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Katholische Soziallehre

Sie umfasst die Erkenntnisse und Normen des Zusammenlebens der Menschen und der gesellschaftlichen Ordnungsstrukturen, die sich aufgrund des christliches Menschenbildes und Gesellschaftsverständnisses ergeben und von der Sozialverkündigung der katholischen Kirche dargelegt werden. Danach ist jeder Mensch „Bild Gottes“ und besitzt als Person eine unantastbare Würde und vom Schöpfer verliehene Grundrechte. Zugleich ist der Mensch von Natur aus ein soziales Wesen und kann sich nur „inmitten der Gesellschaft“ (Heinrich Pesch) entfalten und zusammen mit anderen gemeinsame Ziele verwirklichen und Kultur aufbauen.

Die tiefgreifenden Veränderungen im Zusammenleben der Menschen seit dem 19. Jahrhundert bildeten den Grund für die Entstehung der katholischen Soziallehre. Am stärksten wirkte hier die Ablösung der bisherigen Bedarfsdeckungswirtschaft durch die neue arbeitsteilige, auf den Markt bezogene Wirtschaftsgesellschaft. Wegen fehlender Einbettung der Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital und des Wettbewerbs in eine gesellschaftliche Rahmenordnung kam es zur sozialen Frage und zu den sozialen Ideologien einer individualistischen bzw. kollektivistischen Gesellschaftserklärung. Die kapitalistische Klassengesellschaft und die Ausbeutung der Arbeiter führten auch auf christlicher Seite zur Suche nach den Ursachen (Wilhelm Emmanuel Freiherr von Ketteler; erste Sozialenzyklika Papst Leos XIII. „Rerum novarum“, 1891). Im Ringen um die Überwindung der soziale Frage kristallisierten sich die Grundwerte der Freiheit, der Gerechtigkeit, der Solidarität, der Subsidiarität und des Gemeinwohls heraus, die der Wirtschaftsgesellschaft im Ganzen und in ihren Teilbereichen Orientierung und Zusammenhalt geben können. Der gerechte Lohn, menschenwürdige Arbeitsbedingungen, die gerechte Verteilung von Einkommen und Vermögen, die soziale Partnerschaft als Gegenstück zum Klassendenken bilden die Marksteine der katholischen Soziallehre.

Im 20. Jahrhundert kamen neue Problemstellungen hinzu: die pluralistische Gesellschaft, der weltanschaulich neutrale Staat, der sich jedoch seiner Wertgrundlagen bewusst sein muss, die Menschenrechte und die Bedeutung der Religionsfreiheit, die Demokratie und ihre Voraussetzungen, die Generationensolidarität, die Entwicklungsproblematik. Vor diesem Problemhintergrund wird die Besinnung auf die personalen Ordnungsstrukturen: Ehe und Familie, privates Eigentum und seine Sozialpflichtigkeit, Staat und Gemeinwohl sowie ihre Interdependenz vordringlich.

Die Erkenntnisquellen der katholischen Soziallehre sind die Offenbarung und vor allem das Naturrecht, das in einer pluralistischen Gesellschaft die gemeinsamen Wertorientierungen und die notwendige Verbindlichkeit auf der Grundlage von Erkenntnissen, die allen Menschen zugänglich und einleuchtend sind, gewährleistet. Dabei hat die katholische Soziallehre die (relative) Autonomie der gesellschaftlichen Lebensbereiche sowie die Erkenntnisse der ihnen zugeordneten Wissenschaften zu beachten. Für die Analyse und Lösung der sozialen Aufgaben und Probleme ist der Dialog zwischen der katholischen Soziallehre, die die von ihr ermittelten Seins- und Wertgrundlagen einbringt, und den Human- und Sozialwissenschaften erforderlich. Die katholische Soziallehre kann wirksam werden durch das Eintreten der Christen für die Grundwerte, durch exemplarisches Handeln christlicher Politiker, Arbeitnehmer, Gewerkschaftsführer, Unternehmer, Künstler, vor allem durch katholische Vereine und Verbände.

Literatur

  • Gustav Gundlach, in: Ders., Die Ordnung der menschlichen Gesellschaft, Bd. 1, Köln 1964.
  • Anton Rauscher: Kirche in der Welt, Bd. 1, Würzburg 1988.
  • Oswald von Nell-Breuning, Baugesetze der Gesellschaft. Solidarität und Subsidiarität, Neuausg. Freiburg i.Br. 1990.
  • Franz Furger, Christliche Sozialethik. Grundlagen und Zielsetzungen (Kohlhammer-Studienbücher Theologie, Bd. 20), Stuttgart 1991.
  • Bernhard Sutor, Politische Ethik. Gesamtdarstellung auf der Basis der christlichen Gesellschaftslehre, Paderborn 1992.
  • Franz Furger, Christliche Sozialethik in pluraler Gesellschaft (Schriften des Instituts für Christliche Sozialwissenschaften der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, Bd. 38), Münster 1997.
  • Arno Anzenbacher: Christliche Sozialethik. Einführung und Prinzipien, Paderborn (u.a.) 1998.
  • Reinhard Marx / Helge Wulsdorf, Christliche Sozialethik. Konturen - Prinzipien - Handlungsfelder (AMATECA : Lehrbücher zur katholischen Theologie, Bd. 21), Paderborn 2002.
  • Marianne Heimbach-Steins / Alois Baumgart (Hrsg.), Christliche Sozialethik. Ein Lehrbuch, Bd. 1: Grundlagen, Bd. 2: Konkretionen, Regensburg 2004, 2005.
  • Päpstlicher Rat für Gerechtigkeit und Frieden (Hrsg.), Kompendium der Soziallehre der Kirche, Freiburg i.Br. 2006.
  • Anton Rauscher (Hrsg.) Handbuch der Katholischen Soziallehre, Berlin 2008.
  • Markus Vogt (Hrsg.), Christliche Sozialethik. Architektur einer jungen Disziplin. Akademischer Festakt zum 85. Geburtstag von Wilhelm Korff (Band 12 der Reihe LMUniversum), München 2012.
  • Bernhard Sutor, Katholische Soziallehre als politische Ethik. Leistungen und Defizite, Paderborn 2013.
  • Markus Vogt / Ingeborg Gabriel (Hrsg.), Theologie der Sozialethik (Quaestiones disputatae, Bd. 255), Freiburg i.Br. 2013.

Anton Rauscher, Markus Lingen