Einzeltitel

Frankfurter Buchmesse: Neuerscheinungen der KAS Literaturpreisträger

von Michael Braun

Wohin man beim Lesen kommt

Die Frankfurter Buchmesse findet vom 20. bis zum 24. Oktober wieder live statt. Nach der coronabedingten Pause des Vorjahres erwarten die Veranstalter diesmal mehr als 6.000 Aussteller aus 100 Ländern, Gastland ist Kanada. Die Besucherzahlen sind allerdings beschränkt. 25.000 Besucher dürfen pro Tag in die Bücherhallen, mit 3G-Regelung und Maske.

Eine der vielen Leitlinien durch die Hunderttausendschaften neuer Bücher zeigt der Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung an. Für die Shortlist des Deutschen Buchpreises ist der Roman „Der zweite Jakob“ des KAS-Literaturpreisträgers Norbert Gstreins nominiert, eine abgründige Erzählung über das Gefälle zwischen Biographie und Identität. Auch andere ehemalige Preisträger der Stiftung haben Neues beizutragen.

 

Herta Müllers Flüchtlingscollagen in Textbildern

Mit ihren Collagen hat Herta Müller (Literaturpreis der KAS 2004) eine hybride Form des literarischen Erzählens entdeckt. Aus Wortschnipseln, die sie aus Zeitungen ausschneidet, baut sie bunte und multitypographische Text-Bildwelten. Diese Collagen wollen betrachtet und gelesen sein. Ihre Herkunft liegt in der Diktaturerfahrung der Autorin. Collagen sind ein Mittel, mit dem sie sich früh schon aus dem Teufelskreis von Angst und Dauermisstrauen befreit hat. Der „verwunschenen Logik“ ihrer Wörter, der poetischen Wahrheit, hatte die Securitate nichts entgegenzusetzen. Auch Müllers jüngster Band „Der Beamte sagte“ ist eine Geschichte in Collagen. Beschrieben werden Szenen im Auffanglager einer deutschen Kleinstadt. Einer der Beamten in der Erzählung ist ein gewisser Herr Fröhlich von der Prüfstelle B. Ein anderer breitet bei jeder Begegnung die Arme aus wie ein Vogel. Die Collagen protokollieren absurde Gespräche, Bürokratiewillkür und das zum Himmel wachsende Heimweh der Geflohenen. Titel und Thema der Erzählung stammen aus dem Vorgängerband „Das Heimweh ist ein blauer Saal“ (2019). Dort heißt es: „DER Beamte sagte JEDER hat / den Schädel voller HEIMAT / doch DIE wohnt AM HORIZONT“. Mit spielerischem Ernst rettet Herta Müller Zeugnisse von Ohnmacht und Willkür in die künstlerische Collage. 2021 hat sie dafür den Kulturpreis Deutsche Sprache bekommen.

 

Husch Jostens Hintertreppe zur Wahrheit

Bekanntlich hat Platon die Dichter aus seinem Idealstaat ausschließen wollen, weil sie ein falsches Bild von der Wirklichkeit geben und der Jugend damit schaden würden. Aber so einfach ist die Sache mit dem Lügen und dem Dichten nicht. Die Lüge schlingt sich seit Adams Tagen durch das abendländische Denken, sie wird als Rechts-, Sprach- oder Wahrheitsverletzung verstanden, sie will hier als alternative Wahrheit gelten und pocht dort auf ethische Notwehr. Doch wie ist das eigentlich mit weißen, nützlichen, guten Lügen? Um das herauszufinden, schickt Husch Josten (Literaturpreis der KAS 2019) ihre neue Romanheldin auf eine heikle Mission. Die deutsch-französische Studentin Elise tritt eine Haushaltsstelle in der Domaine Tourgéville an. Aus dem Bildungsroman entwickelt sich bald ein Gesellschaftsporträt mit Rissen. Hinter der Komfortzone der Gastgeber kommen Lebenslügen und Immigrationsschwindeleien zum Vorschein. Der Hausherr betreibt eine Agentur für Alibis. Die gibt es tatsächlich, die Betreiber nennen sich „Freiraum-Manager“ und rechtfertigen die Lüge als Geschäftsmodell in einer komplexen Welt. Lügen kann man aus schlechtem Gewissen, aus geistiger Abwesenheit, aus Angst vor Zerstörung oder Veränderung, aus Wunsch nach einem besseren Leben. Lange schon hat keine Schriftstellerin von der Allgegenwart der Lüge so spannend, so wasserdicht, so wahrheitsmutig erzählt wie Husch Josten.

