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„Ermutigung zur Selbsterfahrung“

von Christoph Böhr, Stephan Georg Raabe

Johannes Paul II. als Philosoph der Moderne

Interview mit Professor Dr. Christoph Böhr zum 100. Geburtstag von Karol Wojtyła / Papst Johannes Paul II. am 18. Mai 2020
Der junge Karol Wojtyla Stephan Raabe
Der junge Karol Wojtyła, später Papst Johannes Paul II. (1920-2005)

Johannes Paul II. (1920 – 2005) galt weltweit als moralische Autorität. Wenig bekannt ist in Deutschland, dass mit dem polnischen Pontifex ein Philosoph auf der Cathedra Petri saß. Denn Karol Wojtyła,, der 1978 zum Papst gewählte Kardinal von Krakau, war von 1954 bis zu seiner Bischofsweihe 1958, Professor für Philosophie und Sozialethik an der Katholischen Universität Lublin und beschäftigte sich auch danach weiter mit der Philosophie. In seiner Habilitation 1953 setzte er sich mit dem deutschen Philosophen Max Scheler und dessen phänomenologischer Wertphilosophie auseinander. Sein philosophisches „Credo“ fasste er 1969 in dem Buch „Person und Tat“ zusammen. Diesen Ansatz führte er als Papst in seiner ersten Sozialenzyklika „Laborem exercens“ 1981 vor allem im Blick auf den Wert und die Würde menschlicher Arbeit weiter aus. Von seinem philosophischen Werk hat Johannes Paul II. gesagt, es sei aus dem Staunen über den Menschen geboren.

Wir sprachen mit Prof. Böhr, der an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Heiligkreuz bei Wien Philosophie lehrt und zu den besten Kennern des philosophischen Werkes Karol Wojtyłas im deutschsprachigen Raum zählt, über Profil und Aktualität der Philosophie des polnischen Papstes.

 

Herr Prof. Böhr, worin besteht die Aktualität der Philosophie Karol Wojtyłas?
Was kennzeichnet – kurz gesagt – sein philosophisches Denken?

Der Philosoph Wojtyła bietet allen Lesern unabhängig von ihrer Weltanschauung ein Angebot, offen und in die Tiefe gehend über den Menschen und seine innere Wahrheit selbständig nachzudenken. Und diese Frage ist ja zentral für jeden Menschen und das menschliche Zusammenleben. Er argumentiert hierbei gerade nicht theologisch von Gott herkommend, sondern anthropologisch mit Hilfe einer realistischen Phänomenologie auf der Grundlage lebendiger menschlicher Selbsterfahrung. Aber Wojtyła beharrt eben auf der Wahrheitsfrage, von der er zutreffend bemerkt, dass der Mensch ihr am Ende nicht ausweichen könne. So stellt er den Menschen unter der Perspektive der „Wahrheit über das Gute“ in den Mittelpunkt.

Das ist in einer Zeit des Materialismus einerseits, einer starken Fixierung auf die Dingwelt und deren Beherrschung durch Technik und Digitalisierung, sowie in einer Zeit der Relativierung des Denkens und menschlichen Seins andererseits eine sehr anregende, aber auch anspruchsvolle Perspektive. Mit der Antwort auf die Frage, wer wir sind, was der Mensch ist, gewinnen wir schließlich die grundlegende Orientierung für unser eigenes verantwortliches Tun. Der Philosoph Karol Wojtyła liefert uns hier einen zeitgemäßen kulturellen Begriff des Angelpunktes unserer Verfassung und unserer europäisch-westlichen Identität: der unantastbaren Würde des Menschen.

 

Was ist denn für Karol Wojtyła der Mensch in Wahrheit, die Wahrheit des Menschen?

Etwas verkürzt gesagt: Der Mensch ist ein individuelles, personales Sein, mit der Fähigkeit, zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können, der sich durch sein Tun, als Täter seiner Taten entäußert und durch gute Taten in seinem Menschsein verwirklicht, zu sich selber findet, ja, „mehr Mensch wird“.

