Vortrag

"Deutschland und Europa: Was bleibt von Adenauer?"

Am 16. März organisierte das Europabüro der Konrad-Adenauer-Stiftung eine Vortragsveranstaltung zum Thema „Deutschland und Europa: Was bleibt von Adenauer?“ mit Prof. Dr. Hans-Peter Schwarz.

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Vortrag

Am 16. März organisierte das Europabüro der Konrad-Adenauer-Stiftung eine Vortragsveranstaltung zum Thema „Deutschland und Europa: Was bleibt von Adenauer?“ mit Prof. Dr. Hans-Peter Schwarz.

Nachfolgend finden Sie den Redtext von Herrn Prof. Dr. Schwarz abgedruckt:

Vor fast genau einem halben Jahrhundert –am 25.September 1956- hat Bundeskanzler Adenauer vor den Grandes Conférences Catholiques in Brüssel eine europäische Grundsatzrede gehalten, die in vielerlei Hinsicht auch heute noch aktuell ist. Ich werde noch darauf zurückkommen und zitiere vorerst nur eine seiner maßgeblichen Überlegungen: „Wir Europäer müssen klar erkennen, daß in Wirklichkeit seit dem letzten Kriege (gemeint war der

damals 11 Jahre zurückliegende Zweite Weltkrieg) Entwicklungen und Verschiebungen politischer Natur eingetreten sind...die uns nötigen, die Europäische Integration nicht mehr allein unter innereuropäischen politischen Gesichtspunkten sondern unter weltweiten politischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu sehen.“.

Adenauer Ausgangspunkt also: die tiefgreifenden globalen Veränderungen, hervorgerufen nicht zuletzt durch die damals in vollem Gang befindliche Dekolonisierung der europäischen Überseeimperien, doch ebenso durch die Globalisierung des Ost-West-Konflikts. Er zog daraus die Schlussfolgerung: „wir müssen manche auf nationalen Vorstellungen und Traditionen beruhenden Hemmungen angesichts der neuen Entwicklungen auf der Erde rücksichtslos über Bord werfen, und wir müssen handeln.“

Das war, wie gesagt, vor 49 Jahren. In der Zwischenzeit hat die Europäische Integration eine

Entwicklung hinter sich, die damals unvorstellbar war. Aus heutiger Sicht ist die Analyse der Adenauersche Europapolitik wie ein Blick in eine bereits sehr ferne Vergangenheit. Würde sich Adenauer heute unerwartet wieder in Brüssel einfinden, so wäre ihm wohl wie einstmals dem legendären Rip van Winkle zumute, welcher der Sage nach im Jahr 1770, also kurz vor dem Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, in einem einsamen Bergtal der damals noch britischen Kolonie New York eingeschlafen ist, um erst nach 20 Jahren wieder zu erwachen. Als sich Rip van Winkle wieder in seinem Heimatstädtchen einfindet, findet er eine völlig veränderte Welt vor. Anstelle des englischen Königs regiert jetzt der Virginier George Washington. New York ist jetzt ein Bundesstaat der Vereinigten Staaten. Überhaupt ist nichts mehr so, wie es einstmals war und Rip van Winkle kennt auch kaum mehr jemanden im Städtchen.

Im Falle des im Frühjahr 1967 verstorbenen Adenauer wären es sogar 38 Jahre. Aber das Vereinte Europa, das damals noch ganz in den Anfängen stand, hat sich in diesem historisch doch vergleichsweise kurzen Zeitraum viel dramatischer verändert als Amerika zwischen 1770 und 1790 im Zeitalter Washingtons, Hamiltons und Jeffersons. Anstelle der Kommissare Walter Hallstein und des gleichfalls sehr verdienstvollen, vorletzte Woche verstorbenen Hans von der Groeben würde Adenauer vorfinden: einen Präsidenten der Kommission aus Portugal, das zu seinen Zeiten noch unter der Diktatur Salazars stand, dazu Kommissionsmitglieder aus den Staaten Estland, Lettland und Litauen, die einstmals Teil des sowjetischen Imperiums waren, überhaupt Kommissionsmitglieder aus 25 Ländern, dazu, genauso wichtig und so nicht vorhersehbar, ein direkt gewähltes Europäisches Parlament mit weitreichenden Zuständigkeiten und mit einer Binnenstruktur, die an Kompliziertheit selbst den Kongreß der USA übertrifft, ein Parlament, das zwar immer noch den Reisezirkus zwischen Straßburg und Brüssel zu absolvieren hat, aber gleichfalls mit Abgeordneten aus 25 Ländern, wobei er immerhin mit großer Befriedigung feststellen würde, vielleicht auch etwas erleichtert, daß in der größten, multi-national bunt zusammengesetzten Fraktion ein deutscher Abgeordneter aus einem gut katholischen Wahlkreis in Niedersachsen als Fraktionsvorsitzender amtiert. Ich will das nicht weiter vertiefen. Alles jedenfalls völlig verändert.

Wer also wie ich heute abend das Thema „Adenauer und Europa“ zu behandeln hat und sich aufgerufen sieht, die Frage „Was bleibt von Adenauer?“ zu beantworten, muß somit erst einmal auf die wirklich fast unvorstellbaren Unterschiede zwischen den Sechsergemeinschaften der fünfziger und der sechziger Jahre hinweisen, die Adenauer maßgeblich mit initiiert hat, und der heutigen Europäischen Union, die sich nach wie vor auf der Reise in eine unbekannte Zukunft befindet.

Einiges, so wird zu zeigen sein, ist allerdings doch gleich geblieben. Dazu gehört auch die

Unsicherheit darüber, wie es mit der europäischen Integration weitergehen wird. Hoffnung und Besorgnis, Ungewissheit und Labilität damals wie heute- allerdings auf einem sehr viel höheren Entwicklungsniveau. Aus etwas umfassenderer historischer Sicht ist natürlich die Feststellung eine Banalität, daß das europäische Staatensystem und die globalen Kräfteverhältnisse einem ständigen, tiefgreifenden Wandel unterliegen. Periodische, schwer kalkulierbare Umbrüche: das gilt für das 18., das 19. und das 20.Jahrhundert genauso wie für das frühe 21.Jahrhundert. Doch die Chancen, die Gefahren, die Akteure und die Kräfteverhältnisse in der Ära Adenauer waren selbstverständlich sehr verschieden von den Herausforderungen, mit denen wir heute konfrontiert sind. Es gab aber zugleich Gemeinsamkeiten.

Daraus ergibt sich sich die Gliederung meines Vortrags. Ich werde fünf Fragen auswählen, mit denen die Europäische Union auch heute zu ringen hat, nämlich 1) die Institutionalisierung des europäischen Zusammenschlusses 2) die Erweiterungsproblematik, 3) das Verhältnis zu den USA, 4) das Verhältnis zu Rußland und 5) die aus der Globalisierung resultierenden Probleme. Zuerst wird jeweils im Aufriß zu skizzieren sein, wie sich die jeweilige Thematik aus Sicht Adenauers darstellte. Am Schluß der jeweiligen Erörterung ist dann zu fragen: „Was bleibt von Adenauers Politik unter den stark veränderten heutigen Bedingungen?“ und was ist gegenüber der Ära Adenauer so grundlegend anders geworden, daß Adenauers Ansätze weitgehend irrelevant sind. Dabei wäre es allerdings falsch, den Blick nur auf eine bestimmte Periode Adenauerscher Europapolitik richten, etwa das eben erwähnte Jahr 1956. Vielmehr ist es erforderlich, sich den gesamten langen Zeitraum vor Augen zu führen, in dem das Thema Europa Adenauer beschäftigt hat –zuerst, ab Frühjahr 1946, als Vorsitzender der CDU in der britischen Zone und 1948/49 als Präsident des Parlamentarischen Rats, dann von 1949 bis 1963 als Bundeskanzler und 1963 bis 1967 als grollende, gestürzte Größe während der Kanzlerjahre Ludwig Erhards.

