Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Geschichte der CDU

Bildung, Bildungspolitik

Bildungspolitik ist Länderangelegenheit; die 1969 unter Kurt Georg Kiesinger übertragene Bundeszuständigkeit gilt den Hochschulen (Rahmengesetzgebung, Ausbildungsförderung, Bildungsplanung, Gemeinschaftsaufgabe Hochschulbau) sowie der außerschulischen Berufsbildung (Berufsbildungsgesetz 1969). Mit der Föderalismusreform I von 2006 wird die Länderhoheit wieder gestärkt; beim Bund verbleiben lediglich die Kompetenzen zur Regelung der Hochschulzulassung und der Hochschulabschlüsse − von der die Länder abweichen können −, sowie jene für den betrieblichen Teil der beruflichen Bildung im dualen System. Die bisherige Gemeinschaftsaufgabe Hochschulbau geht ebenso in die Autonomie der Länder über wie die Gemeinschaftsaufgabe Bildungsplanung. Damit zieht sich der Bund aus der Finanzierung des Hochschulbaus und aus den direkten Finanzhilfen im Schulbereich zurück, obwohl angesichts der Finanzlage der Länder immer wieder nach Wegen gesucht wird, den Bund allein oder verstärkt anteilig finanzieren zu lassen (s. in 2010 die Debatten um die Bafög-Erhöhung und das nationale Stipendienprogramm).

1. Schulpolitik

Die Unions-Bildungspolitik 1945–1960 war angesichts des NS-Totalitarismus und der weitgehenden Entchristlichung bzw. des „Verfalls abendländischer Gesittung“ (1946) getragen von der Bemühung um eine christlich-humanistische Erneuerung des einzelnen wie auch von Staat und Gesellschaft. Dabei sollte sich ein religiös fundiertes, kulturelles Leben organisch entfalten. Die CSU forderte in ihrem Zehn-Punkte-Appell vom 31. Dezember 1945 die „Reform unseres Erziehungswesens im Geiste der Demokratie und der christlichen Grundsätze“, eine von Christine Teusch beeinflusste Entschließung der CDU zur Schulreform forderte 1946, die religiösen Kräfte müssten in allen Schulformen wirksam werden – Leitbilder, die den Entwurf für ein kulturpolitisches Grundsatzprogramm der CDU 1952 und die ersten Kulturkongresse der CDU/CSU 1960 und 1962 prägten. Seit Anfang der 1960er Jahre wandte sich unter dem Einfluss von Alois Schardt, Hanna Walz, Berthold Martin u. a. die Union allmählich einer pragmatischen Bildungspolitik zu, die ein eigenes, nicht nur subsidiäres Recht des Staates bei der Verwirklichung von Bildungschancen vertrat und sich auch internationalen Herausforderungen stellte. 1963 erklärte Bundeskanzler Ludwig Erhard, die Aufgaben der Bildung und Forschung besäßen für unsere Zeit den gleichen Rang wie die soziale Frage für das 19. Jahrhundert.

Solche Reformtendenzen verstärkten sich unter dem Eindruck der Warnrufe von Georg Picht (Die deutsche Bildungskatastrophe 1964), Ralf Dahrendorf (Bildung ist Bürgerrecht) und dem Einfluss der Kultusminister Wilhelm Hahn und Paul Mikat. Auf dem Kulturpolitischen Kongress der CDU/CSU 1964 und den Bundesparteitagen der CDU 1964/65 zog die Union die Konsequenzen aus dem sozialen und technologischen Wandel und löste sich von der Vorstellung, Bildung sei wesentlich ein personal-charakterlicher Vorgang mit Transzendenzbezug. Individuelle und umfassende Förderung des einzelnen, Chancengerechtigkeit und die Ausschöpfung der „Begabungsreserven“ für den „Standort Deutschland“ wurden zu Leitbildern, die auch die seinerzeit forcierte Bildungsplanung bestimmten. Im Berliner Programm 1968 wurde dem Thema „Bildung, Jugend, Kunst und Forschung“ erstmals in einem Parteiprogramm der Union ein eigener Abschnitt gewidmet. Das 1. bildungspolitische Programm der CDU, „Schule und Hochschule von morgen“ 1969, wurde bis hin zum „Kulturpolitischen Programm“ der CDU/CSU-Kultusminister 1976 fast unverändert fortgeschrieben.

