Veranstaltungsberichte

Arbeitskräftemangel in der Pflege

von Liesa Doktorowski, Mechthild Scholl

Was können Kommunen tun?

Vom 16. bis 17. September 2014 diskutierten im Schloss Eichholz in Wesseling Expertinnen und Experten aus dem Bereich der Pflege, Verwaltung und Kommunalpolitik kommunale Optionen im Hinblick auf die zunehmend prekäre Situation in der Pflege.

Reiner Limbach, Beigeordneter des Landkreistages Nordrhein-Westfalen, zeigte die Entwicklungstendenzen der rechtlichen Rahmenbedingungen auf, die ausschließlich vom Hintergrund des demographischen Wandels heraus zu verstehen sind, der aus folgenden Eckdaten deutlich wird:

  • seit den 1970 er Jahren liegt die Kinderzahl unter der Reproduktionsrate
  • seit 2003: stetig sinkende Bevölkerungszahl
  • die Alterspyramide steht im Gegensatz zu vielen anderen Ländern in Deutschland inzwischen auf dem Kopf
  • Die Bevölkerung wird „weniger, älter und bunter“ (Laschet)
  • laut Prognose werden im Jahr 2050 ca. 50% der Menschen unter 50 Jahren über einen Migrationshintergrund verfügen, d.h. der Definition nach über einen nicht-deutschen Elternteil
  • die Veränderungen variieren allerdings sehr stark räumlich (Beispiel: Altena im Märkischen Kreis)
  • lediglich ökonomisch starke Räume und Universitätsstädte haben einen Boom zu verzeichnen

Insgesamt sind die Alterungsprozesse flächendeckend, verlaufen allerdings mit unterschiedlicher Dynamik, so dass alle Kommunen betroffen sind, aber zu verschiedenen Zeitpunkten.

Im Themenfeld der Erfassung von Pflegebedürftigkeit wurde anschließend über den hohen Dokumentationsaufwand diskutiert, der zu einer Reduzierung der Betreuungszeiten führt: eine reduzierte Dokumentation, die lediglich Abweichungen vom Normbereich feststellt, könnte eine Gefahr darstellen, sofern die Verständlichkeit darunter leidet und damit ein Sinken der Qualitätsstandards hervorgerufen würde.

Im Weiteren stellte Herr Limbach die strukturellen Maßnahmen zur Fachkräftesicherung vor. Diskutiert wurde dabei insbesondere die für 2015 angedachte Reform zur Einführung einer generalistischen Pflegeausbildung:

  • Wie kann verhindert werden, dass die daraus entstehenden Kosten auf die Pflegebedürftigen abgewälzt werden?
  • Kann damit die Hierarchie der Pflegefachrichtungen aufgebrochen werden, in der die Altenpfleger/-innen derzeit ein Schlusslicht einnehmen?
  • Mit welchen Auswirkungen ist zu rechnen, wenn eine 4-jährige Ausbildungszeit dem Beginn der Spezialisierungsphase vorweggeschaltet wird (Fehleinschätzung des Pflegeberufs als verallgemeinerte Dienstleistung statt als Wissensberuf; Steigerung der Abbrecherquote)?

In den Bereich der individuellen Maßnahmen fällt auf der Ebene der Bundespolitik insbesondere:

  • die „Allianz für Menschen mit Demenz“, die dementielle Erkrankungen erstmals in die Pflegeversicherung einbezieht und ins SGB XI statt ins SGB V einordnet
  • das Pflegestärkungsgesetz, das bis 2017 erweitert werden soll (Einführung von 5 Pflegegraden statt 3 Pflegestufen; Einführung eines neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs/Begutachtungsassessment; Studien)
  • die Bund-Länder-AG zur Rolle der Kommunen in der Pflege.

Auf Landesebene werden vor allem Maßnahmen angesetzt, die der neuen Idee eines selbstbestimmten Lebens und dem Erhalt der eigenen Häuslichkeit dienen sollen. 

Christoph Treiß, Geschäftsführer des Landesverbands freie ambulante Krankenpflege, zeigte die Sicht privater Träger als gewinnorientierte, soziale Unternehmen auf, und zwar  anhand von 4 Herausforderungsfeldern: 

  1. Das Dauerproblem des Fachkräftemangels
  2. Gesellschaft und Arbeitgeber sind gefragt
  3. Ehrenamtler/-innen sind gefragt
  4. Die Kommune muss gestalten

 

1. Das Dauerproblem des Fachkräftemangels

  • 2010 fehlten 3000 Absolventen/-innen in Pflegeberufen, der zukünftige Bedarf liegt bei 37.000 im Jahr 2030, 80.000 im Jahr 2050. Dies ergibt insgesamt eine prognostizierte Personallücke von ca. 43.000 Pflegekräften (Vollzeitäquivalente)
  • Pro & Contra der Ausbildungsumlagefinanzierung: Einerseits Steigerung der Ausbildungszahlen, da der Preiswettbewerbsnachteil ausgeglichen wird, andererseits zusätzliche Kostenbelastung der Pflegebedürftigen 

