Das erste Treffen von Konrad Adenauer und David Ben-Gurion im Hotel Waldorf Astoria in New York

von Michael Borchard
Das erste Treffen der beiden Staatsmänner in New York legt den Grundstein für die deutsch-israelischen Beziehungen und wirkt bis heute fort.
David Ben-Gurion und Konrad Adenauer picture alliance/AP Images
David Ben-Gurion und Konrad Adenauer

„Er ist der Ältere“. Mit diesen Worten schob der israelische Premierminister David Ben-Gurion am 14. März 1960 die Bedenken seiner Protokollbeamten beiseite und begab sich aus seiner Suite im 37. Stock des New Yorker Edelhotels Waldorf Astoria in den 35. Stock zur Präsidentensuite, in der sein deutscher Amtskollege, der deutsche Bundeskanzler, Konrad Adenauer, residierte. Ben-Gurion musste die Feuerleiter benutzen, weil Scharen neugieriger Pressefotografen die Flure und Aufzüge des Hotels so belagerten, dass kein Durchkommen mehr möglich war. 

Worauf die Journalisten so begierig warteten, war die Gelegenheit, über eine spektakuläre Begegnung berichten zu können, die 15 Jahre nach dem großen Menschheitsverbrechen des Massenmordes an den europäischen Juden alles andere als selbstverständlich war. Es war die erste Begegnung der beiden Staatsmänner, die so beiläufig und spontan wie möglich erscheinen sollte. Die Ursache für diese „Umständlichkeit“ waren die erheblichen Vorbehalte, auf die diese Annäherung der beiden Staaten noch immer in Israel und der Bundesrepublik traf. Tatsächlich war die Begegnung aber nicht nur sorgfältig durch die Vermittlung des amerikanischen Juden, des ehemaligen US-Generals und Adenauer-Vertrauten Julius Klein vorbereitet worden, sondern sie war eine weitere, zu diesem Zeitpunkt im Grunde längst überfällige „Station“ auf dem Weg zu einem Kontakt der beiden Staaten, der nach dem Shoah unvorstellbar erschien, der aber bereits zu Beginn der 1950er Jahre konkrete Formen angenommen hatte.

 

Bedrohtes Israel

Nach der Ausrufung der Unabhängigkeit und der Gründung des Staates Israel durch den überzeugten Zionisten David Ben-Gurion am 14. Mai 1948 stand das Land vor elementaren Bedrohungen seiner Existenz. Nicht nur marschierten Stunden nach der Unabhängigkeitserklärung fünf arabische Nachbarn in das Staatsgebiet Israels ein. Daneben hatte der junge Staat auch durch die zunehmende Zuwanderung mit massiver Geldnot zu kämpfen. Die Ernährung der neuen Staatsbürgerinnen und Staatsbürger konnte kaum gewährleistet werden und es mangelte zugleich an neuen Waffen, um die Verteidigung des Landes sicherstellen zu können. In dieser Situation kam unmittelbar auf israelischer Seite der Gedanke auf, von den Deutschen Entschädigungen für das geraubte Eigentum der ermordeten und vertriebenen Juden zu verlangen. Die Durchsetzung dieser Ansprüche, die freilich über die Besatzungsmächte angestrebt wurde, blieb erfolglos. Eine zentrale deutsche Adresse, an die man sich wenden konnte, fehlte noch. Das änderte sich erst mit der Gründung der Bundesrepublik 1949, gut ein Jahr nach der Staatsgründung Israels.

Schon kurz nach seinem Amtsantritt befasste sich Konrad Adenauer unabhängig von den israelischen Überlegungen mit seinen engsten Mitarbeitern mit der Frage, „in welcher Weise es möglich sein würde, das Verhältnis des deutschen Volkes zum Judentum und zum Staat Israel auf eine neue Grundlage zu stellen.“ Diese Gedanken konkretisierte Konrad Adenauer in einem bemerkenswerten Interview mit dem Chefredakteur der „Allgemeinen Wochenzeitung für Juden in Deutschland“, Karl Marx, in dem er betont, dass das deutsche Volk gewillt sei, „das Unrecht, das in seinem Namen durch ein verbrecherisches Regime an den Juden verübt wurde, soweit wiedergutzumachen, wie dies nur möglich ist, nachdem Millionen Leben unwiederbringlich vernichtet sind. Diese Wiedergutmachung betrachten wir als unsere Pflicht.“ In diesem Interview erkannte Adenauer ausdrücklich an, dass der Staat Israel als „nach außen sichtbare Zusammenfassung der Juden aller Nationalitäten“, das Recht habe, Entschädigungen zu verlangen. In der Folge dieses Interviews kam es 1951 unter großer Geheimhaltung zu einer ersten Begegnung von israelischen Regierungsvertretern mit dem deutschen Bundeskanzler in Paris, dem es ein „wahrhaft menschliches Bedürfnis“ war, „den Frieden und gute Beziehungen zwischen dem deutschen Volke und dem jüdischen Volke herzustellen.“ Tatsächlich hatte Adenauer, der vor dem Krieg als Kölner Oberbürgermeister enge Beziehungen zur zionistischen Bewegung und zu den jüdischen Gemeinden unterhalten hatte, nicht nur das realpolitische Motiv, Deutschland wieder zu einem geachteten Mitglied der Völkerfamilie zu machen. Vielmehr war er auch von moralischen Erwägungen getrieben. In seiner Regierungserklärung vom 27. September 1951 betonte Adenauer dann auch sehr deutlich, dass Deutschland zur moralischen und materiellen Wiedergutmachung verpflichtet sei.