Die Bildungspolitik der Union wurde in den späten 1960er, den 1970er und frühen 1980er Jahren von Persönlichkeiten wie Hahn, Mikat, Bernhard Vogel (Deidesheimer Leitsätze 1969), Hans Maier (1986: Nachfolger: Hans Zehetmair) und Hanna-Renate Laurien geprägt. Sie traten den Auswüchsen der „Reformen“ der frühen 1970er Jahre entgegen und bestimmten die Auseinandersetzungen mit der SPD sowie mit sozialistischen und neomarxistischen Strömungen. Die kontroversen Diskussionen erstreckten sich auf Schulstrukturen (Gesamtschule), Lerninhalte (Hessische Rahmenrichtlinien 1972 u. a.) und Hochschulstrukturen (Gremienuniversität, Mitbestimmung u. a.). Die beträchtlichen gesellschaftspolitischen Gegensätze verdeutlichte 1978 der Kongress „Mut zur Erziehung“.

Das Grundsatzprogramm der CDU 1978 formulierte: Bildung und Erziehung als individueller und gesellschaftlicher Prozess sollen weder weltanschauliche Parteilichkeit noch wertneutrale Beliebigkeit fördern, sondern sich orientieren an Leitbildern wie der „freiheitlich-demokratischen Ordnung“, „personaler Verantwortung“; sie sollen helfen, einen ethischen und religiösen Standpunkt zu finden, Geschichtsbewusstsein und Zugang zu den Kulturgütern vermitteln; „Leistung“ wird als „unentbehrlicher Ansporn“ betont; ein leistungsorientiertes, differenziertes Bildungssystem soll der „Chancengerechtigkeit“ dienen und „Solidarität“ fördern. Die „konfliktorientierte Pädagogik“ wird verworfen, das Elternrecht und das Zusammenwirken von Schule und Eltern in der Erziehung hervorgehoben, der Wert der dualen Berufsausbildung und beruflichen Bildung unterstrichen.

Mitte der 1970erJahre begannen die bildungspolitische Reformeuphorie und die Bereitschaft zu höherer Finanzierung zu erlahmen, Ende der 1980er Jahre wurde die Debatte neu belebt: Chronische Unterfinanzierung der Hochschulen und steigende Belastungen von Lehre und Forschung („Vermassung“) gefährdeten ihre Funktionsfähigkeit, das differenzierte Schulwesen wurde ausgehöhlt, Facharbeitermangel konstatiert; zudem erzwang die Wiedervereinigung den Neuaufbau des Bildungswesens der neuen Länder und die Überprüfung der bisherigen Positionen der neuen Länder, für den Kultuspolitiker wie Steffie Schnoor, Dieter Althaus oder Matthias Rößler stehen. Ausgangspunkt für die 1990er Jahre war das 1993 verabschiedete, mit Georg Gölter und Norbert Lammert verbundene Bildungsprogramm „Erziehung und Ausbildung in unserem freiheitlich demokratischen Bildungssystem“, fortgeschrieben im Projekt „Zukunftschancen“ (1997), im „Zukunftsprogramm“ (1998, Bremen), in den Erfurter Leitsätzen (1999), den Leitsätzen „Aufbruch in die lernende Gesellschaft“ (2000, unter Vorsitz von Annette Schavan). Verstärkt wurde die Diskussion durch die Krise am Lehrstellenmarkt (seit 1994), die Frage der Attraktivität der Berufsbildung und die neuen Herausforderungen im Zusammenhang mit Europäisierung, Globalisierung, internationalem Wettbewerb, mit den Anpassungen an die Entwicklungen in Naturwissenschaften, Technologie und Kommunikationssystemen. Die Einbeziehung von Internet und Multimedia in den Unterricht, naturwissenschaftliche und sprachliche Kompetenz, „lebenslanges Lernen“, neue Unterrichtsformen und die von der CDU schon auf dem Hamburger Parteitag 1981 geforderte und sich wohl auch zukünftig weiter durchsetzende Verkürzung der gymnasialen Schulzeit traten hinzu. Erziehung zur Grundwerten und Tugenden und Einheit von Bildung und Erziehung blieben Eckpunkte der Bildungsideen und Bildungspolitik.

