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Jürgen Wohlrabe (1936 – 1995)

15. Todestag am 19. Oktober 2010

Jürgen Wohlrabe (1936-1995)
Jürgen Wohlrabe (1936-1995); Quelle: ACDP - Fotoarchiv)

Jürgen Wohlrabe war einer der markantesten Köpfe der Berliner CDU, für die er u.a. als Stellvertretender Landesvorsitzender, Schatzmeister und als Wahlkampforganisator wirkte. Er war ein Bewunderer Konrad Adenauers, ein ausgeprägt konservativer, kantiger und entschlossener Gegner jeglicher Form von Rechts- und Linksextremismus, der nie ein Blatt vor den Mund nahm, ein umtriebiger, rastloser „Macher“, ein glänzender Organisator, ein bekennender, nach eigenen Worten „fanatischer“ Berliner. Seine großen Themen waren die Berlin- und Deutschlandpolitik, am Ziel der deutschen Einheit hielt er unerschütterlich fest. Als Politiker wie als Unternehmer war er in gleicher Weise bekannt und erfolgreich.

Schulzeit, Studium und Einstieg in die Politik

Jürgen Wohlrabe wurde am 12. August 1936 als Sohn eines Arztes im hessischen Hanau geboren, verlebte aber Kindheit und frühe Jugend in Gardelegen in der Altmark im Bezirk Magdeburg. Als er dort als 15-Jähriger wegen eines verbotenen Besuchs in West-Berlin an der Fortsetzung seiner Schullaufbahn am Geschwister-Scholl-Gymnasium gehindert wurde, floh er mit Einverständnis seiner Eltern nach West-Berlin und legte 1957 am Schiller-Gymnasium in Charlottenburg das Abitur ab. Schon als Schülersprecher betätigte er sich politisch.

In Berlin begann für Wohlrabe schon während des Jura-Studiums an der Freien Universität (FU) eine steile politische Karriere: 1958 trat er in die CDU, die Junge Union (JU) und den Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) ein. Von 1961 bis 1962 war er 1. AStA-Vorsitzender an der FU und Berliner Landesvorsitzender des Verbandes Deutscher Studentenschaften. 1961 organisierte er in Berlin eine große, überparteiliche Jugenddemonstration gegen den Mauerbau. Neben dem Studium ließ er sich zum Verlags- und Anzeigenkaufmann ausbilden und gründete 1962 einen eigenen Zeitschriftenverlag und eine Anzeigenagentur. Von 1960 bis 1965 war er Kreisvorsitzender der JU Charlottenburg, von 1967 bis 1969 Vorsitzender der JU Berlin und Mitglied im Bundesvorstand der JU Deutschlands.

Aufstieg in der Berliner CDU

Auch in der Berliner CDU kam Wohlrabe rasch voran: Von 1963 bis 1967 war er zunächst Mitglied der Bezirksverordnetenversammlung von Berlin-Charlottenburg, danach Mitglied des Abgeordnetenhauses. Seit 1965 gehörte er dem Landesvorstand der Berliner CDU an: als Wahlkampfleiter und von 1969 bis 1983 an der Seite von Peter Lorenz als Stellvertretender Landesvorsitzender. Sein Aufstieg in der Berliner CDU wurde von dem Parteisenior und väterlichen Freund Ernst Lemmer begleitet und gefördert. Nach dessen Tod im August 1970 folgte Wohlrabe ihm im Mai 1971 im Amt des Vorsitzenden des Bundes der Mitteldeutschen; dieses Amt hatte er bis 1973 inne. Wohlrabes Dank an Lemmer war 1975 die Gründung des Ernst-Lemmer-Instituts in Berlin als Bildungs- und Begegnungsstätte.

Mitglied des Deutschen Bundestages

1969 wurde Jürgen Wohlrabe erstmals in den Deutschen Bundestag gewählt. Er hatte zu dieser Zeit bereits ausgedehnte Reisen in fast alle Weltgegenden hinter sich. Im Bundestag gehörte er dem Haushaltsausschuss, dem Innerdeutschen Ausschuss und dem Ältestenrat an. Auch im Petitions-, Sport-, Finanz-, Wirtschafts- und Verteidigungsausschuss arbeitete er zeitweilig mit. Er machte sich als Fachmann der Union für Berlin-Hilfe und Berlin-Förderung einen Namen. Als Wirtschafts- und Finanzexperte der CDU meldete er sich in zahlreichen Reden zu den Bundeshaushalten zu Wort. Kompromisslos äußerte er sich in Fragen der inneren Sicherheit. Er polemisierte gegen Willy Brandts Ostpolitik und trat in der Deutschlandpolitik strikt für das Prinzip von Leistung und Gegenleistung im Umgang mit der DDR ein. Er forderte die Abschaffung des „Swing“ und angesichts der Überschuldung der Ostblockstaaten im Westen Bar-Geschäfte im Ost-West-Handel, womit er aber weder bei den Regierungsparteien noch in den eigenen Reihen Gehör fand. Er war 1972 bis 1976 Sprecher der Berliner Bundestagsabgeordneten und zeitweilig auch Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für Fragen des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung. Sein Augenmerk galt neben der Deutschland- und Berlinpolitik vor allem haushalts- und finanzpolitischen Fragen, der nationalen und internationalen Hochschulpolitik sowie der Verbesserung der Filmförderung in der Bundesrepublik. Er war auch stellvertretender Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Parlamentariergruppe im Deutschen Bundestag. Dem jüdischen Volk und dem Staat Israel fühlte Wohlrabe sich besonders verbunden, was nicht hinderte, dass er dessen antiarabische Siedlungspolitik kritisierte.

