"Von der Suche nach einem guten Leben"

Louis Begley wird 80 und hat abermals einen eleganten Gesellschaftsroman geschrieben

Von der Philosophie hat die Literatur die Idee des glücklichen Lebens geerbt. Doch an die atlasschwere Aufgabe, davon zu erzählen, trauen sich heute nur noch wenige Autoren ernsthaft heran. Auch Louis Begley misstraut großen Gefühlen und gefälligen Happy endings. Seine Romane befassen sich mit den Katastrophen des Glücks, mit Familiendesastern, Krankheit, Tod, Liebesverrat, Erinnerungs- und Hoffnungsverlust.

Neun Romane hat Louis Begley geschrieben, den ersten 1991, im Alter von 68 Jahren, den autobiographisch geprägten Roman Wartime lies (1991; Lügen in Zeiten des Krieges, 1994). Der zehnte Roman erscheint im Herbst, pünktlich zu des Autors 80. Geburtstag, bei Suhrkamp in deutscher Übersetzung: „Erinnerungen an eine Ehe“. Auch hier schreitet Louis Begley seinen Themenkreis souverän aus. Es geht – durchaus in Anlehnung an Ingmar Bergmanns Film „Szenen einer Ehe“ – um Heiratshindernisse und Ehrensachen, um Moral und Berufserfolg, um das wunschlose Unglück der besseren Gesellschaft. Der Erzähler ist nicht zufällig ein Schriftsteller. Nicht ohne eine höchst sympathische Selbstironie beschreibt er seine Nöte, von den Fakten zu den Fiktionen zu kommen. Er will für einen Roman recherchieren, ohne die Wahrheit zu verfälschen, muss aber zu dem, was er kennt und erinnert, vieles hinzudichten, um eine spannende Geschichte zu erzeugen.

Louis Begleys eigene Lebensgeschichte liefert den Stoff, aus dem seine Romane entspringen, ist aber auch Fiktion im Sinne des Titels seines lebensklugen Kafka-Buches Die ungeheure Welt, die ich im Kopf habe (2008). Geboren wurde Louis Begley unter dem Namen Ludwik Begleiter als einziges Kind polnisch-jüdischer Eltern am 6. Oktober 1933 in der ostgalizischen Provinzstadt Stryj, die zwischen den Weltkriegen polnisch war und heute zur Ukraine gehört. Im Sommer 1941 besetzten deutsche Truppen das von der Roten Armee geräumte Land. Im Schlagschatten der Wehrmacht rückten die Vernichtungstruppen der Sicherheitspolizei nach. Louis Begley floh mit seiner Mutter, getarnt als polnische Katholiken.

Als der Krieg zu Ende war, wanderte Louis Begley Anfang März 1947 mit seinen Eltern in die Vereinigten Staaten aus. In New York anglisierte er seinen Namen, begann ein Jurastudium in Harvard und wurde ein erfolgreicher Anwalt in der Kanzlei „Debevoise & Plimpton“ an der Wall Street.

Zum Schriftsteller wurde Begley 1989, als er sich für vier Monate aus der Kanzlei zurückzog, um sein erstes Buch zu schreiben. Wartime lies ist keine Lebensbeichte, sondern ein Erinnerungsroman, der die eigenen Erlebnisse verdichtet und umwandelt. Die Lügen in Zeiten des Krieges, derer sich der junge Romanheld Maciek mitsamt seiner Tante Tania bedient, sichern ihr Überleben in feindlicher Umgebung und zeigen zugleich die Macht der Erinnerungsfiktion. „Ich habe mit der Stimme des beobachtenden Maciek versucht, Schicht für Schicht totale Unmenschlichkeit, das Grausen, den Horror mit einem konstanten Erzählton in Sprache umzusetzen“, sagte Begley 1994 in einem Interview mit der Jüdischen Allgemeinen Wochenzeitung.

Nach dem Romandebüt entstand eine Folge von philosophischen Romanen, über die Christoph Stölzl anlässlich der Verleihung des Literaturpreises der Konrad-Adenauer-Stiftung an Louis Begley sagte: „Wahrscheinlich wird man Begleys in einem kurzen Jahrzehnt geschriebene Suite der transatlantischen Gesellschaftsromane einmal so losgelöst von ihrer Entstehungszeit lesen wie die Berliner Zyklen Fontanes oder die moderne Odyssee des Bürgertums bei Thomas Mann.“

Begleys Figuren sind mittlere Helden, klaglose Hiobgestalten, kafkaeske Banker und Broker, Anwälte und Autoren; Unsympathisch sind diese Figuren nicht, deren Erfolgsbilanzen regelmäßig bei den eigenen Herzensaffären versagen. „Schiffbruch“, so Begleys Romantitel von 2003, ist ihr Schicksal, Erinnern an eine amour fou ihr Programm, stoisches Entsagen ihre Konklusion.

Ben heißt der vielleicht repräsentativste unter diesen Helden – neben dem philosophierenden und mit Jack Nicholsen auch verfilmten Pensionär Schmidt, dem zwei wunderbare Romane (1996 und 2001 in deutscher Übersetzung erschienen) gewidmet sind. Ben spielt die Hauptrolle in Begleys zweiten Roman, The Man Who Was Late (1992). Er ist ein „jüdischer Flüchtling“, der in Amerika das gute Leben erlernen will, aber sich in den Widersprüchen zwischen Selbsthass und Glücksverlangen verheddert. Glück hat er durchaus in der Welt des „bargeldlosen Wohlergehens“, zumal bei den Frauen. Aber er kann damit nicht glücklich sein.

Im Zentrum von Begleys literarischem Werk steht die Frage nach der Zukunft der humanistischen Werte. Was geschieht, wenn die persönlichen „Vorstellungen vom Guten und Menschenwürdigen“ von Intrigen, Manipulationen und Vorverurteilungen durchkreuzt werden, hat er in einem Buch über den „Fall Dreyfus“ (2009) untersucht. Es trägt, vielsagend und warnend genug, den Untertitel „Teufelsinsel, Guantanamo, Alptraum der Geschichte“. Das gute Leben ist ja kein Geschenk. Es muss erzählt werden, durch die Katastrophe hindurch, die ja im wörtlichen Sinne eine Glückswende bedeutet. Der neue Roman lässt darauf hoffen, dass der Autor auch in seinem neunten Lebensjahrzehnt nicht damit aufhören wird, von der Suche nach dem Glück zu erzählen.

Michael Braun

Ausgewählte neuere Werke:

  • Louis Begley: Erinnerungen an eine Ehe. Roman. Berlin: Suhrkamp, 2013
  • Louis Begley: Schmidts Einsicht. Roman. Berlin: Suhrkamp, 2013
  • Louis Begley: Der Fall Dreyfus. Teufelsinsel, Guantánamo, Alptraum der Geschichte. Berlin: Suhrkamp, 2011
  • Louis Begley: Die ungeheure Welt, die ich im Kopfe habe. Über Franz Kafka. München: DVA, 2008
  • Louis Begley: Fakten und Fiktionen. Heidelberger Poetikvorlesungen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 2008

Alle Romane Louis Begleys sind im Suhrkamp Verlag erschienen. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen besorgte jeweils Christa Krüger.

Kontakt

Prof. Dr. Michael Braun

Prof. Dr

Referent Literatur

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Einzeltitel
15. Dezember 2000
Literaturpreis 2000: Louis Begley
Das Buch "Der Fall Dreyfus" von Louis Begley. | Foto: Suhrcamp Verlag Suhrcamp Verlag