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Weltanschauung: Christliche Demokratie

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Vom Begriff zur internationalen politisch-sozialen Bewegung

Der Begriff „démocratie chrétienne“ taucht erstmals vereinzelt in der Französischen Revolution auf und bezeichnet die angeblich demokratische Urverfassung der Kirche. Er wurde von französischen Publizisten zwischen 1830 und 1848 allgemein auf Gesellschaft, Kultur und Politik bezogen. Antoine-Frédéric Ozanam, 1833 Gründer der ersten Vinzenz-Konferenzen in Lyon und Paris, verstand darunter die christliche Erziehung der Gesellschaft, die erstmals in der Völkerwanderung zum Schutz vor den Barbaren wirksam geworden sei. Philippe-Joseph Benjamin Buchez sah sogar die jakobinischen Egalitätsideale der Großen Revolution von der im Evangelium angelegten Gleichheitsidee eingegeben. Buchez und andere sprachen sich 1848 für einen christlichen Sozialismus in sehr weiter Bedeutung dieses Wortes aus.

Zwischen 1860 und 1880 begegnet der Begriff „christlich“ auch in Verbindung mit den Begriffen „Wirtschaft“ – so im Titel der Monatsschrift der katholischen Arbeiterbünde Belgiens „L’Economie chrétienne“ (1869-1878) – und mit „Republik“. Die Regierung der Katholisch-Konservativen im Kanton Freiburg (1881/86-1927) unter Georges Python wurde als „république chrétienne“ bezeichnet. Gemäß den Ideen des Freiburger Kanonikers Joseph Schorderet, der den Begriff 1874 gebrauchte, sollte die Erneuerung christlichen Lebens in der Gesellschaft, in den Familien und Individuen prägenden Einfluss auf das öffentliche Leben gewinnen. Schorderet setzte zur Sammlung Gleichgesinnter im Schweizer Kulturkampf vor allem auf die Presse- und Assoziationsfreiheit. Im Kulturkampf der 1870er Jahre verwandte der Priester und Schriftsteller Heinrich Hansjakob (1837-1916) die Bezeichnung „christliche Demokratie“ für die Zentrumspartei Badens in deren Konflikt mit dem – staatliche Repressionsmittel einsetzenden – badischen Kammerliberalismus. Gegen das Vordringen des materialistischen, oft religionsfeindlichen Zeitgeistes besonders unter den Jugendlichen und der Arbeiterschaft wandte sich die auf soziale Studienzirkel zurückgehende „Démocratie chrétienne“ in Frankreich seit den 1889erJahren. 1896 vereinigte sich die vor allem von Arbeitervertretern und jungen Klerikern getragene Bewegung in Reims und Lyon zu Nationalkongressen, die eine Parteigründung beschlossen. Die Enzyklika „Rerum novarum“ (1891) und die von Papst Leo XIII. empfohlene Politik des Ralliement mit der Französischen Republik wiesen die noch großenteils legitimistisch gesinnten französischen Katholiken auf die Wege der sozialen Reform und der bewussten Mitwirkung an der Gesetzgebung ihres republikanischen Staates. Aber nur einige Vertreter der hauptsächlich von Arbeitern und jungen Klerikern getragenen Bewegung gelangten ins Parlament.

Die Gründung der Zeitschriften „La Démocrate chrétienne“ (Lille 1894), redigiert von den Abbés Paul Six und Gaston Vanneufville, und „Le Sillon“ (Paris), herausgegeben von Marc Sangnier, mögen beispielhaft für das Prinzip und die Methode der neuen Bewegung stehen. Zur Abwehr der mächtigen liberalen und säkularistischen Zeitströmungen wurde der Orientierungswert der Religion in der Demokratie betont; dabei wurden die Organisationsformen des modernen politischen Lebens genutzt.

Den verheißungsvollen Neuansätzen war in der laizistischen Dritten Republik kein dauerhafter Erfolg beschieden. Auch Papst Leo XIII., der den Begriff „démocratie chrétienne“ 1898 gegenüber Rompilgern zustimmend gebrauchte, schränkte dessen Bedeutung 1901 („Graves de communi“) auf soziale Belange ein („benefica in populum actio christiana“). Nachdem schon die meisten anderen christlich-demokratischen Zeitungen aufgegeben hatten, verbot Papst Pius X. 1910 den „Sillon“, weil dessen entschieden politisches Bekenntnis die innerkirchlichen Differenzen unter den Katholiken Frankreichs verstärkt hatte. Eindeutiger grenzte sich die Kurie übrigens von dem nationalistischen Monarchismus der konservativen Action Française des französischen Publizisten Charles Maurras ab.