In Bundestagsreden zog „der eiserne Jürgen“, wie ihn auch Parteifreunde gern nannten, gegen kommunistische Umtriebe zu Felde und sagte von sich, er sei „ein Antikommunist wie er im Buche steht“ – gewiss nicht zuletzt wegen der Erfahrungen mit der kommunistischen Diktatur in der SBZ/DDR in seiner frühen Jugend. Rudi Dutschke, an dem er sich häufig rieb, hat ihn bösartig und zu Unrecht einen „exemplarischen Faschisten“ genannt.

In den eigenen Reihen war Wohlrabe wegen seiner energischen und oft brüsken Art nicht nur beliebt, mit dem Fraktionsvorsitzenden Helmut Kohl kam er nur schwer zurecht. Die ihm von Herbert Wehner anlässlich einer Fragestunde im Deutschen Bundestag in wortspielerischer Verhunzung seines Nachnamens zugezischte „Übelkrähe“ ‚adelte’ ihn freilich eher, als dass sie ihm schadete. Mit Wehner verband ihn, wie er sagte, eine „herzliche Gegnerschaft“. Während seiner Bundestagszeit absolvierte Wohlrabe als Reserveleutnant der Fallschirmjäger einige Wehrübungen mit Absprüngen.

Der Unternehmer

Am 1. September 1979 gab Wohlrabe sein Bundestagsmandat zurück, weil es aus zeitlichen Gründen nicht mehr mit seiner unternehmerischen Tätigkeit vereinbar war. Er hatte 1978 die alleinige Geschäftsführung der „Jugendfilm Verleih GmbH“ übernommen. Es handelte sich um den von seinem Großvater, einem überzeugten und von den Nationalsozialisten verfolgten Sozialdemokraten 1934 gegründeten, ältesten deutschen Filmverleih. Wohlrabe baute ihn in der Folgezeit zum drittgrößten in Deutschland mit einem Umsatz von 30-40 Millionen DM pro Jahr aus. Das Unternehmen vermarktete weltweite Erfolgsfilme wie Bernardo Bertoluccis „Der letzte Kaiser“ oder Sergio Leones „Es war einmal in Amerika“, und es besaß seit 1988 die Weltrechte für die Serie der Asterix-Filme. Wohlrabe war besonders stolz darauf, dass es ihm gelang, diese nach anfangs heftigem Widerstand auch in der DDR anzubieten; er sah dies als Krönung seiner erfolgreichen Zusammenarbeit mit dem DDR-Staatsunternehmen DEFA an.

Rückkehr in die Berliner Politik

Nach dem Ausscheiden aus dem Deutschen Bundestag wurde Wohlrabe in der Berliner Politik wieder aktiv. Im März 1979 hatte er im Bezirk Spandau bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus ein Direktmandat gewonnen. In Erinnerung und Anknüpfung an frühere Erfolge wurde er gleich zum stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der CDU gewählt. Er war auch Mitglied des Ältestenrats, von 1981 bis 1989 Vorsitzender des Ausschusses für Bundesangelegenheiten und Gesamtberliner Fragen und seit 1990 Vorsitzender des Ausschusses für Bundes- und Europaangelegenheiten. Den Höhepunkt seiner politischen Karriere erreichte Jürgen Wohlrabe im März 1989 mit der Wahl zum Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin. Er hatte es zu dieser Zeit mit einer rot-grünen Regierung unter Walter Momper zu tun, da die vorherige CDU/FDP-Koalition unter Eberhard Diepgen mit den Wahlen zum Abgeordnetenhaus im Januar 1989 ihre Macht eingebüßt hatte. Da außerdem die Republikaner in das Abgeordnetenhaus eingezogen waren, stand dieses und damit auch Wohlrabe vor einer schwierigen Bewährungsprobe. Wohlrabe setzte sich als Präsident energisch und erfolgreich für den Umbau des Preußischen Landtags zum neuen Sitz des Berliner Abgeordnetenhauses ein; es verzog damit vom Schöneberger Rathaus in die alte Mitte der Stadt.

