Veranstaltungsberichte

e-Estonia. Inneneinsichten in ein digitales Vorreiterland.

von Elisabeth Bauer, Sveta Pääru
Parlamentsabgeordnete und -mitarbeiter aus fünf Ländern, neben Deutschland aus Schweden, Norwegen, Dänemark und Frankreich, mit Spezialisierung auf online-Kommunikation kamen nach Tallinn. Das Ziel: reale Vernetzung in der virtuellen Welt.

Soziale Aspekte

Das Intensivseminar behandelte nicht nur die technischen Aspekte der Digitalisierung, sondern auch die sozialen Implikationen eines Gegenwarts- und Zukunftsthemas. Die Parlamentsabgeordnete Tiina Kangro von der konservativen IRL (Isamaa ja Res Publica Liit) erläuterte Ihre langjährigen Erfahrungen im NGO-Bereich. Es stelle sich immer noch die Frage, inwiefern die bereits lange etablierten Computerklassen Menschen mit körperlich oder geistigen Beeinträchtigungen unterstützen. Die Digitalisierung sei begrüßenswert, löse aber gesellschaftliche Fragen wie die Generationengerechtigkeit zumindest materiell nur bedingt. An diese Fragen knüpfte Dr. Florian Hartleb an. Der in Tallinn lebende Politikberater aus Deutschland hat sich intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, wie und wann die ältere Generation in Estland Digitalisierung angenommen hat. Seine Befunde, die er im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung erhoben hat, indizieren eine positive Bilanz. Außer Frage stehe, dass die Digitalisierung längst gesamtgesellschaftlich akzeptiert sei, kaum mehr kontroverse Diskussionen eröffne.

Skype & Co.

Estland hat gerade durch „Skype“ einen entscheidenden Impuls bekommen, da der Kommunikationsdienst dort entwickelt wurde. Der Managing Director Andrus Järg zeichnete bei einer Firmenbesichtigung den Weg nach, wie Skype, seit 2011 von Microsoft übernommen, zur weltweiten Marke werden konnte. Gerade die IT-Affinität der estnischen Regierung mache den Standort in unmittelbaren Nahbarschaft zur Technischen Universität attraktiv. Das unbürokratische Steuersystem erleichtere die Gründung von Start-ups. Anschließend erklärte Indrek Õnnik, Project Manager von E-Estonia, wie E-government funktioniert. Eine Besonderheit ist dabei die Selbstverständlichkeit, mit der das Internet im Bereich E-Commerce und E-Government genutzt wird. Es gehe um Vertrauen, schnellen Zugang und Integrität durch Cybersecurity. Er nahm auch zur jüngsten Diskussion um mögliche Hackerangriffe Stellung. Margus Simson, Start-up-Unternehmer und nun Leiter der digitalen Kanäle bei der Luminor Bank, erläuterte die Philosophie von E-Estonia. Die Automatisierung der Prozesse schreite voran, was auch den Wegfall von Jobs wie Verkäufer wie Telefon bedingt. Die Zero-Click-Mentalität bedeute auch die Bedeutung von Daten für Geschäftsmodelle. Den Innovationsgeist bestätigte ein Besuch bei der Firma Nortal, die weltweit E-Lösungen exportiert. Es wird deutlich: Estland hat keine bessere Technologie, aber die Chancen der disruptiven Geschäftsmodelle frühzeitig erkannt – auch durch politische Visionen. E-government braucht den politischen Willen ebenso wie den rechtlichen Rahmen und die Vertrauensbasis.

Cybersecurity

Sven Heiberg, Leiter der E-voting-Kommission seitens des Operators Cybernetica zeigte die technischen Aspekte des E-voting auf. Estland hat als erstes Land der Welt E-voting eingeführt. Obwohl sich die Hoffnungen nach mehr Mobilisierug beim Wahlakt nicht erfüllt hätten, habe sich das System bewährt. Gerade der Sicherheitsaspekt sei großgeschrieben, wie Illimar Lepik von Wirén erläuterte. Der Leiter der Internationalen Beziehungen beim NATO-Cybersicherheitszentrum führte aus, wie wichtig das Thema angesichts der neuen globalen Unsicherheiten geworden ist. In Estland habe man das Bewusstsein durch Cyberangriffe von 2007 bereits frühzeitig geschärft, weshalb der Westen in Tallinn hier reale Bedrohungsszenarien simuliert.

Politische Diplomatie

Die deutsch-estnischen Beziehungen haben eine lange, durchaus wechselhafte Geschichte. Reinhard Wiemer, Ständiger Vertreter und Leiter des Wirtschaftsreferats der Deutsche Botschaft, spannte einen Bogen zur Gegenwart. Das Digitalisierungsthema führt durch seine Aktualität dazu, dass sich Delegationen buchstäblich die Türklinke in die Hand geben. So stelle sich im nächsten Schritt die Frage, was konkret übernommen werden könne. Ein interessantes Pilotprojekt sei Estland allemal. Abschließend sprach die Parlamentsabgeordnete Viktoria Ladõnskaja–Kubits über die Integration der russischstämmigen Bevölkerung. Sie, einst Journalistin, selbst ist ein positives Beispiel und engagiert sich in der konservativen IRL. Gerade die Kommunikation in estnischer wie russischen Sprache helfe. Als Buchautorin hat sie Ihren eigenen Weg biographisch nachgezeichnet. Digitalisierung sei auf jeden Fall ein fördernder Faktor, gerade, wenn es um Bildung an Schulen gehe.

Besuch von Skype Estonia KAS Tallinn
Besuch von E-Showroom KAS Tallinn