Die heutige politische und interkonfessionelle Prägnanz erlangte der Begriff erst im Parteinamen der Christlich Demokratischen Union Deutschlands und der Democrazia Cristiana Italiens. Diese ruhten wie ihre Schwestern aus der (kontinental)europäischen Parteienfamilie auf den Wurzeln der – in der Zwischenkriegszeit weiterentwickelten – katholischen Volksparteien, waren aus der Erfahrung des antitotalitären Widerstands gegen den Nationalsozialismus und Faschismus hervorgegangen und hatten bewusst eine politische Öffnung gegenüber anderen christlichen Konfessionen oder nicht religiös gesinnten Menschen vorgenommen. Der ungeahnte Aufschwung der christlichen Parteien nach 1945 bewirkte auch einen Umschwung in der internationalen Geschichtsschreibung. Englische, amerikanische, französische, italienische und deutsche Historiker (M. P. Fogarty, J. N. Moody u.a.) begriffen nun den bisher eher als Randphänomen beachteten politischen und sozialen Katholizismus als „Vorgeschichte“ (Hans Maier) der Christlichen Demokratie ihrer Gegenwart und spannten den Bogen der Betrachtung bis zu Félicité Robert de Lamennais und zur Periode der Restauration. Demgegenüber bewahrte sich die Katholizismus-Forschung einen eigenen Untersuchungsbereich. Jean-Marie Mayeur pladierte (1980) aus Gründen der vergleichenden Typologie für die Beibehaltung der Unterscheidung zwischen den de facto katholischen Parteien des 19. Jahrhunderts, die von ihren Anhängern und Gegnern als solche bezeichnet worden seien, und den christlich-demokratischen Parteien des 20. Jahrhunderts.

Gewiss kann die Christliche Demokratie nicht alle Erscheinungsformen des Katholizismus als Vorläufer beanspruchen, dennoch erwuchs sie unübersehbar aus konfessionell geprägten Vorgängern und verleugnete auch im Wandel nicht die Kontinuitäten, in denen sie stand. Nur ein kleiner Teil der im 19. oder erst im 20. Jahrhundert entstandenen christlichen Parteien nannte sich katholisch, so z.B. die Katholische Volkspartei der Schweiz (1894), die Römisch-Katholische Staatspartei in den Niederlanden (1897, ab 1945 Katholische Volkspartei), die Katholische Volkspartei in Ungarn (1895-1918), die Katholische Volkspartei in Galizien (1919 aufgegangen in der bis 1936 bestehenden Christlichen Demokratie Polens), die Katholische Nationalpartei in Slowenien (1892-1905, ab 1905 Slowenische Volkspartei), die Fédération des cercles catholiques (1868) und die Katholische Partei (1884-1940) in Belgien. Diese Selbstbezeichnung richtete sich gegen einen vom Staat geförderten Liberalismus, so auch bei der von Jakob Lindau 1869 in Baden gegründeten Katholischen Volkspartei, die allerdings wie die im Preußischen Abgeordnetenhaus 1852 gegründete Katholische Fraktion von Anbeginn an für Nicht-Katholiken offen stand.

In den Namen des christlichen Parteienspektrums überwogen letzten Endes wohl die politischen Bezüge. Häufig wurde der Begriff Volkspartei verwendet, teils erweitert um die Benennung einer bestimmten Nation oder eines Landes (Acción Nacional bzw. Popular in Spanien 1931-1933; Österreichische Volkspartei 1945; Schweizerische Konservative Volkspartei 1912; Partito Popolare Italiano 1919-1926; Kroatische Volkspartei 1920; Bayerische Patriotenpartei 1869 bzw. Bayerische Volkspartei 1919) oder um das Adjektiv christlich bzw. christlich-sozial: 1893 grenzte sich von der als konservativ empfundenen Katholischen Partei Belgiens die Christliche Volkspartei unter dem flämischen Priester Adolf Daens ab (1893-1919). Sie vertrat ein mehr sozial akzentuiertes Programm. Autonomistisch-national und religiös eingestellt war die von dem Pfarrer Andrej Hlinka in Ungarn gegründete Christliche Slowakische Volkspartei (1905-1925, danach Hlinkas Slowakische Volkspartei). Die flämische Nachfolgerin der christlich-demokratisch und sozial eingestellten Katholischen Partei Belgiens nannte sich 1945 Christliche Volkspartei. 1944/45 ging aus der 1914 (nach einer längeren Vorgeschichte) gegründeten luxemburgischen Partei der Rechten die Christlich-Soziale Volkspartei Luxemburgs hervor; die Partei, die sich dadurch programmatisch kaum veränderte, hatte mit dem Namen „Rechte“ ursprünglich an die Mitarbeit der Nichtkatholiken appellieren wollen. Die erste kurzlebige christlich-demokratische, reformorientierte, aus dem konservativen Spektrum des Carlismo und Maurismo hervorgegangene Partei Spaniens nannte sich Partido Social Popular (1922/23). Der Begriff Volk wurde auch für die Namengebung der wenigen protestantischen Parteibildungen verwendet, wie das Beispiel des sozial, bürgerlich und national eingestellten (evangelischen) Christlich-Sozialen Volksdiensts (1929-1933) in der Weimarer Republik zeigt.