So groß der Wille Adenauers zur Annäherung war, so groß, ja so unüberwindlich schienen aber auch die Hindernisse auf dem Weg zu einem Abkommen. Zu tief saß nach wie vor der Schmerz der Jüdinnen und Juden in Israel über den Verlust ihrer Angehörigen, über das, was sie selbst erlitten hatten; zu tief saß das Misstrauen gegenüber der Nation der Mörderinnen und Mörder, als dass man das akzeptieren wollte, was die politischen Gegner der Wiedergutmachungsverhandlungen „Blutgeld“ nannten. Ben-Gurion hingegen war als pragmatischer Politiker bereit, jede Hilfe zu akzeptieren, auch aus Deutschland, die dazu beitragen konnte, die Existenz des Staates Israel zu sichern.

 

Gegenwehr in Israel und Deutschland

Der Gegenspieler Ben-Gurions, der spätere Premierminister und Friedensnobelpreisträger Menachem Begin, mobilisierte gegen diese Haltung Ben-Gurions und trieb das Land im Protest gegen die Verhandlungen an den Rand des Bürgerkrieges. David Ben-Gurion gelang es, nicht nur die aufgeheizte Stimmung zu beruhigen, sondern auch – mit der denkbar knappsten Mehrheit – die Zustimmung des israelischen Parlamentes, der Knesset, zu den Verhandlungen in Deutschland zu erringen. Die Wut Menachem Begins ließ damit nicht nach. Der Politiker der Cherutpartei wurde, wie die Memoiren des Attentäters Elieser Sudit zeigen, zum Drahtzieher eines Briefbombenanschlages auf den deutschen Bundeskanzler, bei dem ein Brandmeister der Münchner Polizei bei der Untersuchung des verdächtigen Briefes ums Leben kam. Zwei weitere Briefbomben, die an die deutsche Delegation im holländischen Wassenaar gingen, konnten am Verhandlungsort rechtzeitig entschärft werden. 

Aber nicht nur David Ben-Gurion auch Konrad Adenauer hatte in der breiten Bevölkerung, aber auch zum Teil in seinen eigenen politischen Reihen mit erheblichem Widerstand zu kämpfen. Ein besonders entschiedener Gegner seiner Wiedergutmachungspolitik war der CSU-Politiker und Bundesfinanzminister Fritz Schäffer, der mit dem Blick auf die zeitgleich stattfindenden Londoner Schuldenverhandlungen Bedenken hatte, ob sich die Bundesrepublik mit Entschädigungszahlungen finanziell übernehmen könnte. Die beginnende demoskopische Forschung in Allensbach untersuchte im August 1952 die Einstellungen der Bundesbürgerinnen und -bürger gegenüber den Wiedergutmachungsverhandlungen mit Israel. Lediglich 11 Prozent sprachen sich für das Abkommen aus. 44 Prozent aller Deutschen nannten jede Wiedergutmachung „überflüssig“.

Konrad Adenauer setzte sich über diese Skepsis hinweg und beauftragte den deutschen Verhandlungsführer, den Wissenschaftler Franz Böhm, der als einer der Väter der Sozialen Marktwirtschaft gelten darf, auf die israelischen Forderungen einzugehen. Am 10. September 1952 unterzeichneten der Bundeskanzler und Außenminister Adenauer und der israelische Außenminister Moshe Sharrett im Rathaus der Stadt Luxemburg ein Abkommen über Wiedergutmachungs­leistungen. Diese Leistungen umfassten für einen Zeitraum von 12 bis 14 Jahren Warenlieferungen in einem Gesamtumfang von 3 Milliarden DM. Zusätzlich verpflichtete sich die Bundesrepublik Deutschland zur Zahlung von 450 Millionen DM an die Jewish Claims Conference, die dieses Geld zur Unterstützung von jüdischen Flüchtlingen verausgaben sollte, die außerhalb von Israel lebten.