Über mehr als 20 Jahre hinweg war er mit den unterschiedlichsten Konzepten des Zusammenschlusses Europas konfrontiert, hat aber zugleich selbst sehr heterogene Konzepte für zielführend gehalten. Man begreift, soviel im vorweg, Adenauers Europapolitik überhaupt nur richtig, wenn man erkennt, daß er nicht ein einziges Konzept des integrierten Europa verfolgt hat, sondern daß er mit einem Wagemut, der für einen älteren Menschen ganz außergewöhnlich ist, unablässig und sehr pragmatisch immer neue Wege ausprobiert hat.

1.Die institutionelle Form Europas

Es ist oft schon beschrieben worden, daß Adenauer mit sehr vagen europapolitischen Vorstellungen in die Nachkriegszeit hereinging. Seit den frühen zwanziger Jahren war das Konzept „organischer Verflechtung“ der westeuropäischen Industrien, in erster Linie von Kohle und Stahl, so etwas wie eine „idée fixe“ seiner Ideen von einer Neuordnung Europas. Kein Wunder, daß ihn der Vorschlag einer Europäischen Gemeinschaft von Kohle und Stahl überzeugte, als Robert Schuman im europäischen Frühling des Mai 1950 damit an ihn herantrat. Adenauer war aber in den zwanziger Jahren auch Mitglied der Paneuropa-Union des Grafen Coudenhove-Kalergi gewesen, trotz persönlicher Vorbehalte gegen diesen. Coudenhoves Grundgedanke, die Mächte Kontinentaleuropas müßten sich zusammenschließen, um sich einerseits gegen das bolschewistische Rußland, andererseits gegen das wirtschaftliche überstarke Amerika zu behaupten, leuchtete ihm ein. Die Form dieses Zusammenschlusses war natürlich unklar. Er zögerte nach 1945 jedoch nicht, ziemlich vorbehaltlos nach den „Vereinigten Staaten von Europa“ zu rufen. Kaum war er von den CDU-Gremien in der britischen Zone zum vorläufigen Vorsitzenden gewählt, da sprang er im Mai 1946 mit dem programmatischen Aufruf in die Arena: „Ich hoffe, daß in nicht zu ferner Zukunft die Vereinigten Staaten von Europa, zu denen Deutschland gehören würde, geschaffen werden, und daß dann Europa, dieser so oft von Kriegen durchtobte Erdteil, die Segnungen eines dauernden Friedens genießen wird.“ Im Mai 1946...Hier ist daran zu erinnern, daß Deutschland damals unter strengstem Besatzungsregime stand. Kein Deutscher, auch nicht Adenauer, hatte schon etwas zu sagen. Was Adenauer artikulierte, waren europäische Wunschträume, die sich jedoch bemerkenswert rasch zu realisieren schienen.

Auch Adenauer ließ sich in dieser ersten Nachkriegsphase vom Schwung der Europabewegung tragen. Zwischen 1946 bis zum Scheitern der EVG hat er sich unablässig für einen Zusammenschluß Europas in bundesstaatlichen Strukturen ausgesprochen hat. Wenn schon kein expliziter Föderalismus, wie ihn Paul Henri Spaak und dessen föderalistische Mitstreiter im Straßburger Europarat befürworteten, so doch ein Teilföderalismus- institutionalisiert in der EVG und in dem Entwurf der ad-hoc-Versammlung für eine Europäische Politische Gemeinschaft als politisches Dach über der EVG. Andere Optionen hatte er allerdings nicht: er mußte an europäischen Konzepten wohl oder übel aufgreifen, was die Versöhnung mit Frankreich ermöglichte und wozu ihn Washington drängte. Die vieldiskutierte EVG beispielsweise war nicht seine erste Wahl. Er hätte die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik am liebsten direkt im Rahmen der NATO angegangen. Doch als sich Washington mit dem EVG-Konzept anfreundete, weil Frankreich die Wiederbewaffnung Deutschlands anders nicht akzeptierte hätte, hat er die EVG als alternativlos erklärt- bis sie 1954 in Paris auf Sand lief, so daß endlich der Weg zum Verteidigungsbeitrag im NATO-Rahmen frei war.

In öffentlichen Ansprachen und intern hat Adenauer mit einem bunten Strauß von Argumenten für einen möglichst intensive Mitarbeit der Bundesrepublik am Werk der europäischen Integration geworben. Seine Ziele sind uns allen bekannt. Er wollte damit die Nationalismen in Westeropa domestizieren (die der Deutschen mit inbegriffen), er wollte der Sowjetunion einen starken, handlungsfähigen Block der westeuropäischen Demokratien entgegenstellen, er wollte Frankreich versöhnen, wollte das damals stark integrationsfreundliche Amerika zufrieden stellen, er wollte im Rahmen der europäischen Integration Gleichberechtigung der Bundesrepublik erreichen, er wollte im EVG-Rahmen deutsche Truppen bekommen, er wollte die Märkte Westeuropas für die westdeutsche Industrie öffnen und er verstand die Integration auch als Mittel um den globalen Machtverlust Europas zu kompensieren, der sich aus zwei schrecklichen und im Grunde dummen Weltkriegen ergeben hatte, in denen sich die Nationen Europas zerfleischt und ruiniert hatten.

Aus diesen und anderen Gründen wollte er mit aller Macht ein integriertes Europa zusammenbringen. In diesem Punkt unterschied er sich recht grundlegend von anderen deutschen Spitzenpolitikern der späten vierziger und der fünfziger Jahre- von Kurt Schumacher und Erich Ollenhauer, von Gustav Heinemann, von Thomas Dehler, Erich Mende, aber auch von Ludwig Erhard und Gerhard Schröder.

Allerdings war auch Adenauer kein ganz bedingungsloser Europäer. Die Integration Europas war ein sehr vorrangiges Ziel, aber doch nur ein vorrangiges Ziel unter anderen vorrangigen Zielen, von denen nur genannt seien:

(1)die unbedingte Verankerung der amerikanischen Schutzmacht in der Bundesrepublik und in Berlin- deshalb: keine europäische Integration gegen die USA;

(2)die Gleichberechtigung der Bundesrepublik;

(3)der Gesamtkomplex deutschlandpolitischer Ziele- keine Anerkennung der Teilung

Deutschlands, keine Anerkennung der DDR, keine Zustimmung zur Oder-Neiße-

Linie vor einem Friedensvertrag mit Gesamtdeutschland, keine bedingungslose

Zustimmung zur Abtrennung der Saar;

(4) das wirtschaftliche Comeback der Bundesrepublik und die entsprechende Optimierung ihrer ökonomischen Interessen.

Im übrigen, ich wiederhole das nochmals, mußte er vor der Souveränitätserklärung im Mai 1955 wenigstens im Grundsatz wohl oder übel diejenigen Europa-Konzepte akzeptieren, die ihm angeboten wurden.

