von Tom Mannewitz

Kulturpessimismus ist keine Antwort auf den Rechtspopulismus

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Alexander Görlach: Homo Empathicus. Von Sündenböcken, Populisten und der Rettung der Demokratie, Herder Verlag, Freiburg/Basel/Wien 2019, 192 Seiten, 18,00 Euro.

 

Selten liegt bei einer politischen Streitschrift so viel Abstand zwischen Anspruch und Wirklichkeit wie bei der von Alexander Görlach. Das Ziel des früheren Herausgebers und Chefredakteurs von The European: „Dieses Buch möchte nichts weniger als das: die gegenwärtige Krise der Demokratie und der liberalen Ordnung interpretieren und sagen, wie man sie löst“ (S. 18). Der promovierte Linguist und Theologe Görlach weckt damit große Erwartungen. Sein Anspruch hebt ihn von den vielen belanglosen Diagnosen unserer populistischen Zeit hervor, die bereits beim Überqueren der Startlinie scheitern, weil ihnen so ziemlich alles fehlt, was ein Sachbuch lesenswert machen könnte: analytische Ambition, eine originelle These, konstruktiver Einfallsreichtum.

Zugleich: Görlachs Versprechen ließe sich, wenn überhaupt, auf 192 Seiten wohl nur durch einen Parforceritt – einige eilige Skizzen, die eine oder andere gewagte Behauptung und Mut zur Lücke – einlösen. Leider vergeudet der Autor die Seiten mit einer unstimmigen Diagnose, fragwürdigen ideengeschichtlichen wie theologischen Exkursen und einem Appell. Und so dürfte enttäuscht das Buch dem Regal überantworten, wen die ersten Seiten neugierig gemacht haben.

Görlachs Band dürfte mittlerweile der hundertste sein, der für das Erstarken des Rechtspopulismus den „Konsumkapitalismus“ (S. 31) in Haftung nimmt: „Die Art und Weise, wie Migration in den Mittelpunkt der Betrachtung gerückt ist, zeigt, dass es nicht um Migration per se geht, sondern um die Bewältigung von ökonomischen Zuständen und Bedingungen, von Ungleichheiten, die sich direkt zurückführen lassen darauf, wie die Verantwortlichen mit der Finanzkrise im Jahr 2008 umgegangen sind“ (S. 47). Doch stimmt diese These? Ihr liegt unausgesprochen folgende kontrafaktische Annahme zugrunde: Die Alternative für Deutschland (AfD) hätte im Zuge der „Flüchtlingskrise“ 2015 und der Folgejahre ohne die vorherige Wirtschafts-, Finanz- und Bankenkrise keinen so atemberaubenden Marsch durch die Parlamente hingelegt. Das stimmt zwar, aber nicht in der Form, wie Görlach – mittlerweile Politikberater und Gastwissenschaftler vieler US-amerikanischer Forschungseinrichtungen – meint: Die AfD hat die Krise von 2008 benötigt, um als eurokritische Professorenpartei Satisfaktionsfähigkeit zu erlangen. Ihre anschließende rechtspopulistische Wende im Zuge der Flüchtlingskrise – von Alexander Gauland als „Gottesgeschenk“ bezeichnet – wäre ohne Vorgeschichte als finanzpolitisch ausgewiesene „Alternative“ zur Merkel’schen Krisenpolitik wohl schon recht früh am „Nie wieder“ der bundesdeutschen Öffentlichkeit zerschellt – ähnlich wie die Partei der Republikaner, die Deutsche Volksunion (DVU) oder die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD).

 

Pastoraler Duktus

 

Der AfD war also beides nützlich: Die Gründungsgeschichte ebnete ihr den Weg ins Parteiensystem – und macht es schwer, das Enfant terrible nun loszuwerden: Wie macht man jemanden „salonunfähig“? Und wäre wiederum die „Flüchtlingskrise“ ausgeblieben, hätte die AfD wohl dasselbe Schicksal ereilt wie Bernd Luckes „Liberal-Konservative Reformer“. Görlach steht mit seiner Beobachtung, der Erfolg der AfD stehe in direktem Zusammenhang mit den ökonomischen Ungereimtheiten in der Gesellschaft, zwar nicht allein da, sie greift jedoch zu kurz. Es ist, wie Philip Manow unlängst in der Politischen Ökonomie des Populismus gezeigt hat, vielmehr die Ökonomisierung des Migrationsthemas, die (vor allem Rechts-)Populisten in die Hände spielt. Genauer gesagt: Die Immigration von Flüchtlingen hat den Verteilungskampf im Wohlfahrtsstaat, vor allem aus Sicht der Industriearbeiter, verschärft. Das gilt im Übrigen nicht nur für Deutschland, sondern etwa auch für Skandinavien.

