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Soziale Frage

Der seit den 1840er Jahren in Deutschland verbreitete Lehnbegriff aus dem Französischen (question sociale) bezeichnet im weiten Sinn die Gesamtheit aller sozialen Begleiterscheinungen des Übergangs von ständisch-agrarischen zu kapitalistisch-industriellen Gesellschaften. In der ursprünglichen Wortbedeutung fokussiert die soziale Frage krisenhafte Folgen der Deregulierung traditioneller Sozial- und Wirtschaftsverhältnisse seit der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert. Mit der zeitgenössischen Diagnose einer Existenz bedrohenden Verelendung weiter Bevölkerungskreise, z.B. im Heimgewerbe und Handwerk (Pauperismus) sowie sozialer Missstände im entstehenden Industriesystem (Kinderarbeit und überlange Arbeitszeiten ohne auskömmlichen Lohn), verbindet sich die Erwartung einer politischen Radikalisierung notleidender Bevölkerungsteile.

Nach der Überwindung der Pauperismusproblematik verengt sich das Wortfeld in der zweiten Jahrhunderthälfte auf die Lebensbedingungen der Fabrikarbeiterschaft. An die Stelle einer radikalutopischen Ablehnung des erst in Ansätzen erkennbaren Industriekapitalismus durch sozialkonservative und sozialrevolutionäre Autoren der Vormärzzeit treten seit der Jahrhundertmitte zunehmend Reformdiskussionen, die nach konkreten Möglichkeiten der politischen und sozialen Integration von Arbeitern in die bürgerliche Gesellschaft fragen. Diese zunehmende Pragmatisierung der sozialen Frage zeigt sich auch in der katholischen Soziallehre, die die industrielle Wirtschaftsweise anfangs ablehnt und für eine Restauration der ständischen Sozialordnung eintritt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird deren ursprüngliches Verständnis der sozialen Frage als individualisierbares, durch religiös-karitative Maßnahmen zu lösendes Problem allmählich durch eine Sichtweise ersetzt, die die Interventionspflicht der Gesellschaft und des Staates zum Schutz der Schwachen betont (so 1891 in der Enzyklika „Rerum novarum“) und auf die Integrationswirkung praxisorientierter Reformen innerhalb der bestehenden Wirtschaftsordnung, etwa im Bereich der Arbeiterschutzgesetzgebung, der sozialen Sicherung und der Arbeiterorganisation setzt.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts überlagern die Begriffe Sozialreform und Sozialpolitik zunehmend das Bedeutungsfeld der sozialen Frage. Sie verlassen deren enge Bindung an die „Arbeiterfrage“ und integrieren weitere soziale Gruppen, z. B. den neuen Mittelstand der Angestellten, in das sozialstaatliche Interventionsfeld. Als Neue soziale Frage wird der Begriff Mitte der 1970er Jahre von Heiner Geißler mit veränderter Bedeutung wiederbelebt und bezeichnet nun die geminderten sozialstaatlichen Partizipationschancen derjenigen Bevölkerungsgruppen, deren soziale Sicherung nicht unmittelbar aus einem Arbeitsverhältnis abgeleitet ist und deren Anliegen in der parlamentarischen Demokratie nicht durch artikulationsstarke Interessenverbände vertreten werden.

Literatur
G. A. Ritter: Soziale Frage und Sozialpolitik in Deutschland seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts (1998); N. Kircher: Katholiken und die soziale Frage im 19. Jahrhundert. Ein Quellen- und Arbeitsbuch (1998); H. Grebing (Hg.): Geschichte der sozialen Ideen in Deutschland (2000).

Winfried Süß