Veranstaltungsberichte

Frauen, Politik und COVID-19

von Walkiria Chandler D’Orcy

Bericht zur ADELA Panama Digital-Konferenz

Im folgenden Bericht fasst Walkiria Chandler D'Orcy ihre Eindrücke und Gedanken zur ADELA Panama Digital Konferenz vom 13.05.2020 mit dem Thema "Frauen, Politik und COVID-19" zusammen

Walkiria Chandler D’Orcy

Rechtsanwältin und stellvertretendes Parlamentsmitglied der Republik Panama / walkiriachandlerdorcy@gmail.com

Rechtsanwältin, stellvertretendes Parlamentsmitglied und Rechtssekretärin des Zentrums für afro-panamaische Studien. Postgraduiertenabschluss der Universität von Salamanca und Master-Abschluss der Universität Carlos III von Madrid. Master in Umweltmanagement und Rechnungsprüfung, Spezialisierung auf Hochschulbildung, Studien in Leadership und Wahlstrategien für Frauen und Teilnehmerin am Competitiveness Leadership Program an der Georgetown University.

Chandler D'Orcy hatte Positionen im öffentlichen und privaten Sektor inne, u.a. als Direktorin der Nationalen Fischereistiftung, als Direktorin des Rechtsbeistands der Behörde für aquatische Ressourcen, als Beraterin für die Schaffung des Gesetzes 8 von 2015, mit dem das Umweltministerium geschaffen wurde, und als Rechtsberaterin des panamaischen Verbandes der Fischereiindustrie.

 

Geschlecht und Politik in der Zeit von COVID-19 in Panama

Ende letzten Jahres erschienen die ersten Nachrichten über ein Virus, das Atemwegserkrankungen verursachte und seinen Ursprung in der Provinz Wuhan, China, hatte. Der Januar verging noch mit Spekulationen, dass das Virus nur Menschen im Alter von mehr als 60 Jahren betrifft, oder dass es sich um ein fernes Problem handelt, welches sich auf die asiatischen Länder beschränkt. Der von den Panamaern herbeigesehnte Februar war dann mit den größten Feierlichkeiten des Jahres verbunden, dem Karneval.  Während die Leute ihre Reisen im In- und Ausland planten und ihre Last-Minute-Käufe tätigten, häuften sich die Berichte über das Virus, aber die Aussetzung eines so großen Ereignisses ist eine unpopuläre Maßnahme, die keine Regierung ergreifen möchte. Statt Souveränität in Form von präventiven Gesundheitsmaßnahmen zu zeigen, nutzte der Sprecher des stellvertretenden Polizeidirektors die Situation, um stattdessen zu kommunizieren, dass Frauen in "suggestiver" Kleidung während der Karnevalsveranstaltungen sanktioniert würden, eine Entscheidung, die der Polizeidirektor Jorge Miranda am folgenden Tag korrigieren musste.  Dieser Vorfall ist nur ein Beispiel, aber er verdeutlicht die Situation der Geschlechtergerechtigkeit und der Politik, mit der wir Frauen in der Zeit von COVID-19 in Panama konfrontieren werden.

Es folgte der März, in dem die Regierung knapp zwei Wochen nach Beginn des Schuljahres die Maßnahmen der Quarantäne, des „Social Distancing“ und der Isolation ankündigte, um die Auswirkungen der Pandemie auf unser Land abzuschwächen. Damals verwies das Büro der „Defensoría del Pueblo de la República“ [eine Institution des panamaischen Staates, die geschaffen wurde, um den Schutz der Menschenrechte aller Einwohner der Republik Panama zu gewährleisten] darauf, dass "es wichtig ist, den Zustand der Verletzlichkeit gegenüber Gewalt zu berücksichtigen, dem Frauen im häuslichen Bereich ausgesetzt sein können". Diese Warnung ist eine Reaktion auf die Daten des panamaischen Observatoriums gegen geschlechtsspezifische Gewalt (OPVG), das vom Defensoría del Pueblo de la República koordiniert wird. Im Vergleich zum Vorjahr verzeichneten die Monate Januar und Februar 2020 laut Observatorium einen Anstieg der Meldungen häuslicher Gewalt um 12,6%; einen Anstieg um 5,2% für Sexualverbrechen und 66,7% für Femizide. Eine Quarantäne verschärft diese Probleme nochmals, da das Einsperren von Menschen in einem Umfeld der Unsicherheit und Not ein perfekter Auslöser für aggressives Verhalten ist. Die Gefährdung von Frauen durch häusliche Gewalt ist also ein wichtiger Faktor, den der Staat angesichts der geforderten Quarantäne zumindest hätte berücksichtigen sollen.

