Expertengespräch

NCPR-Roundtable

Follow-up of the Conference “In search of an economic order for Afghanistan – Social market economy at the silk road?”

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Details

Am 13. und 14. Mai 2006 hatte die Konrad-Adenauer Stiftung in Herat die sehr erfolgreiche Konferenz “In search of an economic order for Afghanistan – Social market economy at the silk road?” organisiert, zusammen mit der Ruhr-Universiät Bochum und der Universität von Herat.

Nun lud der KAS Partner National Center for Policy Research, NCPR, am 10. August zu einem Roundtable als Follow-up der Herat-Konferenz. Auf der letzten Konferenz waren die Ansichten, welchen ökonomischen Pfad Afghanistan einschlagen sollte, zum Teil weit auseinander gegangen. Ziel des Follow-ups war zu überprüfen, ob das ökonomische System einer Sozialen Marktwirtschaft der richtige Weg für Afghanistan sein könne. Als Referenten waren Professor Löwenstein und Dr. Sami Noor der Ruhr-Universität Bochum geladen. Professor Löwenstein war auf der letzten Konferenz leider verhindert gewesen. Dr. Khalatbari, Landesdirektor der KAS, begrüßte die Teilnehmer im NCPR Gebäude der Kabuler Universität. Er gab eine kurze Einführung zur Sozialen Marktwirtschaft als ökonomisches System, das in Westdeutschland der Nachkriegszeit entwickelt wurde mit dem Anspruch, einen mittleren Weg zwischen Sozialismus und Kapitalismus einzuschlagen. Der Christdemokrat Ludwig Erhard, Wirtschaftsminister unter Konrad Adenauers Kanzlerschaft und selbst Kanzler zwischen 1963 und 1966, wurde als der Kopf hinter dem Konzept der Sozialen Marktwirtschaft beschrieben.

Im Anschluß an diese Begrüßung referierte Professor Löwenstein der RUB ausführlich über die Geschichte, das Konzept und die Implementation der Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland. Zunächst erklärte er die generelle Rolle eines Staates in einem Wirtschaftssystem. Er betonte die Bindung ökonomischer Aktivitäten und Transaktionen an Gesetze, Bräuche und soziale Konventionen. Diese Regelsysteme stellten wichtige Voraussetzungen für die Stabilität einer Wirtschaft dar. Für die Gesamtgesellschaft sei es aus diesem Grunde immer rational, diese Regeln zu befolgen. Leider bestehe jedoch ein soziales Dilemma und für Individuen könne es oft profitabler und damit rationaler sein, die Regeln zu brechen. Folglich sei die Mindestfunktion eines Staates in einem Wirtschaftssystem, die Regeln mittels Sanktionen durchzusetzen. Sonst würde jedes Wirtschaftssystem, das einer Freien Marktwirtschaft ebenso wie das einer Zentralen Planwirtschaft, in Armut und chaotische Zustände gestürzt werden.

Professor Löwenstein erläuterte der Zuhörerschaft, dass sich Staaten entlang eines Kontinuums zwischen zwei ökonomischen Polen bewegten, dem Pol der Freien Marktwirtschaft und dem Pol der Zentralen Planwirtschaft. In der Freien Marktwirtschaft würden dem Markt alle Entscheidungen überlassen. Eine Zentrale Planwirtschaft hingegen sei von der Dominanz der Bürokratie gekennzeichnet. Keiner dieser Idealtypen habe jemals in Reinform existiert. Die realen ökonomischen Systeme seien Mixtypen und zwischen den beiden Polen angeordnet und orientierten sich zu einer der beiden Seiten.

Professor Löwenstein hob eine Gruppe an Staaten hervor, bei denen eine solche Orientierung noch nicht sichtbar sei. Zu dieser Gruppe gehörten China, Russland, Pakistan - und Afghanistan. Afghanistan weise zwar eine große Bürokratie auf, aber diese interveniere nicht stark in den Markt. Er nannte Afghanistan eine „Chaos Ökonomie“.