Als Person findet der Mensch in der Begegnung mit sich selbst zu Einsichten, die eine spirituelle Dimension menschlicher Existenz eröffnen. Wenn jemand diese Dimension leugnet, macht er sich kleiner als er wirklich ist; er verbaut sich den Weg zur Selbsterkenntnis. Auf diese Weise – der Ermutigung zur Selbsterfahrung – öffnet er die Tür zum Andersdenkenden.

Die Dynamik der menschlichen Wirklichkeit lässt darüber hinaus transzendentale, also diese Wirklichkeit übersteigende Bezüge des Menschen anklingen, die sich auf die Fülle des Guten und des Seins, das Gute an für sich, die Vollkommenheit richten. Da erst kommt die religiöse Dimension, kommen Gott und der Glaube ins Spiel. Über der Beschäftigung mit der kantischen und phänomenolgischen Philosophie blieb Wojtyła dem thomistische Fundament seines Denkens treu: der Auffassung, derzufolge ein Mensch, wenn er eine ‚reditio in seipsum‘ – eine Heimkehr zu sich selbst – vollzieht, die Wahrheit als seine eigene Wahrheit entdecken kann. Wojtyła lehrt, den ‚inneren Menschen‘ verstehen zu lernen; über sich selbst sagte er einmal zu seinem Biographen George Weigel: Wer mich verstehen will, muss mich von innen heraus verstehen. Das war seine Botschaft: sich nicht von Äußerlichkeiten leiten zu lassen, sondern sich selbst beobachten, erfahren und verstehen zu lernen.

Wojtyłas ganze Philosophie mündet in die Anthropologie als eine Selbstvergewisserung des Menschen. Wenn der Mensch sich seiner selbst vergewissert, entdeckt er eine Transzendenz – zunächst in sich selbst. Die muss man ihn gar nicht lehren, weil er sie – als unübersehbare Erfahrungsmöglichkeit – in sich trägt.

 

Wie hängen bei Karol Wojtyła Glaube und Philosophie, Vernunft und Glaube zusammen?

Vernunft und Glaube sind zunächst zwei unterschiedliche Weisen der Erkenntnis. Für Karol Wojtyła als gläubigem Christen war das sozialistische Umfeld in Polen entscheidend, das Glaubensüberzeugungen aus dem öffentlichen Leben verbannte. Als christlicher Philosoph suchte er deshalb nach einem gemeinsamen Bezugspunkt für Gläubige wie Agnostiker oder Atheisten, den er in der phänomenologischen Betrachtung der Grunderfahrungen des Menschen fand und den er ausgehend vom Menschenbild, wie es sich bei Thomas von Aquin findet, zu einer realistischen Phänomenologie ausbaute. Er ließ sich zunächst also auf das im Ostblock von den Machthabern verordnete Verdikt der Metaphysik ein, um dann in der Entfaltung seiner zuerst ganz auf die menschliche Selbsterfahrung abgestellten Anthropologie die Begrenztheit des Denkens durch ein solches Verdikt herauszuarbeiten. Denn die Frage, was der Mensch ist, lässt sich unter Ausschluss seiner Transzendenz nur sehr eingeschränkt beantworten. Insofern beschritt er aus politischen Gründen den Weg, über das philosophische Verstehen Wege zum Glauben zu eröffnen, selbst in einem atheistisch-agnostischen Kontext. Auch hierin ist Karol Wojtyła nach wie vor höchst aktuell.

 

In welcher Weise sind die philosophischen Überzeugungen Karol Wojtyłas in sein Pontifikat als Papst von 1978 bis 2005 eingeflossen?

In seiner frühen Enzyklika „Laborem exercens“ 1981 beispielsweise findet man eine Zusammenfassung seiner Anthropologie, seines Menschenbildes, in Bezug auf die Arbeit und ihren personalen Sinn. Da werden wichtige Fragen der Zukunft unserer Arbeits- und Erwerbsgesellschaft vorausschauend behandelt. Aber auch in seinen späteren Rundschreiben und Predigten tauchen die Motive seines philosophischen Denkens immer wieder auf. Gerade in den 1980er Jahren und während der politischen Wendejahre 1989/90 besitzen die Predigten und Reden Johannes Pauls II. eindeutig einen philosophisch-politischen Charakter als Konsequenz aus seinem Menschen- und Gesellschaftsbild. So wie er in seiner Philosophie den Menschen in den Mittelpunkt gestellt hat, tat Wojtyła das auch als Papst, als er gleich in seinem ersten Rundschreiben „Redemptor hominis“ (Erlöser des Menschen 1979, Nr. 21,5) den Menschen als den „»Weg« des täglichen Lebens der Kirche“ herausstellt.