 

Michael Köhlmeiers Homer der Katzen

Matou ist die französische Bezeichnung für einen Kater. Und der strolcht mit sieben Katzenleben durch Michael Köhlmeiers Roman „Matou“. Es ist das wohl fabulierlustigste Buch des Autors (Literaturpreis der KAS 2017). Matou wächst im Schatten der Französischen Revolution auf. Er lernt sprechen bei Camille Desmoulins. Das Lesen und Schreiben bringt ihm E.T.A. Hoffmann in Berlin bei. Auf der Katzeninsel Hydra spielt er einen Diktator, im Kongo verwandelt er sich in einen Leoparden. In Prag diskutiert er mit Kafkas gebildetem Affen Rotpeter über das moralische Gesetz Kants, in New York geht er mit Andy Warhol auf Partys. Die Erhebung des Katers zum Erzähler ist nichts Neues, wohl aber seine frechen, hochstaplerischen Lektionen von der Welt und ihren Bewohnern, die Geschichte nur studieren, nicht erleben. Die Pfotenschrift des Katers setzt eine andere europäische Geschichte ins Werk als die, die wir zu kennen glauben, eine kreatürliche und kreative Erzählung von Irrtum und Einsicht. Etwa in den Unterschied von Charme, den man hat, und Charisma, das man sich schafft, um es zu spenden. Oder in einem erfundenen privaten Besuch Konrad Adenauers bei Charles de Gaulle, zwei alte Staatsmänner, die gemeinsam dicke Bohnen mit Speck kochen. Eine wilde Geschichte, im wahren Sinne fantastisch erzählt.

 

Mathias Énards gargantueskes Landleben

Mathias Énard (Literaturpreis der KAS 2018) hat einen Roman über das postmoderne Landleben geschrieben. Ein Doktorand der Ethnologie zieht aus Paris in die französische Provinz. Er will sich die fremde Umgebung zutraulich machen und zugleich ein Chronist der Fremde sein: ein Ding der Unmöglichkeit. Er lernt die Agrargenossenschaften und die Zadisten kennen, ökologische Landbesetzer – und die extravaganten Geschichten der Dorfbewohner. Die von Énards Jugendbiographie angeregte Versuchsanordnung geht auf: Am Ende sehen wir den Romanhelden als Landwirt des 21. Jahrhunderts. Énards Buch schwelgt in Geschichten und Geschichte, es praktiziert ein wildes Denken, das die Grenzen der epischen Gattung sprengt, besonders eindrucksvoll in den zwischen den sieben Kapiteln eingespielten Chansons. Im mittleren Kapitel ereignet sich das titelgebende Jahresbankett der 99 Totengräber. Sie versammeln sich zu einem Festmahl, das wahrlich gargantuesk ist im Sinne der riesenhaften Romanfigur von Rabelais. Da wird gezecht und zitiert, was das Zeug hält, von der Ökologie des Sarges, von der Philosophie des Lukrez und der Theologie des Thomas von Aquin. Ein fabelfroher Roman, anarchisch im Erzählen, geschmacksexplosiv.

 

Rüdiger Safranskis Reise zu den Denkern der Individualität

Was fängt man mit sich selbst an, wenn man mit sich allein ist? Wie ist das einzelne Leben ohne Gemeinschaft? Und wohin kommt man, wenn man zu sich selbst kommt? Rüdiger Safranski (Literaturpreis der KAS 2014) hat, nicht zufällig in den Lockdowns der Pandemie, ein Buch über die Vereinzelung geschrieben. Es reiht sich ein in die Reihe der geistesgeschichtlichen Porträts, mit denen er sich seinen Ruf als Deutschlands berühmtester Biograph erworben hat. Safranski kann wunderbar erzählen, Denker elegant aus ihren historischen Milieus ins Heute übersetzen. Das gelingt ihm in dieser Galerie von Philosophen der Individualität. Es beginnt an der Schwelle zur Neuzeit, als der Sinn für Individualität erwacht, die das Muster der Nachfolge ablöst und das Schöpferische im Menschen auslöst. Pico della Mirandola verankert die Aufgabe der Vervollkommnung in der Idee der Menschenwürde, und wo Luther in sich selbst die Kraft des Glaubens entdeckt, schwört Montaigne auf die Macht der individuellen Vernunft. Stendal wollte die Gesellschaft als Einzelner überlisten, nicht bekämpfen wie Diderot vor ihm und nicht vor ihr fliehen wie nach ihm die Waldgänger von Thoreau bis Ernst Jünger. In prägnanten Kurzausflügen erhellt Safranski die Routen, die der Individualismus durch die Geschichte bis ins 20. Jahrhundert genommen hat, zwischen Partisanentum und Einsiedlerei, Egoismus und Existentialismus, Provokation und Abkehr von der Masse, in der jeder wie der andere ist und keiner er selbst. Eine Entdeckung der großen Lichter und kleinen Schatten des Einzeln-Seins, eine unternehmungslustige Tour zwischen Denk- und Sehenswürdigkeiten, mit ansteckender Erkenntnislust geschrieben.

Mathias Énard: Das Jahresbankett der Totengräber. Roman. Berlin: Hanser, 2021.

Husch Josten: Eine redliche Lüge. Roman. München: Piper, 2021.

Michael Köhlmeier: Matou. Roman. München: Hanser, 2021.

Herta Müller: Der Beamte sagte. Erzählung. München: Hanser, 2021.

Rüdiger Safranski: Einzeln Sein. Eine philosophische Herausforderung. München: Hanser, 2021.

 

Ansprechpartner

Prof. Dr. Michael Braun

Prof. Dr

Referent Literatur

michael.braun@kas.de +49 30 26996-2544