Veranstaltungsberichte

"Mischt euch ein"

DDR-Bürgerrechtlerin Freya Klier wirbt beim "DenkT@g" für Zivilcourage

Wie entstehen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit? Woran erkennt man Extremismus? Und was kann man als Einzelner dagegen unternehmen? Zahlreiche Schülerinnen und Schüler kamen am 69. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau in die Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung zum diesjährigen „DenkT@g“, um diese Fragen zu diskutieren.

2014 wird für Deutschland ein Jahr besonderer historischer Jubiläen. Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg, vor 75 Jahren der Zweite Weltkrieg und vor 25 Jahren fiel die Berliner Mauer und läutete so das Ende der DDR ein. Gelegenheit, sich den dunklen Kapiteln der Geschichte zu widmen und dem weiten Weg, den Deutschland seither gegangen ist. Doch auch in der heutigen scheinbar gefestigten Gesellschaft gelte es zu bedenken, dass Demokratie, Freiheit und Frieden keine Selbstverständlichkeit seien und immerwährend verteidigt werden müssten, sagte Freya Klier in ihrer Rede an die Jugendlichen.

Wie gegenwärtig braunes Gedankengut auch heute noch ist, verdeutlichte die Regisseurin und ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin anhand ihres 2013 erschienen Essays "Die Wurzeln ostdeutscher Fremdenfeindlichkeit", das sich mit dem NSU-Prozess und Fremdenfeindlichkeit vor allem in den Neuen Bundesländern befasst.

"In der DDR fehlten Vorbilder"

"In der DDR gab es keine 68er-Generation, die wie in der Bundesrepublik die eigenen Eltern gefragt hat, was sie eigentlich in der Nazi-Zeit gemacht haben", sagte Klier. So sei die Vergangenheit nicht aufgearbeitet und die DDR zu einem ausländerfeindlichen und von Antisemitismus geprägten Staat geworden. "Ein großes Problem lag darin, dass es nach der millionenfachen Abwanderung an vertrauenswürdigen gesellschaftlichen Vorbildern fehlte." Das habe Auswirkungen bis in die heutige Zeit.

Wie komme man mit rechtsextremen Strukturen überhaupt in Kontakt, fragten die Schüler. In Zeiten des Internets geschehe das schnell und zwar in allen möglichen Bereichen, erklärte Bernd Wagner von „EXIT - Ausstiege aus dem Rechtsextremismus“. Umweltschutz, Ernährung, Sexualität, Musik oder Fußball – Rechtsextreme tummelten sich heute in allen Bereichen und versuchten, Nachwuchs zu rekrutieren. "In einzelnen Fußballvereinen gibt es Fangruppen, in denen regelrecht Castings für neue Leute abgehalten werden. Mit einer zunehmenden Radikalisierung geht dann oftmals auch das nötige Karrieregefühl innerhalb der Bewegung einher und eine Spirale kommt in Gang."

"Arbeiten sie an ihrem eigenen Menschenbild"

Heute gebe es praktisch keine sozialen oder politischen Themen, die nicht auch von Rechten aufgegriffen würden, sagte Dr. Michael Kohlstruck von der Freien Universität Berlin. Deshalb sei es umso wichtiger, auf Schlüsselbegriffe und Duktus von Inhalten zu achten. "Umweltschutz ist in rechten Kreisen zum Beispiel häufig thematisch der Einstieg in den Heimatschutz und dieser dient dann meist ausschließlich der ‚deutschen‘ Heimat." Ein offenes Auge und klarer Verstand würden in den meisten Fällen dabei helfen, diese Art der ‚partikularistischen Moral‘ extremistischer Inhalte als Gegensatz zur ‚universalistischen Moral‘ auszumachen. Kohlstruck empfahl die Homepage der Bundeszentrale für politische Bildung, um sich gezielt über Extremismus zu informieren.

Aller ideologischer Verbohrtheit zum Trotz warnte Wagner vor der Annahme 'einmal Nazi, immer Nazi'. "Meine Erfahrung zeigt, dass es oftmals hilft, den Betroffenen die Dissonanzen des eigenen Denkens aufzuzeigen und ihre Ideale zu hinterfragen." Und so hatte er am Schluss auch noch eine Aufgabe für jeden einzelnen Projekttag-Teilnehmer. "Arbeiten sie an ihrem eigenen Menschenbild und fragen sie sich: Was ist ehrenwert, was ist ethisch?"