Leitgedanken des Promotionskollegs „Soziale Marktwirtschaft“

Das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft ist auch international eine einmalige Erfolgsgeschichte der Umsetzung ökonomischer Ideen in die wirtschaftspolitische Praxis. Sein Erfolg basiert zum einen darauf, dass eine Gruppe von Wissenschaftlern (Ökonomen und Juristen) bereits ab der zweiten Hälfte der 1930er Jahre die richtigen Schlüsse aus den Fehlentwicklungen in der Weimarer Republik, aus der Weltwirtschaftskrise und der nationalsozialistischen Wirtschaftsverfassung ableiteten.

Zweitens war es entscheidend, dass die Übertragung aus der Theorie in die Praxis gelang. Dafür waren zwei Faktoren ausschlaggebend: Erstens: Vor allem Alfred Müller-Armack, der Ökonom und Soziologe war, passte die theoretischen Überlegungen der Freiburger Schule (des Ökonomen Walter Eucken und des Juristen Franz Böhm) an die Vorbehalte weiter Bevölkerungsteile gegenüber dem Markt an und schuf die „irenische“ Formel (Versöhnungsformel) der Sozialen Marktwirtschaft. Zweitens, es haben sich wohl kaum zu einer anderen Zeit in der deutschen Geschichte Ökonomen so direkt in die Politik eingebracht, wie in der Phase nach dem Zweiten Weltkrieg: Das gilt nicht nur für Ludwig Erhard, sondern auch etwa für Franz Böhm, der seinen Lehrstuhl aufgab, um im Bundestag die deutsche Kartellgesetzgebung zu prägen, und für Alfred Müller-Armack, der lange Jahre im Bonner Wirtschaftsministerium war. Diese Akteure verwirklichten – z.T. ausdrücklich gegen die Vorstellungen der Alliierten – eine liberale Wirtschaftsordnung, die dem damaligen keynesianischen Mainstream fundamental widersprach. Und der Erfolg gab Ihnen recht.

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Heute ist von der Sozialen Marktwirtschaft im institutionellen Rahmenwerk noch viel vorhanden; das Handeln in der Gesellschaft und Wirtschaftspolitik spiegelt dagegen viel Unkenntnis und Beliebigkeit wider. Die unterschiedlichen Akteure haben die Soziale Marktwirtschaft zu einer Leerformel degradiert, die sie jeweils mit den Inhalten füllen, die ihren Partikularinteressen dienen. Dennoch, die Soziale Marktwirtschaft ist weiterhin eine gesellschaftspolitisch und wirtschaftspolitisch akzeptierte Leitidee geblieben. Ihr System von Prinzipien wirkt fort; die politische Praxis erweist ihr verbale Referenz selbst dort, wo sie seine Grundsätze verletzt. Dieses Paradoxon bzw. Dilemma gilt es sichtbar zu machen und zu beenden, weil es langfristige gesellschaftspolitische und volkswirtschaftliche Schädigungen schafft. Denn diese Verfremdung ist nicht dem Konzept anzulasten.

Der Erfolg der Sozialen Marktwirtschaft beruhte auf einem Dreiklang: Erstens lag ihm eine fundierte ökonomische Analyse zugrunde, die sich nicht auf Marktprozesse beschränkte, sondern vor allem das Wechselspiel zwischen Wirtschaft, Recht und Politik ins Visier nahm. Zweitens beschränkte sich das Konzept nicht darauf, „vernünftige“ ökonomische Antworten zu geben, sondern es fragte auch danach, wie diese Antworten im politischen Raum vermittelt und durchgesetzt werden können. Und drittens beruhte das „Wirtschaftswunder“ wesentlich auf der Fähigkeit und Bereitschaft wissenschaftlich ausgebildeter Akteure, als Grenzgänger zwischen Theorie und Praxis aktiv die Umsetzung mit zu gestalten.

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Die Verfremdung des Konzepts der Sozialen Marktwirtschaft ist nicht ausschließlich durch den politischen Prozess bedingt. Vielmehr droht ihm auch die wissenschaftliche Basis abhanden zu kommen: Der Hauptstrom des internationalen ökonomischen Denkens spezialisiert sich immer stärker auf die isolierende Analyse von Marktgleichgewichten und verliert dabei zunehmend die Interaktion des Wirtschaftens mit Recht und Politik aus dem Blick. Auch in Deutschland sind in den letzten Jahren viele ordnungspolitisch orientierte Lehrstühle abgeschafft oder in solche umgewandelt worden, die sich hauptsächlich mit quantitativen Methoden beschäftigen. Die meisten der heutigen Ökonomen verstehen sich als Fachgelehrte, die ökonomische Tatbestände allein gemäß der Logik ihrer Disziplin modellieren und sich nicht für die Relevanz ihrer Arbeiten für den politischen Prozess interessieren. Die Grenzen dieser „pure economics“ zeigen sich immer dann, wenn der Erfolg ökonomischer Antworten auf gesellschaftliche Problemlagen vom politischen, rechtlichen und kulturellen Kontext einer Gesellschaft entscheidend abhängt. Genau dieser Kontext wird von den Modellen der pure economics in aller Regel ausgeblendet. Besonders die Wirtschaftspolitik von Transformations- und Entwicklungsländern zeigen die Grenzen der aktuellen ökonomischen Theoriebildung. Den Praxistest der Wirtschaftskrise hat diese Mainstream-Economics ebenso wenig bestanden.