 

Militärhilfe für Israel

Schnell erwarb sich die Bundesrepublik durch die genaue Einhaltung der Vereinbarung das Vertrauen der israelischen Regierung. Einen besonders vertrauensbildenden Effekt hatten allerdings in den folgenden Jahren die Waffenlieferungen, die in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre anliefen. Diese Kooperation, in die der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Strauß eng eingebunden war, umfasste anfangs ausrangiertes Gerät der Bundeswehr, im späteren Verlauf dann zunehmend militärisches Großgerät. Die militärische Zusammenarbeit war im Übrigen von Beginn an keine Einbahnstraße. Deutschland durfte von israelischen Geheimdiensterkenntnissen über erbeutete sowjetische Waffentechnologie profitieren. Darüber hinaus lieferte Israel an Deutschland Uniformen, Munition und nicht zuletzt die berühmte israelische Uzi-Maschinenpistole. Die Kooperation, die bis heute zu den Säulen der deutsch-israelischen Beziehungen zählt, musste Adenauer in strenger Geheimhaltung und am Parlament vorbei vollziehen, weil man verhindern wollte, dass dies zur Verärgerung der arabischen Staaten führte. Spätestens seit der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zur Sowjetunion im Herbst 1955 fürchtete das Auswärtige Amt, dass die arabischen Staaten die DDR anerkennen und damit den Alleinvertretungsanspruch der Bundesrepublik Deutschland in Frage stellen würde. Aus diesem Grund bremste die Bundesregierung den zunehmend aufkommenden Wunsch der Israelis nach der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen bis in das Jahr 1965 aus.

So sehr die Militärkooperation das Vertrauen bestärkte, so sehr schien ein anderes Ereignis im Vorfeld des New Yorker Treffens das Vertrauen zu erschüttern: Ausgerechnet am Heiligen Abend 1959 verübten zwei Täter einen Anschlag auf die Kölner Synagoge und schändeten die Fassade des Baus, den Adenauer erst kurz zuvor mit eingeweiht hatte, mit Hakenkreuzschmierereien. Schon damals war über eine Stasi-Beteiligung spekuliert worden, die aber bis heute nicht restlos bewiesen ist. Die Relevanz dieser „Urheberschaft“ für die Anschläge ist aber angesichts der mehr als 700 antisemitischen Taten, zu denen es in der Folge gekommen war, weniger ausgeprägt. Der Angriff auf die Synagoge und andere jüdische Einrichtungen zwangen Adenauer dazu, in einer Rundfunk- und Fernsehansprache Stellung zu nehmen und eine heikle Gratwanderung zwischen klaren Worten und einer notwendigen Beschwichtigung zu unternehmen. Er nannte die Taten eine Schande und ein Verbrechen, aber er wurde dabei auch so persönlich wie selten und verwies auf seine eigene Vergangenheit sowie sein persönliches Verhältnis zum Judentum. In Israel wies Ben-Gurion die Betitelung Deutschlands als „Nation der Mörder“ zurück und beschwichtigte die Kritiker mit dem Hinweis, dass sich solche Vorfälle auch in anderen Ländern ereignet hätten.

 

Die Chemie stimmt

Vor diesem Hintergrund war es wenig erstaunlich, dass diese Ereignisse beim Zusammentreffen der beiden Patriarchen in New York keine herausgehobene Rolle spielten. Das Treffen war vielmehr von einer außerordentlich positiven Grundstimmung geprägt. Bei beiden Staatsmännern stimmte augenscheinlich die „Chemie“. Auch wenn beide Staatsmänner sehr unterschiedlich waren, der rheinisch-katholische Konservative und der sozialistische Zionist, hatten beide auch frappierende Ähnlichkeiten, die der frühere deutsche Botschafter in Israel, Niels Hansen in einem Satz auf den Punkt gebracht hat. Sie seien vergleichbar in „ihrer mit sprödem, kantigen Charisma gepaarten streitbaren, jeder Routine abholden Führungsstärke und Entscheidungsfreude, in unbegrenzter zupackender Energie, gediegener Fachkompetenz und tiefem Pflichtbewußtsein, in ihrer Zähigkeit und Beharrlichkeit, in nüchternem, mißtrauischem, unsentimentalem politischen Pragmatismus und taktischer Begabung, trotzdem aber, vor allem, in ihrer unbeirrbaren Grundsatztreue und dem Mut, auch gegen den Strom zu schwimmen“. Beide hatten zum Zeitpunkt ihres Treffens ihren politischen Zenit erreicht und sich als Staatsmänner mit fester Hand ins Geschichtsbuch eingetragen, was ihnen erleichterte, einander – trotz aller physischen Unterschiedlichkeit – wahrhaft auf Augenhöhe zu begegnen. 