Nach dieser Definition der zwei polaren ökonomischen Systeme und der Kurzcharakterisierung der afghanischen Wirtschaft vertiefte Professor Löwenstein den historischen Hintergrund der Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland.

Er verglich hierbei die Situation im früheren Nachkriegsdeutschland mit der in Afghanistan heute. Probleme, die beiden Staaten teilten, seien zum einen die rückkehrenden Flüchtlinge, der Abbau der Industrie und die Zerstörung der Infrastruktur. Professor Löwenstein betonte aber grundlegende Unterschiede zwischen dem früheren Westdeutschland und dem heutigen Afghanistan. Der bedeutenste Unterschied sei, dass in Deutschland ein Großteil des Humankapitals nach dem Krieg im Land verblieben sei. Eine zweite wesentliche Differenz sei, dass die Deutschen ein Leben unter festen Regeln gewohnt gewesen seien. Diese beiden Tatsachen hätten es Westdeutschland nach dem 2. Weltkrieg erlaubt, seine Wirtschaft wieder aufzubauen und den Anschluss an die Weltwirtschaft zu finden.

Unter den Bedingungen in Nachkriegsdeutschland sei es Ludwig Erhards Konzept der Sozialen Marktwirtschaft gewesen, das zu einem ökonomischen Aufschwung geführt habe.

Die Entscheidung des damaligen Wirtschaftsdirektors im besetzten Deutschland für eine Freigabe der Preise hätte zu einem enormen Wirtschaftsaufschwung geführt und sei der Grundstein für sein späteres Konzept der Sozialen Marktwirtschaft gewesen.

Anschließend wurde das Gesamtkonzept der Sozialen Marktwirtschaft den Teilnehmern von Professor Löwenstein erläutert. Zwei der Säulen der Sozialen Marktwirtschaft seien „Privatbesitz“ und „Wettbewerb. Privatbesitz ziele hierbei auf Effizienzsteigerung. Wettbewerb bedeute im Konkreten Dekartelisierung, Deregulierung und eine Verbesserung des Marktzugangs. Freie Preise kennzeichneten die Säule, die das soziale Element in der Sozialen Marktwirtschaft verkörpere. Freie Preise führten zur Wohlfahrtsmaximierung. Dies sei die Kernidee in Erhards Konzept. Ergänzt würden die freien Preise durch ein System der sozialen Absicherung, das die Bevölkerung vor Arbeitslosigkeit schütze und Gesundheits-, und Unfallversicherungen bereitstelle sowie eine Altersabsicherung.

Heute stelle das System der sozialen Absicherung die größte Herausforderung an das deutsche ökonomische System. Das System müsse an eine neue ökonomische Situation ohne Vollbeschäftigung und mit einer alternden Bevölkerung angepasst werden. Zwei weitere Herausforderungen seinen zum einen die Wiedervereinigung Deutschlands, die mit immensen Kosten einhergehe, und die Behauptung der deutschen Position im internationalen Handelswettbewerb.

An den Vortrag Professor Löwensteins schloss sich eine Diskussionsrunde an.

Mehrere Teilnehmer wollten vom Referenten wissen, was er für die Hauptursachen des chaotischen Zustandes der afghanischen Wirtschaft halte. Professor Löwenstein hob den fehlenden Konsens in der afghanischen Bevölkerung hervor, dass Regeln zu befolgen seien.

