Nachruf

Norbert Blüm

von Markus Lingen

Werkzeugmacher, Hauptgeschäftsführer und Vorsitzender der CDA, Bundesminister Dr. phil. 21. Juli 1935 Rüsselsheim 23. April 2020 Bonn

Blüm gehörte als einziger Minister der Bundesregierung unter Helmut Kohl ununterbrochen von 1982 bis 1998 an.
Norbert Blüm in Chile - Oktober 2018
Norbert Blüm in Chile - Oktober 2018

„Politik der Christen ist nicht immer christliche Politik. Sozialpolitik ist zu oft nur der Lazarettwagen der Wirtschaftspolitik gewesen.

Alle wollen den Gürtel enger schnallen, aber jeder fummelt am Gürtel des Nachbarn herum.“ (Norbert Blüm)

 

Mit Norbert Blüm fand Bundeskanzler Helmut Kohl einen tatkräftigen, populären, einflussreichen und mutigen Arbeits- und Sozialminister, der in der christlichen Soziallehre und in der katholischen Arbeiterbewegung fest verankert war („Herz-Jesu-Marxist“); als langjähriger Vorsitzender der Sozialausschüsse der CDU und des einflussreichen CDU-Landesverbandes Nordrhein-Westfalen gehörte er zu den politischen Schwergewichten der Union. Als einziger Minister gehörte er der Bundesregierung unter Helmut Kohl ununterbrochen von 1982 bis 1998 an.

 

Jugend-, Lehr- und Studienzeit

Norbert Sebastian Blüm wurde am 21. Juli 1935 in Rüsselsheim im Rheingau geboren. Sein Vater, ein Kraftfahrzeugschlosser und Busfahrer, floh 1943 mit der Familie vor der Bombardierung seiner hessischen Heimat nach Schafhausen bei Alzey in der Pfalz. Dort wurde Blüm eingeschult. Nach dem Schulabschluss in Rüsselsheim machte er eine Lehre als Werkzeugmacher bei der Adam Opel AG, bei der er bis 1957 arbeitete.

Norbert Blüm war in verschiedenen kirchlichen Jugendeinrichtungen aktiv: Er war Messdiener und gehörte den St.-Georgs-Pfadfindern an. Mit ihnen reiste er quer durch Europa. Sein Geld verdiente er sich als Bauarbeiter, LKW-Fahrer, Kellner, im Straßenbau in Griechenland und in einer Kunstschmiede in der Türkei.

Nach seinem Abitur studierte er von 1961 bis 1967 an den Universitäten in Bonn und Köln die Fächer Germanistik, Philosophie und Katholische Theologie. Zu seinen Lehrern an der Universität Bonn gehörte unter anderem der Fundamentaltheologe Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI.

 

Mitglied der CDU und der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft

1950 trat Norbert Blüm in die CDU ein. Ab 1966 war er hauptberuflich für die Sozialausschüsse der CDA tätig, zunächst als gesellschaftspolitischer Referent und Redakteur der Sozialen Ordnung,  der Monatszeitschrift der CDA. Bereits zwei Jahre später stieg er zum Hauptgeschäftsführer der Sozialausschüsse der CDA; von  1977 bis 1987 war er deren Bundesvorsitzender.

In den 1970er Jahren gehörte Blüm zum Kreis der führenden Oppositionspolitiker der Union. Von 1972 bis 1981 und von 1983 bis 2002 war Norbert Blüm Mitglied des Deutschen Bundestages. Von 1982 bis zum Jahr 2000 gehörte er dem Präsidium der CDU Deutschlands an.

 

Ordnungspolitischer Strategiewechsel

Nach dem Regierungswechsel am 1. Oktober 1982 erklärte die neue unionsgeführte Bundesregierung unter Helmut Kohl eine grundlegende Wende in der Arbeitsteilung zwischen Staat und Markt zum vorrangigen Regierungsziel. Stichworte dieses ordnungspolitischen Strategiewechsels waren: mehr Markt, mehr Selbsthilfe, weniger Staat und nicht zuletzt die Konsolidierung des Bundeshaushalts. Dieses Regierungsprogramm hatte weitreichende Konsequenzen für die Sozialpolitik. Die Sozialausgaben mussten begrenzt werden; außerdem wurden institutionelle Reformen eingeleitet, um den Auswirkungen des  demografischen Wandels und dessen wirtschaftlichen Folgen zu begegnen.