Nachdem das Scheitern des EVG-Vertrags in Frankreich im Sommer 1954 alle föderalistischen Hoffnungen zerplatzen ließ und als sich auch die Bundesrepublik wirtschaftlich und politisch konsolidiert hatte, hat er sich vor allem zwischen 1955 und 1960 auf ein Wirtschaftseuropa eingelassen- die EWG . Häufig hat er in diesem Zusammenhang an die Bedeutung der Preußischen Zollunion für das später von Bismarck geschaffene Deutsche Reich erinnert. Zweifellos hat er die EWG nicht als Selbstzweck verstanden, vielmehr als Voraussetzung für ein politisch und auch militärisch integriertes Europa. Wie und wann aus der EWG mehr würde als ein Gemeinsamer Markt mußte sich zeigen.

Mehr und mehr entfernte er sich aber in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre von seinen föderalistischen Anfängen. Tatsache ist, daß er sich seit 1958 von de Gaulle überzeugen ließ, die Sechsergemeinschaft zu einer kooperativen Union fortzuentwickeln- parallel zum viel stärker supranational organisierten Gemeinsamen Markt im EWG-Rahmen. Die Verhandlungen scheiterten bekanntlich. Auch der Ansatz eines deutsch-französischen Zweibundes –als Alternative oder als Vorstufe- zur Errichtung einer Europäischen Union zwischen den Sechs scheiterte gleichfalls.

Alle Versuche, den „großen Europäer“ Adenauer, der er zweifellos war, für bestimmte Formen der Institutionalisierung Europas in Anspruch zu nehmen, sind also nur um den Preis historischer Verzeichnung zu haben. Dieser Proteus des europäischen Gedankens hat als europäischer Föderalist begonnen und 1963 als Konföderalist an der Seite de Gaulles geendet. Man kann ihn genauso gut für das suprantionale Europa reklamieren oder darauf verweisen, daß er sich im Sog de Gaulles für ein „Europa der Vaterländer“, sprich: der Nationalstaaten wieder erwärmt, der EWG-Kommission unter Hallstein das Recht abgesprochen hat, quasi als Regierung der EWG aufzutreten und sich auch auf das alte Spiel der europäischen Gleichgewichtspolitik wieder eingelassen hat, mit Frankreich und Deutschland als den Vormächten Kerneuropas.

Stark vereinfacht lassen sich also bei ihm drei Phasen erkennen: die föderalistische Phase von 1946 bis zum Scheitern der EVG 1954 in Verbindung mit den Ansätzen der Sektorintegration, die Phase der EWG mit supranationalen Komponenten, aber eben doch beschränkt auf die Wirtschaft, auf die er sich zwischen 1955 bis Ende der fünfziger Jahre konzentriert hat, und schließlich die kooperative Phase der Jahre 1960 bis 1967, für die er sich auch deshalb entschied, weil die Mitarbeit des gaullistischen Frankreich anders gar nicht erreichbar gewesen wäre.

Schon in der Brüsseler Ansprache vom 25.September 1956, also zwei Jahre vor der ersten Begegnung mit de Gaulle, hatte Adenauer ein kräftiges Sowohl- als- Auch gesprochen und für ein sehr elastisches Vorgehen bei der Integration plädiert, ich zitiere: „Ich halte deshalb supranationale Einrichtungen nicht für notwendig; sie schrecken nur vom Beitritt ab, und sie tragen zur Verwirklichung der gemeinsamen Ziele nichts bei, weil ja hinter solchen supranationalen Einrichtungen keine Gewalt steht, die ihren Beschlüssen gegenüber dem Widerstreben einzelner Mächte Geltung zu verschaffen in der Lage ist. Auf der anderen Seite darf das Wirken und das Wirksamwerden einer solchen Föderation nicht von dem Willen oder den vermeintlichen Interessen eines einzelnen Mitgliedes abhängen. Ich bin überzeugt, daß sich ein Mittelweg zwischen den beiden Extremen finden läßt.“

Was bleibt nun heute von diesen seinerzeitigen Grundgedanken Adenauers, wie Europa integriert werden sollte? Zweifellos die Idee, einen supranationalen Rechtsraum zu errichten. Zweifellos die Idee des Gemeinsamen Markts. Zweifellos der Wunsch, Europa als eine Art Substitut für die im weltpolitischen Wettbewerb geschwächten Nationalstaaten zu begreifen mit dem Fernziel, daraus eine außen- und sicherheitspolitische Handlungseinheit zu schaffen. Zweifellos der Friedensgedanke und die Absage an jeden überzogenen Nationalismus.

Anderes ist 60 Jahre nach Kriegsende Schnee von gestern, etwa der zu Zeiten Adenauers vorrangig wichtige Gedanke, die politischen und psychologischen Gräben zwischen den schuldbeladenen europäischen Täter-Ländern Deutschland und Italien einerseits und jener Gruppe von Opfer-Ländern Europas, die schließlich zu Siegern wurden, in einer integrierten europäischen Gemeinschaft zu überbrücken. Auch alle vor allem in Frankreich lebendigen Rapallo-Ängste vor einem Abschwimmen der Bundesrepublik nach Osten oder die gegenteiligen Sorgen in der Bundesrepublik, Paris und Moskau könnten sich wieder zusammenfinden, um Deutschland gemeinsam niederzuhalten, sind seit dem Umbruch 1989/91 inaktuell geworden. Innerhalb der EU ist Deutschland heute eine normale, prinzipiell vertrauenswürdige Demokratie unter anderen (was natürlich außenpolitische Dummheiten nicht ausschließt) und der Kalte Krieg, dessen ungewolltes Kind auch die europäische Integration gewesen ist, ist definitiv zu Ende.

Dennoch würde Adenauer, wenn er, wie eingangs erwähnt, heute nach Brüssel käme und die heutige EU mit den Integrationsgemeinschaften seiner Ära vergleichen würde, doch eine grundlegende Ähnlichkeit konstatieren, der schon die Europapolitiker seiner Jahrzehnte umgetrieben hat. Auf viel höherem Niveau und in einer damals noch völlig unvorstellbaren Verdichtung weist die EU heute die gleichen durchaus widersprüchlichen Grundmuster auf wie seinerzeit die EGKS, die EVG, die Pläne einer EPG, die EWG und die Pläne einer Politischen Union. Die EU ist immer noch ein spannungsvolles, im Grundlegenden noch unentschiedenes Ineinander von bundesstaatlichen und staatenbundlichen Strukturen. Und die Regierungen mitsamt ihren Experten sind immer noch hin- und hergerissen zwischen der Frage, ob der angestammte, demokratische Nationalstaat unbeschadet aller Souveränitätsübertragungen an die EU nach wie vor die höchste politische Handlungseinheit ist und sein soll oder ob die entschiedene, schonungslose Organisation Europas „jenseits des Nationalstaates“ als die zeitgemäße Antwort auf die Probleme des 21.Jahrhunderts verstanden werden muß.

Adenauer hat sich, wie geschildert, geweigert, sich zwischen der Alternative Bundesstaat oder Staatenbund zu entscheiden. Seine bereits erwähnte Formel pragmatischer Integrationspolitik, „ob nun eine Föderation oder eine Konföderation entsteht...Handeln, Anfangen ist die Hauptsache“, war seinerzeit angemessen. Sie entspricht aber auch dem heutigen Entwicklungsstand der EU und der ihr angehörenden Demokratien. Allerdings geht es schon lange nicht mehr ums Anfangen, sondern ums Weitemachen, Konsolidieren und Arrondieren.