Die vielschichtige Bezeichnung Volk spiegelte auch Minderheitenprobleme in national gemischten Staaten, Widerspruch gegen die Mediatisierung des (monarchischen) Staates durch eine liberal und gouvernemental gesinnte Klasse, das Ziel der Beteiligung breiterer Volksschichten an einer zu bürokratisch auftretenden Regierung (Baden, Bayern), sozialreformerische oder korporative Auffassungen von Gesellschaft, schließlich den Abschied von den Monarchien in Mitteleuropa aufgrund der Umwälzungen von 1918/19. Aus der besonderen Situation der Französischen Republik, die von den meist konservativ eingestellten Katholiken gebieterisch das Bekenntnis zu ihrer Staatsform verlangte, erklärt sich die Kombination der Begriffe demokratisch oder republikanisch mit Volkspartei (Parti Démocrate Populaire 1924-1940) oder Volksbewegung (Mouvement Républicain Populaire 1944-1967).

Das für die Christliche Demokratie typische streben nach sozialem Ausgleich schlug sich zuweilen explizit in der Bezeichnung christlich-sozial nieder (beim Parti Social Chrétien in Wallonien 1945; bei der monarchistisch eingestellten evangelischen Christlichsozialen Arbeiterpartei bzw. Christlichsozialen Partei Adolf Stoeckers in Deutschland 1878; bei der Christlich-Sozialen Volkspartei in Ungarn 1918 und der kroatischen Christlich-Sozialistischen Rechtspartei von 1910; bei der Christlichsozialen Partei in Österreich 1891/95; bei der Christlich-Sozialen Union in Bayern 1945). Auf die katholische Soziallehre nahmen auch die Volks- und Rechtsparteien Spaniens im 20. Jahrhundert Bezug (Partido Social Popular, 1922/23; Acción Nacional bzw. Popular 1931-1933; Confederación Españiola de Derechas Autónomas CEDA, 1933-1937).

Die Verpflichtung auf eine Politik der Mitte und Verfassungskonformität brachte die Namengebung Deutsche Zentrumspartei/Verfassungspartei (1870-1933) zum Ausdruck, deren erfolgreiches parlamentarisches Auftreten Nachahmung in Italien und Spanien (dort zuerst in der katholischen Unión Católica 1881) fand. Auf der Oppositions- und der Regierungsseite wurden 1967 die Nachfolgeorganisationen des MRP tätig, das Centre démocrate und das Centre Démocratie et Progrès (1976 vereinigt als Centre des démocrates sociaux). Obwohl christlich-demokratisches Gedankengut schon in dem monarchisch geprägten Europa vor 1914 entwickelt wurde, steht die Wahl des Parteinamens christlich-demokratisch dann für die Absicht der Vertretung des eigenen Standpunkts auf dem Boden der Republik (so bei der Démocratie chrétienne Frankreichs seit 1890) oder für den bewusst vollzogenen Übergang zum Volks- oder Freistaat (Christliche Demokratie in Polen 1919-1936; Christlich-demokratische Partei Litauens 1919-1927; verschiedene Volksparteien nach 1918). Vor und nach dem 2. Weltkrieg verdankt sie sich der theoretischen und politischen Auseinandersetzung mit den zuvor lebensweltlich erfahrenen Diktaturbewegungen des Nationalsozialismus (Christlich Demokratische Union Deutschlands 1945), des Faschismus (Democrazia Cristiana 1942/43) oder des Franco-Regimes (Federación Demócrata Cristiana 1977; Partido Demócrata Cristiano des F. Alvarez de Miranda).

Winfried Becker