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Ehe und Familie

Der Wunsch nach Nachkommenschaft gehört zum prähominalen Erbe der Menschen, doch ist diese komplexe biologische Prädisposition stets kulturell und sozial überformt. Zugleich ist die fortgesetzte Erneuerung der Generationen eine Erhaltungsbedingung jedes umfassenden Sozialzusammenhangs. Dabei geht es nicht nur um Fortpflanzung und damit um die zahlenmäßige Stärke von Generationen, sondern vor allem um Sozialisation, d.h. die zuwendende Pflege des Nachwuchses und qualifizierte Weitergabe kultureller Errungenschaften. Soziale Zusammenhänge, in denen dies in gesellschaftlich anerkannter Weise geschieht, werden als Familie bezeichnet. Familien stabilisieren sich auch durch reziproke Verpflichtungen der Kinder gegenüber den sie Erziehenden; dadurch wird der gesellschaftliche Zusammenhalt der Generationen unterstützt.

Aus institutioneller Sicht äußert sich Familie in drei Regelungskomplexen: Verwandtschaft, Ehe und Elternschaft. In traditionalen Gesellschaften dominierte die Verwandtschaft, deren Ordnung in enger Wechselwirkung mit der Ordnung des Wirtschaftens und der Machtausübung stand. Dass Verwandte einander in besonderer Weise zur Hilfe verpflichtet sind, hat sich als moralische Norm bis heute gehalten. Allerdings hat sich die Reichweite derartiger Hilfeverpflichtungen auf die nächsten Verwandtschaftsgrade reduziert. Ehe, d.h. die gesellschaftlich anerkannte Dauerverbindung von Personen unterschiedlichen Geschlechts, und Elternschaft, d.h. die gesellschaftlich anerkannte Abstammung, standen in traditionalen Gesellschaften unter der umfassenden Kontrolle der Verwandtschaft. Die Wahl der Ehepartner folgte den verwandtschaftlich definierten Interessen. Illegitime, vielfach auch sonst wie unerwünschte Geburten wurden oft getötet. Das Christentum hat diese umfassenden Kontrollansprüche der Verwandtschaft in Frage gestellt und die Würde eines jeden Menschen, auch der Frauen und Kinder, sowie den Eigenwert der Ehe betont. Im Zuge der seit dem Hochmittelalter einsetzenden Gesellschaftstransformation hat sich deshalb in Europa und weit darüber hinaus die auf dem christlichen Verständnis der lebenslangen Einehe beruhende kernfamiliale Lebensform als familiales Leitbild sowie das Tötungsverbot von Kindern und Föten durchgesetzt. Ehe und Elternschaft stehen hier in einem engen Zusammenhang, wie er in Artikel 6 des Grundgesetzes zum Ausdruck kommt. In dem Maße, in dem die Regelung der familialen Verhältnisse von der Kirche auf den Staat überging, wurde der Eheschluss formalisiert und mit spezifischen Rechtswirkungen verbunden. Daraus entstand ein Regelungsbedarf für die Fälle gescheiterter Ehen. Nachdem durch die Aufklärung die Ehe auch kulturell säkularisiert und auf eine individualistische, vertragstheoretische Basis gestellt worden war (z.B. im Preußischen Allgemeinen Landrecht, 1794), stand einer Scheidbarkeit der Ehe nichts Grundsätzliches mehr im Wege. Die Kodifikationen im 19. Jahrhundert erschwerten jedoch die Scheidung aus gesellschaftspolitischen Erwägungen erneut und fixierten zugleich die Unterschiedlichkeit männlicher (erwerbsbezogener) und weiblicher (haushaltbezogener) Rollen. Im Einflussbereich des britischen Common Law und des französischen Code Civil wurde die Rechtsfähigkeit der Frau noch deutlicher eingeschränkt als im deutschen Raum.

Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts brachte unter dem Einfluss der Anerkennung gleicher Menschenrechte in den meisten Ländern eine Bewegung zur Gleichstellung von Mann und Frau innerhalb und außerhalb der Ehe sowie zur Angleichung der Stellung von ehelichen und nicht-ehelichen Kindern. Diese Bewegung verband sich mit einer kulturellen Liberalisierung der Privatsphäre, wobei sich die Auffassung verbreitete, dass die Privatsphäre soweit wie möglich von verbindlichen staatlichen Vorgaben entlastet und der freien Gestaltung der Individuen anheimgegeben werden solle. Diese Richtung verfolgten die meisten straf- und familienrechtlichen Reformen der letzten Jahrzehnte, was insbesondere zu einer Liberalisierung der Sexualsphäre und zur Anerkennung der Homosexualität sowie zu einer Pluralisierung der privaten Lebensformen geführt hat. Die Verbreitung zuverlässiger Methoden der Empfängnisverhütung ermöglichte die Entkoppelung von geschlechtlichen Beziehungen und Fortpflanzung; dem folgte die strukturelle Entkoppelung von Liebe und Ehe sowie von Ehe und Elternschaft. So ermöglichen zeitgenössische Gesellschaften eine bisher unbekannte Optionsbreite in der Gestaltung privater Lebensbeziehungen, verbunden mit einer historisch einmaligen Zumutung an jeden einzelnen Menschen, die Maximen seiner Lebensführung selbst zu wählen und diese im Namen von „Selbstverwirklichung“ zu einem sinnhaften Ganzen zu integrieren.

