Veranstaltungsberichte

Auf der Balkanroute

von Johannes Christian Koecke

Ein Abend über ein verändertes Serbien

Es lässt sich nicht leugnen: Vor allem seit den drei Kriegen im ehemaligen Jugoslawien und den Geburtstraumata der jetzigen südosteuropäischen Staatenwelt in den Neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hat Serbien keinen guten Stand in der öffentlichen Meinung in Deutschland. Es wurde mit Nationalismus, Großmachtstreben und Distanz zum westlichen Politikmodell in Verbindung gebracht. In letzter Zeit war es aber still geworden um Serbien, und nur wenige werden mitbekommen haben, dass das Land jetzt in Beitrittsverhandlungen mit der EU steht.

Einige wenige Tage in den letzten Wochen haben Serbien wieder in der Fokus der medialen Betrachtung gerückt, aber diesmal in ganz anderer Form: Serbien wurde allgemein dafür gelobt, wie besonnen und human es mit dem Strom der Flüchtlinge auf der Balkanroute und mit den sich daraus ergebenden Konflikten an der ungarischen und kroatischen Grenze umgegangen ist. Grund genug für das Büro Bonn der Konrad-Adenauer-Stiftung, einen Vortragsabend zum „Flüchtlingstransitland Serbien auf dem Weg in die EU“ zu veranstalten.

Die KAS braucht die Expertise nicht einzukaufen, sie hat sie im eigenen Haus: Norbert Beckmann-Dierkes, Leiter des Auslandsbüros Serbien und Montenegro, berichtete im Bonner Universitätsclub vor 80 interessierten Bürger und Experten über „sein“ Land, vor allem zunächst über die reibungslose Organisation des Flüchtlingstransfers. Im Gegensatz zu den Szenen an der ungarischen Grenze ist es in Serbien zu keinen „unschönen Bildern“ gekommen, der Staat hat alles dafür getan, den Transfer und die Versorgung der Flüchtling e zu ermöglichen und damit eine gute Visitenkarte in Brüssel abzugeben.

Denn das ist der Kern der aktuellen serbischen Politik: das dominierende und von der Bevölkerung getragene Interesse der Regierung, den Beitrittsprozess zur Europäischen Union zu befördern und jegliche Hindernisse abzubauen bzw. erst gar nicht aufkommen zu lassen. Beckmann-Dierkes hat die schwierigen „Kapitel“ dieses Beitrittsprozesses angesprochen und die Anstrengungen aufgezeigt, die Serbien unternimmt, um den Anschluss an EU-Standards zu finden. Dabei wurden auch strittige Fragen wie der Minderheitenschutz (Serbien ist ein Vielvölkerstaat mit 21 anerkannten Minderheiten!) und die Stellung der Roma in der serbischen Gesellschaft berührt.

In der anschließenden Diskussion, an der auch die anwesende serbische Konsulin rege teilnahm waren entgegen der Erwartungen eher Fragen der Zukunft des südosteuropäischen Raums im Mittelpunkt und weniger die Situation in Deutschland. Aber die wird ja anderweitig schon genug diskutiert.

Einzeltitel
7. Oktober 2015
Studie: Flucht und Migration weltweit