Arrondieren- damit ist eine zweite Grundfrage angesprochen: Welche Länder gehören zu Europa? Welche Mitglieder sind für eine vernünftige Fortentwicklung des integrierten Europa unverzichtbar? Welchen Staaten, die heute noch nicht der EU angehören, könnte und sollte das integrierte Europa bei der Konsolidierung iher Demokratie durch Aufnahme in die Gemeinschaft helfen?

2.Welche Länder gehören zu Europa?

In diesem Punkt erwies sich Adenauer –jedenfalls in der Rhetorik- als ähnlich optimistisch wie seither die EU-Kommission und die EU-Regierungen. Daß er von Anfang an ein karolingisches Europa ohne Großbritannien angestrebt habe, ist ein Märchen. Es gibt gewichtige Zeugnisse, daß er in den frühen fünfziger Jahren gewünscht hätte, England wäre mit im europäischen Boot. Noch in der Brüsseler Grundsatzrede von 1956 zeigte er sich sehr an der britischen Mitwirkung interessiert, indem er eine Gleichläufigkeit wesentlicher britischer Interessen mit den Interessen der europäischen Länder auf dem Kontinent konstatierte. Schließlich konnten alle Argumente für seine Integrationspolitik, die ich gerade eben angetippt habe, auch für eine Mitgliedschaft Großbritanniens geltend gemacht werden.

Doch während das integrierte Europa zwischen den Staaten der Sechsergemeinschaft mehr und mehr an Schwung gewann, zeigte sich deutlich, daß Großbritannien, damals mit Abstand die stärkste Macht im westlichen Europa, auf seine Commonwealth-Bindungen nicht verzichten wollte und ein eigenes Europakonzept verfolgte. Somit ließ sich Adenauer zusehends auf den Weg de Gaulles locken, der Großbritannien vorerst unter keinen Umständen um Club der Sechs dabei haben wollte. Die Enttäuschung über die weiche Haltung Macmillans in der Berlin-Krise kam erschwerend hinzu.

Tatsächlich wünschte Adenauer aber –jedenfalls prinzipiell- den Club auf Zuwachs anzulegen. „Nach meiner Meinung soll der Kreis der Teilnehmerstaaten der Europäischen Föderation nicht begrenzt werden...“, bekamen 1956 seine Hörer von den Grandes Conférences Catholiques in Brüssel zu hören. Und als er am 16.Februar 1967, einige Wochen vor seinem Tod, im Ateneo zu Madrid so etwas wie das Testament seiner Europapolitik entfaltete (die EWG umfasste immer noch nur die sechs Gründungsmitglieder, die sich erstmals 1951 zur EGKS bereit gefunden hatten), führte Adenauer aus: „Wenn ich von Europa spreche, so meine ich damit alle in Europa liegenden Staaten, mit Ausnahme Sowjetrußlands. Sowjetrußland, ohne seine westwärts liegenden Satellitenstaaten, ist ein Großkontinent für sich.“ Doch er hatte damals –in Madrid- auf mittlere Sicht nicht nur das noch unter der Diktatur Francos lebende Spanien im Visier, sondern auch die sogenannten Satellitenstaaten Moskaus: „Aber auch nach Osten müssen wir blicken,“ mahnte er, „wenn wir an Europa denken. Zu Europa gehören Länder, die eine reiche europäische Vergangenheit haben. Auch ihnen muß die Möglichkeit des Beitritts gegeben werden...“.

Was bleibt also bezüglich der Erweiterungspolitik von Adenauer? Wer eine uferlose Erweiterung bis zu den Grenzen des europäischen Kulturkreises befürwortet, kann sich in der Tat auf ihn berufen. Allerdings war er auch in dieser Hinsicht ein Meister darin, einen allgemeinen Grundsatz erforderlichenfalls pragmatisch zu verwässern. Wenn ihm –wie beim britischen Beitrittsbegehren- die Bedenken kamen und wenn er erkannte, daß wichtige Partner (in diesem Fall de Gaulle) widerstrebten, suchte er zu bremsen. Es ist, wie wir auch heute wissen, e i n e Sache, prinzipiell für den Beitritt aller Demokratien offen zu sein, die den acquis communautaire zu übernehmen bereit sind, und eine andere Sache, im jeweiligen Einzelfall die Bedingungen und das Timing zu bestimmen.

Anders als dies heute in Brüssel der Fall ist, hatte Adenauers Europakonzept allerdings kulturelle Grenzen. Es waren die Grenzen des christlich geprägten Abendlandes. Mit einer Hartnäckigkeit, die gegenwärtig vielen missfallen würde, hat er wieder und wieder die abendländisch Kulturgemeinschaft betont. „Die Integration Europas ist die einzige Rettung des christlichen Abendlandes“, lautete eine seiner Kurzformeln. Somit steht zu vermuten, daß er im Fall der gegenwärtig so heiß umstrittenen Beitrittsverhandlungen mit der Türkei eine sehr hohe Meßlatte angelegt hätte. Dabei hatte er für die Türkei durchaus Sympathien. Er gehörte zu einer Generation deutscher Politiker, die in den Jahrzehnten der Orient-Politik Wilhelms II., vor allem durch die Erfahrung der deutsch-türkischen Waffenbrüderschaft im Ersten Weltkrieg stark in pro-türkischem Sinn geprägt waren. Desgleichen hat er im Kalten Krieg die geostrategische Bedeutung des NATO-Mitgliedes Türkei hoch veranschlagt. Man darf zudem nicht vergessen, daß er es gelernt hatte, die Türkei nicht in erster Linie als muselmanisches Land zu betrachten, vielmehr als eine Nation, die sich seit der Kulturrevolution Ata Türks in den zwanziger Jahren auch kulturell auf den Weg nach Europa gemacht hatte. Die Anwerbung türkischer Gastarbeiter, die in seiner Spätzeit begann, hat er entspannt bewertet. In den fünfziger und den sechziger Jahren wurden Gastarbeiter vorwiegend unter dem Aspekt der Rotation gesehen, zudem herrschte in der Bundesrepublik Quasi-Vollbeschäftigung.

Dennoch ist es schwer vorstellbar, daß er sich für das Argument hätte erwärmen können, die Türkei vor allem deshalb aufzunehmen, um damit ein Signal multi-kultureller und multi-religiöser Offenheit aufzuziehen. Bis ans Ende seiner Tage blieb er ein Politiker, der die christlichen Wurzeln Europas nie vergaß und der nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Forderung in die Arena getreten war, das nach-nationalsozialistische, nach-faschistische und anti-kommunistische Europa aus dem Geist eines wohlverstandenen Christentums neu zu gestalten. Schließlich war dies die Botschaft der Christlichen Demokraten, die ja nicht nur in der Bundesrepublik, sondern in Gestalt des MRP in Frankreich, in der DC in Italien und ebenso in den Benelux-Ländern zu den wichtigsten Vorkämpfern des europäischen Gedankens gehörten.

