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COVID-19 in Lateinamerika

COVID-19 in Lateinamerika

Bestandsaufnahme nach einem Jahr

Seit das Coronavirus sich im März 2020 erstmals in Lateinamerika ausbreitete, hat sich die Region zum weltweiten Hotspot der globalen Pandemie entwickelt. Keine andere Weltregion hatte derart dramatische Infektionsraten und tödliche Verläufe der Covid-19 Epidemie zu beklagen. Trotz monatelanger Lockdowns in vielen Staaten ringt die Region weiterhin mit dem Virus. Die Inzidenzen und Todesraten erreichten im Frühjahr 2021 abermals traurige Rekordwerte.

 

Lockdown-Müdigkeit und Mutationen

Ein wesentlicher Grund hierfür liegt in der Mutation des Virus. So konnte sich in Brasilien, wo Präsident Bolsonaro unbenommen der dramatischen Corona-Lage in seinem Land weiterhin jegliche Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie ablehnt, eine Mutation des Virus verbreiten, die zur Re-Infektion bereits genesener Corona-Patienten führt und verstärkt jüngere Bevölkerungsteile betrifft. Über die 10 Landesgrenzen Brasiliens verbreitete sich die Virus-Mutante P-1 innerhalb kurzer Zeit in der gesamten Region und traf hierbei auf eine lateinamerikanische Bevölkerung, die nach den langen Lockdowns des letzten Jahres gerade erst einen Kurs der Lockerungen eingeschlagen hatte und wenig Bereitschaft für erneute Kontaktbeschränkungen zeigte. Die erneute Corona-Welle traf daher auch Länder wie Uruguay, das noch kurz zuvor mit seiner erfolgreichen Corona-Politik als Musterbeispiel in der Region galt, oder Chile, das weltweit mit dem Fortschritt seiner erfolgreichen Impfkampagne von sich Reden machte.

 

Verzögerungen bei den Impfungen

Rund ein Jahr nach Ausbruch der Pandemie haben inzwischen fast alle lateinamerikanischen Staaten mit den Impfungen gegen COVID-19 begonnen. Wenngleich es – insbesondere in Ländern mit kleiner Bevölkerung, wie Chile, Uruguay oder den Karibikstaaten - einzelne Erfolge zu vermelden gab, steht die Mehrzahl der lateinamerikanischen Staaten beim Thema Impfen nicht gut da. Zwar fungierte die Region aufgrund ihrer hohen Infektionsraten als Testlabor für zahlreiche Wirksamkeitsstudien der neu entwickelten Corona-Impfstoffe, doch bei der Beschaffung der weltweit begehrten Vakzine gerieten viele lateinamerikanische Länder ins Hintertreffen.

Globale Lieferengpässe, knappe wirtschaftliche Ressourcen, schwierige Verhandlungen mit den Impfstoffherstellern und politische Streitigkeiten führten in vielen Ländern der Region zu enormen Verzögerungen bei den Impfkampagnen. Als Helfer in der Not profilierten sich hier China und Russland. Noch bevor die am stärksten betroffenen Länder der Region ab März 2021 vergünstigte Impfdosen über den globalen Verteilungsmechanismus COVAX (Covid-19-Vaccines Global Access) erhielten, sicherten die Präsidenten der beiden Staaten den Corona-verzweifelten Regierungen der Region höchstpersönlich umfangreiche Lieferungen ihrer teils noch im Zulassungsverfahren befindlichen Impfstoffe zu. So kommt es, dass in den Impfkampagnen in Lateinamerika mit Sinovac und Sputnik V bislang vorwiegend chinesische und russische Impfstoffe zum Einsatz kamen, die in Europa und den USA noch keine Zulassung erhielten.

 

Lateinamerikanische Volkswirtschaften am Abgrund

Die Corona-Pandemie hat Lateinamerika nicht nur in gesundheitlicher Hinsicht, sondern auch wirtschaftlich hart getroffen. Schon vor dem Ausbruch von COVID-19 konnten die Volkswirtschaften der Region kaum noch Wachstum verzeichnen, die Realeinkommen der Menschen gingen zurück und die Armut wuchs. Viele Staaten waren außerdem bereits vor der Corona-Krise hoch verschuldet. Ihr Handlungsspielraum für soziale und wirtschaftliche Hilfsmaßnahmen zur Unterstützung ihrer Bevölkerungen während und nach der monatelangen Quarantäne-Zeit war deshalb teilweise extrem gering. Im Zuge der Pandemie sind viele Volkswirtschaften in Lateinamerika nun vollständig in Schieflage geraten: Die Region verzeichnete mit -7,7 % Wachstum 2020 den größten Wirtschaftseinbruch ihrer Geschichte und hat sich extrem verschuldet. Lateinamerika gilt nun als die am stärksten verschuldete Region der Welt. Auch die Armut ist im Pandemiejahr stark angestiegen. Laut der UN-Wirtschaftskommission CEPAL lebt rund ein Drittel der Bevölkerung Lateinamerikas unterhalb der Armutsgrenze. Für die rund 650 Millionen Menschen in der Region, von denen ein Großteil im informellen Sektor tätig ist und auf keinerlei staatliche Absicherung zählen kann, ist die Corona-Pandemie deshalb nicht nur aufgrund der hohen Infektionszahlen, sondern auch in wirtschaftlicher Hinsicht zur Überlebensfrage geworden.

Einzeltitel
Municipalidad de Santiago / flickr / CC BY-NC 2.0 / creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/
18. Februar 2021
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