 

2. Gesellschaft und Arbeitgeber sind gefragt

  • Kapazitätserhöhungen der Ausbildungsstätten
  • Verbesserung der Ausbildungsbedingungen (Schulfinanzierung aus Steuermitteln; Finanzierung der Ausbildungsvergütung aus Steuermitteln; generalistische Pflegeausbildung)
  • Einsatz von „Pflegeassistenten“ (einjährige Ausbildung), um die Pflegefachkräfte zu unterstützen; das wird bisher aufgrund der prekären Einkommenssituation dieser Hilfskräfte abgelehnt
  • Ausländische Fachkräfte können lediglich in der Grundpflege eingesetzt werden, da dort kaum Sprachkenntnisse erforderlich sind. In der Behandlungs- und Intensivpflege hingegen müssen umfangreiche Berufs-Anerkennungsverfahren durchlaufen werden.
  • Kenntnisse zum Personalmarketing als strategische Aufgabe sind im Bereich der Pflege bisher unterentwickelt
  • Suche nach alternativer Kinderbetreuung in den Pflegeeinrichtungen; könnte den Beruf für junge Eltern attraktiver machen

 

3. Ehrenamtler/-innen sind gefragt

Im ambulanten Bereich ist das Ehrenamt unverzichtbar, wie im Themenreport „Pflege 2030“ von der Bertelsmann-Stiftung anschaulich nachgewiesen wird.

 

4. Die Kommune muss gestalten

  • wichtigster Leitgedanke ist hier die Prävention sowie das Management von regional bedarfsgerechten Wohn- und Pflegekonzepten
  • Interessenüberschneidungen mit der Wohnungswirtschaft sollten stärker einbezogen werden, z.B. bei einer bedarfsgerechten Planung der Flächen. Ein gutes Beispiel für altersgerechte Wohnprojekte für jedes Budget zeigt dabei die Stadt Olpe auf. Konfliktpotential besteht allerdings in Bezug auf den Umbau denkmalgeschützter Häuser und Anlagen. Hier ist eine Sektoren-übergreifende Vernetzung und Kooperation doppelt nötig.
  • Fachkräfteanwerbung (z.B. Schulpraktika in Pflegebereichen; Projekte zur Imageverbesserung des Pflegeberufs; verstärkte Werbung für das FSJ)

 

Im abendlichen Workshop wurden unterschiedliche Erfahrungen und Kompetenzen innerhalb der Kommunen heraus gearbeitet; insbesondere die Vielfalt der Voraussetzungen und kommunalen Maßnahmen wurde so deutlich:

  1. Der Arbeitskräftemangel in den stationären und ambulanten Pflegeeinrichtungen unterscheidet sich in starkem Maße nach Größe der Gemeinde. Kleinere Gemeinden sind aufgrund der traditionellen Netzwerke meist besser aufgestellt als große Gemeinden. Der konkrete Umfang in Zahlen ist allerdings schwer zu benennen, da eine Diskrepanz zwischen der eigenen, medial gesteuerten Wahrnehmung und dem tatsächlichen, empirischen Wissensstand besteht. 
  2. Maßnahmen, um einem Mangel an Arbeitskräften zu begegnen, beziehen sich vorrangig auf präventive Maßnahmen zur Vermeidung von Pflegebedürftigkeit und Werbemaßnahmen für den Pflegeberuf, wie z.B. Projekte mit Schulen, „Markt der Möglichkeiten“ und Projekte mit Gesundheitseinrichtungen.
  3. Die kommunale Pflegekonferenz ist weitgehend bekannt, wird allerdings von der Politik nur selten als Potential wahrgenommen. So werden die Konferenzen häufig auf 1-2 Tage reduziert oder sogar abgesagt. Die Vernetzung der Ansprechpartner/-innen anlässlich der Konferenzen wird von allen Veranstaltungsteilnehmern/-innen sehr positiv bewertet.
  4. Die kommunale Gesundheitskonferenz ist ebenfalls als Handlungsinstrument bekannt. Bisherige Themen waren das Überleitungsmanagement und multiresistente Keime.
  5. Mit Pflege-Stützpunkten oder sonstigen Pflege-Beratungsstellen wurden bisher gute Erfahrungen gemacht, allerdings wird über zu wenig Personal in den Pflegestützpunkten geklagt. In Bonn gibt es zusätzlich sogenannte „SPOTS“.
  6. Es gibt verschiedene Bemühungen, pflegende Angehörige zu unterstützen:
  • Infos des KDA (Kuratorium Deutsche Altershilfe)
  • SPAV (Spezialisierte ambulante Palliativversorgung)
  • Ehrenamt und Freiwilligendienst/Freiwilligenagentur
  • in Bonn umfangreiches Kursangebot der Sparkassenstiftung (inzwischen als Bürgerstiftung aktiv)
  • Projekt „Pflegebegleiter“/“Demenzbegleiter 