Mit ihrem 2007 in Hannover verabschiedeten jüngsten Grundsatzprogramm („Freiheit und Sicherheit: Grundsätze für Deutschland“) reagierte die CDU wie auch schon zuvor auf neue zeitbedingte Entwicklungen und Herausforderungen, etwa auf die wachsende Bedeutung der frühkindlichen Bildung auch für die Migrantenintegration oder auf die Ergebnisse der internationalen Vergleichsstudien (PISA seit 2000), ohne ihre bewährten Grundlinien zu verlassen. Gleich eingangs ordnet sie Erziehung und Bildung dem Kontext „Unser Gesellschaftsbild“ zu und betont damit deren Stellenwert („Erziehung und Bildung schaffen wesentliche Voraussetzungen für die freie Entfaltung der Person und für die Fähigkeit zur Wahrnehmung von Freiheitsrechten und Bürgerpflichten“) und setzt auf Persönlichkeitsbildung, wobei dazu auch „soziale Rücksicht“, Eigenverantwortung und Solidarität“ ebenso gehören wie „Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit.“ Daher bekennt sich die CDU wie schon immer zuvor zu einem ganzheitlichen Bildungsbegriff als „Anregung aller Kräfte des Menschen, damit dieser sich entfalten und zu einer sich selbst bestimmenden Individualität und Persönlichkeit entwickeln kann.“

Daher steht die CDU auch ganz konkret zur Übernützlichkeit von Bildung und zu „Werten“ und Inhalten, die das leisten und über „verbindliche nationale Standards/überprüfbare Lerninhalte und Schlüsselkompetenzen in Kerncurricula“ umgesetzt werden sollen: „unsere moralischen und ökonomischen Werte“, neue Bedeutung der „Allgemeinbildung“, musische, auch eigens erwähnt politische Bildung, „konfessioneller“ Religionsunterricht als Pflicht (daneben auch in anderen Religionen nach Bedarf mit in Deutschland ausgebildeten Lehrern und in deutscher Sprache), Verstärkung der „ökonomischen und mathematisch-naturwissenschaftlichen Bildung“. Dieser Ansatz wird dadurch verstärkt, dass in dem hier zugeordneten Kapitel „Kultur: Ausdruck nationaler Identität und Weltoffenheit“ nicht nur betont wird, dass auch in Zukunft der Bestand der Kultureinrichtungen gesichert werden soll, es geht um Grundsätzlicheres: „Ohne Kultur entsteht keine Bildung, ohne Bildung wächst keine Kultur. Kulturelle Bildung ist unerlässlich, um dem Einzelnen zu helfen, seine Persönlichkeit zu entfalten und an Demokratie und Gesellschaft teilzuhaben“, ist daher „unverzichtbarer Bestandteil des öffentlich verantworteten und geförderten Bildungssystems“. Unter dem Titel „Zusammenhalt unserer Gesellschaft“ benennt die CDU überdies das „patriotische Zusammengehörigkeitsgefühl“, das sich nicht nur auf die negativen, sondern auch auf die positiven Seiten der deutschen Geschichte beziehen kann und spricht von „kulturellen Werten und historischen Erfahrungen“ als „Grundlage für den Zusammenhang in unserer Gesellschaft“ bzw. auf die „christlich geprägten Wertgrundlagen unserer freiheitlichen Demokratie“.

