das Phänomen der Entstehung und Etablierung christlicher Politik und Parteien seit dem frühen 19. Jahrhundert. Nach der Auflösung eines vordem selbstverständlichen Ineinanders von kirchlicher Religion, gesellschaftlicher Moral und staatlichem Handeln vermögen im Zeichen eines weltanschaulich-normativen Pluralismus moderne Publizistik, verbandliche Organisationen und Parteien den Einfluss der christlichen Botschaft und der aus ihr folgenden Werthaltungen für die gegenwärtige Ordnung fruchtbar werden zu lassen.

Literatur
H. Lübbe: Säkularisierung Geschichte eines ideenpolitischen Begriffs (2. Auflage, 1975); H. H. Schrey (Hg.): Säkularisierung (1981); H. Zabel u. a., Säkularisation, in: O. Brunner/W. Conze (Hg.), Geschichtliche Grundbegriffe, 5 (1984); H. Lübbe: Religion nach der Aufklärung (1986).

Wolfgang Altgeld