Dementsprechend offen wurden die Anliegen auf den Tisch gebracht. Von David Ben-Gurion wurde eine als „Anleihe zur weiteren Entwicklung Israels“ deklarierte Wirtschaftshilfe in Höhe von 500 Millionen Dollar in den Raum gestellt. Aber auch eine Wunschliste nach weitere Waffenlieferungen wurde erörtert, die nicht zuletzt Fernlenkgeschosse und U-Boote umfasste. Adenauer sagte seine Hilfe zu, äußerte sich aber nicht konkret über die Höhe des zu gewährenden Kredites. Bis zum erneuten Treffen der beiden Staatsmänner 1966 „kochte“ die Debatte, welche Zusagen tatsächlich getroffen worden waren. Immerhin wird die Bundesregierung im Rahmen dieser Aktion, die unter dem Decknamen „Geschäftsfreund“ firmierte, bis 1966 Finanzhilfen in Höhe von fast 630 Millionen DM überwiesen haben, was sonstige Waren- und vor allem Waffenlieferungen noch nicht einmal umfasst hatte.

 

Eine unmögliche Freundschaft

Für beide war das Treffen in New York, das in vielen Bildern festgehalten worden ist, die bis heute zu den Ikonen der deutsch-israelischen Beziehungen gehören, nicht nur wegen der Ergebnisse wichtig, sondern es war auch zugleich der Beginn einer Freundschaft, von der beide in ihren Reden und in Interviews freimütig sprachen, obwohl Sie sich nur ein weiteres Mal trafen: Im Jahr 1966, ein Jahr nachdem sein Nachfolger Ludwig Erhard die diplomatischen Beziehungen zu Israel aufgenommen hatte, reiste Konrad Adenauer nach Israel und besuchte im Rahmen seiner Reise auch das Refugium des ebenfalls bereits 1963 zurückgetretenen israelische Premierministers in der Wüste Negev, im Kibbuz Sde Boker. Hier fiel die herzliche aufgeschlossene Stimmung, in der sich beide wiedersahen auf, die noch einmal deutlicher spürbar war als noch bei ihrem Treffen in New York. Adenauer wünschte dem israelischen Volk, „dass es immer solche Führer hat, wie Ben-Gurion einer ist“ und der israelische Politiker versah ein Buchgeschenk an Adenauer mit der sprechenden Widmung: „Dem vorbildlichen Staatsmann, dem Menschen von hoher Moral, dem treuen Freund.“

Die freundschaftlichen Gefühle Ben-Gurions gegenüber dem deutschen Politiker wurden besonders an der Tatsache offenbar, dass der israelische Politiker nach dem Tod Adenauers im April 1967 den Entschluss traf, zur Beerdigung des deutschen Staatsmannes ins Rheinland zu reisen. Er tat dies, obwohl das bedeutete, mit dem damaligen Bundeskanzler Kurt-Georg Kiesinger zusammentreffen zu müssen, der aus israelischer Perspektive durch seine Mitgliedschaft in der NSDAP als belastet galt. Es wurde der erste Besuch eines ehemaligen oder aktiven israelischen Regierungschefs in Deutschland, der noch immer keine Normalität darstellen konnte und der auch deshalb auf hohe Aufmerksamkeit traf.

Vor seinem Tod hatte Adenauer dem damaligen ZDF-Journalisten Günter Gaus ein Interview gegeben, in dem er betonte: „Freundschaft entsteht aus einer Harmonie in den beiderseitigen Überzeugungen und aus dem Vertrauen, das man gewinnt“. Die Harmonie in den Auffassungen der beiden Staatsmänner und das Vertrauen, das beide einander geschenkt hatten, hatten den Grundstein für Beziehungen der beiden Nation gelegt, die niemals „normal“ sein werden, die aber heute außerordentlich eng und gut sind. Es ist ein doppelter Glücksfall, dass ausgerechnet die schwierige Zeit nach dem großen deutschen Menschheitsverbrechen der Shoah zwei Akteure gefunden hat, die einander idealtypisch ergänzt haben und die neben die reine Interessenpolitik eine Fähigkeit gesetzt haben, die bis heute für die Beziehungen einen „Leitstern“ darstellen sollte: Die Fähigkeit zur Empathie.

 

Literaturhinweis

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Dr. Michael Borchard

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29. Januar 2020
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