Die Risiken des forcierten ökonomischen Wandels, der sinkenden Wachstumsraten und die fortschreitende Individualisierung der Gesellschaft in den 1970er und 1980er Jahren forderten den deutschen Sozialstaat in hohem Maße heraus. In seinen Regierungserklärungen vom Oktober 1982 und vom Mai 1983 erläuterte Bundeskanzler Helmut Kohl deshalb die Ziele der Koalition. Er bezog sich ausdrücklich auf das Erbe der Adenauerzeit und kündigte eine Neugestaltung der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik an, die überzogenen Anforderungen an den Staat und an die sozialen Sicherungssysteme ein Ende setzen sollte. Die Vergangenheit habe deutlich gemacht, dass eine Wirtschaftsordnung umso erfolgreicher sei, je mehr sich der Staat zurückhalte und den Bürgern Freiheiten gewähre. Der Staat solle auf den „Kern seiner Aufgaben“ zurückgeführt werden. Die „Erneuerung der Sozialen Marktwirtschaft“ – so das Ziel der Regierung Helmut Kohl – sollte zur Entfaltung „von Freiheit, Dynamik und Selbstverantwortung“ beitragen. Individuelle Leistung und Verantwortung sollten sich wieder lohnen, und der Kanzler erinnerte daran, dass es erforderlich sei, Gewinne zu erwirtschaften, um Investitionen finanzieren zu können.

 

Bundesminister für Arbeit- und Sozialordnung

Der Sozialpolitiker Blüm hatte für die Regierung Kohl großes wahlpolitisches Gewicht. In seinem Ministerium fand Blüm eine große Zahl von engagierten, sachkundigen und durch „Korpsgeist“ verbundene Mitarbeitern. Minister Blüm und das Arbeitsministerium einte die Aufgabe und Vision, eine sozialstaatliche Balance zu halten, die Sozialpolitik an die neuen wirtschaftlichen und demographischen Herausforderungen anzupassen, sie zu befestigen und gegen die Angriffe der eigenen Koalition, der Opposition und der Gewerkschaften zu positionieren.

Blüms sozialpolitische Philosophie orientierte sich bei aller Grundsätzlichkeit am pragmatischen Zielen. Weltanschaulich war er besonders von dem christlichen Sozialethiker und Jesuiten Oswald von Nell-Breuning geprägt. Der Sozialstaat war in Blüms Vorstellungen der entscheidende Angelpunkt der freiheitlich-demokratischen Ordnung der Bundesrepublik. „Wir beginnen diese Sozialpolitik nicht am Nullpunkt“, referierte er im Herbst 1983 vor der CDU/CSU Bundestagsfraktion, „sondern wir machen Sozialpolitik mit einem bestehenden System. Nur Ideologen machen Sozialpolitik vom Reißbrett aus. Wer eine lebensnahe Sozialpolitik machen will, der kann nicht den Eindruck erwecken, er könne alles auf den Kopf stellen; er muss vom Vorhandenen als Ausgangspunkt ausgehen.“ Für seine sozial-, arbeits- und rentenpolitischen Entscheidungen musste Blüm, der auch Mitglied der IG-Metall war, bisweilen scharfe Kritik aushalten. Dies galt nicht zuletzt auch für die von Blüm und seinem Staatsekretär Bernhard Worms erarbeitete Pflegeversicherung. Die Pflegeversicherung war umstritten, aber angesichts der demographischen, gesellschaftlichen und familiären Entwicklungen notwendig.

Konsequent setzte sich Blüm überdies auch im In- und Ausland für die Einhaltung von Menschenrechten ein, z.B. 1987 in Chile, wo er entschieden die Militärdiktatur unter General Pinochet kritisierte.

 

Rückzug ins Privatleben

Norbert Blüms Rückzug aus dem politischen Tagesgeschäft vollzog sich in Raten. 1999 gab er den Landesvorsitz der CDU in Nordrhein-Westfalen ab. Seine Loyalität und Freundschaft zu Helmut Kohl wurde 1999/2000 durch die CDU-Spendenaffäre und die Verstöße gegen das Parteienfinanzierungsgesetz auf eine harte Probe gestellt und fand schließlich ein abruptes Ende. Auf dem Bundesparteitag 2000 kandidierte er nicht mehr als stellvertretender Bundesvorsitzender; im Jahr 2002 schied er aus dem Deutschen Bundestag aus.

Nach seinem Ausscheiden von der politischen Bühne verfasst Blüm u.a. mehrere Kinderbücher und war als Publizist aktiv.

Am 23. April 2020 verstarb Norbert Blüm im Alter von 84 Jahren in Bonn.

Ansprechpartner

Andreas Klein