       7.  Vielfältig sind ebenfalls die ambulanten Hilfsangebote:

  • Besuchsdienste                           
  • Hilfen im Haushalt
  • Hilfe bei der Computer-Nutzung
  • Seniorensport
  • Rollator-Training
  • Sicherheitstraining
  • Winterdienste
  • Vorträge
  • Sozialdienste
  • Demenz & Musik
  • Demenz & Hunde
  • das "Bielefelder Modell"
  • Offene Türen
  • Öffnung gegenüber der Öffentlichkeit von stationären Einrichtungen durch Feste
  • Begegnungszentren
  • „Wohnen für Hilfe“ (kostenloses Wohnen für Studierende, die im Gegenzug den älteren Menschen behilflich sind): Bsp. Münster, Köln; in Bielefeld hat sich dies als schwierig herausgestellt und wurde eingestellt
  • Seniorenfahrten
  • Haushaltshilfen
  • Senioren helfen Senioren, z.B. ehrenamtliche Handwerker
  • Unterstützung durch Sozialarbeiter

Im Rahmen der Diskussion um den Zeitmangel in der Pflege („Pflege im Minutentakt“) könnte das portugiesische Modell ein positives Gegenbeispiel sein: dabei sind Pflegekraft und Hilfskraft immer in Zweierteams gemeinsam im Einsatz. Die Hilfskraft übernimmt vor allem hauswirtschaftliche Unterstützungsmaßnahmen. Finanziert wird das Modell über die Kommunen. 

Am zweiten Veranstaltungstag rückte die sog. Mülheimer Erklärung in den Mittelpunkt der Diskussion, die von Oskar Dierbach, dem Geschäftsführer der Evangelische Altenhilfe und Pflegedienstleiter im Haus Ruhrgarten in Mülheim an der Ruhr sowie von Jörg Marx, Sozialplaner der Stadt Mülheim an der Ruhr, vorgestellt wurde. 

Ausgangspunkt war die Pflegekonferenz vom 08.09.2009, die den Auftakt zur „Dialogoffensive Pflege“ (Dialog im Schutzraum des gegenseitigen Vertrauens) bot und die Erkenntnis, dass Planungen in der Lebenswirklichkeit der Menschen ansetzen müssen. Im Rahmen der Studie von Oskar Dierbach konnten dazu 4 Thesen/Fragestellungen formuliert werden: 

  1. die Attraktivität des Pflegeberufs bei jungen Menschen
  2. eine gute Qualität, die erschwinglich ist
  3. Inwieweit trägt die Bürokratisierung zu menschenunwürdigen Zuständen bei?
  4. Vertrauen und Angstmilderung vor dem Altern

Verbunden mit den 4 Thesen ist allerdings ein Blickrichtungs-Wechsel erforderlich: der demographische Wandel soll vielmehr als Chance begriffen werden, indem er als Wertewandel auf der lokalen Ebene wahrgenommen wird und nicht als bloßes Kosten- und Strukturproblem. 

Daraus folgten 3 zentrale Fragen der „Dialog-Offensive Pflege“: 

I. Wollen wir Menschenwürde tatsächlich als Leitmotiv formulieren?

II. Können wir uns Menschenwürde leisten?

III. Was motiviert zum Pflegeberuf?

 

I. Wenn Menschenwürde tatsächlich als Leitmotiv eingesetzt werden soll, dann erfordert dies maßgebliche Voraussetzungen:

  • einen Ausstieg aus dem „Kartell der Lüge“, das durch „Floskelhafte Erklärungen“ und „Schönreden“ einen falschen Schein erzeugen will. Stattdessen sind ehrliche Gespräche und gegenseitige Offenheit notwendig, um einen nachhaltigen Wandel einzuleiten. In einer geschützten Atmosphäre des gegenseitigen Vertrauens sollen sich alle Beteiligten offen äußern können.
  • Menschenwürde bezieht sich nicht nur auf die pflegebedürftigen Personen (Folter, definiert als grobe strukturell gewollte Körperverletzung muss abgeschafft werden; alles Menschenmögliche muss geboten werden), sondern auch auf die Pflegekräfte, von denen ca. 50% durch ihren Beruf krank werden.
  • Es muss die Grundsatzentscheidung getroffen werden, dass der Vernunft zu gehorchen ist und nicht den Sachzwängen.
  • Der Politik muss die Angst vor vernünftigen Entscheidungen genommen werden, die häufig aus der Problematik entsteht, ein vielschichtiges Problem in einem Zug lösen zu wollen. Hier ist die enge Zusammenarbeit mit Bürgerinitiativen gefragt, um vielschichtige Lösungsansätze herausarbeiten zu können.