Die Einbeziehung einer Großmacht aus einem nicht-abendländischen Kulturkreis, in dem der Islam seit längerem schon eine Renaissance erlebt und die Perspektive verstärkter Einwanderung von Millionen muslimischer Familien hätte ihn wahrscheinlich mit Sorge erfüllt. Er war und blieb ein Politiker, der in diesen und anderen Fragen christlich-abendländischer Weltanschauung viel näher bei Buttiglione gestanden hätte als etwa bei Cohn-Bendit oder Joschka Fischer- wahrscheinlich also persönlich gleichfalls völlig ungeeignet für einen Sitz in der EU-Kommission, so er sich denn darum bemüht hätte.

3. Was bleibt von Adenauers Vorstellungen zum europäisch-amerikanischen Verhältnis?

Neben der Türkeifrage steht derzeit vor allem das Verhältnis der EU zu Amerika im Zentrum der aktuellen Kontroversen. Was bleibt in dieser Hinsicht von Adenauer?

Wie eingangs schon erwähnt, hat er die „freie Welt“ bzw. das Abendland als kulturelle, politische und wirtschaftliche Einheit konzipiert. Der „lange Weg Deutschlands nach Westen“ war nicht nur der Weg nach Frankreich, den Niederlanden oder England, sondern ebenso nach den USA. „Abendland, christliches Abendland,“ so hat er 1947 vor den Delegierten seiner CDU ausgeführt, „ist kein geographischer Begriff, es ist ein geistesgeschichtlicher Begriff, der auch Amerika mit umfaßt. Dieses christliche Abendland wollen wir mit zu retten versuchen.“ Und 1957 hat er wieder in einer Grundsatzrede, diesmal in Amsterdam, realistisch ausgeführt: „Wäre in Amerika das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit Europa nicht so lebendig gewesen, so wäre das freie Europa auch ein Opfer östlicher Macht geworden und heute nur noch ein historischer Begriff“. Selbst 1962, als die EWG bereits eine Realität war und als er selbst sich bereits in seine Amerika-kritische Spätphase hineinbewegte, äußert er zu amerikanischen Besuchern: „Ob mit oder ohne Gemeinsamen Markt, ohne Ihre Hilfe sind wir verloren.“

Nun wissen wir alle, daß mit Zitaten eines Bundeskanzlers, der 14 Jahre lang amtiert und sich unendlich oft öffentlich oder nicht-öffentlich zu äußern hat (wenngleich sehr viel weniger als die heutigen Spitzenpolitiker), zwar nicht alles, aber doch vieles beweisen läßt. Es ist aber eine Tatsache, daß Adenauer bis in die frühen sechziger Jahre hinein unablässig dafür geworben hat, die USA nicht bloß als d e n schlechthin entscheidenden machtpolitischen und weltwirtschaftlichen Faktor zu begreifen, sondern zugleich als Teil der freien, abendländischen Welt, die nur überleben würde, wenn sie sich ihrer Identität bewusst wäre. Er hat deshalb Sorge getragen, nicht laut herauszuposaunen, daß auch er die europäische Integration als eine langfristige Alternative für den Fall amerikanischer Abwendung oder amerikanischer Vernachlässigung Europas konzipiert hatte.

Bitte, nehmen Sie mir also die These von der Priorität, die Amerika für ihn von 1946 an bis 1960 und 1961 v o r Frankreich und v o r England hatte, einfach gütigst ab. Die Priorität Amerikas wurde Adenauer allerdings auch durch den Umstand erleichtert, daß alle Administrationen vor Kennedy auf den Aufbau der Sechsergemeinschaft geradezu gedrängt haben. Das änderte sich bekanntlich mit dem britischen Beitrittsgesuch und den diesbezüglichen Differenzen Englands und der USA mit de Gaulle.

Doch ist der Hinweis am Platz, daß Adenauer stets –ohne dies allerdings herauszuposaunen-

den Aufbau eines Vereinten Europa, auch mit eigenem Sicherheitspotential, als eine Art Rückversicherung für den Fall amerikanischen Desinteresses oder amerikanischer Untreue begriffen hat. Auch dazu nur ein Zitat aus der schon erwähnten Rede, auf die ich –wir sind schließlich in Brüssel- noch einmal zurückkomme: „die europäischen Länder können nicht auf die Dauer ihre großen Kräfte zum Segen ihrer Völker und der Menschheit voll entfalten, wenn sie fortfahren, ihr Heil und ihre Sicherheit lediglich durch die Patronage der Vereinigten Staaten zu finden. Das kann und darf kein Dauerzustand werden, weil dadurch die europäischen Kräfte mit der Zeit der Erschlaffung verfallen und weil auch die Vereinigten Staaten nicht gesonnen sind, auf die Dauer die Sorge für Europa in einem Umfang zu übernehmen, der den Amerikanern einfach nicht zugemutet werden kann.“ Schöner könnten das heute Romano Prodi, Wolfgang Schäuble oder Jeremy Rifkin auch nicht formulieren.

Als dann Kennedy und Macmillan in der Berlinfrage und hinsichtlich der anderen Deutschlandfragen, als Chruschtschow mit Krieg drohte, deutliche Zeichen von Nachgiebigkeit zeigten und ihn außerdem endlich als Kanzler weghaben wollten, hielt er den Fall der Untreue für gegeben. Zwar traute er auch de Gaulle bei dessen Russlandpolitik nicht über den Weg, denn Adenauer traute überhaupt keinem ausländischen Staatsmann, genauso wie er keinem deutschen Politiker je voll vertraute. Aber immerhin erwies sich de Gaulle in der Berlinfrage als fest. So kam es zu dem bekannten bitteren Zerwürfnis mit der Kennedy-Administration und mit den Briten. Dabei ging es gewiß auch um die Form Europas und um die Mitgliedschaft in der EWG. Doch viel wesentlicher war doch die Politik Amerikas und Englands in den Ost-West-Fragen.

Etwas pointiert läßt sich jedenfalls feststellen: Adenauer begann seinen Weg 1949 als Mann der Amerikaner und blieb das –mit Vorbehalten und nicht ohne Vorsicht- bis Anfang der sechziger Jahre. Aber in den letzten Lebensjahren mutierte er zu einer Art Oberhäuptling der deutschen Gaullisten. Das war, ich brauche das nicht besonders zu unterstreichen, von großer Bedeutung für die Grundorientierung wesentlicher Teile der CDU/CSU- teilweise bis zum heutigen Tage. Nach außen hin allerdings blieb er behutsam. Zwar war die bereits erwähnte testamentarische Rede im Ateneo vom Februar 1967 in wichtigen Teilen eine kaum verhüllte Attacke auf die Arms-Control-Politik der damaligen Administration Johnson, enthielt aber dennoch den Satz: „Man darf nicht glauben, daß die politische Einigung Europas uns in Gegensatz zu den Vereinigten Staaten bringen wird...“.