Bei der Verbesserung der Rahmenbedingungen plädiert die CDU für: Frühkindliche Bildung ab dem 3. Lebensjahr, verbindliche nationale Standards, Umsetzung der beschlossenen Bildungsstandards, mehr Eigenverantwortung der Schule, verbunden mit Evaluation, empirische Bildungsforschung und kontinuierliche Bildungsberichterstattung, Vergleichbarkeit v. a. bei den Abschlüssen, „pädagogische Praxis im Mittelpunkt“ der Lehrerausbildung, bedarfsgerechter Ausbau der Ganztagsschule mit einem pädagogischen Konzept, das „Gesundheitserziehung und Sport, musisch-künstlerische Tätigkeiten und die Vermittlung von sozialen Kompetenzen“ einschließt, besondere Förderung von Lernschwachen und Menschen mit Behinderungen („selbstverständliches Miteinander“ früh vermitteln), Förderung von Spitzenleistungen („Hochbegabte“) , gezielte Sprachförderung mit Sprachtests v. a. für Migranten, mindestens eine Fremdsprache ab der 1. Klasse.

Ihr Bekenntnis zu einem „vielfältige(n) gegliederte(n) Schulwesen und die Ablehnung der „Einheitsschule“ begründet die CDU mit der Feststellung, es habe sich „bewährt und erfolgreich weiterentwickelt“, „mit der Vielfalt an Lernkonzepten und Lernwegen“ und der Begabungsgerechtigkeit („begabungsgerechtes differenziertes Schulwesen“). Daher lehnt die CDU das von SPD und Grünen favorisierte Konzept gemeinsamen längeren Lernens in der Grundschule auch weiterhin ab; inwieweit sich angesichts der demographischen Entwicklung die Vielfalt der Bildungsgänge durch Verbundmodelle in der Sekundarstufe I nach sächsischem und thüringischem Vorbild auch in den „alten“ Ländern erhalten lässt, gehört zu den derzeit in der CDU diskutierten bildungspolitischen Themen.

2. Hochschulpolitik

Die Hochschulpolitik, zu der sich zuvor nur der RCDS zu Wort gemeldet hatte (1956/57: Ausbau der Hochschulen, Mitwirkung, Studienreform, bundeseinheitliches Hochschulgesetz), wurde erstmals beim Kulturpolitischen Kongress der CDU/CSU 1960 eigens thematisiert. 1966 folgten Empfehlungen des Bundeskulturausschusses der Unionsparteien zu Freiheit von Forschung und Lehre, Hochschulen als Körperschaften des öffentlichen Rechts, einheitlicher Hochschulverwaltung. Die Empfehlungen betrafen ferner die schnelle Besetzung vakanter Lehrstühle, die Reform des Habilitationsverfahrens, die Studentenschaft als Gliedkörperschaft der Hochschule u. a. Auf dem Kulturpolitischen Kongress in Bad Godesberg 1969 wurde ein ausführlicher Passus zu den Hochschulen formuliert: Einrichtung von Fachhochschulen, Kooperation mit den Universitäten, Privatinitiativen, Präsidialverfassung, höhere Haushaltsflexibilität. Im „Schul- und Hochschulreformprogramm der CDU“ 1971 fanden Forderungen nach Freiheit von Forschung und Lehre, nach Erhaltung des Leistungsprinzips in der Wissenschaft, mehr Verantwortung der Hochschulen gegenüber dem Staat, funktionsgerechter Mitbestimmung ihren Niederschlag. Die Mitte der 1970er Jahre abflauende Reformeuphorie traf auch die Hochschulen: dass Dorothee Wilms 1985 mit der Nivellierung des Hochschulrahmengesetz (1975) dessen übelste Folgen entschärfte (u. a. Streichung der Gesamthochschule als Organisationsmodell) wurde öffentlich kaum wahrgenommen. Mit „Hochschulsonderprogrammen“ (1980, 1990, 1996) und dem „Erneuerungsprogramm“ für die neuen Länder (1991) leistete die Regierung Kohl ihren Beitrag zur Modernisierung und zum Zusammenwachsen des deutschen Hochschulsystems; mit ihrem Bildungsprogramm (1993) und den Leitsätzen (2000) tritt die CDU (wie auch die CSU) im Sinne von Differenzierung und Konkurrenz ein für den Ausbau der Fachhochschulen, die Profilschärfe der Hochschultypen, die Berufsakademie, die Stärkung des Abiturs, ein stärkeres Auswahlrecht der Hochschulen, die Neugliederung des Studiums, die Frauenförderung, den Ausbau integrierter bzw. modularer berufsbildender Angebote, die Abschaffung der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS), ein beiderseitiges Auswahlrecht, Evaluation, ein leistungsbezogenes Dienstrecht sowie für die Stärkung des (föderalen) Wettbewerbs unter den Hochschulen, dem auch die unter Jürgen Rüttgers 1998 erneut vorgenommene Novellierung des Hochschulrahmengesetzes diente.

