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"Hier wird jeden Tag demonstriert"

Felix Dane im Interview 100 Tage vor der Fußball-WM in Brasilien

Seit Monaten gehen die Brasilianer auf die Straßen und protestieren gegen den Kurs der Regierung. Woher rührt die Unzufriedenheit und welche Auswirkungen hat das auf die Fußball-WM, die in 100 Tagen beginnt? Darüber sprach Felix Dane, Leiter des Brasilien-Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung im Interview mit den Westfälischen Nachrichten.

Der Zorn der Demonstranten richte sich nicht gegen die FIFA, sondern gegen die eigene Regierung, die ihre großen Versprechungen nicht einhalte, so Dane. "Die FIFA wollte nur acht Stadien, nun werden zwölf bereitgestellt. Warum?" Dazu kämen die Schwierigkeiten, die Infrastruktur und den Nahverkehr auszubauen. Das Land wolle sich als aufstrebende Großmacht zeigen, doch die Bevölkerung mache nicht mit, sondern sei empört über die zu hohen Ticketpreise für die Fußballspiele.

"Politisch hat sich kaum etwas geändert"

Die Dimension des Protests habe ihn überrascht, denn so etwas habe es in Brasilien seit 20 Jahren nicht gegeben. "Ausgehend von einer Fahrpreiserhöhung entlud sich der Protest im ganzen Land." Zuerst seien die Demonstrationen noch von einer positiven Grundstimmung geprägt gewesen, doch dann habe sich die Atmosphäre verändert. "Es bildete sich ein gewalttätiger „schwarzer Block“ heraus und seitdem hat die Protestwelle de facto nicht aufgehört."

Politisch habe sich seit dem Beginn der Proteste kaum etwas getan, auch wenn die Regierung gleich "einen Marathon an Gesetzesinitiativen" gestartet habe, so Dane. "Doch die Hauptkritikpunkte der Demonstranten waren Korruption, schlechte staatliche Dienstleistungen und die schlechte gesundheitliche Versorgung und diese grundlegenden Dinge kann man nicht von heute auf morgen ändern." Außerdem wurde versprochen, die Steuereinnahmen aus neuen Erdölquellen für den Aufbau eines Bildungs- und Gesundheitssystems zu verwenden. Doch bisher sei noch gar kein Öl aus den neuen Quellen geflossen. "Das Wirtschaftswachstum Brasiliens ist eingebrochen und man erhofft sich von der Fußball-WM nun einen Schub. Doch solange die Löhne langsamer als die Inflation steigen, wird die Bevölkerung unzufrieden bleiben."

Proteste während der WM

In Deutschland habe das "Sommermärchen" von 2006 zu einem positiven Stimmungswechsel im ganzen Land geführt, doch in Brasilien habe man eine ganz andere Ausgangslage. "Deutsche gelten als gut organisiert, wenn auch etwas steif, doch nach der Fußball-WM von 2006 wissen alle, dass wir auch feiern können." In Brasilien sei es umgekehrt: Fürs Feiern seien die Brasilianer bekannt, doch um sich mit einer guten WM profilieren zu können, müssten sie auch organisieren. "Aber man ahnt, dass es nicht klappen wird und dann könnte die Sache peinlich werden." Zwar hätten die Brasilianer Improvisationstalent, wie die spontane Verlegung des Papst-Abschlussgottesdienstes gezeigt habe, doch was nütze brasilianische Spontaneität, wenn man ständig im Stau stehe.

Er gehe davon aus, dass die Proteste - in einem Wahljahr - während der WM anhalten und sich danach verstärken, wenn der Fußball vorbei ist, der etwas von sozialen Problemen ablenkt. "Die Politiker denken: Werden wir Weltmeister, ist der Nationalstolz der Brasilianer befriedigt und das wirkt wie eine Beruhigungspille. Ich glaube das nicht", so Dane.

Mit freundlicher Unterstützung der Westfälischen Nachrichten.

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Franziska Hübner

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Proteste in Brasilien dpa