Dies sei ein kulturelles Problem. Damit einher ginge die Schwäche der afghanischen Regierung, die noch unfähig sei, Regeln durchzusetzen. Diese beiden Problemfelder und das Fehlen von Humankapital in Afghanistan machten die Situation für die afghanische Wirtschaft so schwierig. Was Afghanistan zum Lösen dieser Probleme bräuche sei Zeit. Herr Hassanzadah, GM SIEMENS Afghanistan, äusserte, er sehe in der Bildung der afghanischen Bevölkerung den Schlüssel zu einer Verbesserung der Situation. Nach der Diskussion fasste Dr. Noor die Ergebnisse der ersten Konferenz in Herat zusammen. Im Anschluss an eine fünfzehnminütige Pause folgte eine offene Fragerunde zum Stichwort „Soziale Gerechtigkeit“. Der Begriff müsse zunächst definiert werden, betonte Professor Löwenstein. Layla Jazayery, die neue Leiterin des Department of Social Science am NCPR, stellte zwei konträre Ansichten zur sozialen Gerechtigkeit gegenüber. Erstens gebe es die Ansicht, Güter und Dienstleistungen seien gemäß der Performanz der Menschen zu verteilen. Eine zweite Ansicht sei, dies müsse hinsichtlich ihrer Bedürfnisse geschehen.

Dr. Ranjbar, Abgeordneter des Parlamentes, betonte, es sei unmöglich soziale Gerechtigkeit sauber zu definieren, aber in Bezug auf Afghanistan gebe es hierzu drei wichtige Punkte. Zunächst müsse soziale Gerechtigkeit gleiche Möglichkeiten beeinhalten, zweitens die gleiche Implementation von Regeln ohne Diskriminierung oder Privilegien, und drittens müssten die Mitglieder einer Gemeinschaft, die mehr verdienten, einen Teil ihres Einkommens bereitstellen, dies könne zum Beispiel über den Weg einer progressiven Besteuerung erfolgen. Dr. Banwal wies darauf hin, dass in Afghanistan die Steuereinnahmens sehr ungleichmäßig zwischen den Provinzen aufgeteilt würden und die Lücke zwischen den entwickelten und weniger entwicklten Teilen des Landes zu schließen sei.

Professor Löwenstein bemerkte, die Positionen Dr.Ranjbars und Dr. Banwals lägen näher an denen der USA als an den Deutschen. Und er fügte hinzu, warum er nicht glaube, dass dieser Weg lediglich gleiche Möglichkeiten bereitzustellen ausreiche, um das Ziel von sozialer Gerechtigkeit zu erreichen. Er nannte das deutsche Bildungssystem als Beispiel, das zwar grundsätzlich Bildung für alle bereitstelle. Mit welchen Erfolg das Bildungssystem durchlaufen werde, hänge aber noch stark von der Bildungssituation und dem finanziellen Hintergrund der eigenen Eltern ab.

Dr. Banwal führte das Bevölkerungswachstum in Afghanistan als weiteres zentrales Problem des Landes an. Professor Löwenstein merkte hierzu jedoch an, der demographische Faktor würde nur in seltenen Fälle tatsächlich zu einer Reduzierung des nationalen Einkommens führen. Zum Ende des Roundtables machte Professor Löwenstein nochmals deutlich, dass vor einer Umsetzung von sozialer Gerechtigkeit in Afghanistan, das Land zunächst ein richtiges ökonomisches System implementieren müsse. Ohne feste Regeln funktioniere keine Wirtschaft und könne somit auch keine soziale Gerechtigkeit produzieren.

Dr. Ranjbar stimmte dem zu. Er hob in diesem Zusammenhang die Konferenz in Herat hervor. Mit der Konferenz sowie mit diesem Follow-Up sei der erste Schritt in die richtige Richtung getätigt worden. Diese Konferenzen hätten eine historische Bedeutung für Afghanistan und es sei gut, dass die Diskussion weiter geführt werde. Er dankte der Konrad-Adenauer Stiftung für ihre Organisation.

Das Follow-up am NCPR solle nicht die letzte Konferenz zu dieser wichtigen Thematik sein, darin bestand Einigkeit. Eine dritte Konferenz ist für den September 2006 geplant.

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Veranstaltungsort

NCPR, Kabul

Referenten

  • Prof. Dr. Löwenstein
    • Dr. Sami Noor
      • Dr. Babak Khalatbari
        • Mr. Hassanzadah (GM Siemens)
          • MP Dr. Kabir Ranjbar
            Kontakt

            Dr. Babak Khalatbari

            Head of the KAS office in Pakistan

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