Deutsche Einheit

Die deutsche Einheit, an die Wohlrabe immer unerschütterlich geglaubt hatte, vollzog sich in dieser Zeit. Am 10. November 1989, am Abend nach dem Mauerfall, stimmte Jürgen Wohlrabe auf der Freitreppe vor dem Schöneberger Rathaus zusammen mit Bundeskanzler Helmut Kohl, Willy Brandt, Hans-Dietrich Genscher und Walter Momper die deutsche Nationalhymne an; für ihn erfüllte sich ein Lebenstraum. Zwar kandidierte er 1990, wieder vornehmlich aus beruflichen Gründen, nicht mehr für das Amt des Parlamentspräsidenten, aber er behielt nach den ersten Gesamtberliner Wahlen seit 1946 vom 2. Dezember 1990 ein Mandat im Abgeordnetenhaus. In der 1990 sich abzeichnenden Frage von Hauptstadt und Regierungssitz eines vereinigten Deutschland trat er ohne Wenn und Aber für Berlin ein. Er übernahm im Jahr der Wiedervereinigung mit dem Amt des Schatzmeisters noch einmal Verantwortung für die Berliner CDU. Und er kehrte 1993/94 noch einmal in den Deutschen Bundestag zurück: als Abgeordneter für den Wahlkreis 232: Altmarkkreise, Gardelegen, Klötze, Osterburg, Salzwedel, Stendal – also für jene Region, in der er seine Kindheit und frühe Jugend verbracht hatte. Der Berliner CDU stand er von 1993 bis zu seinem Tod wieder als Stellvertretender Landesvorsitzender zur Verfügung.

Privates

Jürgen Wohlrabe hat die Politik immer als sein Hobby verstanden – neben dem eigentlichen: der Ornithologie. 1977 wurde ihm das Verdienstkreuz 1. Klasse, 1994 das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland am Bande verliehen. In Frankreich wurde er 1986 in Anerkennung des weltweiten Erfolges der Asterix-Filme als „Chevalier de l’ Ordre des Arts“ et des Lettres“ ausgezeichnet. Wohlrabe war verheiratet und hatte zwei Kinder. Er starb am 19. Oktober 1995 in Berlin an einem Gehirntumor.

Manfred Agethen

Quellen

Archiv für Christlich-Demokratische Politik, Nachlass Jürgen Wohlrabe 01-700

Literatur

a) von Jürgen Wohlrabe

  • Wohlrabe, Jürgen: Wir tragen Verantwortung im Staat. In: Mit der Union in die Zukunft. Grundlagen, Kritik, Aufgaben, Vorschläge, Perspektiven; hrsg. von Lothar Kraft und Gerhard Reddemann. Bonn 1969, S. 83-89
  • Wohlrabe Jürgen: Interview mit Jürgen Wohlrabe. In: Die Entscheidung, 19 (1971), S. 8 f
  • Wohlrabe, Jürgen: Was die DDR Bonn schuldet. In: Die Politische Meinung. 22 (1977), S. 85-89
  • Wohlrabe, Jürgen: Was kostet die Entspannung. In: Epoche. Freiheitlich-konservative Monatsschrift, Heft 5/1978, S. 17-23
  • Wohlrabe, Jürgen: Bundestagsreden und Zeitdokumente; hrsg. von Philipp Jenninger. Mit einem Vorwort von Rainer Barzel. Bonn 1979
  • Wohlrabe, Jürgen: Warum Parteien Geld brauchen. In: Sonde, Heft 3/1989, S. 30-33
  • Wohlrabe, Jürgen: Metropole Berlin: Der Anfang ist gemacht. In: Sonde, Heft 4/1989, S. 20-22
  • Wohlrabe, Jürgen (Hrsg.): 60 Jahre Jugendfilm: 1934 – 1994. Text: Stefan Damm. Berlin 1994

b) über Jürgen Wohlrabe

  • Weirich, Dieter: Ein Parteiapparat-Reformer: Jürgen Wohlrabe ist in Bonn eine Hoffnung. In: Deutsche Tagespost 28.11.1969
  • Tromp, Winfried: Jürgen Wohlrabe: Präsident des Bundes der Mitteldeutschen. In: Rheinischer Merkur 21.5.1971
  • Tönshoff, Lothar: Menschen unserer Zeit: Jürgen Wohlrabe. In: Jürgen Wohlrabe: Bundestagsreden und Zeitdokumente; hrsg. von Philipp Jenninger. Bonn 1979, unpag. Vorspann
  • Stolle, Peter: Ein Leben zwischen Lummer und Leone. Über den Berliner Christdemokraten und Filmverleiher Jürgen Wohlrabe. In: Der Spiegel, Nr. 30, 20.7.1987
  • Karutz, Hans-Rüdiger: Im Gespräch: Jürgen Wohlrabe – Farbige Zeiten für Berlin. In: Die Welt 2.3.1989
  • Reuth, Ralf Georg: Asterix nach drüben. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung 6.3.1989
  • Tremper, Will: Zum Tode von Jürgen Wohlrabe. In: Welt am Sonntag 22.10.1995

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