 

Gibt es so etwas wie eine philosophische Botschaft dieses Heiligen für den Menschen im 21. Jahrhundert?

Ein Mensch, der weiß, was es bedeutet, Würde zu haben, fügt sich nicht widerspruchslos in lebensfeindliche Strukturen und Zwänge, mögen die Verhältnisse manchmal auch aussichtlos erscheinen. Er strebt beständig nach dem Guten, weil es sein Menschsein vervollkommnet und dem Zusammenleben dient. Das Gute wiederum ergibt sich aus der stetigen Reflexion auf das, was wahres Menschsein ausmacht.

So könnte man die zeitlose Botschaft des Philosophen-Papstes zusammenfassen, die auch für die Menschen im 21. Jahrhundert von tiefer Bedeutung ist. Karol Wojtyła, Johannes Paul II., ist mit seinem unerschrockenen Eintreten, mit seiner Hymne auf die Würde und Freiheit des Menschen sowohl gegenüber dem dialektischen wie dem kapitalistischen Materialismus, dem ethischen Formalismus wie dem doktrinären Relativismus ein europäischer Philosoph von Rang.

 

In Deutschland tut man sich schwer mit der von Ihnen verschiedentlich empfohlenen Neuentdeckung Johannes Paul II. als Philosoph. Hat sich nach Ihrer Beobachtung diesbezüglich etwas?

Eher wenig. Die Auseinandersetzung mit dem philosophischen Denken dieses Papstes findet bei uns, wenn überhaupt in fachwissenschaftlichen Nischen statt. Zu dominant ist seine Rolle als Kirchenführer und Mann der politischen Zeitgeschichte. Zudem kommt in manchen „fortschrittlichen“ Kreisen in Deutschland wohl eine gewisse mentale Distanz zu diesem Papst mit seinem ihm nachgesagten „konservativen“ theologischen Profil hinzu. Das führt dazu, dass sein moderner, gerade auch aktuell fruchtbarer philosophischer Ansatz nicht recht wahrgenommen wird. Dabei kann man ihn durchaus zu den führenden philosophischen Köpfen der phänomenologischen Schule und Existenzphilosophie in der Mitte des 20. Jahrhunderts zählen.

Lieber Herr Böhr, wir danken herzlich für das Gespräch und die philosophische Aufklärung!

Das Interview wurde von Stephan Raabe am 14. Mai2020 geführt.

 

Zum Gesprächspartner:

Prof. Dr. Christoph Böhr hat sich in den letzten 15 Jahren intensiv mit der Philosophie Karol Wojtyłas beschäftigt. Schon in dem von ihm und Stephan Raabe 2007 mit Hilfe der Konrad-Adenauer-Stiftung herausgegebenen Band: „Eine neue Ordnung der Freiheit“ über die Sozialethik Johannes Pauls II. – das Buch ist in deutscher und polnischer Sprache erschienen – entfaltete er die philosophische Anthropologie Wojtyłas als ethisches Programm und analysierte er das Zusammenspiel von Glaube und Vernunft beim Gesellschaftsverständnis dieses Papstes. Zur Philosophie Karol Wojtyłas, gab er gemeinsam mit Christian Schmitz 2016 ebenfalls mit Unterstützung der Adenauer-Stiftung einen weiteren Band heraus.