In ihrem Grundsatzprogramm von 2007 bekennt sich die CDU zur „Einheit von Forschung und Lehre“, eigens die „Berufsakademien“ als „Erfolgsgeschichte“ neben den Fachhochschulen, bekennt sich zu einem differenzierten Hochschulraum (auch mit privaten Hochschulen) und betont: „Wissenschaft und Forschung entscheiden über den materiellen und immateriellen Wohlstand einer Gesellschaft und tragen zur Bewältigung der großen Herausforderungen der wachsenden Weltbevölkerung bei“, dafür stehen die Rahmenbedingungen: differenziertes System, angemessene Grundausstattung aus dem Staatshaushalt, sozialverträgliche Studienbeiträge, Exzellenz auch in der Lehre, Wechsel zwischen den Hochschultypen bei entsprechender Qualifikation, verstärkter internationaler Studienaustausch, bessere Vereinbarkeit von Studium, wissenschaftlicher Karriere und Familie bei Ausweitung des Stipendienwesens, Förderung der universitären Spitzenforschung, weitere Stärkung des Wettbewerbs, mehr Freiheit und Eigenverantwortung. Zur Debatte steht derzeit v.a. die Korrektur des Bologna-Prozesses beim Bachelorabschluss.

3. Berufliche Bildung und Weiterbildung

Auf ihren Kulturpolitischen Kongressen (1962/1964) formulierten die Unionsparteien erstmals ausführlich ihre bis heute prinzipiell nicht veränderte Position (vgl. „Leitsätze“ 2000) zur beruflichen Bildung in gemeinsamer Verantwortung von Staat und Wirtschaft, auch wenn sich einige Rahmenbedingungen verändert haben: Dazu gehören Ausländer- bzw. Aussiedlerintegration, wirtschaftlich-technische Entwicklung der neuen Länder, Gleichwertigkeit allgemeiner und beruflicher Bildung, Ergänzung des Lehrbetriebs durch überbetriebliche Ausbildungsstätten, duales Regelsystem, staatlich kontrollierte Ausbildereignung, Kooperation/Verzahnung von Berufs-, allgemeinbildender Schule und Betrieb, Berufsgrundschuljahr, Ausbildungsförderung analog zur Studienförderung, Differenzierung und Flexibilisierung entsprechend der Leistungsfähigkeit sowie besondere Begabtenförderung, modulare Formen, weiterführende Bildungswege, Modifizierungen des Hochschulzugangs, Förderung von Berufsakademien, Ablehnung einer allgemeinen Berufsbildungsabgabe; Verbindung von Selbstverantwortung und Qualität in der Weiterbildung (u. a. „Stiftung Bildungstest“). Jürgen Rüttgers setzte einen Schwerpunkt hinsichtlich der rascheren Anpassung der Berufbilder, des Ausbaus der Förderpalette („Meister-Bafög“) und der Förderung Leistungsschwächerer („Kleiner Gesellenbrief“).