II. Können wir uns Menschenwürde leisten?

  • Nein, wenn Sachzwänge vorgehen.
  • Ja, denn einen Zustand ohne Menschenwürde können wir uns nicht leisten!
  • Ja, da es ökonomisch und ethisch sinnvoll ist für die Kommune, wenn rehabilitative Pflege eine entscheidende Rolle spielt, die an die Taktung der einzelnen Menschen angepasst wird: Menschen können und sollen von der stationären Pflege in den ambulanten Bereich zurückgeführt werden.
  • wenn Weniges, dafür aber richtig gut, gemacht wird. Im Gegensatz zur bisherigen Gießkannenmethode, bei der von Allem etwas gemacht wird, dafür aber schlecht und nicht auf den Menschen bezogen ist, überzogen von scheinheiliger Qualitätsbegutachtung.

 

III. Was motiviert zum Pflegeberuf?

Dazu kann auf die Ergebnisse der von Oskar Dierbach durchgeführten Studie zurückgegriffen werden, in der bei einer Befragung von 700 Personen gegenseitig protokollierte Zweiergespräche gesammelt und anonymisiert ausgewertet wurden:

  • Pflege ist eine sinnstiftende Tätigkeit.
  • Ich kann von dieser Arbeit leben.
  • Ich kann die Arbeit körperlich und seelisch „überleben“.

Double-Bind-Strategien, die dazu führen, dass man das eine schreibt oder sagt, tatsächlich aber anders handelt, sind für die Motivationsfindung hingegen eher hinderlich. Daher sollten Rahmenbedingungen für eine kollegiale Qualitätsentwicklung geschaffen werden, die ein Klima des Miteinanders statt der Konkurrenz schaffen. Schließlich sind ausreichend Kunden für alle Pflegeanbieter vorhanden! In diesem Sinne soll auch eine sinnvolle Kontrolle stattfinden, die dicht am Pflegealltag bleibt und unangemeldet sowie prozessbegleitend durchzuführen ist. Statt einer reinen „Schaufensterkontrolle“ der Papiere, soll die Pflege vor Ort begutachtet werden.

Herr Marx bietet an, den Text der „Mülheimer Erklärung“ nach persönlicher Kontaktaufnahme (0208-455-5012, joerg.marx@muelheim-ruhr.de) zuzusenden.

Im letzten Programmpunkt trat noch einmal die Sicht ländlich strukturierter Gegenden in den Vordergrund, indem Frau Irmgard Soldat, 1. stellvertretende Landrätin im Kreis Soest, sowie Holger Schubert, Sozialplaner im Kreis Soest über ihre praxisnahen Erfahrungen berichteten. 

Der ländlich strukturierte Kreis Soest in NRW verfügt über 14 Gemeinden, in denen 60.889 Einwohner leben, die älter sind als 65 Jahre. Aufgrund der Randgebietslage zu Dortmund und Hamm weist der Kreis Soest eine beachtliche Anzahl von 55 vollstationären und 36 ambulanten Einrichtungen auf. Das Beratungsangebot verläuft in Kooperation mit 5 kreisangehörigen Kommunen und ist vor allem an einem engen Kontakt vor Ort ausgerichtet. Dazu gehören:

  • Trägerunabhängige Pflegeberatung des Kreises
  • Pflegeberatungen durch die Pflegekassen
  • Suchtberatung
  • Beratung durch die Alzheimergesellschaft
  • Gesprächskreise

Ein hervorzuhebendes Angebot des Kreises Soest sind Ausflugs- und Urlaubshäuser, die für Angehörige von Demenzkranken zur Verfügung gestellt werden.

Langjährig engagierte und belastete Pflegende Angehörige werden zudem durch den „Pflegestern“ des Kreises Soest geehrt, der 2015 das zehnte Mal in Folge verliehen wird. Zusätzlich zu dem Anstecker erhalten die Preisträger einen Gutschein von 150€, der über Sponsoren finanziert wird. Vorschläge zur Nominierung kann jeder einreichen. Pro Jahr werden dabei bis zu 10 Personen geehrt.

Weitere bemerkenswerte Maßnahmen des Kreises Soest sind u.a.:

  • der Pflegeatlas sowie Wegweiser-Broschüren
  • Pflegebörsen der Agentur für Arbeit
  • eine Beschwerdestelle, in der Beschwerden anonym behandelt und konsequent überprüft werden
  • Pflegekurse zur Unterstützung pflegender Angehöriger
  • die Behindertenarbeitsgemeinschaft des Kreises Soest (BAGS)
  • Pflegeberatungsteams