Veranstaltungsberichte

Die Deutsche Einheit ist ein fortlaufender Prozess

von Cedric McCann

Veranstaltung vom 05.11.2020

Online-Abendveranstaltung mit der Autorin Valerie Schönian

Am 3. Oktober 1990 traten die neu gebildeten Länder der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) der Bundesrepublik Deutschland (BRD) bei. Damit endeten gleichzeitig die Existenz der DDR und die 40-jährige Teilung Deutschlands. Aus zwei deutschen Staaten wurde wieder einer. Wie sich der Osten Deutschlands daraufhin entwickelt hat und welche Disparitäten nach wie vor bestehen, wurden im Rahmen dieses Onlineforums diskutiert. Eingeladen war die Autorin und Zeit-Redakteurin Valerie Schönian. Sie kam Ende September 1990 in Sachsen-Anhalt zur Welt – wenige Tage vor der Wiedervereinigung. Doch je länger dieses Datum zurückliegt, desto ostdeutscher fühlt Sie sich. Die Frage, warum Jahre später die Debatte über diese Differenzen immer noch besteht, beantwortet sie mit der Aussage, dass Unterschiede auf verschiedenen Ebenen auch heute noch existieren. Die politische, wirtschaftliche, historische und mediale Erzählung sei bisher immer westdeutsch geprägt gewesen, während die Wahrnehmung des Ostens nach der Wende defizitär blieb. Nach ihrer persönlichen Erfahrung brauche es noch mehr Auseinandersetzung und Wahrnehmung des heutigen Ostens, um diese Diskrepanz zu verdeutlichen. Mit ihrem neuen Buch „Ostbewusstsein“ will sie dabei besonders verdeutlichen, in welcher Form und warum die Nachwendegeneration in Ostdeutschland ein vielfältiges ostdeutsches Bewusstsein entwickelt hat und welche Potenziale auch darin liegen können. Um Antworten zu finden, sprach Valerie Schönian mit Soziologen, Politikern und Vertretern ihrer und älterer Generationen aus West und Ost. Nach einer kurzen Lesung aus ihrem neuen Buch von Valerie Schönian, starteten wir in die gemeinsame Diskussion.

 

Zu Beginn der Diskussion wurde über den Stand der Deutschen Einheit und dem Unterschied zwischen einem ausgeprägten Ostbewusstsein und einer Ostverklärung diskutiert. Laut Schönian kann der Stand der Deutschen Einheit als beidseitiger Erfolg beschrieben werden, wobei im Osten diese Erfolge erst unter teilweise individuell harten Transformationserfahrungen zu verzeichnen waren. Hierbei hob sie erneut besonders hervor, dass das System der DDR eine Diktatur war und das es am sozialistischen System nichts zu beschönigen gebe. Sie machte aber auch deutlich, dass die Erwartungen der Ostdeutschen teilweise enttäuscht wurden. Hierbei kritisierte Sie insbesondere ein teilweise wahrgenommenes Überlegenheitsgefühl in Westdeutschland, welches die bestehenden Probleme in Ostdeutschland in ihrer Relevanz herabsetzt. Sie plädiert deshalb für eine gesamtdeutsche Erzählung und einen gesamtdeutschen Austausch, um Verständnis und eine Wahrnehmung der Probleme transparenter nach außen zu tragen. Um für die Wahrnehmung des Ostens zu werben, hält sie deshalb ein regionales und gesundes Ostbewusstsein für notwendig. Wichtig für das gegenseitige Verständnis sind somit insbesondere Bildungs- und Austauschprogramme in Schulen. Hier setzt die Konrad-Adenauer-Stiftung an und lud in den vergangenen Jahren bundesweit Zeitzeugen in Schulen ein und förderte den Austausch zwischen beiden Landesteilen.

Nach Schönian wird der Prozess der Angleichung jedoch noch über Generationen hinweg dauern, was gleichermaßen nicht nur Probleme in sich birgt, sondern ebenso auch die Möglichkeit für neue Potenziale bietet. Für die Nachwendegeneration besteht hier die Möglichkeit, zwischen den in der DDR sozialisierten Generationen und den Generationen der BRD zu vermitteln und eine Art Bindeglied sein zu können, da sie mit beiden Erzählungen aufgewachsen sind und bei beiden Gruppen für Verständnis werben können. Zwischen dem Publikum und Valerie Schönian entwickelte sich zum Thema Ostbewusstsein ein reger Austausch.

Über diese Reihe

Die Konrad-Adenauer-Stiftung, ihre Bildungsforen und Auslandsbüros bieten jährlich mehrere tausend Veranstaltungen zu wechselnden Themen an. Über ausgewählte Konferenzen, Events, Symposien etc. berichten wir aktuell und exklusiv für Sie unter www.kas.de. Hier finden Sie neben einer inhaltlichen Zusammenfassung auch Zusatzmaterialien wie Bilder, Redemanuskripte, Videos oder Audiomitschnitte.