Immer wieder wirbt er für eine Neuentdeckung des polnischen Papstes als Philosophen, so bereits in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 20. April 2008 und jetzt wieder in der Wochenzeitung Die Tagespost vom 14. Mai 2020. Seit 2016 ist er Herausgeber der Buchreihe „Wojtyła Studien“ im Berliner Wissenschaftsverlag (BWV); pünktlich zum 100. Geburtstag, ist dort ein neuer Band „Karol Wojtyła verstehen. Eine Einführung in seine Philosophie“ aus der Feder des spanischen Philosophen Juan Manuel Burgos erschienen.

Christoph Böhr, geb. 1954, lehrt als Professor für Philosophie an der Phil.-Theol. Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz bei Wien. 1983 wurde er an der Universität Trier mit einer Arbeit über die „Philosophie der deutschen Spätaufklärung im Zeitalter Kants“ promoviert. Es schloss sich eine politische Karriere an als Bundesvorsitzender der Jungen Union 1983 bis 1989 und Mitglied des Landtages in Rheinland Pfalz 1987 bis 2009. Von 1994 bis 2006 war er Oppositionsführer, 1996 bis 2006 auch Landesvorsitzender der CDU Rheinland-Pfalz, 1999 bis 2006 Vorsitzender der CDU-Wertekommission  und Stellvertretender Vorsitzender der CDU Deutschlands von 2002 bis 2006.

 

Quellen, Literatur:

Karol Wojtyła: Person und Tat (1969), Herder Verlag 1981/1987, gebunden, 373 Seiten; das philosophische Hauptwerk, nur noch antiquarisch zu haben ab 85 €; eine inhaltliche Zusammenfassung findet sich hier: https://stjosef.at/artikel/person_und_tat_wojtyla.htm.

Karol Wojtyła / Johannes Paul II.: Primat des Geistes. Philosophische Schriften, Seewald Verlag 1980, gebunden, 328 Seiten (vergriffen, antiquarisch sehr günstig zu bekommen, darin: die Habilitation 1959 und philosophische Aufsätze 1955-1959).

Karol Wojtyła: Liebe und Verantwortung (1960). Eine ethische Studie, Kösel Verlag 1979, gebunden, 278 Seiten; 2. Auflage St. Joseph Verlag 2010 (über Ehe, Familie, Sexualität).

Karol Wojtyła: Wer ist der Mensch? Skizzen zur Anthropologie, Pneuma Verlag 2011, Taschenbuch, 224 Seiten (philosophische Aufsätze).

Karol Wojtyła: Betrachtungen über das Wesen des Menschen (Vorträge Anfang der 1950er Jahre), Pneuma Verlag 2017, Taschenbuch, 152 Seiten.

Ulrich Ruh (Hg.): Johannes Paul II. Gewissen der Welt. Mit einer Einleitung von Ernst-Wolfgang Böckenförde, Herder Verlag 2002, Taschenbuch, 224 Seiten (Texte und Ansprachen des Papstes, antiquarisch günstig zu haben).

Juan Manuel Burgos: Karol Wojtyla verstehen: Eine Einführung in seine Philosophie (Wojtyla-Studien Nr. 3), Berliner Wissenschafts-Verlag ab 1. Juni 2020, 125 Seiten, 34 €.

Veröffentlicht in Kooperation mit der Konrad-Adenauer-Stiftung, Auslandsbüro Polen:

Christoph Böhr, Stephan Raabe (Hg.): Eine neue Ordnung der Freiheit. Die Sozialethik Johannes Pauls II. – eine Vision für das vereinte Europa (Veröffentlichungen der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Bd. 13), Fibre Verlag 2007, Taschenbuch, 291 Seiten (17 Beiträge deutscher und polnischer Autoren).

Christoph Böhr, Christian Schmitz (Hg.): Europa und die Anthropologie seiner Politik. Der Mensch als Weg der Geschichte – Zur Philosophie Karol Wojtyłas (Wojtyła-Studien Nr. 2), Berliner Wissenschafts-Verlag 2016, Taschenbuch, 214 Seiten.

Ansprechpartner

Stephan Georg Raabe

Stephan Georg Raabe bild

Landesbeauftragter und Leiter Politisches Bildungsforum Brandenburg

Stephan.Raabe@kas.de +49 331 748876-0 +49 331 748876-15
Dr. Christoph Böhr Konrad-Adenauer-Stiftung