In ihrem Grundsatzprogramm von 2007 bekennt sich CDU zum dualen System als „ein Standortvorteil im internationalen Wettbewerb und als die beste Vorbeugung gegen Jugendarbeitslosigkeit“; dazu gehört überdies, „Mädchen und Jungen bei ihrer Berufsorientierung Lust auf Vielfalt der Wege der Ausbildungsmöglichkeiten zu machen. „Leistungsschwächere Jugendliche (brauchen) zusätzliche Einstiegschancen, die zu arbeitsmarktverwertbaren und bescheinigten Qualifikationen führen und Anschlüsse offen halten, plädiert wird für „mehr qualifizierte Stufenausbildungen sowie insbesondere Ausbildungsbausteine als abgegrenzte und standardisierte Lerneinheiten, die eigenständig bescheinigt und als Ausbildungsleistung angerechnet werden, für eine Verstärkung der Zusammenarbeit aller Beteiligter, insbesondere zwischen den allgemeinbildenden Schulen und den Einrichtungen der beruflichen Bildung, Übergangs- und Anrechnungsmöglichkeiten für die Zulassung von Absolventen einer beruflichen Ausbildung zum Hochschulstudium verbessern, Ermutigung an die privaten und öffentlichen Arbeitgeber, mehr Ausbildungsplätze anzubieten. „Dabei setzen wir auf Freiwilligkeit, Verantwortungsbewusstsein und gezielte Anreize statt staatlichen Zwang.“ „Zu den Anforderungen der Arbeitswelt gehört es, mobil zu sein. Deshalb brauchen wir einen europäischen Bildungsraum, in dem Ausbildungsgänge und Bildungsabschlüsse vergleichbar sind und gegenseitig anerkannt werden.“ Das Thema „Weiterbildung“ hatte die CDU schon 2000 (Aufbruch in die lernende Gesellschaft“) zu einem Schwerpunkt im Kontext lebenslangen Lernens gemacht.

4. Leitbilder

a) Differenzierung und Chancengerechtigkeit

Die Union hat sich stets zum differenzierten Schulwesen bekannt – als Konsequenz des Elternrechts und aus der Einsicht heraus, dass (entgegen sozialistischen Vorstellungen) die menschlichen Begabungen ebenso wie die Leistungsfähigkeit und Neigungen unterschiedlich verteilt sind. Dementsprechend will sie im Sinne bestmöglicher individueller Förderung den unterschiedlichen Leistungsprofilen gerecht werden. Chancengerechtigkeit soll durch freien Zugang zum Bildungswesen und dessen Durchlässigkeit gewährleistet werden. Die freie Entfaltung der Persönlichkeit habe sich zu verbinden mit sozialer Verantwortung; „Chancengleichheit“ suggeriere nur die Illusion gleicher Ergebnisse.

Die SPD-Konzeption der Einheitsschule bzw. der integrierten Gesamtschule (seit 1968; damals in den CDU/CSU-geführten Ländern weithin nur auf Modellversuche beschränkt) wird abgelehnt; dort wo die Gesamtschulen existieren, sollen sie sich in ihrem Anspruch auf besondere Förderung und „soziale Erziehung“ echter Konkurrenz stellen. Die Ergebnisse der innerdeutschen PISA-Studien seit 2000, die den differenzierten Systemen in den CDU/CSU-geführten Ländern nicht nur ein höheres Leistungsniveau, sondern auch eine bessere Migrantenintegration attestierten, bestätigen diesen Kurs.