Wie es damals tatsächlich in seinem Innern aussah, hat er wenige Monate vor seinem Tod dem Schweizer Publizisten von Salis gesprächsweise eröffnet. „Weisheit der Amerikaner?“, rief er bei dieser Gelegenheit höhnisch aus: „Sie sind vollständig unfähig, irgend etwas von Europa zu verstehen.“ Doch damals hatte der Alterspessimismus fast völlig von ihm Besitz ergriffen. Und im Jahr 1965 hat er in einem gut bezeugten Privatgespräch ausgerufen: „Woraus besteht die EWG? Aus dem kleinen Belgien, das vielleicht bald sozialistisch sein wird, aus Holland, hinter dem England steht, das nichts wert ist, aus Italien, das wirtschaftlich und politisch hin- und hergerüttelt wird, aus Frankreich und Deutschland...“. Die Stabilisierung Frankreichs unter de Gaulle hielt er jetzt für eine bald vorübergehende Episode. Bald werde die Bundesrepublik zwischen einem kommunistischen Frankreich, einem kommunistischen Italien und der Sowjetunion eingeklemmt sein..., bekam auch Professor von Salis jetzt von ihm zu hören, und er endete sein Lamento mit dem Ausruf: „Sie wissen als Historiker, daß in der Außenpolitik nur der krasseste Egoismus bestimmend ist..“. Der Egoismus und die Dummheit. Von Vertrauen in die USA oder in die kollektive außenpolitische Intelligenz der Entscheidungsprozesse in der EWG war damals von ihm nichts mehr zu vernehmen, wenn man unter vier Augen mit ihm sprach.

Halten wir also fest: hinsichtlich des Verhältnisses der Sechsergemeinschaft zu Amerika hat er über die 14 Jahre seiner Kanzlerschaft hinweg keinen kontinuierlichen Kurs verfolgt. Zum hegemonialen Amerika hatte er ein ambivalentes Verhältnis, war aber anders als gewisse spätere Kanzler viel zu intelligent, seine Skepsis auf offener Bühne zu erörtern oder gar mit dem stärksten Matrosen im Lokal Krach anzufangen.

Was bleibt also heute von seinen Ideen über das Verhältnis zwischen Europa und den USA?

Vielleicht vier Grundgedanken, die sich aus seiner Europa- und Amerikapolitik ableiten lassen:

1.Das amerikanische Bündnis als Gebot europäischer Staatsräson: Wie stark oder wie schwach, wie einig oder wie uneinig das Vereinte Europa auch immer sein mag- Amerika wird, wenn es wirklich kritisch wird, dringend gebraucht- als Schutzmacht, als Alliierter oder auch nur zur Rückversicherung gegen eine Rückkehr des Bären.

2.Die atlantische Zivilisation: Die Länder Europas haben mit Amerika kulturell mehr gemeinsam als mit allen anderen Kulturen, die nah oder fern sonst noch auf dem Globus existieren. Man zögert zwar, heute noch den altmodischen Begriff Abendland oder den abgedroschenen Begriff Wertegemeinschaft zu gebrauchen. Vielleicht wäre es also besser, mit Hannah Arendt von der atlantischen Zivilisation zu sprechen.Für Adenauer war sie eine Realität.

3.Die Maxime der Vorsicht: Amerika ist, jedermann weiß das, ein schwieriger Kunde. Mit Weltmächten ist nicht gut Kirschen essen, und große Mächte sind auch stets dazu disponiert, große Dummheiten zu machen. Gegen ihre Arroganz und ihre Übermut schützt man sich aber am besten in freundschaftlichem Bündnis und nicht in giftiger Konfrontation. An diese Maxime hat sich Adenauer durchweg gehalten, trotz häufiger Zweifel an der Vernunft amerikanischer Weltpolitik.

4.Sicherheit hat ihren Preis: Sucht die EU ihre Sicherheit im Bündnis mit den USA, so bestimmt letztlich die Hegemonialmacht den Preis der Versicherungspolice. Will die EU mittel- und langfristig selbst für die eigene Sicherheit sorgen, hat auch die europäische Sicherheitspolice ihren Preis und zwar einen sehr hohen. Adenauer wußte, daß ein Bundeskanzler, der in Amerika und in Europa Gehör finden will, an der Bundeswehr nicht sparen darf. Eine lautstarke ESVP-Politik des unablässigen Planens ohne die gebotene Steigerung der Militärausgaben wäre ihm als ziemliche Torheit erschienen.

4. Adenauer und Rußland

Dieser Punkt kann kurz abgehandelt werden. In den langen, zumeist kritischen Phasen des frühen Kalten Krieges zwischen 1947 und 1967 war Adenauer nie ganz sicher, ob Moskau nicht doch früher oder später die Hegemonie auch über das westliche Europa in den Schoß fallen würde. Die Furcht vor der russischen Dampfwalze, gekoppelt mit dem Grauen vor dem totalitären Bolschewismus war seit dem Ersten Weltkrieg eine seiner kaum veränderbaren außenpolitischen Konstanten. Mit viel Glück, so betonte er immer wieder, wäre vielleicht ein Modus vivendi auch mit der kommunistischen Sowjetunion möglich, wie er dies bei der Moskaureise im September 1955 selbst auszuhandeln versucht hat, und vielleicht würde irgendwann die Belastung durch das europäische Nachkriegsimperium und den gleichzeitigen Machtkampf mit China auch der Sowjetunion zuviel. Wer immer aber auch in fernerer Zukunft Rußland regieren würde, so glaubte er doch ziemlich sicher zu wissen, daß diese nur teilweise europäische, bis zum Gelben Meer und in die Weiten Zentralasiens ausgedehnte Großmacht in die Europäische Gemeinschaft schlechterdings inkompatibel wäre. Man darf schließlich nicht vergessen, daß Adenauers Furcht vor den Expansionstendenzen der russischen Großmacht bereits auf die Jahre vor 1914 zurückging. 1914 war er bereits 38 Jahre, und er war in der Wilhelminischen Ära sozialisiert worden, als große Teile des deutschen Bürgertums, aber auch der Sozialdemokratie, das absolutistische Zarenreich als große Gefahr betrachteten. Seine Vorsicht gegenüber Rußland entsprang also nicht nur dem Antikommunismus.

Da sich die Konstellation in den Jahren 1989 bis 1991 völlig verändert hat, ist es ziemlich müßig zu spekulieren, welche Rußlandpolitik Adenauer unter den heutigen Bedingungen ratsam erschiene und ob von seinen diesbezüglichen Vorstellungen noch etwas bleibt. Einige seiner Bedenken sind auch heute noch gültig. Das weiterhin atomar gerüstete Rußland ist ein „Großkontinent“ für sich mit einer für Europa unverdaulichen Übergröße. Rußlands Expansionstendenz gegenüber dem „nahen Ausland“ muß ernst genommen werden. Und Adenauers Hinweise auf die historische Grundtatsache einer insgesamt doch geringen demokratischen Substanz Russlands sind wohl auch heute noch gültig. Er war, das wurde schon angedeutet, ein Staatsmann, dessen Misstrauen nach allen Seiten hin viel größer war als sein Vertrauen. Aber besonders misstrauisch war er durchgehend gegenüber Rußland.

Zumindest in Polen, im Baltikum und auf dem Balkan erkennt man darin heute eine der sehr berechtigten Grundeinstellungen Adenauers, an denen die EU festhalten sollte. Wie wir wissen, verhalten sich Deutschland und Frankreich diesbezüglich lässiger. Kritische Beobachter meinen, die EU sei eben gegenwärtig mit zwei großen gaullistischen Ländern gestraft, die, wie einstmals der große General, am liebsten zusammen mit Rußland die amerikanische Hegemonie in einem globalen polyzentrischen Gleichgewichtssystem ausbalancieren würden und vor allem mit Rußland gute Geschäfte machen möchten. Ich lasse das alles dahingestellt.