Der Lösungsvorschlag des Autors hätte auch einem – pardon: viele Bürgermeister und Gemeinderäte leisten gute Arbeit – Lokalpolitiker am Sonntagsstammtisch einfallen können. Der Tenor lautet, dass wir endlich wieder mehr Anstand in der Gesellschaft brauchen. So heißt es: „Die Krise, die wir derzeit erleben, ist eine moralische Krise und kann am Ende nur durch eine Rückbesinnung auf die Moral und die damit verbundenen Wertesystem [sic!] gelöst werden“ (S. 104).

Bescheidenheit und Gemeinsinn sollen Wirtschaft, Gesellschaft und Demokratie also kitten. Ein solcher Appell wirkt rat- und einfallslos, der Duktus pastoral. Einige weitere Kostproben: „Das System der Wirtschaft oder der Finanzwelt, das kann man ‚fixen‘; ein unehrlicher oder unredlicher Mensch hingegen muss zur Einsicht gelangen, bereuen und büßen“ (S. 28). „Die Frage, was das allgemeine Wohl bestimmt, kann nur dann beantwortet werden, wenn genügend Empathie aller vorhanden ist, um sich in die Lebenswelt der Mitmenschen einzufühlen“ (S. 127). „Wichtig ist in diesem Zusammenhang, darauf hinzuweisen, dass ein wahrhaft menschlicher Gesellschaftsvertrag, der von einem empathischen Narrativ getragen ist, nicht alles unter dem Gesichtspunkt des Marktes betrachten kann“ (S. 185).

 

Moralinsaurer Kulturpessimismus

 

Manchmal verleiht dieser Stil dem Buch etwas unfreiwillig Komisches. So ist auf Seite 175 zu lesen: „Die Berufung auf die Menschenrechte, der zentrierte Blick auf das Humanum, findet seine konkrete Form in Rechtsstaaten, die diese Menschenrechte nicht nur feststellen und erkennen, sondern in verbindliche Gestalt kleiden.“ Zu Deutsch: Rechtsstaaten schützen Menschenrechte. Ja, was denn sonst? Der Schutz der Menschenrechte ist es, der Rechtsstaaten auszeichnet.

Zwischen Diagnose und Therapie – beide bilden nicht etwa Anfang und Schluss, sondern durchziehen das Buch – mäandert die Streitschrift ziellos durch die Ideen- und Kirchengeschichte. Selbst mit einer Inhaltsangabe einzelner Kapitel tut sich der Rezensent schwer, weil das Buch vom Hölzchen aufs Stöckchen kommt. Aufgeboten wird dabei, was das Bücherregal des konservativen Bildungsbürgertums an Autoritäten hergibt: Thomas von Aquin, Ralf Dahrendorf, John Rawls, Erasmus von Rotterdam und – natürlich – die Bibel. Ist das nötig? Vertreter der Postwachstumsökonomie – Niko Paech und Hartmut Rosa etwa – hätten sicherlich mehr zur Reform des Kapitalismus zu sagen.

Wir beobachten, wie der Rechtspopulismus sich momentan zu einer Gefahr für die Demokratie ausweitet – weil er das Vertrauen in ihre Institutionen untergräbt, weil er die Grenze zum Rechtsextremismus überschreitet. Da ist guter Rat teuer. Aber moralinsaurer Kulturpessimismus hilft nicht weiter. Insofern überrascht der Band von Alexander Görlach, dem man angesichts seines langjährigen Engagements beim European eine streitlustigere Streitschrift zugetraut hätte. Sollte die Zukunft der offenen Gesellschaft von unserer Bereitschaft und Fähigkeit abhängen, zu „bereuen und büßen“, mache bitte der Letzte das Licht aus.

 

Tom Mannewitz, geboren 1987 in Wurzen, Juniorprofessur Politikwissenschaftliche Forschungsmethoden, Technische Universität Chemnitz.