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Der 100. Geburtstag von Władysław Bartoszewski

Sonderbeilage zu Tygodnik Powszechny

am 19. Februar wäre Władysław Bartoszewski 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass hat der Tygodnik Powszechny eine besondere historische Beilage herausgegeben. Die KAS in Polen wurde Partner dieser Publikation. Unter vielen hervorragenden Autoren befindet sich auch Prof. Norbert Lammert mit seinem Text, in dem er an Bedeutung von Bartoszewski für die Entwicklung der deutsch-polnischen Beziehnungen erinnert.

 

Sein Werk fortschreiben

 

„Unser Bestreben wird es sein, Verständnis, Achtung und Sympathie zwischen dem heutigen Deutschland und dem polnischen Volk zu begründen, damit auf diesem Boden dereinst eine wahre Freundschaft erwachse“, hat Konrad Adenauer 1959 formuliert. Gut sechs Jahrzehnte später ist das Verhältnis von Deutschen und Polen gefestigt – trotz der belasteten Vergangenheit und aktueller Kontroversen. Das von der Konrad-Adenauer-Stiftung mit herausgegebene Deutsch-Polnische Barometer 2021 unterstreicht dies: Eine Mehrheit in beiden Ländern bewertet die Beziehungen als gut bis sehr gut. Angesichts der oft nicht einfachen, nicht immer glücklichen, aber jedenfalls gemeinsamen Geschichte von Deutschen und Polen, die „der Wille Gottes zu Nachbarn gemacht hat“, wie der polnische Papst Johannes Paul II. einmal gesagt hat, lässt sich diese Entwicklung durchaus als Wunder, zumindest aber als außergewöhnlich beschreiben. Einen gehörigen Anteil daran, dass es so gekommen ist, hat Wladyslaw Bartoszewski, der im Februar 2022 einhundert Jahre alt geworden wäre. Anlässlich dieses Jubiläums hat der polnische Senat 2022 zum „Bartoszewski-Jahr“ ausgerufen.

 

Bartoszewski war eine moralische Instanz in Polen und weit darüber hinaus. Zeitlebens hat ihn besonders ausgezeichnet, dass er für seine Werte und Überzeugungen eintrat – unabhängig davon, ob das mit persönlichen Risiken verbunden war. Geprägt hat diese Haltung die schreckliche Erfahrung, als 18-Jähriger von den deutschen Besatzern in Auschwitz inhaftiert zu werden. Nachdem er auf Betreiben des Roten Kreuzes freigekommen war, hatte er sich einen Vorsatz im Herzen bewahrt: „Ich werde nie mehr im Leben passiv bleiben.“ Er schloss sich deshalb dem polnischen Widerstand an und engagierte sich bei Żegota – einer Untergrundorganisation, die Juden vor den Nazis rettete.

 

Auch unter der kommunistischen Herrschaft in Polen blieb sich Bartoszewski treu, trotz schmerzhafter Konsequenzen. Über sechs Jahre war er in den 1950er-Jahren in Haft und dann noch einmal Anfang der 1980er-Jahre, weil er sich bei der Solidarność-Bewegung engagierte. Immer handelte er aus Liebe zu Polen, als Patriot trat er den deutschen Besatzern und den Kommunisten sowjetischer Prägung entgegen für die Freiheit seines Vaterlandes.

 

Nach seinen Erfahrungen wäre es durchaus verständlich, ja sogar naheliegend gewesen, wenn er insbesondere Deutschen ablehnend, zumindest reserviert gegenübergestanden hätte. Aber nicht Rache, sondern der Wunsch nach Verständigung und der Wille zur Aussöhnung waren seine Reaktionen auf das Böse, das er am eigenen Leib erfahren hatte. Ungeachtet der sowjetischen Propaganda, die die Bundesrepublik als den Erbfeind Polens stilisierte, wagte es Bartoszewski, Kontakte nach Deutschland zu knüpfen mit der Aktion Sühnezeichen, pax christi, dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken und anderen. So entstand eine Vielzahl zwischenmenschlicher Beziehungen. Ich selbst erinnere mich gerne und dankbar an eindrucksvolle Begegnungen mit ihm sowohl in Deutschland wie in Polen.

Als Publizist, nach dem Zusammenbruch des Ostblocks als polnischer Außenminister und später als Beauftragter der polnischen Regierung für den internationalen Dialog und für Deutschland wollte er Polen und Deutsche miteinander versöhnen.

Versöhnung, wenn sie glaubhaft und ernsthaft sein soll, bedeutet, dass beide Seiten offen miteinander umgehen, das hat Bartoszewski immer verstanden. Und so hat er im Jahr 1995 bei seiner bemerkenswerten Rede als polnischer Außenminister vor dem Deutschen Bundestag anlässlich des 50. Jahrestages des Kriegsendes eben nicht nur klar die deutsche Schuld benannt, sondern auch die polnische Verantwortung für die Vertreibung von Deutschen am Ende des Zweiten Weltkrieges: „Das uns angetane Böse, auch das größte, ist aber keine Rechtfertigung […] für das Böse, das wir selbst anderen zugefügt haben; die Aussiedlung der Menschen aus ihrer Heimat kann bestenfalls ein kleineres Übel sein, niemals eine gute Tat.“ Das war eine mutige, viele überraschende und durchaus riskante Aussage, die in Polen nicht überall goutiert wurde, und sie ist vor dem Hintergrund aktueller Debatten immer noch heikel. Doch Bartoszewski war überzeugt: „Es gibt keinen besseren Weg, keine andere, gesündere Alternative. Der einzige Weg ist die gemeinsame Zukunft miteinander.“

 

Gute Nachbarschaft lebt vom Austausch, auch von der mitunter schwierigen Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Erfahrungen, Auffassungen und Interessen. Dass Deutsche und Polen heute als Partner in einem freiheitlichen und geeinten Europa leben, ist eine historische

Errungenschaft und es ist ein großes Glück. Wir verdanken es maßgeblich Wladyslaw Bartoszewski.

 

Sein Andenken zu bewahren und – was noch wichtiger ist – sein Werk fortzuschreiben, ist unsere gemeinsame Verantwortung.

 

Prof. Dr. Norbert Lammert

 

Beim Text handelt es sich um das Vorwort aus dem Buch "Für Freiheit kämpfen - selbstbestimmt leben. Erinnerungen an Władyslaw Bartoszewski" von Bettina Schaefer, dessen 2. Auflage zum 100. Jubiläum in jetztzeit Verlag gerausgegeben wurde.

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