Genauso wie die Amerikapolitik ist jedenfalls auch die Russlandpolitik wie bereits in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre, als de Gaulle auf dem Kriegspfad gegen Washington war und die russische Karte spielen wollte, ein Zankapfel in der Europäischen Gemeinschaft. Adenauers Maxime größter Vorsicht vor Rußland scheint jedenfalls weiterhin aktuell, sie ist aber umstritten- nicht zuletzt in der deutschen Öffentlichkeit, wo der Haß auf George W.Bush heute größer ist als die Furcht vor Putin.

5. Die Gefahren der Globalisierung

Fünftes und letztes Stichwort in diesem Aufriß Adenauerscher Europapolitik, dem natürlich unschwer noch weitere Punkte hinzugefügt werden könnten: die Gefahren der Globalisierung.

Auch Adenauer war bereits davon überzeugt, daß Deutschland und Europa in einem globalisierten internationalen System ihren Weg finden mussten. Insgesamt sind die pessimistischen Äußerungen zum weltpolitischen Umbruch bei ihm viel häufiger als optimistische Erwartungen. Die Hauptgefahr war aus seiner Sicht natürlich der globalisierte Kalte Krieg in Asien, im Nahen Osten und in Lateinamerika. Die Dekolonisierung hat er nicht begrüßt, vielmehr eher als Schwächung des Westens und als Ursache vergrößerter globaler Labilität begriffen. In seiner Spätzeit hat er zunehmend der Sorge Ausdruck gegeben, in einer unsteuerbaren Welt zu leben.

So gesehen, entsprang die Forderung nach dem Aufbau Europas einer eher defensiven Grundeinstellung. Die gewachsenen Staaten Europas schienen zu schwach, dem Sog des weltpolitischen Wandels und der Überlegenheit der Weltmächte zu widerstehen. „Europa“ war also seine Antwort auf ein globales System, das aus dem Leim zu gehen droht. Nur ein einziges Zitat zur Illustration- eine Äußerung in einer kleinen Runde von Journalisten vom März 1961: „Wenn Sie also...das Ganze einmal besehen“, führte er aus, „die ganze Welt hier, Rot-China mit seinen 650 Millionen Einwohnern und dann die farbigen Völker, die alle oder größtenteils in der schrecklichen Unruhe sind, und dann auch die Türkei- und dann halten Sie demgegenüber das kleine Häufchen von Weißen, die nun die Freiheit halten sollen, dann kann ich nur sagen, wenn man die ganze Erde betrachtet, wie das da ist, dann kann einem um die Freiheit in der Welt angst und bange werden.“ Hier ist zwar nicht nur von Europa, sondern von der „freien Welt“ des Westens insgesamt die Rede. Aber zweifellos entfaltete sich Adenauers Drängen auf Vereinigung Europas auch vor diesem beunruhigenden globalen Tableau. Die Kontinuitäten zur heutigen Lage sind mit Händen zu greifen.

Ich fasse zusammen

Zuerst und vor allem: der Zusammenschluß Europas war eine von Adenauers höchsten Prioritäten- nicht die einzige, aber eine der wichtigsten. In dieser Hinsicht hat er in de deutschen Politik eine Tradition begründet, die bis zum heutigen Tag dominiert. Anfangs repräsentierte er mit seiner Priorität für die europäische Integration eher eine Minderheitsmeinung im parteipolitischen Spektrum. Doch in den 14 Jahren seiner Kanzlerschaft zog er eine Gruppe ähnlich europäisch gesonnener Politiker und hoher Beamter in seinen Bann. Ich nenne nur beispielhaft Eugen Gerstenmaier, Heinrich von Brentano, Franz Josef Strauß, Kurt Georg Kiesinger, Rainer Barzel oder Walter Hallstein. In der FDP wurde Walter Scheel für die Europa-Idee gewonnen, in der SPD Willy Brandt. Daß der Gedanke der europäischen Integration bei den politischen, administrativen und wirtschaftlichen Eliten, auch in den Medien und bis weit in die Wählerschaft hinein positiv akzentuiert wurde, ist zweifellos in erster Linie Adenauers Verdienst. Nicht so sehr w i e und mit wem Europa gebaut werden sollte, war ihm wichtig, wohl aber daß es gebaut wurde- wie und mit wem auch immer.

Im übrigen war er unablässig um die Quadratur des Kreises bemüht: Festigung des Bündnisses mit Amerika im NATO-Rahmen einerseits, Festigung Europas bei besonderer Pflege Frankreichs andererseits. Ein möglichst geräuschloses Sowohl-als-Auch, wie das nach ihm Helmut Kohl zu praktizieren verstand, hat er nach Möglichkeit bevorzugt. Wenn Krach wirklich einmal unvermeidlich war wie 1962 in der Berlin- und Deutschlandfrage, suchte er amerikanische Pläne durch eine Indiskretion zu torpedieren und verblieb vorsichtig in Deckung. In der Ära de Gaulle überließ er es Paris, gegenüber Washington aufzutrumpfen, und selbst dort, wo er sachlich mit de Gaulle sympathisierte, suchte er ihn von antiamerikanischen Provokationen abzuhalten. Die Einheit des Westens ging ihm über alles.

Doch es mag deutlich geworden sein, daß der „gute Europäer“ Adenauer alles andere als eindeutig war. Alle Versuche, ihn für bestimmte Traditionen der Europapolitik in Anspruch zu nehmen, sind nur um den Preis der Komplexitätsreduktion zu haben. Er war zu unterschiedlichen Zeiten und ohne daß die Phasen sehr trennscharf gegeneinander abgesetzt werden könnten ein Föderalist, der Protagonist einer vorerst wirtschaftlich konzipierten Sechser-Gemeinschaft und der Herold eines konföderativen Europa, wie de Gaulle dies vorschlug. Desgleichen fällt es nicht schwer, ihn einerseits als den realistischen Champion eines atlantischen Europa zu identifizieren, andererseits aber auch eines Europa, das nicht nur einen riesigen europäischen Binnenmarkt ausbauen wollte, sondern auf mittlere Sicht zusammen mit Frankreich auch das, was man „europäische Sicherheitsidentität“ nennt.

An welcher Adenauer-Tradition sollte man sich also heute orientieren? Ist dies sein anfangs föderalistischer Ansatz der frühen fünfziger Jahre einer fest in das atlantische System eingebauten, die Hegemonie Amerikas hinnehmenden Sechsergemeinschaft? Doch gegenwärtig umfaßt die EU 25 Staaten, die größtenteils alles wollen, nur keinen europäischen Bundesstaat und die auch über das Verhältnis zu den USA ziemlich zerstritten sind.

