Interviews

Interview mit Prof. Dr. Erika Rosenberg (Historikerin und Buchautorin)

"Das Glashaus" - Carl Lutz und die Rettung ungarischer Juden vor dem Holocaust

Am 11.12.2020 fand die Online-Lesung "Das Glashaus - Carl Lutz und die Rettung ungarischer Juden vor dem Holocaust" via Zoom mit Prof. Dr. Erika Rosenberg statt. Im Rahmen der Veranstaltung wurden folgende Fragen an Prof. Dr. Erika Rosenberg gestellt.

Was war der Auslöser für die Rettungsaktionen von Carl Lutz?

Der Auslöser war ein Kindertransport im Jahr 1942. Aber schon während seiner Tätigkeit als Beamter in Jaffa erlebte er ein Progrom gegen die in Jaffa lebenden Juden. Im Jahr 1942, als er bereits Beamter im diplomatischen Dienst in der Budapester Gesandtschaft sowie in der "Abteilung für fremde Interessen" war, erhielt er einen Auftrag aus Bern, der einen Stein ins Rollen brachte und letztlich dazu führte, dass er zum "Beschützer und Retter der Juden" wurde: Ende März 1942 war das britische Außenministerium an die Schweizer Gesandtschaft in London mit der Frage herangetreten, ob die Niederlassung in Budapest eine Identifizierung von 200 Kindern vornehmen könnte, die nach Palästina auswandern sollten. Alle Kinder waren unter 16 Jahren und von jüdischen Untergrundorganisationen aus den besetzten Nachbarstaaten über die Grenze nach Ungarn  geschleust worden.  Viele Eltern der Kinder lebten nicht mehr. Auf diese Weise lernte Carl Lutz Herrn Moshe Krausz kennen, der in Budapest das Palästinaamt der Jewish Agency leitete und damit zuständig für die legale Einwanderung nach Palästina war.

 

Welche Art der Beziehung pflegte er zur deutschen Besatzungsmacht und ihren ungarischen Kollaborateuren?
 
Die Schweiz galt als neutrales Land und vertrat die Interessen von 13 Nationen, die sich im Krieg gegen das Nazi-Deutschland befanden. Carl Lutz als Diplomat pflegte  anfangs „gute“ Beziehungen zur Besatzungsmacht und ihren ungarischen Kollaborateuren.  Mit dem endgültigen Einmarsch der deutschen Truppen in Ungarn verschlechterte sich aber der "Austausch“ und Carl Lutz drohte der deutschen Besatzungsmacht mit der Blockade aller Bankkonten in der Schweiz.

 

Hatte Carl Lutz Helfer? Wenn ja, wie hießen diese und was waren ihre Funktionen?

Wenngleich Carl Lutz zweifelsfrei als maßgeblich verantwortlich für die große angelegte Rettungsaktion in Budapest im Jahre 1944 und als Erfinder der Schutzbriefe gelten darf, war er nicht der Einzige, der Juden rettete. Genannt seien an dieser Stelle Angelo Rotta, der Vertreter des Vatikans, Raoul Wallenberg, ein junger Schwede, der im Sommer 1944 eine diplomatische Funktion in der schwedischen Gesandtschaft in Budapest übernahm, George Mandel-Mantello aus El Salvador und indirekt Oskar Schindler. Auch Juden, unter anderem Dr. Rudolf Kasztner, sein Hilfs- und Rettungskomitee und einzelne zionistischen Pioniere retteten die vom Tod bedrohten Juden.

 

Wie gestaltete sich sein Leben nach dem Zweiten Weltkrieg?

Als er nach dem Krieg nach Bern zurückkehrte, wurde er von seinen Vorgesetzten wegen Kompetenzüberschreitung gemahnt. Er blieb jedoch  im diplomatischen Dienst. Er nutzte jede freie Stunde, um seine Erinnerungen und Erlebnisse niederzuschreiben. Carl Lutz galt lange Zeit als "vergessener Held".

 

Wie wird Carl Lutz in der Schweiz angesehen? Findet eine Auseinandersetzung mit seiner Person und seinen Taten statt?

Nein, überhaupt nicht. Leider kennen nicht alle Schweizer seine Geschichte.

 

Auf welchem Stand befindet sich die „Carl Lutz Rezeption“?

Die meisten Menschen haben niemals von ihm gehört, nur durch seine Stieftochter Agnes Hirschi und durch mein Werk wurde die ganze Geschichte bekannter. Aber leider nicht bekannt genug. Bücher und Veranstaltungen und auch Vorträge haben eben nicht die gleiche  Reichweite wie Filme.