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Christlicher Humanismus

Der Begriff bezeichnet eine geistige Strömung hauptsächlich des 20. Jahrhunderts, die in spannungsvoller Synthese sowohl humanistische als auch christliche Werte zu verbinden sucht. Die geistige Bewegung, welche seit dem frühen 19. Jahrhundert in Deutschland als Humanismus bezeichnet wird, entstand im Bürgertum der spätmittelalterlichen mittel- und norditalienischen Stadtstaaten und breitete sich rasch über ganz Europa aus. Im Rückgriff auf klassische Autoren der Antike, deren Werke systematisch gesammelt und ediert wurden, betrieben die Humanisten einen relativ konstanten Kanon von Fächern: Grammatik, Rhetorik, Poesie, Moralphilosophie und Geschichte, um so ethische und ästhetische Orientierung für die Gegenwart zu finden. Viele von ihnen waren zugleich bestrebt, die Quellen des christlichen Glaubens, die Heilige Schrift und die Werke der Kirchenväter, neu zugänglich zu machen und den Christen zu intensiverem Leben aus dem Glauben zu verhelfen. Der Renaissance-Humanismus endete weder mit der Reformation noch ging er in ihr auf, sondern entfaltete v.a. im Bildungsbereich auf beiden Seiten des konfessionellen Lagers seine Wirkung.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts vollzog sich unter dem Einfluss von Vertretern der deutschen Klassik eine neue – nun auch ausdrücklich Humanismus genannte – Hinwendung zur Antike, die den Wert der alten Sprachen und ihrer klassischen Autoren verteidigte,•um in harmonischer Einheit von Sinn und Vernunft mündige Individuen als Staats- und Weltbürger heranzubilden („Neu-Humanismus“). Auch der „dritte Humanismus“, wie er im 20. Jahrhundert von Altphilologen vertreten wurde, folgte diesem Ideal.

Diesen mit dem christlichen Glauben mehr oder weniger kompatiblen Humanismen wurde seit dem 19. Jahrhundert ein Humanismus entgegengesetzt, der in seiner Anthropozentrik und seiner dem Gedanken der Emanzipation verpflichteten Religionskritik bewusst das christliche Welt- und Menschenbild in Frage stellte bzw. bestritt. Dieses Denken, das auch in weniger religionskritischen als vielmehr agnostischen Tönungen eine weite Verbreitung gefunden hat, ist ursprünglich mit den Namen von Ludwig Feuerbach und Karl Marx verbunden. Im 20. Jahrhundert wurde es hauptsächlich von existentialistischen Philosophen wie Jean-Paul Sartre und Albert Camus vertreten. Im Gegenzug hat es nicht an Versuchen gefehlt, Humanismus und Christentum zu einer neuen Synthese zu verbinden. Diese gingen in erster Linie von Frankreich aus und sind im katholischen Milieu angesiedelt. Zu nennen sind etwa Jacques Maritain, Etienne Gilson und Henri de Lubac.

Eine Synthese von Christentum und Humanismus wurde und wird freilich auch von theologischer Seite in Frage gestellt, so in der Debatte um die „Hellenisierung“ des Christentums oder in der Kritik am „Eurozentrismus“ der humanistischen Denkkategorien. Wenn man den Humanismusbegriff nicht von seinem Bezug zur Antike lösen und darin nicht nur ein wie auch immer bestimmtes „Humanum“ zum Ausdruck gebracht sehen will, vermag er in Zusammenhang mit dem Adjektiv „christlich“ dasjenige in der frühen Neuzeit aus der Antike übernommene Erbe zu bezeichnen, in welchem die unantastbare Würde der menschlichen Person und deren auf das Tun des Guten hin ausgerichtete Freiheit in anthropologischer Hinsicht die höchsten Werte darstellen.

Literatur
A. Buck: Humanismus. Seine europäische Entwicklung in Dokumenten und Darstellungen (1987); R. P. Francis/J. E. Francis (Hg.): Christian Humanism. International Perspectives (1995).

Peter Walter