Oder könnte jene daran anschließende Traditionslinie Adenauers maßgeblich sein, die er in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre vor allem verfolgt hat- ein prinzipiell suprantional organisierter (wenn auch nicht so benannter) gemeinsamer Markt als Integrationsschwerpunkt, in dem aber außerhalb des EWG-Regelwerkes die Staaten nach wie vor die erste Geige spielen, aber auch dieses System, notabene, atlantisch verankert? Wenn man in Brüssel, Berlin oder Paris heute klagt oder argwöhnt, das Vereinigte Kön igreich und eine Reihe anderer EU-Mitglieder seien insgeheim darauf aus, die EU zu einer großen, modernen Freihandelszone, verziert mit ein paar eher unnötigen institutionellen „gimmicks“, zurückzuentwickeln, so wäre das die Rückkehr zum EWG-Modell in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre. Doch auch dieses Konzept wäre genauso unrealistisch wie das vorhergehende föderale Konzept. Aufgrund weitreichender Souveränitätsabgaben und durch das Europäische Parlament ist aus dem anfänglichen EWG-Europa des Gemeinsamen Marktes ein System geworden, das man je nach Gusto prä-föderal oder post-national nennen kann, das jedenfalls weite Bereiche der zuvor prinzipiell autonomen europäischen Demokratien durchdringt, wobei jedoch aus der überschaubaren und berechenbaren Sechser-Gemeinschaft ein kaum mehr steuerbares Miteinander und Gegeneinander von 25 Regierungen geworden ist, an dem in den vetobewehrten Ländern die bekanntermaßen eigenwilligen Wähler ein Wort mitzusprechen haben. Auch zu dieser Traditionslinie Adenauers. Bekanntlich hat sich auch das England der Regierung Blair von diesem minimalistischen Konzept schon weit entfernt und erkennt den Nutzen enger Kooperation im EU-Rahmen in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik.

Oder sollten wir inmitten der großen Verlegenheit, wie es mit der zu groß und zu unsteuerbar gewordenen EU weitergehen soll, in einem von Frankreich und Deutschland geführten Kerneuropa, auf das sich Adenauer seit 1960 zusehends verbissen hatte, sein letztes Wort und die eigentlich nachahmenswerte Traditionslinie erkennen? Auf dieses von de Gaulle favorisierte Konzept eines Europa der Staaten unter gemeinsamem französisch-deutschen Patronat sowie mit latent oder offen Amerika-kritischer und anti-britischer Orientierung hatte sich Adenauer halb widerstrebend, halb aus eigenem Antrieb eingelassen. Die Gegensätze dieses Ansatzes zu anderen Hauptzielen Adenauerscher Außen- und Sicherheitspolitik waren schon bei den Verhandlungen über die dann rasch gescheiterte Europäische Politische Union deutlich sichtbar, und sie sind heute noch genauso offensichtlich wie damals. Die Fixierung auf eine sogenannte „europäische Identität“ bei Hinnahme des Führungsanspruchs Frankreichs und bei gleichzeitiger Frontstellung gegen die USA provoziert den Widerstand aller derer, die sich inmitten aller globalen Turbulenzen nach wie vor in erster Linie Führung und Schutz von den USA versprechen. Diese EU-Partner, heute eine Mehrheit der Regierungen, sind zugleich wenig dazu disponiert, die amerikanische Arroganz, welche wenigstens auf einer kolossalen Wirtschaftsmacht und Militärmacht beruht, durch die Arroganz eines schwächlichen, wirtschaftlich wenig eindrucksvollen und militärisch zweitklassigen französisch-deutschen Tandems zu ersetzen, bei dem Präsident Chirac lenkt und Bundeskanzler Schröder hinterher strampelt. Das ist ein Konzept der Spaltung Europas, das zudem praktisch kaum umsetzbar wäre. Adenauer hat das zu seinem Kummer schon in der damaligen Sechsergemeinschaft erkennen müssen. Will man wirklich darin die Tradition Adenauers erkennen, mit der Berlin in den Anfängen des 21.Jahrhunderts reüssieren könnte?

Was zeigt sich also beim blick auf diese unterschiedlichen Leitlinien Adenauerscher Europapolitik? Da Adenauer nicht auf en einziges Europakonzept dauerhaft festgelegt war, vielmehr unablässig lavierte, existiert auch kein spezifisches Modell Europas, an dem man sich orientieren könnte, dies ganz abgesehen davon, daß Europa in den Anfängen des 21.Jahrhunderts mit dem europäischen Staatensystem Mitte des 20.Jahrhunderts keine Ähnlichkeit mehr aufweist.

Der visionären Programmatik hat sich Adenauer zwar nicht immer enthalten. Doch wenn es an die Realisierung luftiger Vorstellungen ging, erwies er sich als Pragmatiker. In einer Kombination von entschiedener Willenskraft mit feinnervigem Gespür für das Opportune war er nie bereit, sich für ganz einfache Lösungen zu entscheiden und an bestimmten Konzepten unbeirrbar festzuhalten. Bald hat er diesen, bald jenen Weg beschritten- immer am Möglichen orientiert und in seiner besten Zeit ständig offen für Kompromisse und für Varianten, wobei sich diese von dem ursprünglich Erstrebten oft weit entfernten. „Wissen Sie, welches Buch ich als Nummer eins auf den Index setzen würde?“, soll er einmal gesagt haben. „Den Faust!“

Er war kein faustischer, sondern ein experimenteller Europäer.

Wenn es also überhaupt eine Tradition Adenauerscher Europapolitik gibt, dann die des nüchternen Realitätssinns unter Verzicht auf den Entwurf utopischer Blaupausen. Eine seiner Maximen lautete: „Man soll sich niemals soweit festlegen, daß man nicht anders kann“. Daß Adenauer Europa, das ganze Europa, aber irgendwie zusammenbinden wollte, ist sicher. Irgendwie..., ohne daß die endgültige Form und die Ausdehnung Europas schon erkennbar waren.

Zu guter Letzt war auch er gegen Ende seines Lebens (ich habe das nicht verschwiegen) vom Alterspessimismus nicht ganz frei. Doch es erstaunt, wie er sich selbst im Jahr 1967, als die europäische Integration aufgrund des Negativismus de Gaulles fast völlig erstarrt war, immer wieder zum Optimismus durchgerungen hat. Ich schöne sein Bild nicht unzulässig, wenn ich seinen optimistischen Gestaltungswillen, der jedoch stets realpolitisch unterfüttert war, als das eigentlich Vorbildliche seiner Europapolitik benenne.

Gestatten Sie deshalb, daß ich mit einem O-Ton Adenauers aus der Rede im Madrider Ateneo vom März 1967 schließe: „In unserer Epoche dreht sich das Rad der Geschichte mit ungeheurer Schnelligkeit. Wenn der politische Einfluß der europäischen Länder weiterbestehen soll, muß gehandelt werden. Wenn nicht gleich die bestmögliche Lösung erreicht werden kann, so muß man eben die zweit- und drittbeste nehmen. Wenn nicht alle handeln, dann sollen die handeln, die dazu bereit sind.“

War er also ein europapolitischer Pragmatiker? Ganz sicher. War er ein Befürworter von „Kerneuropa“? In seinen letzten Jahren gewiß, wenngleich nicht bedingungslos und nur mit Hintergedanken. Aber er war vor allem eine ganz seltene Mischung: ein rastlos tätiger, optimistischer Europäer, der zugleich ein illusionsloser Realist gewesen ist.

Was bleibt von ihm? Für mich ist es diese einzigartige Kombination von einfallsreichem Optimismus und realistischem Wirklichkeitssinn. Das versuchte ich, meine Damen und Herren, Ihnen in dieser Abendstunde näher zu bringen und danke Ihnen, daß Sie mir dabei gefolgt sind.

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Veranstaltungsort

Europabüro der Konrad-Adenauer-Stiftung, Avenue de L´Yser 11, 1040 Brüssel

Referenten

  • Herrn Prof. Dr. Hans-Peter Schwarz
    Kontakt

    Dr. Peter R. Weilemann †

    _Deutschland und Europa_ Was bleibt von Adenauer?_

    Bereitgestellt von

    Europabüro Brüssel