Ehe und Familie können heute kaum mehr als vorgegebene Norm eines allgemeinen Lebensentwurfs erfahren werden. Ehe als lebenslange Verbindung kann nur noch als voraussetzungsvolle Partnerschaft zweier Menschen gelingen, die ihre Biographien in gemeinsam gewollter Form verknüpfen. Die Übernahme von Elternverantwortung wird zu einer entscheidungsabhängigen Leistung, welche die „Nestbildung“, also die Schaffung eines gemeinsamen Schutz- und Erlebnisraumes, und damit meist auch den Verzicht auf vielfältige Angebote der Erlebnis- und Freizeitkultur voraussetzt. Verwandtschaft, Familie und Ehe sind unter den Bedingungen wirtschaftlichen Wohlstands und sozialstaatlicher Mindestsicherung für den einzelnen nicht mehr überlebensnotwendig. Als Single oder in lockeren Bindungen zu leben, bringt zum mindesten keine unmittelbaren Nachteile mehr mit sich, ja erleichtert die Erwerbschancen und vervielfacht die freie Zeit. Das Fehlen dauerhafter Bindungen wird oft erst in fortgeschrittenem Lebensalter zum Problem. Die Optionserweiterung hat die strenge Verbindlichkeit der Ehe, nicht jedoch die Normen der Elternschaft in Frage gestellt. Vielmehr hat sich angesichts der veralltäglichten Möglichkeiten zur Geburtenkontrolle die moralische Norm verantworteter Elternschaft durchgesetzt, derzufolge die Erzeuger eines Kindes auch die Verpflichtung zu seiner Erziehung auf sich zu nehmen haben. Dies trifft weiterhin vor allem die Frauen, denen seitens der Männer wie auch seitens des Staates und der Wirtschaft nur wenig Entlastung in ihrer Verantwortung als Mutter geboten wird.

So kommt durch die Liberalisierung der Partnerschaft und die höhere Verbindlichkeit der Elternschaft die zeitgenössische Familie in eine Schieflage, als deren Folge ein wachsender Anteil der jüngeren Generationen kinderlos bleibt. Jede dritte nach 1970 geborene Frau in Deutschland wird voraussichtlich kein Kind zur Welt bringen. Frauen, die sich zur Mutterschaft entscheiden, haben dagegen in der Regel mehr als ein Kind. So entsteht in der Bundesrepublik eine neue soziale Polarisierung, nämlich zwischen Menschen, die Elternverantwortung übernehmen, und solchen, die darauf aus welchen Gründen auch immer verzichten. Dies hat gravierende Folgen für die gesellschaftliche Nachwuchssicherung. Seit Mitte der 1970er Jahre reproduzieren die Geburten einer Generation diese nur noch zu etwa zwei Dritteln. Unter dem Gesichtspunkt der Bildung von Humanvermögen findet damit in der Bundesrepublik eine Unterinvestition statt, deren ökonomische und sozialpolitische Folgen erst in den kommenden Jahrzehnten mit voller Wucht spürbar werden.

Die Familienpolitik hat in diesem Zusammenhang eine vierfache Aufgabe: Sie hat rechtspolitisch für die Anerkennung der Elternverantwortung und für einen verlässlichen Rahmen der Rechtsfolgen einer Familiengründung zu sorgen. Sie hat wirtschafts- und sozialpolitisch die Erziehungstätigkeit als volkswirtschaftlich unentbehrliche Leistung anzuerkennen und zu fördern. Sie hat bildungspolitisch durch die Schaffung von ganztägigen Betreuungs- und Bildungsangeboten zu einer Entlastung der Mütter und zur Förderung der Kinder, insbesondere aus sozial benachteiligten Situationen, beizutragen. Sie hat kulturpolitisch die Öffentlichkeit für die Verluste familialer Solidarpotentiale zu sensibilisieren, deren Erosion in ähnlicher Weise die Nachhaltigkeit unserer modernen Lebensweise beeinträchtigt wie exzessive Staatsverschuldung oder die Zerstörungen in der natürlichen Umwelt.

Literatur

  • G. Burkart/M. Kohli: Liebe, Ehe, Elternschaft: Die Zukunft der Familie (1992);
  • K. Lüscher/F. Schultheis (Hg.): Generationenbeziehungen in „postmodernen“ Gesellschaften (1993);
  • M. Pechstein: Familiengerechtigkeit als Gestaltungsgebot für die staatliche Ordnung (1994);
  • J. Huinink: Warum noch Familie? Zur Attraktivität von Partnerschaft und Elternschaft in unserer Gesellschaft (1995);
  • F.-X. Kaufmann: Zukunft der Familie im vereinten Deutschland. Gesellschaftliche und politische Bedingungen (1995);
  • H. Bertram: Familie leben. Neue Wege zur flexiblen Gestaltung von Lebenszeit, Arbeitszeit und Familienzeit (1997);
  • M. Wingen: Familienpolitik. Grundlagen und aktuelle Probleme (1997);
  • R. Peuckert: Familienformen im sozialen Wandel (3. Auflage, 1999);
  • B. Jans u. a. (Hg.): Familienwissenschaftliche und familienpolitische Signale (2000);
  • M.-L. Recker: Politisches Management in einer Volkspartei. Die Kindergeldgesetzgebung als Beispiel parlamentarischer Kompromissfindung (2004).

Franz-Xaver Kaufmann