Es fehlt jedoch an einer öffentlichen Politik, die auf Fragen der Eingliederung und Gleichberechtigung eingeht. Dies ist auch einer Gesetzgebung geschuldet, deren Abgeordnete zu etwa 80 Prozent männlich und nur zu 9.9 Prozent weiblich sind. Das hat wiederum zur Folge, dass es weniger Gesetze mit einer Gender-Perspektive gibt. Hinzu kommt ein Exekutivkabinett mit einem Frauenanteil von 35 Prozent in Positionen wie Ministerberatern oder in Ressorts für soziale Aufgaben, wodurch die Politik maßgeblich von Männern bestimmt wird und soziale Fragilität entsteht.

Es ist daher umso dringender notwendig, sichtbar zu machen was uns als Frauen in dieser Gesellschaft wirklich beeinträchtigt und darauf zu achten, dass die Bevölkerung nicht falsch darüber informiert wird. Als Afrofrau und Politikerin empört es mich, wenn etwas so Ernstes wie geschlechtsspezifische Gewalt häufig trivialisiert wird, indem sie von Parteien als politische Ware eingesetzt wird. Aber auch die mediale Berichterstattung wird ihrem Anspruch nicht gerecht, wenn sie in Fällen schockierender Femizide wie dem von Karen Velasquez, die von ihrem Ex-Partner und Vater ihrer Kinder mit Benzin übergossen und anzündet wurde, nur vage Meldungen zu geschlechtsspezifischer Aggression und ethnischer Diskriminierung abgibt, während Tag für Tag Frauen leiden, bloß weil sie als solche geboren wurden.

Jede Krise birgt eine Chance für Veränderungen, und die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen der durch COVID-19 ausgelösten Pandemie bringen uns dazu, ein veraltetes und patriarchalisches Wirtschaftsmodell zu überdenken. Es besteht ein dringender Bedarf an einer öffentlichen Politik, die soziale Sicherheitsnetze, den öffentlichen Zugang zu Gesundheitsversorgung, die Schaffung und Sicherung von Arbeitsplätzen, ökologische Nachhaltigkeit und soziale Eingliederung gewährleistet.

Formate wie diese digitale Konferenz sind wichtig, da jede seriöse Analyse der Auswirkungen von COVID-19 die Integration der Geschlechterperspektive erfordert, umso mehr in unseren Breitengraden, wo die Ungleichheit eine Konstante ist und das kollektive Gedächtnis von Skandal zu Skandal springt, wodurch den wahren Quellen der sozialen Probleme nur wenig Bedeutung zukommt. Allein die Tatsache, dass wir das Problem sichtbar machen und eine Debatte darüber auslösen, führt uns bereits zur Suche nach echten Lösungen, die es uns ermöglichen, eine bessere Realität für Frauen zu schaffen.

Ansprechpartner

Alixenia López

Alixenia Lòpez

Projektkoordinatorin

alixenia.lopez@kas.de +507 387 4474

Über diese Reihe

Die Konrad-Adenauer-Stiftung, ihre Bildungsforen und Auslandsbüros bieten jährlich mehrere tausend Veranstaltungen zu wechselnden Themen an. Über ausgewählte Konferenzen, Events, Symposien etc. berichten wir aktuell und exklusiv für Sie unter www.kas.de. Hier finden Sie neben einer inhaltlichen Zusammenfassung auch Zusatzmaterialien wie Bilder, Redemanuskripte, Videos oder Audiomitschnitte.