Das Promotionskolleg Soziale Marktwirtschaft der Konrad-Adenauer-Stiftung soll dieses Defizit überwinden helfen. Es zielt auf die Weiterentwicklung einer theoretisch fundierten kontextualen Ökonomik – also einer Ökonomik, die sich wie die Begründer der Sozialen Marktwirtschaft der Eingebettetheit der Wirtschaftsordnung in die gesellschaftliche Gesamtordnung bewusst ist – und ihrer politischen, ethischen und soziologischen Implikationen.

Forschung und Lehre sollen sich an dem oben beschriebenen Dreiklang orientieren aber ebenso die empirischen, quantitativen Methoden einbeziehen. Eine Ordnungs- und Institutionenökonomie, die einerseits auf ein vertieftes Verständnis von Marktprozessen abzielt (und darauf, was geschieht, wenn dieses hochsensible Entdeckungsverfahren durch marktinkonforme Eingriffe gestört wird) soll die Grundlage des Graduiertenkollegs darstellen. Daneben sollen die Zusammenhänge zwischen der Marktordnung und der rechtlichen und politischen Verfasstheit der Gesellschaft und die zwischen diesen Teilordnungen herrschende Interdependenz das zentrale Thema des Lehr- und Forschungszusammenhangs sein. Die zweite Säule fragt nach der Vermittel- und Durchsetzbarkeit der Sozialen Marktwirtschaft. Bei der Erforschung dieser Fragestellung muss der Analyserahmen über die traditionelle Ordnungsökonomik und die ihr verwandte Public Choice hinaus um die Themengebiete „informelle Institutionen“ (Sitten, Bräuche, Kultur) und die normativen Implikationen von Marktprozessen und ihrer Regulierung erweitert werden. Dabei kann auch an neuere Erkenntnisse der Institutionen- und insbesondere Konstitutionenökonomik angeknüpft werden. Hinsichtlich der dritten Säule, des Transfers der Erkenntnisse in die politische Praxis, sollen die Teilnehmer des Graduiertenkollegs im Rahmen ihres Promotionsverfahrens „Fallstudien“ zur Interaktion von Wirtschaftswissenschaft und Wirtschaftspolitik erarbeiten. Die sog. Case-Studies-Methode orientiert sich am Format der Kennedy-School of Public Policy (Harvard) und dient dazu, Absolventen wirtschaftswissenschaftlicher Studiengänge wieder vermehrt in die Lage zu versetzen, ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse in einen praktischen Bezug zu setzen.

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Es ist von grundlegender Bedeutung, das Kolleg international auszurichten. Zum einen soll neben einer Rekonstruktion und Vermittlung der traditionellen Ordnungsökonomik auch und vor allem eine Verbindung zu modernen institutionenökonomischen Ansätzen hergestellt werden. Hier ergibt sich eine Chance, die Euckensche Erkenntnis der „Interdependenz der Ordnungen“ zu vertiefen und auf moderne institutionenökonomische Theoriebildung zu beziehen. Die deutsche Ordnungsökonomik und das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft finden international starkes Interesse; ein Anschluss an die internationale institutionenökonomische Forschung würde zur weiteren Verbreitung beitragen. Wir streben einen engen Austausch mit den ausländischen Kolleginnen und Kollegen an, in den auch die Studierenden einbezogen werden sollen.

Eine solche internationale Ausrichtung ist auch deshalb erforderlich, weil Wirtschaftspolitik heutzutage immer weniger eine nationale Angelegenheit ist und in immer stärkerem Maße von suprastaatlichen Ebenen betrieben oder zumindest beeinflusst wird (EU, WTO, G 20). Gerade die Finanz- und Wirtschaftskrise hat gezeigt, wie wichtig es ist, der globalen Wirtschaft einen transparenten und strengen Ordnungsrahmen zu geben. Die Idee der sozialen Marktwirtschaft bietet hier gute Voraussetzungen, mit entsprechenden Modernisierungen als ein Leitbild für die internationale Wirtschaftspolitik verankert werden zu können.

Dieser Ansatz ist ebenso eine erfolgversprechende Chance, die drohende Einseitigkeit der Mainstream-Economics zu verhindern. Die Verbindung beider Ansätze ist der Königsweg zu einer Volkswirtschaftslehre, die in der Lage ist, die Wirtschaftspolitik auf nationaler und internationaler Ebene sachgerecht und erfolgversprechend zu beraten.