b) Elternrecht und Kindeswohl

Die Union hat stets auf dem Elternrecht und der Elternpflicht zur Erziehung (Art. 6 GG) beharrt. Die vorschulische (frühkindliche) Erziehung (und Bildung) spielte in der Diskussion vor 2000 nur eine marginale Rolle; gefordert wird ihr Ausbau „auf Wunsch der Eltern“ im Grundsatzprogramm von 2007. Das Elternrecht wird als Garant der freien Schulwahl betrachtet, was wiederum das Eintreten für differenzierte Schularten bzw. staatlich anerkannte und geförderte Privatschulen zur Konsequenz hat. Weil viele Länderverfassungen die Wahl der weiterführenden Schule ausdrücklich von der Leistungsfähigkeit des Kindes abhängig machen („Kindeswohl“), steht das Verhältnis von Elternwille und Lehrerempfehlung für die weiterführende Schule immer wieder zur Debatte (s. zuletzt Hamburg 2010). Gegenwärtig verschärft sich die Frage nach der Erziehungspflicht der Eltern insbesondere in bildungsfernen Schichten und nach Kompensation durch den Staat unter dem Stichwort „Bildungsgerechtigkeit“. Die CDU bekennt sich auch weiterhin zu einem möglichst partnerschaftlichen Verhältnis zwischen Eltern und Schule.

c) Leistung und Leistungsvergleichbarkeit

Der auch von der CDU unterstützte steigende Zulauf zum Gymnasium seit den 1970er Jahren hat immer wieder Qualitätsdebatten hervorgerufen, die seit Mitte der 1990er Jahre und v.a. nach 2000 durch nationale und internationale Untersuchungen und angesichts nicht immer erfreulicher Ergebnisse angefacht werden. Daher setzt die Union auch weiterhin auf eine „Renaissance des Leistungsprinzips“ durch länderweite und -übergreifende Evaluation in Schule und Hochschule, Notengebung („Kopfnoten“) auch in der Grundschule, Verschlankung der Reformierten Oberstufe zugunsten der Kernfächer, zentrale Abschlussprüfungen und Neuregelung beim Hochschulzugang. Damit verbindet sich die ebenfalls immer erneut geführte Diskussion um Grundbildung und Bildungs„kanon“, die den kulturellen, allgemeinbildenden und berufsbefähigenden Auftrag der Schule auch weiterhin garantieren.

Literatur

  • H.-J. Gamm/F. Pöggeler (Hg.): Streitfragen der Bildungspolitik. Die bildungs- und kulturpolitischen Konzeptionen der Kirchen und Parteien in Deutschland (1967);
  • A. Hoffmann: Die bildungspolitischen Vorstellungen der CDU und SPD (1968);
  • A. Pfeifer, Zur Bildungs- und Wissenschaftspolitik der Union, in: G. Gölter/E. Pieroth (Hg.), Die Union in der Opposition. Analyse-Strategie-Programm (1970);
  • B. Vogel (Hg.): Neue Bildungspolitik (1975);
  • N. Lammert (Hg.): Persönlichkeitsbildung und Arbeitsmarktorientierung (1992);
  • Ders.: Königswege und Trampelpfade (1994);
  • Wissen und Werte für die Welt von morgen. Dokumentation zum Bildungskongreß des Bayerischen Kultusministeriums (1998);
  • A. Schavan: Schule der Zukunft (1998);
  • J. D. Gauger/J. Kraus: Humboldt oder High Tech?, in: Die Politische Meinung 370 (2000);
  • M. Rössler (Hg.): Nachdenken über Schule (22001);
  • K. Wolff (Hg.): Ohne Bildung keine Zukunft (2001);
  • Jörg-Dieter Gauger (Hg.): Bildung der Persönlichkeit (2006);
  • Josef Kraus, Ist die Bildung noch zu retten: Eine Streitschrift (2009)
  • Jörg Dieter Gauger: „Bildung“ in den Grundsatzerklärungen der Parteien im Deutschen Bundestag (2010).

Jörg-Dieter Gauger